Redaktion outside the box

Was soll das? Gegen den Kurzschluss zwischen Islamkritik und Rassismus

Stellungnahme der outside the box zur Kritik an Korinna Linkerhand und der mfg

In einem Text, den das Autonome feministische Referat (FemRef) der Uni Oldenburg unkommentiert1 und ohne Nennung der Verfasserin veröffentlich hat, wird unserer Autorin Korinna Linkerhand sowie der feministischen Gruppe meine frauengruppe (mfg), der sie angehört, Rassismus vorgeworfen. Was haben sich Linkerhand und die mfg zuschulde kommen lassen? Sie kritisieren die patriarchale Ideologie des Islams, unter anderem das Gebot der Verschleierung für Frauen, als Teil weltweit bestehender patriarchal-sexistischer Verhältnisse. Ihr Ziel ist dabei nicht, westliche Gesellschaften der Kritik zu entziehen, sondern im Gegenteil eine Aktualisierung der Kritik des Patriarchats in all seinen derzeitigen Erscheinungsformen. Die anonyme Verfasserin, die ihren Text als Kritik an Korinna Linkerhands Ende Oktober in Oldenburg gehaltenen Vortrag „Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?!“ verstanden wissen will, bezieht sich an keiner Stelle auf konkrete Argumente, kanzelt einen zusätzlich herangezogenen Text der mfg ohne weitere Ausführung als „durch und durch rassistisch“ ab, und bleibt somit im Ganzen phrasenhaft. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Argumentation Linkerhands und der mfg scheint (trotz der gegenteiligen Forderung, man solle sich mit Kritik doch auseinandersetzen) nicht gewünscht zu sein. Durch die Abwesenheit einer tatsächlichen inhaltlichen Auseinandersetzung mit Linkerhands Positionen und die parolenhafte Forderung, antimuslimischen Rassismus – hier offenbar verstanden als jegliche Form von Islamkritik – „in den eigenen Reihen“ „den Kampf anzusagen“, erweckt der Text zudem insgesamt eher den Eindruck einer Denunziation als den einer sachlichen Auseinandersetzung.

Das autonome feministische Referat der Uni Oldenburg, das Korinna Linkerhand eingeladen hatte, um einen Vortrag über die Notwendigkeit von Patriarchatskritik zu halten, stellt sich nicht hinter seine Referentin, lässt nichts über eigene Reflexionsprozesse verlautbaren, sondern sagt dazu einfach gar nichts (Update: siehe Fußnote). Im Ernst – was soll das? Statt sofort verschüchtert zu verstummen, sobald jemand „Rassismus!“ ruft, sollten wir uns lieber darüber verständigen, was wir meinen, wenn wir Rassismus sagen und dies im Zweifelsfall diskutieren. In der Logik der unbekannten Besucherin scheint Rassismus nämlich bereits dann zu bestehen, wenn der Islam und seine Praktiken kritisiert werden. Der Islam ist allerdings keine „Rasse“, sondern eine Religion; und Religionen müssen kritisiert werden können, zumal dann, wenn es sich um eine derart wirkmächtige politische Kraft handelt, wie das beim Islam derzeit der Fall ist. Das zu unterlassen bedeutet unter anderem all jenen die Solidarität zu verweigern, die vor patriarchalen Strukturen Schutz in westlichen Gesellschaften suchen. Dass da nicht alles super ist – geschenkt. Feministische Gesellschaftskritik, wie wir und auch Korinna Linkerhand und meine frauengruppe sie verstehen, bedeutet immer auch Kritik an Kapitalismus und sexistischen Strukturen vor Ort, und das schließt die von der anonymen Kritikerin geforderte Kritik der Geschichte der bürgerlichen Frauenbewegung mit ein.

Was in der Stellungnahme zu Linkerhands Vortrag vollzogen wird, ist ein Kurzschluss zwischen rassistischer Markierung und Kultur/Religion. Wenn aber die Kritik an einer Kultur oder Religion als Rassismus gebrandmarkt wird, dann liegt dem ein falscher Rassismusbegriff zugrunde, der Kultur/Religion essentialisiert und quasi zur Natur erklärt – statt der Naturalisierung, die auch der Rassismus vornimmt, etwas entgegen zu setzen. Der Logik des von uns kritisierten Rassismusbegriffs entsprechend hätte jedes Individuum nur eine unveränderbare und mit einer bestimmten Ethnie/race verknüpften Kultur/Religion. Das halten wir für falsch, denn dann befinden wir uns direkt im rechten Diskurs: „Türke ist gleich Moslem“. Korinna Linkerhand kritisiert den Islam und ihr wird „antimuslimische rassistische Hetze“ vorgeworfen, es wird also zwischen dem Islam und „den Muslimen“ nicht mehr unterschieden. Auch das halten wir für falsch, denn das hieße, dass sich alle Muslime gleich zum Islam positionieren und man mit jeder Kritik am Islam gleichzeitig eine angeblich homogene Gruppe – „die Muslime“ - kritisieren würde. Dass diejenigen, die sich selbst als Muslime/Muslimas bezeichnen, sehr verschieden sind und den Begriff des Muslimischseins unterschiedlich füllen (religiös, ethnisch, kulturell, etc.), versteht sich von selbst; und auch, dass manche, die dieser Gruppe zugeordnet werden, sich selbst gar nicht (in erster Linie) als Muslime bezeichnen würden. In diesem Sinne positionieren natürlich auch wir uns gegen „antimuslimischen Rassismus“. Wie sinnvoll dieser Begriff jedoch wirklich ist, und ob er nicht zu sehr dafür prädestiniert ist, zu Missverständnissen bzw. Kurzschlüssen im obigen Sinne zu führen, stünde zur Debatte. Mit großem Unbehagen beobachten wir den inflationären Gebrauchs eines undifferenzierten, tendenziell essentialisierenden Rassismusbegriffs und fordern, dass darüber diskutiert wird, anstatt „Kulturen“ und Religion heilig zu sprechen und sie jeder substanziellen Debatte zu entziehen. Aus der Tatsache, dass Kritik am Islam massiv zu rassistischen Zwecken genutzt wird, kann nicht folgen, dass jede Kritik am Islam unter den Verdacht des Rassismus fällt. Islamkritischer Diskurs und Rassismus dürfen nicht miteinander identifiziert werden.

Wenn der Islam, wie auch die meisten anderen Religionen, sexistische und frauenverachtende Haltungen bzw. Praktiken beinhaltet, sollte dann ein emanzipatorischer Feminismus aufgrund seines „westlichen“ Hintergrunds davor die Augen verschließen und schweigen? Wenn jegliche in westlichen Gesellschaften gültigen basalen Rechte und Freiheiten als eurozentristisch abgewehrt werden, ist eine emanzipatorische Theorie und Praxis nicht mehr möglich. Aus einer notwendigen postkolonialen Perspektive kann auch der Schluss gezogen werden, noch entschiedener dafür zu kämpfen, dass die von diesen Rechten und Freiheiten wie auch dem westlichen Wohlstand Ausgeschlossenen es nicht länger bleiben. Mina Ahadi, deren Weggefährtinnen im Iran hingerichtet werden, weil sie sich den Regeln des Regimes nicht unterwerfen wollen, stellt diesbezüglich klar: „Es gibt in Europa menschenrechts- und frauenrechtsorientierte Werte, das ist aber nicht christlich-abendländisch, sondern das sind humanistische Werte, welche gegen den Widerstand der Kirchen bitter erkämpft worden sind. (…) wenn Tausende von Frauen, welche gegen die Zumutungen der islamischen Communities kämpfen, allein gelassen werden, wenn Moscheen und Islamisten immer noch mehr Macht gewinnen in der Mitte von Europa und wenn das auch noch als erfolgreiche Integration verkauft wird, wenn also statt Menschen der Islam integriert wird, was können die Frauen dann tun?“2 Wenn wir also jenen Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig und selbstbestimmt ein Kopftuch tragen, unterstützen, dann dürfen wir gleichzeitig nicht Millionen von Frauen vergessen, denen der Schleier (staatlicher) Zwang ist; diejenigen, denen gewaltvolle Sanktionen drohen, wenn sie den Schleier nicht tragen. Wer gibt ihnen eine Stimme, wenn wir es nicht einmal mehr wagen, den politischen Islam zu kritisieren, weil das Damoklesschwert „Rassismus“ über uns schwebt, wir mit Sarrazin und Konsorten in einen Topf geworfen werden, wenn wir uns gegen eine Religion und ihre Praktiken aussprechen?

Wir dürfen uns nicht dumm machen lassen von der Komplexität der Verhältnisse. Feministische Gesellschaftskritik braucht Diskussion, keine Tabuisierung bestimmter Kritikinhalte. Wenn reflexhaft Rassismus diagnostiziert wird, sobald jemand Praktiken und Ideologien kritisiert, die unter anderem auch (aber durchaus nicht nur) von Women of Color bzw. migrantischen Frauen vertreten werden, verunmöglicht dies nicht nur jede Diskussion, sondern führt die Entmündigung jener Frauen paradoxerweise fort: als handle es sich hierbei nicht um entscheidungs- und konfliktfähige Subjekte.

Korinna Linkerhands Antwort auf die Kritik der Besucherin ihres Vortrags könnt ihr hier nachlesen.

  1. Update: Inzwischen hat das FemRef dem Text zumindest eine kurze Erklärung vorausgeschickt, sie befänden sich derzeit noch im Diskussionsprozess und würden ihre Auseinandersetzungen demnächst nach Außen tragen.

  2. Mina Ahadi im Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/politik/zurueckgeschrieben-der-islam-und-deutschland-eine-ex-muslimin-antwortet-einem-leser/11364256.html