#8 Kämpfe

Carolin Krahl

outside the box

AG Dauerwelle

Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni

Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand

Luise Schröder & Chedly Atallah

Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)

Anne Hofmann & Alexandra Ivanova

outside the box

Bo Rowsky

Lilli Helmbold

Elske Rosenfeld

Sarah Uhlmann

AG DDD

Lisa Jeschke

Lea Kolling

Katharina Zimmerhackl

Eine Tochter

Verena & Thorsten

Koschka Linkerhand & Olga Winter

Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand

Lisa Jeschke

Staatskörper in Teilzeit

 

Über Jahrhunderte Unsicherheiten in deinem Körper
Also, ob du überhaupt einen hast
Bis dir an einem Sonntagmorgen
– Die Gedanken krochen noch k.o.
Über den Küchenboden –
Klar wurde: Du hattest doch Genitalien
Die die Agenten und Agentinnen [sic]
Jeden Tag von Neuem diagnostizierten, nämlich
Über deine Akzeptanz von, dein Streben nach
Dein aktives Aufsuchen des, deine Zufriedenheit mit
Dem Teilzeitloop
Der goldenen Kette.

Matt-schimmerndes monatliches Bankkonto
Wobei, seltsamerweise nur am Ende des Arbeitsmonats
Aber das geht allen so
Und immerhin, wenigstens am Monatsende
Wird das Gold da sein
Nicht besonders viel
Gold
Aber ein regelmäßiges Goldeinkommen
Dafür, einen Monat damit verbracht zu haben
Papiere durchzugehen
An Treffen teilzunehmen
Kreativ zu sein
Auf Tastaturen zu hämmern
Komplimente zu empfangen
Oder Kritik, die dir helfen wird, besser zu werden
Einen Ort zum Hingehen zu haben
Oder dich an Orte einzuwählen
Und all das: brennend zu tun
Zu den Symptomen
Des Brennens
Gehören: Seufzen und Enthusiasmus und flacher Atem.

Tätigkeiten und Gefühle, die
Entweder direkt zum Surplus
Der Arbeitgeberinstitution beitragen
Oder indirekt Teil einer Ökonomie sind
Die darauf beruht, die Brustkorb-
Poren von mittleren Arbeitenden
Freizulegen und aufzuweichen
Und in ihnen zu saugen
Und zu bohren
Und sie zu öffnen, ganz zu öffnen
Um die Herzen und Gedanken zu Tage
Zu pulen
Und dann bekommst du, Monat für Monat
„Wie schön!“ – ein bisschen Übriggold
Um den fundamentalen Mangel auszugleichen
Nichts als deinen sogenannten Körper
Und seine Fähigkeiten
Und seine Fähigkeiten zur Erschöpfung
Zu haben
Und vielleicht ein paar Objekte
Die du sowieso nur
Großzügigerweise zwangsweise
Haben kannst und musst
Weil du nichts hast
Als deinen sogenannten Körper
Und seine Fähigkeiten
Zur Erschöpfung.

Erschöpfung, die neulich über dich kam, am Donnerstagnachmittag
Als du verschwommen aus dem Fenster blicktest
– Die Gedanken krochen über die gräulichen Wolken, k.o. –
Regenwolken
Und plötzlich
Fiel dir brennend ein
Wie eine Community-Älteste, Elvira
Im Medium des Films schreit
Dass ihr das Leben gestohlen wurde
Dass ihre damaligen Parttime-Arbeitgeber:innen
(Schlachthof? Immobilien? Sexarbeit? Wissenschaft? Du bist
Nicht mehr sicher)
Die sie für fünf Stunden, fünf Tage die Woche angestellt hatten
Ihre beste Zeit gestohlen hatten
Und du denkst darüber nach, wie sogar Marx
Und das sei im Weltgeist der konstruktiven Kritik gesagt
Vergessen hatte, über dieses Phänomen zu schreiben
Das Phänomen der Arbeit von Elvira und Elvira und Elvira und Elvira
In Teilzeit
Im 20. Jahrhundert
Darüber also, was es subjektiv bedeutet
Fünf Mal die Woche fünf Stunden zu arbeiten
Am Vormittag, um dann heimzukommen
Und den ganzen Nachmittag kaputt-faul zu sein
Zu kaputt und faul, um noch irgendwas davon zu tun
Was du eigentlich
Für dich selbst
Hattest machen wollen
Und damit auch vergessen hatte (Marx)
Wie im 20. Jahrhundert
Teilzeiteinkommen von 62,5 %
Den fühlbaren Verlust im Verlauf des Arbeitstags
Des Tiers / der Persönlichkeit / der Gedanken in dir
Nicht angemessen widerspiegelten
Denn mehr als 62,5 % der Sprungkraft /
Des Lachens / der Schätze
Die eine betroffene Person für den Tag
Vorrätig hatte
Waren!
Ihr genommen worden.

Und dann gehst du vom Fenster
Rüber zum Spiegel
Und erkennst dich
Als ersetzbare:r Angestellte:r im Kultursektor
Der:die daher, oh, ein:e Arbeit-Geber:in ist!
Diese Erscheinungsform siehst du plötzlich klar
Doppelt und dreifach, in Massen
Gebrochen durch die Tränen, die den Spiegel spiegeln
Der die Tränen spiegelt, die die Regentropfen spiegeln
Die deine soziologische Realität
Als Arbeit-Geber:in spiegeln
Und du erkennst zersplittert in der Totalität
Dieses Regenorakels deine Zukunft in
Germany
Dass nun, da du gemäß deiner neuen objektiven gesellschaftlichen Analyse
(Du bist nicht der:die Erste, der:die diese gemacht hat
Aber es war das erste Mal für dich)
Eine Transition
Von Arbeit-Nehmer:in zu Arbeit-Geber:in gemacht hast
Dass nun deine Manager:innen sagen werden, du seist privilegiert
Deine Staatskörper (Plural!)
Auf diese Weise neu zu denken.

In Antwort auf den brutalen Spott
Wirst du dich möglicherweise umbringen
Wollen
Weil dich die Realisierung verzweifeln lässt
Dass du im Büro nie was anderes gemacht hast
Als zu geben
Und dass du dein ganzes Leben lang dachtest
Dass es das war, was du
Wolltest.

 

Englischsprachige Erstfassung: Illiberal Arts-Katalog, HKW Berlin, 2021.

Lisa Jeschke, Lyriker:in, Performer:in und Übersetzer:in, schreibt auf Englisch und auf Deutsch. Co-Herausgeber:in der Chapbook-Reihe Materials/Materialien (London/München). Veröffentlichungen u.a.: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen (hochroth München, 2019).