#2 Form

Helena Berg-Dogow

Anna Weicker

Jeanne Bindernagel

Martin Büsser

Lisa Gathmann

BBZN

Sarah Reimann

Wahideh Abdolvahab

Hannah Holme

Paula Bolyos

Ayşe K. Arslanoğlu

Mariana Docampo

Virginia Spuhr

Inka Sauter

Kathrin von Ow

Jana Engel

Pony Koslowsky

Fritz Loipos

Pony Koslowsky

Minka

Fragments of a sad story


I’m sick and tired of being sick and tired
I’d much rather be a golden ball of light
But still have sex
(Scout Niblett)

Die Tage vergehen. Ich mache meine Phasen durch. Nachdem ich nächtelang schlecht geschlafen habe, beginne ich, meine Träume aufzuschreiben, wie den von Stella und der Katze. Ich träume, wir träfen uns in einem Café und ich sagte unter Tränen, ich wolle wieder mit ihr zusammen sein, es gäbe keine andere Lösung. Meine Haare hängen mir feucht ins Gesicht. Sie faltet mit ernster Miene ein mit rosa Glitzer bestäubtes Papier zusammen, gibt es mir und sagt: „Das ist für deine Katze.“ „Woher weißt du, dass ich eine Katze hatte?“ frag ich sie, verwirrt, weil ich die Katze doch, lange bevor es Stella in meinem Leben gab, hatte weggeben müssen. Sie lächelt nur; sie weiß alles, immer.

Endlich klammere ich mich nicht mehr an die schwachsinnige Hoffnung auf eine Liebe, die alles ändern würde. Ich habe jetzt verstanden, dass es nicht klappen kann, ohne dass so etwas passiert wie damals mit Stella, die wieder und wieder in meinen Träumen auftaucht. Die mich nicht in Ruhe lässt mit ihrem gnadenlosen Blick, der über der Stadt hing, der noch jetzt über meinem Haus hängt, und den ich
so gerne einfach abknallen würde, wenn ich ne Flinte hätte, die so weit reicht. Ich hab aber nur ein Messer, und ich habe Minka, der ich das gestern mal zum Spaß an den Hals gehalten habe. Sie hat leise gefiept. „Wir haben’s gut, nicht wahr, Minka?“, sagte ich und lächelte so liebenswürdig, wie ich konnte. „Du und ich, wir passen einfach wunderbar zusammen.“ Am Abend brachte ich ihr Kartoffelsalat in einer Plastikschüssel. Sie frisst einfach alles, was ich ihr hinstelle.

Dann beginnt die Phase des grund- und glücklosen Hochgefühls. Eine Zeit, in der nichts mich stoppen kann, nichts mich überhaupt berührt. Ich ritze mit dem Messer in der Tischplatte herum, als wär es meine Haut; ich lasse mir ein Fell wachsen, ich wünschte, es wäre aus Stahl und Beton. Meine Traurigkeit hat ihre Zeit gehabt, jetzt mach ich 50 Liegstütze auf Granit und spucke Blut in meine hohle Hand. Nach Stella hätte es niemanden mehr geben sollen. Weil ich es offensichtlich mit keinem Menschen aushalten konnte (inklusive mir selbst), beschloss ich, mich nicht mehr zu verlieben. Aber es gab da einen Widerspruch zwischen der Vernunft und mir; zwischen der Welt am frühen Morgen, die sich immer wieder anfühlte, als gäbe es nichts Schreckliches, und den Ängsten vorm Einschlafen, Gedanken von Entgleiten und Auflösung, als könnte sich im nächsten Moment der Raum, die Matratze, meine Haut als eine Substanz entpuppen, die nicht wirklich ist, die keinen vertrauten Gesetzen folgt.

Am schlimmsten war die permanente Beobachtung. Ich habe keinen Schritt tun können, ohne mich bewertet zu fühlen. Stella schwebte über mir. Meine Mutter. Mein Deutschlehrer. Sie alle haben mich bewertet vom ersten Atemzug an. Und ich habe es einfach nicht fertig gebracht, mir dieses Gefühl wieder abzutrainieren. So habe ich die Stadt verlassen. Sie war kein Ort zum Untertauchen: in allen Straßen lauern diese Blicke. Als ich abgehauen bin, wusste ich zumindest meinen Namen noch und ein paar Weisheiten über die Endlichkeit des Daseins und die Unendlichkeit der kapitalistischen Vergesellschaftung. Ansonsten war mein Hirn eine wunde Fläche.

Dann dieses Haus, der Fluss (ein anderer), die Postkarten an den kahlen Wänden. Ein Ofen, ein Spiegel, eine Idylle, die kaum auszuhalten ist. Kaum hatte ich mich von allen Verkabelungen gelöst, war’s gewohnt, allein zu sein, stand dann eines Tages Minka im Hof. Mit großen Augen sah sie mich an, ließ sich von mir ins Haus tragen und auf den Küchentisch setzen. „Willst du mein Tier sein?“ flüsterte ich und strich ihr sanft über den knochigen Rücken. Sie zitterte. Sie war wirklich niedlich. Ich hatte Lust, ihr weh zu tun.

Stattdessen sperrte ich sie ein und wartete, bis sie aufhörte, an der Tür zu kratzen. Auch eine Art, den Tag rumzukriegen; am Abend rauschte der Fluss, das Radio und der Wind in den Feldern, ich trank einen Schnaps vorm Schlafengehen. Müde stellte ich fest, dass es mir immer besser gelang, kein Mitgefühl mehr zu empfinden; so frei, sagte ich laut zu mir selbst, hab ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ich habe alle Zeiten meine Einsamkeit gelebt, als wäre es eben das, was ich vom Leben zu erwarten hätte, als gäbe es für mich nichts, was besser passte. Mein Verhältnis zu Dingen wie zu Menschen: ein Begehren nach glatten Oberflächen. Der Wunsch, den schönen Schuh durch den Display hindurch zu berühren. Der Wunsch, die Menschen, die etwas an sich haben, das ich haben will, durch alle Kleidung hindurch und an allen Regeln der Machbarkeit vorbei anzufassen; oder gleich in sie hinein. Ein beliebiges Mädchen auf der Schultoilette an die Wand pressen und ihr die Hose runterziehen. Vielleicht gefällt auch ihr es ja, in jemandes Augen zu sehen, dass er ihr gleich wehtun wird.

Ich hatte zwei in meinem Leben, zwei Lieben, wenn man das so nennen kann. Stella war die erste und ihr verdanke ich alles, was seitdem nicht geklappt hat. Melike war die zweite, und das mit ihr war vielleicht keine Liebe, sondern eher das Resultat eines umherschweifenden Begehrens, das sich an irgendeine Substanz anheften musste, um wirklich zu werden. Melikes Substanz schien dafür bestens geeignet: sie war
breitschultrig, weich und kräftig, und die riesigen Brüste quollen ihr aus dem BH wie ein sehr, sehr frühkindliches Versprechen. Es war einer der Sommer, in denen ich auf der Alp arbeitete, um Geld zu verdienen. Wie immer war es zu wenig, aber für Schweiß und Schmerzen und eine Sonne, die mir die Gedanken aus dem Hirn zu brennen versprach, nahm ich die schlechte Bezahlung in Kauf.

Die eine Nacht, in der wir endlich genug getrunken hatten, um miteinander ins Bett zu gehen: Melike hatte sich am Abend plötzlich umgedreht zu mir und meine Hand unter ihr T-Shirt geschoben. Ich war kurz wie gelähmt und habe dann einfach begonnen, sie zu streicheln, was sich schön anfühlte. „Das ist wie Meditation“, hatte sie geflüstert, „wie etwas, was mich schweben lässt. Mach weiter, ja?“ Wir hätten es dabei belassen können, bei diesem Schweigen, das so außerhalb der Zeit stand: war ihr Atem schneller oder langsamer, und waren das wirklich nur meine Hände, die ihr ins warme Fleisch griffen? Alles verschwamm auf eine seltsam schöne Weise. Aber dann rückte sie ein Stück näher und presste sich an mich: auf einmal war ihr Köper so nah, ihre Hüften rieben sich an mir, und ich spürte, wie ich ausstieg, wie ich mich innerlich davonmachte. Es gibt da etwas in dieser Körperlichkeit, das zu bedrohlich ist, um es auszuhalten. Es hat auf einmal nichts mehr mit mir zu tun. Ich spüre nichts, ich höre weit entfernt das Bimmeln der
Kuhglocken, ich höre das Ticken meines Weckers, ich höre das Knistern der Kabel, eine Einbildung: „Hör auf“, sagte ich irgendwann, „das wird nichts“, und dann war schon drei Uhr und wir hatten nur noch zwei Stunden übrig zum Schlafen.

Schön wär’s auch, an eine kosmische Gerechtigkeit glauben zu können: Demnach dürfte Stella nie wieder glücklich sein. Stattdessen bin ich diejenige, der es zusehends schlechter geht. Auf meiner Seite ist ein so fettes Minus, dass eigentlich nur eine mittelschwere Naturkatastrophe noch für Ausgleich sorgen könnte. Einmal rief sie an, klang abgeklärt: ja, es gäbe eine neue Liebe in ihrem Leben, und sie sei mir dankbar für das, was mit mir habe lernen können. Manche Fehler wiederholt man nicht. „Okay, Schlampe“, schrie ich in den Hörer, „dann hoffe ich mal, dass der nächste tödliche Autounfall euch gehört!“ In Wirklichkeit nickte ich nur stumm. Ich schmiss nicht mal das Telefon aus dem Fenster. Ich rammte lediglich die Bastelschere in die weiche Haut an meinem Oberschenkel und sah zu, wie das Blut sehr langsam in den Ritzen im Parkett verschwand.

In einer der ersten Nächte, in der Minka mit mir im Haus war, konnte ich nicht schlafen. Ich lag auf meiner schmalen Matratze in dem Raum, den ich zu meinem Schlafzimmer erkoren hatte (er war karg und klein und das Fenster eher ein Schacht, durch den das Mondlicht fiel), und starrte an die Decke. Ich stellte mir vor, wie es wäre, Minka wirklich weh zu tun, im Wissen darum, dass sie nicht weg könnte, dass dieses kleine, pelzige Wesen jetzt mir gehörte. Sie nach meinen Vorstellungen erziehen, wie Menschen das seit Jahrtausenden mit Tieren tun: eine ganz alte Tradition. Das gefiel mir; in meinem Bauch breitete sich Ruhe aus. Später jedoch zeigte sich, dass die Phantasie ihren Reiz verlor, sobald ich Anstalten machte, sie in Realität zu übersetzen: Minka war von Anfang an so schwach und kränklich, dass mir die Lust verging. Es war enttäuschend, wie alles. Es war genau das, was ich eh schon wusste: dass die Welt nicht meinen Wünschen folgen würde, dass das, was ich wollte, keine Rolle spielte, nie.

Eigentlich habe ich mir doch nur jemanden gewünscht, mit dem ich mein Fahrrad zusammenschließen kann. Jemanden, der mir einen Kuss mit auf den Weg gibt oder ein Schmalzbrot oder zumindest die Erinnerung eines Geruchs an meinen Fingern. Egal, was ich glaube, ich werde diese Sehnsucht nicht los nach einer, der’s vielleicht gelingen könnte, zu mir vorzudringen, über diese Grenze, die was weiß ich wo verläuft. Um mein Haus, mein Herz, mein Hirn ist ein Bannkreis; und über den Dächern Stellas schrecklicher Blick.

Am Ende des Alpsommers hat mich Melike dann nach Hause gefahren. Es war trotz allem eine schöne Fahrt. Wir waren braungebrannt und hatten Muskeln bekommen, wir rochen nach Stall, saurer Molke und Quellwasser, hatten Staub in den Haaren und Löcher in den Hosen. Sie streichelte versöhnlich mein linkes Bein. Die Musik war laut und das Fenster offen. Wir fuhren in den Abend, verbrachten die Nacht auf einem Parkplatz an der Autobahn, ihr offener Mund, mein offenes Hemd, irgendwie war ich verliebt in dieser Nacht. „Melike“, fragte ich am Morgen, „magst du mich?“ „Frag mich so was nicht vorm ersten Kaffee“, grunzte sie, schlug mir dann aber doch mit der Hand auf den Rücken und sagte, „ja doch, du Spinner.“
Als auch Minka dann irgendwann nicht mehr da war, löste sich etwas in mir; ein seltsames Gefühl von Befriedigung. Ich brauchte eine Weile, dann verstand ich, was es war: Erleichterung. Endlich, endlich war ich wieder alleine.