#8 Kämpfe
Carolin Krahl
outside the box
AG Dauerwelle
Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni
Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand
Luise Schröder & Chedly Atallah
Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)
Anne Hofmann & Alexandra Ivanova
outside the box
Bo Rowsky
Lilli Helmbold
Elske Rosenfeld
Sarah Uhlmann
AG DDD
Lisa Jeschke
Lea Kolling
Katharina Zimmerhackl
Eine Tochter
Verena & Thorsten
Koschka Linkerhand & Olga Winter
Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand
Bo Rowsky
LE CHOIX1
Die Geschichte einer Entscheidung
August–Oktober 2019 in Die/Drôme, Südfrankreich (überarbeitet Sommer 2022)
I Was zuvor zu sagen ist
Hätte ich im Sommer vor elf Jahren anders entschieden, hätte ich die andere der zwei möglichen Optionen gewählt, wäre ich jetzt wahrscheinlich Mutter eines elfjährigen Kindes.
Diesen Satz, in seiner inneren, wenngleich konjunktivischen Abgeschlossenheit, empfinde ich je nach Tagesform als sehr unterschiedlich. Mal klingt er mir ungeheuerlich, meist ist er bloße Feststellung. Manchmal stimmt er mich kurz melancholisch, an den meisten Tagen spielt er schlicht keine Rolle, weil er in seiner konkreten Ausformung – ich wäre Mutter, es gäbe mein Kind – gar nicht in meinem Denken und Fühlen, zumindest in deren bewussten Anteilen, existiert.
Dennoch schreibe ich hier und heute, acht (bzw. zehn) Jahre später, diesen Text über meine Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch … Warum?
Annie Ernaux bemerkt in ihrem Roman Mémoire de fille über eine erlittene Vergewaltigung: „Ce qui a été vécu par cette fille, nulle autre, restera inexpliqué, vécu pour rien.“ (Was dieses und kein anderes Mädchen erlebt hat, bliebe unerklärt, umsonst gelebt. – übers. v. BR) Ich kann mich ihr dahingehend anschließen, dass erst die Auskunft über die eigenen Lebenserlebnisse, diese zur Disposition zu stellen, eine gesellschaftliche und politische Dimension hat.
Ernaux spielt dabei auch auf die Tatsache an, dass vor allem Lebenszeugnisse weiblich sozialisierter Personen allzu oft und allzu schnell abgewertet, als unbedeutend abgetan werden – zumal, wenn sie den Rahmen von Alltagserzählungen, den geschützten Freund:innenkreis verlassen. Der Tendenz zur Selbstzensur muss auch ich mich beim Schreiben innerlich teils sehr entschlossen widersetzen – ich tue dies mit der altbewährten Methode, Texte und Gedanken anderer Frauen* zu Rate zu ziehen, zum Beispiel eine Schrift der poststrukturalistischen Philosophin Hélène Cixous. In Le rire de la Méduse – Das Lachen der Medusa (1975) proklamiert sie: „Il faut que la femme s’écrive: que la femme écrive de la femme et fasse venir les femmes à l’écriture.“ (Die Frau muss schreiben, sie muss schreiben über die Frau[en] und die Frau[en] zum Schreiben bringen. – übers. v. BR.)
Beschäftigte mich 2019 beim Schreiben der ersten Fassung dieses Textes noch stark der rumorende Zweifel, ob ein Schwangerschaftsabbruch einer Frau in meiner gesellschaftlichen Lage überhaupt noch ein Thema sei, so wird durch die gegenwärtige erschreckende Entwicklung nicht nur in den USA deutlich, wie wichtig der Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch weiterhin ist. Stellvertretend für viele vergleichbare Gruppen, Kampagnen und Veröffentlichungen zum Thema sei hier die Einleitung einer Broschüre der Gruppe diskus – Frankfurter Studierendenzeitschrift aus dem Jahre 20192 zitiert:
„100 Jahre nach den ersten Kämpfen um Abtreibung in Deutschland und knapp 50 Jahre nach dem berühmten Spiegel Cover „Wir haben abgetrieben!“: Der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft wird immer noch als Straftat im Strafgesetzbuch geführt. Der Zugang zu legalen Abtreibungen wird nicht nur in Deutschland immer schwieriger.“
Die Redakteur:innen offenbaren einen überraschenden Umstand, der auch auf mich zutraf im Jahr 2011:
„Gleichzeitig wird kaum über das Thema geredet, Wissen über Abtreibung ist bei potentiell Betroffenen kaum vorhanden. Auch wir als diskus-Redaktion mussten feststellen, dass wir vom juristischen Rahmen und der tatsächlichen medizinischen Durchführung einer Abtreibung wenig Ahnung haben. […] Über ungewollte Schwangerschaften und deren Beendigung soll geredet werden können, wie über jede andere medizinische Behandlung.“ 3
Dieser Text ist mein persönlicher Beitrag zu dieser Forderung. Und er verfolgt das Ziel, die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft um eine Reflexion der Bedingungen von Mutterschaft und Familie im Kapitalismus zu erweitern.
II Der Test
- Mitte Juli 2011 ist sie 37 Jahre alt. 4 Sie wohnt mit neun Mitbewohner:innen in einem Hausprojekt in Hamburg, arbeitet als Lehrerin in einer weiterführenden Schule und kämpft sich seit Jahren an einem unüberwindbaren Dilemma ab, ihre Lohnarbeitssituation betreffend: Ihre Fächer und das Zusammensein mit den Kindern und Jugendlichen kann sie nahezu uneingeschränkt bejahen, die Zwänge der Institution (zeitliche Vertaktung und Verdichtung, Liberalisierung des Schulwesens, unkritische Kolleg:innen etc.) aber nur schwer ertragen. Der Versuch, gleichzeitig anderes aufrecht zu erhalten, intensive Beziehungen zu Freund:innen zu knüpfen und zu halten, selbst künstlerisch / intellektuell / politisch produktiv zu sein, fordert viel Kraft, ist ständig von alltäglicher Erschöpfung und Frustration begleitet.
Der Begriff „Entfremdung“ durch die und in der Lohnarbeit, die den Horizont aller Lebenskoordinaten einengt und letztlich begrenzt, beschreibt am besten ihr permanentes Unbehagen, ihre seit Jahren nicht zu befriedigende Suche nach etwas anderem, das sich in wiederkehrenden depressiven Episoden unterschiedlicher Heftigkeit ausdrückt. Um dem Teufelskreis wenigstens vorübergehend zu entkommen, hat sie ein Sabbatjahr beantragt, welches sie in Kürze antreten wird.
Seit zwei Jahren lebt sie außerdem in einer heterosexuellen Liebesbeziehung mit S, die geprägt ist von so etwas wie zärtlichem Einvernehmen bei gleichzeitiger taktvoller Distanz. Aufgrund vorangegangener, trauriger Trennungen und innerer Überzeugung haben sie ein gemeinsames, unausgesprochenes Motto: Nur keine Symbiose!
An diesem Juliabend sitzen die beiden auf dem Bett seines WG-Zimmers. Aus der Küche hört man die Gespräche der Mitbewohner:innen, ihre Schritte auf dem Dielenfußboden in diesem Altbauhaus in Hamburg-St. Pauli. Sie sitzen auf der Bettkante, halten den Schwangerschaftstest in den Händen und starren auf die beiden Sichtfensterchen. Sie ist angespannt und aufgeregt, zugleich erscheint ihr die Szene derart klischeehaft und bekannt, dass sie sich selbst wie von außen sieht, wie in einer bestimmten Variante allzu oft gesehener Filme. Nur sieht der Plot dieser Filme für gewöhnlich ein anderes Gefühlsspektrum vor: Je nach Storyline folgt auf kurze Ungläubigkeit oder Ratlosigkeit ein verzögert ausbrechender Freudentaumel. Wenn die Reaktionen der zwei Protagonist:innen sich unterscheiden, wird sich die Dramaturgie der Handlung daran entlangranken, wie eine oder einer der beiden ihre/seine „Konfliktsituation“ meistern wird. Sehr häufig wird am Ende des Films ein Kind geboren, sehr häufig ist schließlich doch die Freude groß oder zumindest vorsichtig optimistisch.
Woran sie sich nicht erinnern kann: Jemals einen Film mit einem Plot gesehen zu haben, in dem ein liebendes Paar im „richtigen“ Alter, in den „richtigen“ Berufen (Allgemeinmediziner und Lehrerin Mitte Dreißig – was könnte besser sein?!) mit wachsendem Schrecken den beiden Streifen des kleinen Plastikstabes dabei zusehen, wie sie ganz und gar unbeirrbar auftauchen. Wie beide Protagonist:innen erst von schockartiger Entgeisterung, dann von einer Welle der Verzweiflung überschwemmt werden. Sie sind jetzt ein schwangeres Paar! – Die nächtlichen Stunden, die dieser Erkenntnis folgen, münden in eine Art Nervenzusammenbruch, ein endloses, fassungsloses Weinen …
Im Hintergrund dieser Szene läuft ein weiterer Film ab, der Plot meiner familiären Herkunft in der BRD mit Mutter, Schwester, Nachbarinnen, die das Familienleben ins Zentrum ihres Daseins stell(t)en. In diesem Film rauschen die Jahrzehnte wie im Zeitraffer vorbei, Doppelhaushälften und Einfamilienhäuser tauchen auf und ab in gegenseitiger Überblendung, Kindergeburtstage, Weihnachtsfeste, Einschulungen kreisen in rasantem Tempo um die eigene Achse. In diesem Film sagen die Mütter niemals Ich oder nur sehr, sehr leise und ziehen daraus ihren ganzen Stolz.
- Die Mutter
Sie nahm die dampfende Tasse zwischen beide Hände und blickte hinaus auf die Straße. Ein Vormittag stand regungslos vor dem Fenster, genau wie sie, die längst Teil dieses Stilllebens geworden war. Allein die Tasse drehte sich leicht zwischen ihren knotigen Fingern und der Zeiger der Küchenuhr tickte in kleinen, ruckartigen Bewegungen voran.
Jahrzehntelang war sie jeden Moment in Bewegung gewesen, war meist schon vor dem Schrillen des Weckers aufgewacht und im Geiste die anzulaufenden Stationen des vor ihr liegenden Tages durchgegangen. Sie hatte die Töchter geweckt, das Frühstück gemacht, den Mann mit einem über die Jahre immer flüchtigeren Kuss auf die Wange verabschiedet, Brote geschmiert und Ranzen gepackt.Als Helmut Schmidt Bundeskanzler wurde, hatte sie gewindelt und gewischt, zur Entführung von Hanns Martin Schleyer gemalt und gebastelt und beim NATO-Doppelbeschluss getröstet, gestreichelt, genäht und geschimpft. Helmut Kohl übernahm das Kanzleramt, die Mauer fiel und sie hatte zugehört, zugestimmt und zugelassen, dass die Kinder und der Mann ihr Leben zunehmend ins Außen verlagerten und sie ihnen, wie man so sagte, den Rücken freihielt. Sie hatte geliebt. Sie hatte sie alle wahrscheinlich geliebt.
Als die Asylbewerberheime brannten, der Jugoslawienkrieg ausbrach und Menschen aus den Fenstern des World Trade Centers sprangen, war ihr aufgefallen, dass die Tapeten allmählich verblichen und die Polstermöbel kahle Stellen bekamen. Sie hatte beobachtet, wie die Augen ihres Mannes wässriger wurden, seine Tränensäcke anschwollen, seine Stimme und dann seine Beine zu wackeln begannen und damit schließlich das sogenannte Gleichgewicht in diesen vier Wänden.
An einem brütend heißen Tag im August hatte sie zugesehen, wie das Bestattungsunternehmen seinen erschlafften Körper auf einer Bahre hinaustrug. Sie hatte seine Seite des Bettes abgezogen, ihre Töchter in einem Brief von dem Ereignis in Kenntnis gesetzt und sich schließlich einen Kaffee gekocht, den sie nun drehte zwischen ihren knotigen Fingern bis in alle Ewigkeit.
aus Das Haus birgt Bitterkeit, Bo Rowsky, 2016
III Die Entscheidung
Die Tage, die auf diesen Abend und die durchweinte Nacht folgen, sind hinsichtlich konkreter Orte, Gesichter, Geschehnisse weitgehend aus meinem Gedächtnis getilgt, sie verschwimmen zu einem amorphen Brei, einem murmelnden Stimmengewirr, aus dem einzelne Bilder und Sätze herausragen. Was sicher abrufbar ist, ist die Erinnerung an ein Tage andauerndes, heftiges inneres Ringen mit einer Entscheidung.
Wenn die getroffene Wahl mir damals, und nachträglich heute, als klar und richtig, im Sinne von „für mich und mein Leben stimmig“, erscheint (zum Glück!), so will dieser Text doch zugleich ganz maßgeblich einer vermeintlich immer-schon-dagewesenen und im Vollzug der vergangenen Jahre quasi durch das Leben verifizierten Eindeutigkeit entgegenwirken.
Ja, es geht mir hier sogar zentral darum zu zeigen, dass es kein Widerspruch ist, mit den eigenen Entscheidungen und Handlungen im Reinen zu sein und gleichzeitig Ambivalenzen im Vollzug und Nachvollzug anzuerkennen. Meiner Einschätzung nach wäre eine solche Haltung der gemeinsamen Auseinandersetzung von Müttern / Eltern und Nicht-Eltern sehr zuträglich.
- Im Juli 2011 zieht sie als Feministin bei allem Grübeln und Hadern mit der existenziellen Frage doch keine Sekunde in Zweifel, dass sie die Wahl zu einem Schwangerschaftsabbruch überhaupt hat, dass die medizinische Versorgungslage dafür von der Gesellschaft bereitgestellt wird.
Dass diese Annahme auch in Deutschland immer noch höchstens für Frauen in der Stadt gilt, geeignete Beratungsstellen, Arztpraxen und Kliniken auf dem Land rar gesät sind, wird ihr erst später in der nötigen Schärfe bewusst. Zwar kannte sie natürlich die Debatte um den Paragrafen 218, seinen unnachahmlich kargen, juristischen Wortlaut aber kannte sie nicht: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Gemeint sind hier die Personen, die den Abbruch durchführen, also in Deutschland das medizinische Personal. 5
Ein Schwangerschaftsabbruch ist also offiziell bis heute ein Straftatbestand. Im Strafgesetzbuch folgt der Paragraf 218 direkt auf die Paragrafen, die die Straftatbestände „Mord“ und „Totschlag“ regeln. Jede ungewollt Schwangere muss laut Gesetz für sich eine Ausnahmeregelung geltend machen, die in dem erst seit 1990 existierenden Zusatzparagrafen 218a festgehalten ist: Nach dem sog. Indikationsmodell bleibt ein Abbruch straffrei, wenn sich die Betroffene von einer staatlich anerkannten Stelle beraten lässt und ein Arzt oder eine Ärztin dies schriftlich nachweist. Zwischen der Beratung und dem medizinischen Eingriff muss es einen zeitlichen Abstand von mindestens 72 Stunden, also genau drei Tagen, geben, in denen die Frau über ihre Entscheidung nachzudenken hat.
- Drei Tage sollen vergehen, bis du, Frau, deiner Entscheidung eine Handlung folgen lassen darfst … Drei Tage, in denen unterschiedlichste Stimmen in ihrem Kopf unablässig miteinander streiten.
Gern wüsste sie, wie die Festlegung dieser Drei-Tage-Frist zustande kam. Vielleicht wurden hier Restbestände religiösen Zahlenzaubers in Anschlag gebracht? Die magische Zahl Drei, bekannt aus Märchen und den großen Weltreligionen, wurde sie von abergläubischen Freaks vorsätzlich in die Gesetzgebung eingeschleust? Aber à propos Freak – auch in ihrem, für gewöhnlich solide atheistisch-agnostischem Kopf ploppen überfallartig quasireligiöse Fantasien auf:
Ist diese Schwangerschaft eine Mahnung, die Strafe einer höheren Macht für die Anmaßung, ein autonomes Jahr für sich beanspruchen zu wollen? Denn es erscheint doch als wahnwitziger Zufall, dass diese Schwangerschaft exakt zu Beginn des heiß ersehnten, in Vollzeitstelle in sogenannter Brennpunktschule erarbeiteten Sabbatjahrs auftritt… Ist sie ein Zeichen dafür, angesichts der obendrein verblüffenden, statistischen Unwahrscheinlichkeit einer Befruchtung, dass sie die Mutterrolle als Faktum, quasi FATUM, anzuerkennen hat?
Die Gynäkologin, welche in einer Ultraschall-Untersuchung die Schwangerschaft bestätigt, sagt: „Sie wirken sehr unglücklich. Ich kann Ihnen eine Kontaktadresse geben, den Abbruch aber nicht selbst durchführen.“
Die Frau in der ersten Beratungsstelle sagt: „Stimmt, noch vor zehn bis fünfzehn Jahren haben deutlich mehr Frauen in Ihrem Alter sich für Abbrüche entschieden. Eventuell die Zeichen eines Backlashs.“
Die Frau in der zweiten Beratungsstelle sieht sie tadelnd über ihre randlose Brille an: „Konnten Sie nicht besser aufpassen? Das ist hier kein Selbstgänger!“
Ihre jüngere Kollegin fügt auf dem Flur halblaut hinzu: „Wissen Sie, zu diesem frühen Zeitpunkt, der fünften Woche, handelt es sich um Zellgewebe, das nicht größer ist als Ihr kleiner Fingernagel.“
Die Psychotherapeutin fragt: „Gibt es denn gar kein Gefühl der Vorfreude, keine positive Fantasie, kein schönes Bild dazu in Ihnen und Ihrem Partner?“
Eine gute Frage, eine bedenkenswerte Frage … Nur ist das einzige Bild vor ihrem inneren Auge ausnahmsweise so gar nicht ambivalent oder vieldeutig, sondern geradezu roh in seiner Symbolkraft:
Eine Frau und ein Mann, ihr und S ähnelnd, sitzen in einer blauen Einbauküche. Der Mann füttert ein Baby in einem Hochstuhl mit Brei. Dem Baby läuft Brei aus dem Mund. Es glupscht in der Gegend herum, während die Frau und der Mann ihre Münder zu einem Lächeln verziehen. Der Arm des Mannes bewegt den Löffel mechanisch, die Frau rührt sich nicht. Ihre Augen sind starr, ohne Wimpernschlag. Es gibt keinen Ton, die Szene ist stumm, bis auf die fütternde Hand bewegungslos. Sie hat keinen Anfang und kein Ende. Eisblau.
- Sie spricht viel mit Freundinnen, Bekannten und „Ikonen“ ihres Lebens:
Die beste Freundin, in queerer Partnerschaft und mit aktuell stark ausgeprägtem Kinderwunsch, eröffnet ihr: „Ich bin neidisch auf die Reproduktionsfähigkeit der Heteropaare!“Die Mitbewohnerin fragt: „Und wenn du es später, wenn die Freundschaften loser werden, bereust?“
Der Ex-Freund sagt: „Oha, du Arme, das tut mir leid! Aber du weißt, dass ich dir nicht helfen kann. Ich würde kein Kind mit dir aufziehen.“
Die Tante, 75-jährig, Mutter und Großmutter, großes Vorbild, postuliert: „Nie ist man so einsam wie mit Kleinkindern zu Hause oder auf dem Spielplatz.“
Die lesbische Ikone am Telefon lacht: „Ich könnte mir dich gut als Mama vorstellen!“
Gerade diese Bemerkung trifft sie schwer. Für sie ist es, als würde dieser dahingesagte Scherz all ihr Bemühen um ein anderes Leben, eins, das Freundschaften und nicht automatisch der Paarbeziehung und Kleinfamilie Priorität einräumt, in dem auch ihr eigenes lesbisch-queeres Begehren Platz hat, mit einem Streich als vergeblich, vergangen einkassieren.
Ihr wird immer klarer, dass sie letztlich allein ist mit dieser Entscheidung, weil es ihr Körper ist, in dem diese – bei beiden Optionen – ausgetragen werden wird. Und diese Besonderheit des Körpers, der zugleich Entscheidungsinstanz und Objekt der Entscheidung ist, der erfährt und dem widerfährt, macht selbstverständlich die spezifische Schwierigkeit ihrer Situation aus.
Und so empfindet sie alle diese Gespräche, jedes auf seine Weise, als hilfreich, aber es gelingt ihr nicht, sie anders denn als verschiedene Varianten der Trennung zu erleben.
All diese Trennungen schmerzen.
Der vorliegende Text ist auch der Versuch, einer Einsamkeit auf die Spur zu kommen, die damals in mir geherrscht haben muss. Denn meine Suche nach Zugehörigkeit, eine, die jenseits des unentrinnbaren Zwangsverhältnisses der Familie eine freigewählte wäre, scheint durch diese ungewollte Schwangerschaft zunichte gemacht.
Es hat in den Jahren zuvor Momente und Phasen gegeben, in denen sie sich ein Leben mit eigenem Kind vorgestellt, manchmal sogar gewünscht hat. Wenngleich diese Gefühle stets unkonkret blieben, stets wackelig … Doch je genauer sie ihnen nachging, umso deutlicher stellte sie fest: Diese Momente waren immer geprägt von Gefühlen der Einsamkeit oder Angst, von Ratlosigkeit oder einem diffusen Rettungsgedanken.
Zum Kinderwunsch
Du hast da jetzt diesen Kinderwunsch?
Er ist in deinem Körper,
ganz tief in deinem Innern?
Er ist jetzt eben da,
ein heißes Ziehen?
Süß
und
unerbittlich?
Du findest es ja selbst ein wenig strange,
wo der jetzt doch noch herkommt?
Jahrelang war die Kinderfrage ja überhaupt nicht deins.
Du musstest erstmal raus von Zuhause,
studieren gehen, in Politgruppen gehen,
feiern gehen, auf Festivals gehen,
mit vielen Leuten ins Bett gehen,
dich gehen lassen,
zu dir selbst finden.
Klar.
Aber irgendwas hat sich verändert?
Lohnarbeit, Beziehungsarbeit, Feierabendbier.
Du bist oft ziemlich erschöpft?
Manchmal richtig verzweifelt?
Irgendwie brauchst du eine Perspektive.
Du brauchst einen Plan.
Du wirst schon klarkommen
mit dem bisschen Über-Einkommen
mit dem Auskommen
und dem Fortkommen
der nächsten Zeit.
Du willst intensive Gefühle?
Lieben? Geliebt werden?
Nicht mehr allein sein?
Irgendwo hingehören? Zusammengehören?
Bedingungslos?
Und du willst eben auch nichts bereuen später.
Und du denkst jetzt auch anders über deine eigene Mutter.
Und die anderen Mütter.
Und über deine Freundinnen.
Ob ich etwas dagegen habe?
Wie und was. Denn.
Ich hab’ nur
ein bisschen nachgedacht
in letzter Zeit.
Ist der Kinderwunsch der Wunsch zum Kind?
Oder der kindliche Wunsch?
Ist der WUNSCH an sich
noch irgendwo sonst
bewahrt?
Und ich hab’ mal geguckt –
die anderen bauen Zusammengesetztes hin:
The wishing for a child – le désir d’enfant
Motherly love – amor de madre – amour maternel
Das Deutsche ist da so schön absolut:
SEHNSUCHT
WELTSCHMERZ
KINDERWUNSCH
MUTTERLIEBE
Hier fällt’s in eins zusammen.
Hier ist durch das phantasmatische Objekt
zumindest temporär
eine Identität des Subjekts,
eine Identifikation mit der allgemeinen Ordnung
möglich.
(Frag mal Lacan!)
Ist also hier allein
der Mangel
aufgehoben?
In ein Begehren gelöst?
Du hast jetzt diesen Kinderwunsch?
Schon klar.
Bo Rowsky, 2014, mit Dank an Maya Dolderer und ihren Text „Why have kids?“ in Phase 2 N°49
In besagtem Juli 2011, kurz vor dem Schwangerschaftstest, liest sie den Roman Seltsame Sterne starren zur Erde von Emine Sevgi Özdamar und notiert ihre Lieblingspassage in ihrem Sammelbuch:
„Ich bin nach vorne geflüchtet, alles in Ordnung. Die Einsamkeit nützlich, wenn es auch manchmal am Nachmittag schwer ist, wenn ich nach Hause komme. Dann höre ich Mozart und es geht mir gut. Ich möchte alleine bleiben. Wie schön sind die Nächte in Berlin, wenn es schneit. Es hat ein weiches Herz, Berlin, die Kinder frieren nicht, die Kälte ist für sie ein Wintermärchen. In den Kneipen dreht sich mein Kopf mit heißem Wodka, die Zeit wird dich küssen. Du bist ein wildes Mädchen, die Zeit wirst du schlagen, das Alleinsein ist mein Pferd. […] Ich möchte produktive Freundschaften. Wir müssen uns in den Briefen zum Denken zwingen, aufregen. Sich verändern, die Erfahrung mit anderen teilen, ist sehr wichtig […]
Ich kann die Welt nicht grundsätzlich nach meinen Vorstellungen ändern, ich kann aber auf den Quadratmetern, die mich umgeben, dafür sorgen, dass die Gesetze der Welt hier nicht gelten. Ich kann dafür sorgen, dass die sozialen Hierarchien durchbrochen werden.“
Özdamars Zeilen haben für mich bis heute nichts an Wucht und Wahrheit verloren.
- An den Abenden im Juli 2011 trifft sie sich täglich mit S. Die alten Kastanien rauschen über den hölzernen Tischen der Eckkneipe, über ihren Köpfen und Biergläsern und Zigaretten. Sie trinken, sie halten sich an den Händen, sie berichten sich von ihren Gedanken, sie sprechen immer wieder dasselbe, von allen Seiten betrachtend, und sind sich einig: Wir wollten etwas anderes, auf jeden Fall etwas anderes als eine Kleinfamilie mit der Begleiterscheinung eines intensivierten Lohnarbeits- und Alltagsorganisationszwangs. Er versichert ihr, und sie hat keinen Zweifel daran, er ließe sie nicht alleine, aber er wollte nie Kinder und sie finden gemeinsam, es müssten doch auch Leute wie sie einmal etwas anderes machen, als diesen konventionellen Weg einzuschlagen.
Auf den Nachhausewegen dieser Abende schält sich außerdem eine Überzeugung immer stärker heraus, die sie mit einem seltsam übermütigen Gefühl des Stolzes und der Kraft erfüllt: Sie wird sich nicht durch die Biologie zwingen lassen! Wie lange hat sie um diesen feministischen Gedanken gekämpft, dass die Frau nicht mit ihrem Körper in eins fällt, fallen sollte, das macht die patriarchale Welt schon seit Jahrhunderten, die Frau in jeglicher denkbaren Ausprägung auf ihren Körper zu reduzieren, ihn auf diesen zurückzuwerfen!
Sie fällt die Entscheidung zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Exkurs in die Zukunft I
- Ein halbes Jahr nach dem Abbruch werden sich die Gedanken, Begegnungen und Orte in ihrem Leben vervielfältigt haben – denn der Abbruch hatte ja nicht das Ende von etwas, sondern ein Anfang mit etlichen Wegbiegungen sein sollen. Entsprechend werden sich auch die Eintragungen in ihrem Sammelbuch häufen und unter anderem eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Frage nach Beziehungen im Kapitalismus dokumentieren – das belegen umfangreiche Notizen zu Eva Illouz’ Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung:6
„Wir können wohl sagen, dass wir vom Kampf um die Freiheit zur Schwierigkeit zu wählen vorangeschritten sind. […] Das Wählen erfordert eine rationale Form der Introspektion, ergänzt um ein essentialistisches (authentisches) Regime der emotionalen Entscheidungsfindung […] sowie die Fähigkeit, Gefühle in die Zukunft zu projizieren.“
Ich erinnere mich sehr gut daran, wie mich die Vorstellung, meine Gefühle kennen und in die Zukunft projizieren zu müssen, sie dabei zu vereindeutigen und im Zweifelsfall lebenslang noch nachträglich vertreten zu müssen, im „Entscheidungssommer 2011“ gequält haben.
„Frauen werden unaufhörlich von einer psychologischen Selbstgestaltungsindustrie bombardiert und müssen dringend damit aufhören, permanent ihre sog. psychischen Mängel zu hinterfragen. Das Leiden unter Gefühlen hängt mit der Verteilung wirtschaftlicher und politischer Macht zusammen!“
Der vorliegende Text ist auch Ausdruck eines immensen Überdrusses und einer Empörung darüber, dass die Auseinandersetzung mit der Frage nach einem „gelingenden“ Beziehungs- und Sozialleben immer noch und immer weiter vornehmlich Frauen* und Feminist:innen zugemutet und aufgebürdet wird!
Heute denke ich, dass ich die Anerkennung, die „man per definitionem nicht allein verursachen kann“ (Illouz), damals noch kaum erfasst hatte: Anerkennung für meine Entscheidung, die gesellschaftliche An- und Berufung zur Mutter zu verweigern; für mein Verantwortungsgefühl, keinem Kind oder freundschaftlichem Umfeld eine eventuell unglückliche, überforderte Mutter zuzumuten. Und gewissermaßen auch Anerkennung für meinen Verzicht auf ein „erfülltes Leben“, wie es in Form der Mutterschaft, gesellschaftlich unverändert virulent, als „soziales Versprechen“ im kollektiven Imaginären verankert ist, wie Donath schreibt:
„Die Mutterschaft bietet ihnen [den Müttern] eine Existenzberechtigung an, verspricht Selbsterkenntnis und Selbstbewusstsein als Frau in jeder Hinsicht – [sie] verbindet die Frauen mit ihren eigenen Müttern, ihren Großmüttern, der Generationenfolge an Frauen, ›die Leben geschenkt haben‹ seit Anbeginn der Zeit. Indem sie selbst Mutter werden, bekräftigen die Frauen ihre Loyalität mit vorangegangenen Generationen und deren Traditionen, geben diese anschließend selbst weiter. Dadurch wird ihnen ein Privileg zugestanden, das ihnen ansonsten vorenthalten bleibt, die Autorität.“
Insofern geht es in diesem Text wohl zusätzlich um die Anerkennung meiner Suche nach Alternativen in einer Welt, in der nach wie vor und sogar zunehmend wieder die Familie bzw. familistische Konzepte Hochkonjunktur haben, auch in linken, queeren, zumeist akademischen Mittelschichtsmilieus.
Offenbar birgt die Verheißung einer Familie oder familienähnlicher Bündnisse für viele, trotz aller gegensätzlicher oder relativierender Erfahrungen und Berichte, ein unwiderstehliches Glücksversprechen. Ist das nicht subjektiv doch verwunderlich angesichts der sich rasant zuspitzenden ökonomischen und ökologischen, hochgradig krisenhaften Verhältnisse?
IV Der Abbruch
Bei der Recherche zu diesem Text suche ich in meinen Unterlagen – d. h. meinen Tagebüchern, Sammelbüchern, Mails – vergeblich nach konkreten Aufzeichnungen, Daten oder Notizen zum eigentlichen Abbruch. Es findet sich kein einziger Text, lediglich ein Umschlag, abgeheftet im Krankenkassenordner. Er trägt die handschriftliche Aufschrift:
„Juli 2011 – Mifegyne-Entscheidung“.
In dem Umschlag befinden sich mehrere Terminzettel. Auf dem ersten steht:
„Ersttermin 18.7. um 10.40 Uhr: Einnahme von MIFEGYNE.
Ihr Aufenthalt wird etwa 30 Minuten betragen. Sie können an diesem Tag ganz normal essen. – MIFEGYNE führt zum Abbruch der Schwangerschaft.“
Sie hat ein Medikament einzunehmen, das die Wirkung des Hormons Progesteron blockieren soll, welches für die Erhaltung der Schwangerschaft nötig ist. Das Prostaglandin unterstützt die „Ausstoßung des Fruchtsacks“.
Nach der Einnahme der Tablette verspürt sie ungeheure Erleichterung. Das Warten auf den Tag X hat endlich ein Ende! Sie ist sich nun auch absolut sicher, das Richtige zu tun.
„Zweittermin 20.7. um 10.00 Uhr
Ihr Aufenthalt wird etwa 3 Stunden dauern. Sie können eine Begleitperson mitbringen. Sie können an diesem Tag ganz normal essen. Tragen Sie bitte lockere, bequeme Kleidung.“
- In der Nacht auf den zweiten Termin hat sie Blutungen, die an eine Monatsblutung erinnern, aber viel heftiger sind. Ist das nicht vielleicht schon die Ausstoßung des „Fruchtsacks“?
Am nächsten Morgen radelt sie beschwingt durch die sommerliche Stadt zur Arztpraxis. Allein. Sie könnte Bäume ausreißen! Eine Begleitung von S, von einer Freundin, hat sie freundlich und vollkommen unbesorgt abgelehnt.
Die sanften Frauen am Empfangstresen der gynäkologischen Praxis zeigen ihr den Ruheraum: Rattanliegen, ein paar Grünpflanzen, Zeitschriften, halb geschlossene Vorhänge mit angenehmem Dämmerlicht. Drei Stunden hier liegen – eine seltsame Vorstellung! Und wozu? Sie fühlt sich kraftvoll, stark und voller Ungeduld und will so schnell wie möglich wieder hinaus in die Welt da draußen.
Bei der Untersuchung durch die Ärztin erklärt sie, dass bereits eine solche Menge Blut geflossen sei, dass sie sich so blendend fühle, dass sie wohl einer der seltenen Fälle sei, bei dem „die Frucht“ bereits nach der ersten Pille abgestoßen worden sei. Die Ärztin bestätigt diese Annahme.
Ob sie nicht gehen könne, ohne Ruhezeit? Auch hier stimmt die Ärztin zu. Also fährt sie nach Hause, eine Last ist von ihren Schultern gefallen, sie freut sich auf ein Frühstück und einen unbeschwerten Tag.
Und dann … kommt sie zu Hause an und bricht zusammen. In der Erinnerung ist nur dieses eine traumatische Bruchstück erhalten geblieben, ein Bild aus der Vogelperspektive: Sie liegt auf dem Boden des fensterlosen Badezimmers ihrer Wohnung, direkt neben der Kloschüssel, in der eine dunkelrote, dickflüssige Substanz schwimmt. Ungeheure Unterleibsschmerzen, Krämpfe. Ihr ist schwarz vor Augen und so hundeelend wie noch nie. In ihren Ohren pfeift und rauscht es. Ihr Kreislauf ist vollkommen eingebrochen, sie kann sich kaum rühren. Sie bekommt Panik. Auf allen Vieren robbt sie zu ihrem Handy in der Tasche im Flur, versucht, jemanden zu erreichen, überall gehen nur Mailboxen ran, alle sind bei der Arbeit, es ist wie verhext. Auch die Ärztin ist nicht persönlich erreichbar. (Sie wird am späteren Abend zurückrufen und sich für ihre offensichtliche Fehldiagnose entschuldigen!)
Die Erinnerung an diese Situation ist bis heute von undurchdringlicher Schmerzhaftigkeit, ein Rätsel, dem auch dieser Text nicht auf den Grund gehen wird: Wieso war ich an dem Tag allein? Was habe ich mir dabei gedacht, so sehr auf meiner Autonomie zu bestehen? Was haben sich die anderen dabei gedacht, mich alleinzulassen?
Im Umschlag stecken noch ein dritter und vierter Zettel, datiert auf den 23.8.:
„Sie haben eine Vollnarkose mit den Medikamenten Disoprivan und Ultiva erhalten. Während der gesamten Zeit, in der Sie sich in unserer Betreuung befanden, ergaben sich keine Besonderheiten.“
(Unterschriftenkringel der Anästhesistin der gynäkologischen Tagesklinik)
Das andere ist ein Merkblatt:
„Postoperativer Verhaltensbogen nach einer Ausschabung der Gebärmutter“.
Denn es war dann doch zu den sprichwörtlichen „unerwünschten Nebenwirkungen“ gekommen. Mifegyne und Prostaglandin hatten nur unvollständig gewirkt. Reste des Zellgewebes waren nicht abgegangen und es bestand die Gefahr, dass diese zu wuchern beginnen könnten –ein sprachliches Bild, das an Botanik resp. Unkraut erinnert …
Dreiunddreißig Tage liegen zwischen den beiden Eingriffen, fünf Wochen zwischen Mitte Juli und Ende August. An sie gibt es keine konkreten Erinnerungen. Wie genau hat sie sie gefüllt? Mit wiederholten Gängen zu den beiden Gynäkologinnen, mit weiteren Gesprächen und Gedanken zu ihrer Gegenwart und Zukunft. Sicher mit der ständigen Hoffnung, es möge nun endlich endgültig vorbei sein. Eine Hoffnung, die wiederholt aufs Neue enttäuscht wird.
- Am letzten Tag vor der Abreise in ein zweimonatiges Praktikum an einem Marseiller Kindertheater wird sie ad hoc und völlig unvorbereitet zu einer chirurgischen Behandlung, einer sog. Nachkürettage, im Volksmund (sic!) „Ausschabung“, geschickt. Diesmal kommt S mit, es ist ihr erster gemeinsamer Urlaubstag vor ihrer morgigen Abreise nach Südfrankreich. Jetzt aber legen sie den Weg von der Gynäkologin zur Tagesklinik gemeinsam zurück, zu Fuß. Sie ist vollkommen außer sich, weint auf dem ganzen Weg, während der dreistündigen Wartezeit unablässig, weint sich bis hinein in die Vollnarkose. Ihre Straffantasien treiben ungeheure, riesenhafte Blüten. Er sitzt fassungslos und blass, mitfühlend und zärtlich, neben ihr und hält ihre Hand.
Im Sammelbuch findet sich ein kleiner ausgerissener Zettel aus dem September 2011. Inzwischen sind sie in einem verwunschenen Dorf in den Bergen, sitzen im Schatten der Platanen auf dem winzigen Marktplatz und lesen die Tageszeitung, aus der der Ausschnitt – angeblich ein Zitat von Robert Menasse – stammen muss:
„Repousse ta douleur, assez loin, pour être en mesure de la décrire comme si elle était celle d’un autre. Fais-en une fiction – où d’autres que toi ressentiront leur douleur.“ (Schiebe deinen Schmerz weg, so weit weg, dass du in der Lage bist, ihn zu beschreiben, als wäre er der Schmerz einer anderen. Mache eine Fiktion daraus – in der andere ihren eigenen Schmerz wiedererkennen können. – übers. v. BR.)
„
Exkurs in die Zukunft II
- Und dann vergeht das folgende Jahr. Zwei Monate lang läuft sie abends durch Marseille, nach Arbeitsende im kleinen Kindertheater am Alten Hafen, trinkt hier und da Wein und einen apéritif, sieht sich Filme im Kino an und zögert jeden Abend den Moment hinaus, zur freudlosen WG auf den Berg, neben der Basilique Notre-Dame, zu steigen. Immerhin liegt ihr da oben das Mittelmeer zu Füßen, und die Iles du Frioul im Abendsonnenschein … Alle paar Tage telefoniert sie mit S, den sie sehr vermisst – wie sie überhaupt vereinzelt heftige Heimwehattacken hat. Die Hitze und das Alleinsein machen sie melancholisch, aber Gefühle konkreten Bedauerns oder gar der Reue über den Abbruch gibt es meiner Erinnerung nach nicht – und das gilt bis heute.7
Anfang Oktober holt S sie ab, in der Stadt am Mittelmeer. Ausgelassene Tage voller Wiedersehensfreude, Baden in den Calanques, Vorfreude auf die kommenden Monate in der norddeutschen Großstadt.
Im Oktober 2011 notiert sie in ihrem Sammelbuch:
„Man muss im eigenen Leben nur dafür sorgen, dass es in jeder Zeit Anfänge gibt, glückliche Anfänge. […] Es gibt Situationen, in denen alles als Botschaft erscheint, egal, was man erlebt oder mit wem man spricht. Weil man die Botschaft längst kennt und nur noch darauf wartet, dass sie einem überbracht wird.“8
„Welchen Anfang, welche Botschaft oder gar versteckte Beschwörung sie damals darin erkannt hat, vermag ich nicht mehr genau zu sagen. Die Aufbruchsstimmung und Lebenslust des Herbstes und Winters 2011, eine Zeit vielfältiger (Wieder-)Anfänge, ist aber fest in meiner Erinnerung verankert:
- „Hellwach und voller provokanter Fragen sitzt sie, umgeben von deutlich jüngeren Interimskommiliton:innen, in Seminaren und Vorlesungen des Studiengangs der Performance Studies. Sie stellt erstaunlich erleichtert fest, dass für sie, 37-jährig, der Zug in ein wie auch immer konkretisiertes Künstler:innenleben längst abgefahren ist. Auch das Angebot einer Promotion schlägt sie ohne längeres Hadern aus – zu strapaziös ohne Stipendium. Zugleich kein Grund, sich nicht dennoch aus purer Begeisterung in theaterwissenschaftliche Lektüre und Praxis zu schmeißen und sich nebenbei ein bisschen in eine Kommilitonin zu verknallen.
Mit einer befreundeten Theaterpädagogin leitet sie eine Jugendtheatergruppe für junge Frauen* am Hamburger Schauspielhaus.9
Für einen kleinen Verlag übersetzt sie französische Comics ins Deutsche.Mit S fährt sie nach Wien, ans Wattenmeer und in die Bretagne.
In Wien lesen sie gemeinsam Robert Pfallers Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie (Frankfurt am Main 2011) und finden darin Anregungen für eine hedonistische Lebensgestaltung jenseits der Zwänge des Lohnarbeitslebens.
Sie sucht und findet eine neue Wohnung und eine neue Teilzeitstelle.
Mit Freund:innen gründet sie eine DIY-Performance- / Musicalgruppe.
Sie beginnt, ganz zaghaft noch, erste Schreibexperimente …
Ich wiederhole mich: Dem Glücksversprechen von Familie oder familienähnlichen Bündnissen hätte auch ich mich in heftigen Momenten der Sehnsucht gerne hingegeben, tue es mitunter auch noch. Das Zuhause als Ort der Sicherheit und Sinnstiftung, als bestenfalls Rückzugsbastion gegen die ohnmächtig machenden gesellschaftlichen Verhältnisse … Der bloße Wunsch nach dieser Form der Zugehörigkeit ist berechtigt und absolut nachvollziehbar, bei genauerer Betrachtung und v. a. geprüft an der Realität aber durchaus kritikwürdig. Und auch Wünsche müssen kritisier- und hinterfragbar sein, damit der Widerspruch zum Bestehenden lebendig und diskutierbar bleibt!
Um es mit meinem Sammelbuch resp. Heiner Müller (und Marx) zu sagen:
„Darauf muss man bestehen, auf der Kritik der Bedürfnisse, und das wäre unsere Aufgabe bei gleichzeitiger Befriedigung der Bedürfnisse.“ (notiert Oktober 2011)
Feministisch erweiternd füge ich hinzu: Was zu kritisieren wäre, wäre das internalisierte und bis heute allzu oft unhinterfragte Bedürfnis und die gesellschaftliche Anrufung der „frauisierten Frau*“10 , ihre Anerkennung und persönliche Erfüllung im Kümmern um Andere zu finden. Für gewöhnlich setzt das in den derzeitigen Verhältnissen die Bereitschaft zur Selbstaufgabe voraus:
„Wenn sich diese [die gesellschaftlichen Bedingungen] nicht verändern, bleibt jeder Versuch, das Problem von Staat-Kapital-Familie im Individuellen aufzulösen, ein sich erschöpfender und immer wieder neu beginnender Versuch.“
Den Kreislauf dieses unfreiwilligen Wiederholungszwangs zu durchbrechen, das war wohl mein wichtigstes Motiv für den Abbruch meiner Schwangerschaft.
Meine Alltagsbeobachtungen in der Familie, Lohnarbeit (Lehrerkollegium) oder auch der prekarisierten, migrantisierten Nachbarschaft – also Beobachtungen vor allem außerhalb bestimmter linker, urbaner „Blasen“ – sind Schilderungen ungeheuer aufreibender Versuche jeweils Einzelner, immer noch in überwältigender Mehrheit Frauen*, dieser Rollenfalle zu entgehen. Sofern sie denn überhaupt die Möglichkeiten für wenigstens diese Versuche haben, was wiederum bereits gewisse soziale, kulturelle und ökonomische Ressourcen voraussetzt.
„Nun habe ich gelernt, meine Widerstände sehr ernst zu nehmen. Neben vielen anderen Funktionen sind sie die Erzählung der Schattenseiten der Zurichtungen und der Wünsche.“ (notiert Okt. 2011)
Diese Worte einer meiner Lieblingsautorinnen, Marlene Streeruwitz, verstehe ich bis heute als Proklamation und als Appell zu Selbstermächtigung und Selbstbestimmung.
Und so fragt mein Text natürlich auch danach, wie es 2022 noch oder wieder sein kann, dass mir mein Schwangerschaftsabbruch als „Unerhörtes“ bzw. „Unsagbares“ erscheint. Als eine Entscheidung, die ich außerhalb des nicht-linken Spektrums, also z. B. in meiner Familie oder innerhalb meines Arbeitszusammenhangs, bis heute nicht erwähnt habe, aus Angst, mich großem Unverständnis und Verurteilungen ausgesetzt zu sehen.
Das Unerhörte meiner Entscheidung, die Mutterschaft „auszuschlagen“, besteht ja womöglich gerade in der Entscheidung für das von zahllosen Feministinnen vor mir erkämpfte Recht zur freien Wahl aus ganz und gar persönlichen Motiven, aus einer Verweigerung der oben beschriebenen Rollenfalle, die nicht als notwendig auftretende Begleiterscheinung der Entscheidung zum Mutter- resp. Elternsein akzeptiert werden darf. Dass diese Verweigerung einen lebenslangen Verzicht bedeutet, der gleichzeitig schmerzt, sei vorsichtshalber doch noch mal erwähnt, denn dieser Text zielt nicht auf eine allgemeine, einseitige Glorifizierung der Kinderlosigkeit als Gelingensbedingung von Autonomie.
Wohl aber ging es mir bei meiner Entscheidung darum, ein Leben, in dem Alltags- und Beziehungsorganisationsfragen dominieren, Freundschaften dem Elternsein untergeordnet werden und das geprägt ist von ständiger Zeitknappheit und „Unterforderung“ (Frigga Haug), abzulehnen. Als politisch verstandene Entscheidung hoffe ich auf die Möglichkeit, mit diesem Text an das uneingelöste Begehren nach einem guten Leben für alle, ob nun mit oder ohne Kind, zu erinnern und dieses uneingelöste Versprechen in einem notgedrungen ambivalenten Alltag lauter und eindringlicher besprechbar zu machen.
Den entstehenden Raum mit gemeinsamer Auseinandersetzung zu füllen, über ausstehende radikale gesellschaftliche Veränderungen und ganz andere Formen der Vergemeinschaftung – das ist eine echte Herzensangelegenheit.
Bo Rowsky verkauft ihre Arbeitskraft im Bildungssektor, schreibt in verschiedenen Genres und findet Trost in guter Literatur. Stets kämpft sie mit den Widersprüchen und Ambivalenzen von (fast) allem, z. B. der Verwendung eines Pseudonyms beim vorliegenden Text.
Literaturliste
- Belin, Henri, Arbizu, Susana: Quand je veux, si je veux (Dokumentarfilm). Frankreich 2018.
- Cixous, Hélène: Le rire de la Méduse. 1975
- Darleux, Corinne Morel: Plutôt couler en beauté que flotter sans dignité. 2019.
- Diskus – Frankfurter Studierendenzeitschrift: How to Abtreibung in Deutschland. 2019
- Donath, Orna: Regretting motherhood. 2015.
- Dolderer, Maya: Why have kids? Begehren in pädagogischen Beziehungen. In: Phase 2 #49, 2014.
- Ernaux, Annie: Mémoire de fille. 2016.
- Frappier, Désirée et Alain: Le choix. 2015.
- Göttle, Gabriele: Gedanken über mögliche Formen feministischer Anarchie. In: Die Schwarze Botin, 1978
- Haug, Frigga: Die Vier-in-einem-Perspektive. Hamburg 2011.
- Illouz, Eva: Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung. Berlin 2012.
- Maron, Monika: Ach Glück. Frankfurt am Main 2007.
- Millar, Erica: Happy abortions – Mein Bauch gehört mir – noch lange nicht. Berlin 2018.
- Özdamar, Emine Sevgi: Seltsame Sterne starren zur Erde. Köln 2003.
- Pardeller, M. und tagediebin: Ein eigenes Zimmer hatte ich mal. Phase 2 #57, 2019.
- Pfaller, Robert: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. Frankfurt am Main 2011.
- Sayers, Dorothy: Aufruhr in Oxford. Hamburg 1935.
Fußnoten
- [1] Den Titel Le Choix (dt: Die Wahl) habe ich mir von dem gleichnamigen Comic von Désirée und Alain Frappier entliehen, das die Geschichte des französischen Abtreibungsrechtes anhand einer persönlichen Geschichte zum Thema hat. Annie Ernaux bringt im Klappentext treffend auf den Punkt, er handele von der „conquête du droit des femmes à choisir de procréer ou non. […] Le Choix est aussi un manifeste pour une vie libre et heureuse.“ (Der Comic handelt von „der Eroberung der Frauen ihres Rechts zu wählen, ob sie gebären oder nicht. […] Le Choix ist auch ein Manifest für ein freies und glückliches Leben.“ – übers. v. BR.)
- [2] How to Abtreibung in Deutschland. Frankfurt 2019. Die Titelwahl der Broschüre irritiert mich: Warum haben die Redakteur:innen nicht mehr politisches Bewusstsein walten lassen und den Begriff „Abtreibung“ durch „Abbruch“ ersetzt? Es ist lange und gute feministische Tradition, den Begriff der „Abtreibung“, der vom Fötus her gefasst ist und eine gewisse Gewalt transportiert, durch „Abbruch“ zu ersetzen, weil in diesem Begriff sprachlich präzise und sachlich der biologisch-physiologische Aspekt im Fokus steht und vor allem natürlich die Frau als selbstbestimmt Handelnde.
- [3] Die Passage geht wie folgt weiter: „Wir fordern die Abschaffung aller Anti-Abtreibungs-Paragraphen und Unterstützung Betroffener durch Staat und Gesellschaft! Weg mit § 218 und § 219! Weg mit der Zwangsberatung! Für die Behandlung von Schwangerschaftsabbrüchen im Medizinstudium! Für den legalen, kostenlosen und niedrigschwelligen Zugang zu Abtreibungen!“ Immerhin hinsichtlich dieser Forderungen gibt es derzeitig einen ersten Teilerfolg zu verzeichnen, die Aufhebung des § 219a durch den Deutschen Bundestag.
- [4] Warum die grammatikalische Figur der 3. Person Singular, warum dieses unpersönlich wirkende „sie“? Viel wurde bereits über die unhaltbare Konstruktion von Authentizität in Erinnerungsprozessen geschrieben. Auch meine Erinnerung ist äußerst bruchstückhaft, unterliegt der Nachträglichkeit. Zu den meisten Situationen habe ich nur unkonkrete Bilder, lückenhafte Dialoge behalten. Dieses drücke ich aus im Pronomen der 3. Pers. Sg.
- [5] Vgl. https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/_218.html
- [6] Illouz, Eva: Warum Liebe weh tut – eine soziologische Erklärung. Berlin 2012.
- [7] Ich betone das, weil es immer noch verbreiteten Vorstellungen widerspricht. Einen Einspruch dagegen erhebt Happy abortions – Mein Bauch gehört mir – noch lange nicht von Erica Millar, Berlin 2018. Und ebenso der sehr empfehlenswerte Dokumentarfilm Quand je veux – si je veux (Frankreich 2018).
- [8] Aus Monika Maron: Ach Glück. Frankfurt am Main 2007. Der letztlich sehr triviale Roman hinterließ keine weiteren Spuren.
- [9] Premiere am 13.6. 2013 im Hamburger Schauspielhaus: Xxbox – Eine Performance zu weiblichen Identitäten (mit Meike Klapprodt).
- [10] Aus: Pardeller, M., und tagediebin: Ein eigenes Zimmer hatte ich mal. Phase 2 #57, 2019.