#8 Kämpfe

Carolin Krahl

outside the box

AG Dauerwelle

Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni

Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand

Luise Schröder & Chedly Atallah

Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)

Anne Hofmann & Alexandra Ivanova

outside the box

Bo Rowsky

Lilli Helmbold

Elske Rosenfeld

Sarah Uhlmann

AG DDD

Lisa Jeschke

Lea Kolling

Katharina Zimmerhackl

Eine Tochter

Verena & Thorsten

Koschka Linkerhand & Olga Winter

Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand

AG Dauerwelle1

„Es ist besprechenswert.“

Wie wir uns auf die Suche nach einer, nach der feministischen Bewegung begaben


Dies ist der Versuch einer Kartographierung. Wir suchen nach den Wegen und Abzweigungen feministischer Bewegung(en) in Leipzig.2 Dafür haben wir unsere eigenen Lebensverhältnisse mit Anderen, die unser feministisches Anliegen teilen, ins Gespräch gebracht und suchen nach Verbindungen, ohne die Bewegungen vollständig erfassen zu können. Die Feminist:innen, mit denen wir gesprochen haben, sind in anderen Zeiten, Räumen und Himmelsrichtungen der Stadt zu Hause. Wir wollen die leeren Stellen auf unserer Stadtkarte füllen: Was treibt junge Feminist:innen auf die Straße? Wogegen rebellieren Frauen heute, die schon 1989/90 Zeitschriften gründeten? Wo lassen sich Verbindungen knüpfen, politische Forderungen teilen? Wo trennen uns nicht nur Stadtteilgrenzen, sondern auch Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen? Wie haben wir selbst angefangen, Gruppen, Zusammenhänge, Zeitschriften zu gründen und Neues zu schaffen?


Verstehst du dich selbst als Teil der/einer feministischen Bewegung? Wie würdest du diese charakterisieren?

Gibt es ein Wir, eine gemeinsame Richtung der feministischen Kämpfe in der Gegenwart, oder bleibt der Kampf bei der Forderung nach individueller Handlungsfähigkeit stehen? Stimmt es, dass es keine feministische Bewegung (mehr) gibt und wir (auch) deswegen Theorie machen? Wühlen wir mit unserem Fokus auf Leipzig, der Stadt, in der wir leben, eine Zeitschrift machen, doch nur im Eigenen und verpassen dabei die wirklichen Kämpfe, die doch immer woanders stattfinden? Wir fragen uns, wie sich widerständige Praktiken und politische Antagonismen der Gegenwart in der Stadt zeigen, in der wir leben und politisch aktiv sind.


Wir haben wahrgenommen, dass in den letzten zwei Jahren sexuelle Gewalt gegen FLINTA und Femizide in Leipzig – oft nah oder direkt in unserem Umfeld – vermehrt öffentlich thematisiert wurden. Wie nimmst du das wahr? Was hat das mit dir gemacht und für dich verändert?

In den zwei Jahren, in denen wir die Gespräche führen, sitzen wir viel zu Hause und vor Computern. Gefühlt bewegt sich nichts mehr. Es ist Pandemie. Wir beginnen zu diskutieren, Fragen zu ent- und wieder zu verwerfen. Wie fragen wir nach feministischer Bewegung, wenn wir sie selbst kaum spüren?

Gleichzeitig beobachten wir nach dem Femizid an Myriam Z. im März 2020 eine neue Qualität der feministischen Organisation in Leipzig. Die feministische Politisierung im Zuge des Femizids führte zu einer breiten Vernetzung bestehender und neu gegründeter Gruppen sowie zu neuen Formen des feministischen Protests: Neben einer breiten Inanspruchnahme des öffentlichen Raums in den folgenden Monaten wurden Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe in unterschiedlichen Teilen der Stadt bekanntgemacht und es kam innerhalb kürzester Zeit immer wieder zu Spontandemonstrationen.

Wir suchen die ­Bewegung in ­Zeiten des Stillstands. Und finden sie auch. Die Gespräche führen wir auf Parkbänken, in Kleingärten, Küchen und Büros.

Wir starten unser Interviewprojekt. Sammeln potenzielle Gesprächspartner:innen und fragen sie an. In Leipzig findet in den letzten Jahren eine Ausdifferenzierung der linken und feministischen Szene statt. Das führt zu neuen Orten der Auseinandersetzung, neuen Aushandlungen, auch über alteingesessene Erkenntnisse. Es gibt Vernetzungstreffen, Organisationsversuche, aber die Vereinzelung der Gruppen in ihren jeweiligen inhaltlichen Bezügen scheint uns zumindest meistens zu überwiegen. Gleichzeitig gibt es ein Begehren nach Verständigung. Damit stellt sich auch die Frage nach Ausschlüssen. Migrantische feministische Positionen fehlen lange auch in unseren Gesprächen. Wir fragen an, bekommen Absagen, recherchieren weiter: In Leipzig und für die outside stellen sich Verknüpfung zwischen den einzelnen Organisationen migrantischer und nicht-migrantischer Gruppen nicht ohne weiteres her. Auch hier fehlen Tradierungen von Kämpfen, Verbindungen von Orten und Menschen. Was bleibt, ist ein Problembewusstsein und die Notwendigkeit, diese Zustände zu reflektieren und sie zu verändern. Davon wollen wir uns nicht ausnehmen.

Wir suchen die Bewegung in Zeiten des Stillstands. Und finden sie auch. Die Gespräche führen wir auf Parkbänken, in Kleingärten, Küchen und Büros. Nachträglich ordnen die einzelnen Gespräche die Zeit, binden uns an die geminsame Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Zuständen und geben uns Kraft.

In der Arbeit mit dem Material haben wir immer wieder das Gefühl, den Gesprächen und unserem Anliegen nicht gerecht werden zu können. Wir fühlen uns erschlagen von der Fülle der Interviews, den Transkripten, unseren Gedanken. Welche Rolle spielen wir als Schreibende? Dürfen wir die Antworten der anderen nehmen und deuten? Wie erfinden wir eine passende Form für das, was wir vorhaben?

Sehr viel später kommen wir zu dem Schluss: Nicht die Deutungen unserer Gespräche sind das Ziel, sondern die Gespräche selbst. Einen Anfang zu machen und wieder, über Grenzen von Generationen, Alter, Stadtteilen, politischen Ausrichtungen hinweg, darüber zu sprechen, was gemeint ist, wenn wir Feminismus sagen, was wir anders haben wollen – in der Gesellschaft, in unseren Beziehungen, mit diesem Leben.


Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst: Wie hat sich dein feministisches Bewusstsein entwickelt?

„Also, ich konnte gut rennen. Ich hatte damals noch lange Haare. Die sind immer zuerst auf die Typen, die Nazis, und dann erst auf die Frauen, und da war ich schon weg, ich hatte echt oft Todesangst. Wir waren viel bei Konzerten, auch diesen linken Reaktionskonzerten nach der Wende, die wurden immer überfallen von Nazis aus Leipzig. Die Szene war nicht so getrennt wie jetzt. Es waren Redskins, Gruftis, Punks, und alle haben gegen Nazis gekämpft. Wir kannten uns alle, etwa die Hälfte hat im besetzten Haus gewohnt. Nun ja, das war Anfang der Neunziger“, sagt Nora3 und fügt hinzu: „Das hat jetzt alles nichts mit Feminismus zu tun, sondern mit meinem Weg dahin.“ Sie habe dann in der sehr männlich geprägten Antifa die Erfahrung gemacht, dass sie als Frau eher nur mitlaufen (und davonlaufen) durfte. „Und daraufhin haben wir so eine Frauen-Antifa-Gruppe gegründet, den Antifaschistischen Frauenblock Leipzig (AFBL). Wir haben angefangen, selbst Politik zu machen.“ Es folgten politische Diskussionen, unter anderem um Definitionsmacht und „No-means-No“-Kampagnen.

Susanne erinnert sich, dass in ihrem Elternhaus und in der DDR immer die Rede von Gleichberechtigung war, aber „es war andauernd gar nicht so. Und das aber erst mal zu kapieren, woran das liegt und dass sich das systematisch durchzieht … “ Die Punkkonzerte in Rostock seien damals wichtig für ihre Politisierung gewesen, aber auch ihr Studium in Thüringen, wo sie StuRa-Sprecherin wurde und plötzlich forsch zum Hochschulstreik aufrief. Nora und Susanne lernten sich in Leipzig kennen, wo beide schließlich an der Organisation der ersten Ladyfeste in Leipzig 2003 beteiligt waren. Susanne war im Leipziger StuRa-Referat für Frauen- und Lesbenpolitik aktiv. Das sei, sagt sie, parallel zu ihrem linken Antifa-Umfeld gewesen und „damals gar nicht so leicht zu vereinbaren. Es war ein bisschen verpönt innerhalb der Szene. Politikwissenschaft – willste jetzt Kanzlerin werden?“ Frauen- und Lesbenthemen kamen damals in der linken Szene nicht gut an – und laute, grölende Punkmucke stieß an der Uni auf wenig Gegenliebe.

Eine Generation später gründet sich in Leipzig die Gruppe Objection. Die Aktivistinnen von Objection agieren als Gruppe im digitalen Raum. Über Social-Media-Plattformen wie Facebook, vor allem aber Instagram veröffentlichen sie Texte zu materialistischem Feminismus und kommentieren die politische Szene in Leipzig. Sie kamen an der Uni mit Marxismus und kritischer Theorie in Kontakt, „wobei das nicht explizit feministisch ist. Ich dachte, vielleicht sind bestimmte Schieflagen halt gesellschaftlich und nicht individuelle Probleme, egal ob in Bezug auf Weiblichkeit oder nicht. Ich habe dann aber festgestellt, dass es eine krasse Leerstelle gibt.“ Die Leerstelle: der eigene Leidensdruck als Frau, Erfahrungen im Alltag, das eigene Körperbild, Beziehungen, Ängste, Unsicherheiten. „Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sich mit Frauen auszutauschen. Wir leiden alle darunter. So hat sich das bei mir geformt.“ Es folgte der „Schlenker zur Psychoanalyse, vor allem zur feministischen Psychoanalyse. Das war mein Einstieg in den Feminismus.“ Für die Feministinnen von Objection stehen strukturelle, gesellschaftliche Probleme und deswegen ein materialistischer Feminismus in Verbindung mit Kapitalismuskritik im Fokus: „Man kann es nicht individuell lösen. Es ist viel komplexer, als dass es nur einzelne, unterdrückte Identitäten gibt. Es ist ein ganzer Herrschaftskomplex, und mit Hilfe der Psychoanalyse versuchen wir zu erklären, wie er sich in den Einzelnen niederschlägt.“ Am Queerfeminismus kritisieren sie die Betonung der Individualität: Geschlecht könne man sich nicht „überstülpen und wieder ausziehen, als ein individueller Akt.“ Ähnlich wie Nora und Susanne Jahrzehnte vorher gehörten sie zu den wenigen Frauen in den linken Zusammenhängen, in denen sie zuerst aktiv waren: „Dann habe ich meine erste feministische Gruppe mit einer Freundin gegründet.“ Sie haben viel gelesen und Gleichgesinnte getroffen, Solidarität unter Frauen wurde ein wichtiges Prinzip, um den patriarchalen Strukturen, die an der eigenen Person, am eigenen Körper beginnen, die Stirn bieten zu können.

Auch bei Luke begann das politische Bewusstsein mit der Auseinandersetzung um den eigenen Körper: „Ich glaube, bei mir hat das ganz viel mit einer queeren Biografie zu tun.“ In Dresden hatte er zum ersten Mal Kontakt zu einer zwar nicht queeren, aber schwul-lesbischen Szene. Es war für ihn das erste Mal, „überhaupt zu sehen: Ah, es gibt andere wie mich! Ich würde sagen, das ist eine Grundlage dafür, dass man sich überhaupt politisieren kann. Denn alleine ist man einfach überwältigt von einem System und kann auch nichts dagegen ausrichten.“ In Leipzig bekam er dann Kontakt zur queerfeministischen Szene, zunächst in einem Schulprojekt des RosaLinde Leipzig e. V. Immer mehr verstand er: „Es gibt noch andere Menschen, die ebenfalls von einer Herrschaftsform betroffen sind oder Diskriminierung erleben. Und es gibt bestimmte Intersektionen, durch die Leute noch mal ganz andere Erfahrungen machen. Es gibt nicht nur Frauen, sondern es gibt auch Frauen unterschiedlicher Hautfarbe. Oder es gibt Queers mit unterschiedlichem Klassenhintergrund. Menschen machen aufgrund dieser Intersektionen unterschiedliche Erfahrungen, werden aber an manchen Stellen einfach überhaupt nicht mitgedacht.“

Bei Mona begann alles etwas früher in ihrer Biografie: „Ich bin in einem feministischen Haushalt groß geworden. Das hat, glaube ich, eine große Rolle gespielt. Meine Mutter hat sich von meinem Vater getrennt, da war ich zwei, und dann habe ich mit ihr und meiner mittleren Schwester zusammengelebt. Ich bin mit Frauen groß geworden. Meine Mutter hat dann 1990 oder 1991 in Suhl in Thüringen ein Frauenzentrum und ein Frauenhaus gegründet. Und ab da war das Teil meines Lebens, weil sie viel Zeit dort verbracht hat. Und ich auch.“

Rubin ist in der DDR groß geworden. Ihre Großmutter war Buchhändlerin und hatte eine kleine Bibliothek in ihrem Haushalt: „Da gab es unter anderem das Buch von Simone de Beauvoir, Memoiren einer Tochter aus gutem Hause. Schon bei dem Titel erreichte mich etwas sehr, ich glaube, das hat meinen Weg eröffnet. Dieser Bruch zwischen: Was wird erwartet und was will ein Mädchen oder eine junge Frau selber leben?“ Rubin hat geheiratet, Kinder bekommen und gemerkt, dass es nicht das Leben ist, das sie sich vorstellte: „Wie ich das gemerkt habe, fragst du? Einmal zum Beispiel am Kinderspielplatz. Alle Mütter rüttelten ihren Kindern hinterher und hoben sie aufs Klettergerüst. Und die Helke, mit der ich hier heute wohne, saß als Einzige an diesem Sandkasten und las Buch, so wie ich. Ich bin irgendwann zu ihr hin und habe gesagt: ›So, du liest Buch, ich auch. Wir können ja mal uns ein bisschen näher setzen.‹ Und dann begann es, dass wir uns befreundeten.“ Alltägliche Erfahrungen führten bei Rubin zum Umbruch: „Wo bist du denn gelandet, wenn du Wert darauf legst, die Wäsche genauso ordentlich wie deine Mutter aufzuhängen?“ Zusammen mit einer Freundin kam ihr die Idee, eine eigene Zeitschrift zu machen. Eine Zeitschrift, die sich weiblicher Erfahrung widmet. Im Schreiben entwickelten sie Begriffe und eine Sprache für die Widersprüche, denen sie als Frauen in der Gesellschaft ausgesetzt waren – in der DDR vor allem mit der Unmöglichkeit, sich angesichts des Narrativs von der Gleichstellung der Geschlechter die eigene Unterdrückung bewusst zu machen.

Auch für Carmen war das Schreiben und der künstlerische Ausdruck wichtig für die Entwicklung einer feministischen Perspektive. Sie nennt es die „schaffende Seite vom Feminismus“ und erzählt von der mexikanischen Schriftstellerin Rosario Castellanos: „Diese Art, ganz anders zu schreiben, oder auch ganz andere Kompositionen und Farben bei Bildern – das hat mich bewegt. Es gibt das andere auch.“ Carmen beschreibt ihr Elternhaus als sehr liberal. Doch „feministische Wut“ sei dennoch entstanden, als sie miterlebte, wie ihre Freundinnen von den Vätern eingeengt und diszipliniert wurden. „›Wohin gehst du? Mit wem? Wann kommst du zurück? Das kannst du nicht machen.‹ – Ich fand das total doof. Ich habe mich auch eingeschränkt gefühlt, nicht durch meine Eltern, aber ich hatte schon Angst. Oder: Ich habe Angst gelernt. Zu bestimmten Uhrzeiten sollte man mit bestimmter Kleidung nicht an bestimmte Orte. Ich komme aus Mexiko und ja, es ist ein bisschen schwierig. Da habe ich angefangen, diese feministische Wut zu sammeln.“ Mit 16 oder 17 Jahren entwickelte sie zunehmend ein politisches Bewusstsein – auch aufgrund gefälschter Wahlen in Mexiko. „Ich habe mich mehr involviert in verschiedenen Gruppen und ganz viel gelernt über die feministischen Bewegungen in Lateinamerika und von den Frauen, die zum Beispiel ihre Geschichten gestickt haben.“ Insgesamt gibt es in Mexiko kaum ausschließliche Frauengruppen, sondern eher eine große sozialistische Bewegung, in der Frauen ihren eigenen Raum suchen. „Durch Musik, das Sticken und andere traditionelle Kunst zeigen die Frauen ein anderes politisches Gesicht mit anderen politischen Praktiken. Sie haben ihre Nischen. Auch die Küche, eigentlich ein Ort der Ausgrenzung, ist zugleich eine Art Safe Space zum Schaffen von Neuem, wo sich Frauen austauschen. Swetlana Alexijewitsch sagt: ›Die Revolution ist in den Küchen entstanden.‹ Das ist ein Satz, der mich motiviert, und es freut mich, immer wieder in den Peripherien zu landen, denn nur da entstehen Ungehorsamkeit und Widerständigkeit, nicht in den Zentren.“ Wir werden auf die Küche noch einmal zurückkommen. Heute ist Carmen in Leipzig bei DaMigra tätig, wo sie zwischen den Bedarfen von Migrant:innen im ländlichen Sachsen und der zuständigen politischen Ebene vermittelt. Und auch die Kunst ist ihr nach wie vor wichtig – Carmen engagiert sich in einigen lateinamerikanischen Gruppen und macht bei Ausstellungen, gemeinsamer Musik oder Demonstrationen mit.

Ada gehört der Post-Wende-Generation an. Sie hat mit Theorie angefangen, weil sie dachte, sie müsse erst alles durchdringen, um Politik machen zu können: „Ich habe mir selber Sachen beigebracht oder gelesen und dann halt Lesekreise besucht, um ein Grundwissen zu haben. Ein bisschen aus der Unsicherheit heraus, dass man, wenn man politische Arbeit macht, schon die Basics innehaben muss und nicht dasitzen will, ohne zu wissen: Worüber geht es jetzt hier eigentlich?“ Ihre Auseinandersetzung fand zunächst eher im Privaten statt und ihr fiel auf, dass sie es mag, zusammen mit anderen Frauen Öffentlichkeit zu erzeugen. Sie gründete die Gruppe [sic!] – something in common und organisierte feministische Veranstaltungen: „Wir kannten uns eher aus einem Biertrinken-Kontext und dann aber auch von Demos. Wir hatten den Wunsch, etwas Eigenes zu gründen und nicht in eine schon bestehende Struktur zu gehen, weil wir vom Urschleim anfangen wollten. Das ist manchmal schwierig in Gruppen, die schon länger zusammenarbeiten.“ Ada war bereits seit langem in linken DIY-Kontexten unterwegs. Nun begann sie, sich zu orientieren, was ihr daran eigentlich wichtig war. „Ohne andere Feministinnen würde ich jetzt nicht hier so sitzen. Dafür bin ich auf jeden Fall sehr dankbar.“

So unterschiedlich die Ausgangspunkte unserer Gesprächspartner:innen sind: Der Beginn ihrer Politisierung und feministischer Organisierung wird nachträglich in ihren Erzählungen, oft viel später verortet, als die Auseinandersetzungen tatsächlich angefangen haben. Das hat damit zu tun, dass die Probleme im privaten Raum beginnen und dieser zunächst nicht als politisch wahrgenommen wird. Erst wenn ich Gleichgesinnte gefunden habe, weiß ich: Es geht den Anderen auch so. Es ist nicht mein individuelles Problem. Dort, im Prozess der Bewusstwerdung der eigenen Lage, beginnt die Selbstveränderung und damit das Potenzial für die Veränderung der Umstände (genau, das hat Frigga Haug gesagt). Die autonome Frauenbewegung der 1970er Jahre goss diese Erkenntnis in den treffenden Slogan „Das Private ist politisch“. Die Lösung liegt im Kollektiv, in den Verbindungen zu Anderen – in der Bewegung.

Am Anfang unserer Arbeit mit den Interviews bilden wir inhaltliche Blöcke, verdichten Themen, Motive und Bilder aus den Interviews. Ohne lange nachzudenken, legen wir einen Themenblock zu „Differenzen und Widersprüchen“ an. Davon finden wir einige, zwischen uns und den nun verschriftlichten Interviews, aber auch zwischen den einzelnen Gesprächspartner:innen. Wir beginnen mit dem Ausformulieren, merken aber schnell: Es passt nicht. Die Inhalte, die einzelnen Erfahrungen gehen nicht in den großen Worten der wohlsortierten Geschichtsschreibung auf.


Für wen kämpfst du? Und wo siehst du Verbündete?
Welche Verbindungslinien zu anderen Kämpfen seht ihr und an welchen Schnittstellen kämpft ihr?

Wir setzen neu an, greifen noch einmal zurück auf unser Material, suchen neue Zusammenhänge. Was wir finden, sind unterschiedliche Bezugsräume, Beziehungen und Verknüpfungen.

Die outside the box gründete sich in einem Einspruch gegen die feministische Leerstelle der antideutschen Szene in Leipzig am Ende der 2000er. Die jungen Feministinnen von Objection haben das Gefühl, dass sie dem „hegemonialen Queerfeminismus“, den sie in ihrem politischen Umfeld erleben, widersprechen müssen. Nora musste erst vor den Nazis wegrennen, bevor überhaupt an feministische Organisation zu denken war. Rubin suchte etwas anderes gegen die widersprüchliche Gleichstellungspolitik der DDR, die Frauen hauptsächlich als arbeitende Mütter adressierte. Alle reiben sich auf zwischen feministischen Ansprüchen und Lohnarbeit. Bei Ada und Mona treten noch Kämpfe gegen Entmietung und selbstorganisierte kulturpolitische Veranstaltungen hinzu, Luke sucht nach Verbundenheit im Aufbau von Aufklärungsprojekten und Communitybuilding als Grundlage kollektiver Handlungsfähigkeit. Carmen arbeitet an einer Brücke zwischen migrantischer Selbstorganisation in Institutionen und internationalen Solidaritätsbewegungen. Die Differenzen und Widersprüche im politischen Wollen, die wir finden, ergeben sich (auch) aus unterschiedlichen Verortungen, Erfahrungen und deren politischen Implikationen. Woraus speist und wogegen richtet sich das feministische Bewusstsein? An wem arbeitet man sich ab, wem widerspricht man, weswegen spaltet man Feminist:innen? Was bringt und hält sie zusammen?

Für Luke ist gerade das Einander-Finden grundlegend politisch: „Dass sie sich erst mal finden müssen, ist ein stärkeres Problem für Minderheiten. Das unterscheidet sich von der Erfahrung als Frauen, weil Frauen, wenn auch marginalisiert, erst mal keine Minderheit sind. Es gibt verschiedene Anlaufstellen, die im Laufe der Zeit geschaffen wurden von der Bewegung oder den Menschen, die dahinterstanden. Immerhin gibt es mittlerweile diese Räume oder Vernetzungsstrukturen. Dieser erste Schritt, ein Netzwerk zu schaffen, das ist die Grundlage, um auch anders politisch arbeiten zu können.“

Sandkästen, Küchen, Partys, Bibliotheken sind in den Lebens­geschichten unserer Gesprächspartner:innen Ankerpunkte feminis­tischen Bewusstseins

Gefundene Freundschaften, lose bis enge Verbindungen, erkämpfte Räume und Netzwerkstrukturen werden zur Grundlage der gemeinsamen Organisation. Freundschaften und Beziehungen sind in den Gesprächen immer wieder Orte des feministischen (Neu-)Beginns. Sandkästen, Küchen, Partys, Bibliotheken sind in den Lebensgeschichten unserer Gesprächspartner:innen Ankerpunkte feministischen Bewusstseins. Wenn Feminist:innen sich auf andere Feminist:innen beziehen, ergeben sich neue Formen des Gemeinsamen. Und noch vor den Freund:innenschaften sind es Bücher, die Geschichten anderer Frauen oder Queers, die sich aus den patriarchalen Zwängen ihrer Zeit befreiten, die die Imagination der kommenden Emanzipation erahnen lässt. Ada findet in SciFi-Literatur die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren. Sie fragt sich: „Wie schafft man es, den Körper anders zu sehen, davon wegzukommen, dass der Körper geschlechtlich so funktionieren muss?“

Wogegen wir uns verbünden, Einspruch erheben, wovon wir uns abspalten, ist unterschiedlich. Die einen stellen sich gegen linkes Mackertum, erst in der Antifa und dann in den Theoriezirkeln der antideutschen Szene, die anderen führen innerhalb queerfeministischer Zusammenhänge ihre Auseinandersetzungen. Wir beziehen uns gleichermaßen auf das politische Projekt des Feminismus, und doch sind es gewachsene linke Zusammenhänge, unterschiedliche Generationen und gesellschaftliche Konstellationen. Die Annahme, dass wir von Demselben sprechen, wenn wir Feminismus sagen, bleibt damit ein Missverständnis 4, ohne dass sich die Verortung der eigenen Kämpfe in bloße Pluralität auflöst. Die feministischen Forderungen, deren Praxis und Argumente entwickeln sich in der Auseinandersetzung, sind gebunden an ihr Gegenüber. Gleichzeitig dient eine Verständigung darüber, wo wir herkommen, was wir wollen, im besten Fall der Verknüpfung unserer unterschiedlichen Situationen und der Vermessung eines potenziell Geteilten in Einheit und Differenz. Die Frage danach, was feministische Inhalte und deren Formen sind, zeigt sich als Beziehung, als fortlaufendes Gespräch, als konflikthafte Reibung. Dabei wird über eigene Erfahrungen von Ausgeschlossensein, literarische Abdrücke und Utopien und vor allem in Auseinandersetzung mit anderen, die die eigenen Themen teilen, vermittelt, wie es ganz anders sein könnte: Wie verhält man sich zur Gesellschaft, zur linken Szene, wie zu anderen Feminist:innen?


Wie notwendig waren und sind Kontinuitäten für dich in deiner Erfahrung?

„Brüchig. Es gibt eigentlich keine feministische Geschichtsschreibung. Es gibt immer nur ein Ringen darum, warum es so schwierig ist.“ In diesem Zitat benennt Karina Korecky5eine Beobachtung, die uns in unserer eigenen Erfahrung und auch im Interviewprojekt immer wieder begegnet: das Gefühl, nicht an eine feministische Linie oder Tradition, an einen etablierten Wissensbestand anschließen zu können. Ein queeres oder feministisches Theorieparadigma löst das nächste ab, ältere Erkenntnisse verschwinden wieder. Eine breite Theorietradition gibt es nicht. Gleiches gilt für unsere Strategien: Wir gründen unsere Archive, in Leipzig gibt es z. B. seit 1990 die feministische Bibliothek MONAliesA, und stellen überrascht fest, dass das schon Frauen des vorletzten Jahrhunderts getan haben. Wir stellen Care-Work in den Fokus unseres Aktivismus und fragen uns, warum wir das schon wieder oder immer noch tun müssen – die „Lohn für Hausarbeit“-Debatte der 1970er scheint nichts mehr mit uns zu tun zu haben. Wir streiken am 8. März und schließen damit ebenfalls an eine alte Form feministischer Organisation an. Wir machen feministische Zeitungen, haben die unserer Vorgängerinnen jedoch nie gelesen. Und noch einmal zurück zur Küche, in der Carmen mit _ihren Genossinnen Erfahrungen austauschte: „Wir waren enttäuscht, die Geschichte wiederholte sich – auch wir waren dem Sexismus unserer männlichen Mitstreiter ausgesetzt.“ Warum kommt es zur permanenten Wiederholung im Feminismus?


Gab es Momente oder Phasen auf deinem feministischen Weg, wo du den Eindruck hattest,
— etwas Neues zu machen?
— etwas fortzuschreiben?
— etwas wiederholen zu müssen?
— etwas abzustoßen oder dich von jemandem oder etwas trennen zu müssen?

Unsere Gesprächspartner:innen erwähnen alle, dass sie Neues initiierten: „Ja, auf jeden Fall. Die ganze Zeit eigentlich,“ sagt Carmen. Rubin gründete eine Zeitung, um ostdeutsche Verhältnisse anzuprangern: „Also, die Leute in einer anderen autonomen, selbstorganisierten Samisdat-Zeitschrift haben darüber geschrieben, wie ihr Leben in der DDR ist. Es waren vornehmlich Männer. Wie war das in der Produktion, welche blöden Situationen und so weiter. Und ich habe einfach nur gedacht, wenn die über ihre Job-Kacke da schreiben können, dann kann ich auch über diesen privaten Raum von Frauen sprechen.“ Mona wiederum initiierte eine feministische Müttergruppe aus der Notwendigkeit heraus, „dass die Leute Mütter werden. Und Feministinnen bleiben. Uns ist aufgefallen, dass uns feministische Perspektiven auf das Thema Mutterschaft fehlen, weil es kaum im Feminismus verhandelt wird. Aber wir wollten es zum Thema machen.“ Also gründeten sie den feministischen MÜTTERStammtisch, wo sich Mütter theoretisch und entlang ihrer Erfahrungen austauschen.

Wir beginnen, notwendige Dinge zu tun, und begeben uns dann auf die Suche. Die verstellte feministische Geschichtsschreibung schlägt wieder zu. Auf unserer Suche begegnen uns Menschen, die ähnliche oder die gleichen Themen und Strategien schon lange vor uns bewegten. Schon vor 50 Jahren gründeten Feminist:innen die Kinderladenbewegung.

Geschichte ist nie einfach vergangen, sie wird im Nachhinein hergestellt, abhängig von dem:der, der:die sie erzählt. Doch wer hat die Deutungshoheit darüber zu erzählen, was war? Die von Männern gemachte gesellschaftliche Ordnung hat ihren Niedergang nicht zu befürchten, solange sie durch Institutionen bewacht wird, die die Geschichte in ihrem Sinne erzählen. Grenzüberschreitungen sozialer Bewegungen werden verschwiegen und müssen immer wieder um Sichtbarkeit ringen: Rubin Anfang der 1990er mit ihrer Zeitschrift, Susanne und Nora Ende der 1990er mit den Ladyfesten, wir und ihr seit den 2000ern, also in unterschiedlichen historischen Kontexten. Carmen erinnert an Widerstandsformen lateinamerikanischer Frauen – das gemeinsame Sticken als Entdecken der eigenen Geschichte. Wenn sie nicht erinnert werden und keinen Eingang ins kollektive Gedächtnis der Gesellschaft finden, erhalten sie keine Legitimität und werden für immer Abweichungen bleiben, die reglementiert und einkassiert werden. Das ist das Eine. Wenn wir selbst aber die Gegenbewegungen nicht erinnern, müssen wir uns immer wieder von Neuem an die Strategien unserer Befreiung herantasten. „Nicht mehr hinterherzulaufen heißt, eigene Formen finden“, sagt Nora im Rückblick auf ihre Antifa-Zeit. Wie die autonome Frauenbewegung, die vor 50 Jahren der Studentenbewegung eine Absage erteilte und sich eigene Aktionsräume eroberte. Hätte es uns geholfen zu gucken, wie die es damals gemacht haben? Zumindest hätten wir den Zuspruch erhalten, dass es notwendig und richtig ist, sich zu wehren, selbst wenn andere Probleme dringlicher scheinen: „Die Leute sehen heute gar nicht mehr, was das für ein Kampf war, Connewitz nazifrei zu bekommen“, sagt Nora. Für ihre neuen Formen fanden sie und ihre Genossinnen das Conne Island, aber weil feministische Standpunkte damals keine (und heute keine selbstverständliche) Rolle in der linken Szene spielten, lautete der Vorwurf: „Nestbeschmutzerin“. 20 Jahre später kämpft auch Ada im Conne Island, und zwar um dieselbe Frage: Wie können wir diesen Ort im Besonderen und die Welt im Allgemeinen feministischer machen?

Die Frage nach Kontinuitäten der eigenen Geschichte ist für ihn schwer zu beantworten, weil es so wenig historische Repräsentationen von trans Personen gibt.

Und Rubin 30 Jahre vorher? Ihr Land hat aufgehört zu existieren und eine historische Forderung kehrt wieder: Wir sind selbstbestimmte Subjekte, „ohne uns ist kein Staat zu machen“ (genau, Ina Merkel hat das gesagt). Luke erinnert daran, dass ein Nicht-Erinnern und De-Thematisieren innerhalb der Bewegung(en) diese schwächt: „Wenn es um die Frage nach einer feministischen Bewegung geht, dann sind natürlich die Frauenbewegungen und ihre Organisationen sehr wichtig. Aber Stonewall oder Compton’s Cafeteria, queere Bewegungen sind genauso ein Teil davon. Das darf nicht in Konkurrenz zueinander stehen. Es geht eigentlich um eine Erweiterung.“ Die Frage nach Kontinuitäten der eigenen Geschichte ist für ihn schwer zu beantworten, weil es so wenig historische Repräsentationen von trans Personen gibt: „Wo bin ich verortet in dieser Weltordnung, im historischen Ablauf?“, fragt Luke. Der Duktus des Neu-Machens entspricht oft auch einem – verständlichen und berechtigten – politischen Abgrenzungswillen der zeitgenössischen queeren und feministischen Strömungen: „Vielleicht teilt ihr auch den Eindruck,“ sagt Mona, „dass vieles aus der Zweiten Frauenbewegung abgelehnt wurde. Und man sich gar nicht auf Kontinuitäten beziehen wollte.“

In mehreren Gesprächen reden wir über Intersektionalität und darüber, dass diese Perspektive eine größere Rolle im jeweiligen politischen Umfeld spielen muss. Nicht-Erinnern und De-Thematisieren hat auch zur Folge, dass uns Begriffe und eine Sprache zur Beschreibung der eigenen Marginalisierung verlorengehen. Mona hat sich mit ihren Genossinnen an Begriffen aus dem internationalen feministischen Kampf gegen Femizide orientiert, die in Deutschland (noch) nicht präsent waren: „Gäbe es die Ni Una Menos-Bewegungen in Lateinamerika und den Begriff Feminizid nicht, würden wir immer noch ratlos hier sitzen, ohne das Phänomen geschlechterspezifischer Gewalt an Frauen benennen und einordnen zu können.“ Die Schwarze Frauenbewegung hat lange vor unserer Zeit darauf hingewiesen, dass Menschen gleichzeitig mehrere Ungleichheitserfahrungen aufgrund ihrer Hautfarbe, sozialen Stellung, Religion oder sexuellen Orientierung erleiden können. „Der intersektionale Gedanke fehlt mir oft hier in Leipzig“, sagt Ada.

Insgesamt sind wir uns in diesem Punkt sehr einig. In jedem Gespräch wurde deutlich, dass ein Anknüpfen an Vergangenes wichtig ist für das soziale Handeln im Jetzt. Deutlich wird aber auch, dass wir uns das Wissen um verschüttete Bewegungen, Ideen, Begriffe, Strategien und Theorien erst aneignen mussten, weil den Hütern der gesellschaftlichen Ordnung natürlich nicht daran gelegen war, den Widerstand ins Jetzt zu transportieren. Unsere Gesprächspartnerin von der Gruppe Objection sagt: „Ich habe ein Buch gelesen von Anja Meulenbelt, Die Scham ist vorbei. Wann hat sie das geschrieben, 1973? Sie beschreibt ihre eigene Politisierung. Ich dachte: Fuck, das ist schon eine Weile her, aber genau die gleichen Probleme wie heute. Warum? Wie kann das sein? Das war für mich richtig frustrierend. Und gleichzeitig habe ich mich ihr sehr verbunden gefühlt.“ Rubin regt direkt im Gespräch an, die Kontinuitäten nicht (wieder) abbrechen zu lassen: „Es wäre doch spannend, wenn man sich mal zusammensetzt und diese Dinge hin und her tauscht. Die Generationen ein bisschen näher zueinander bringt. Ich glaube, es könnte für alle Beteiligten ganz fruchtbar werden.“

Wo streitest du dich und welche Rolle spielen Differenzen?

Erfahrungen, die Feminist:innen bereits gemacht haben, und Errungenschaften, die sie erkämpften, sind oft verschüttet. Unsere Gesprächspartner:innen legen sie wieder frei, verwenden sie für ihre eigene Arbeit und entwickeln sie weiter. Aber wie macht man das: Dinge hin und her tauschen, an sie anschließen und auch mit den eigenen Mitstreiter:innen in einen Austausch kommen? Kämpfen wir überhaupt gegen oder für das Gleiche? Eine Gesellschaft ohne gewaltvolles Patriarchat und ausbeuterischen Kapitalismus, es könnte doch so einfach sein. Auch auf der horizontalen Linie versuchen wir also, Verbindungen zu finden zu den Personen, denen wir in den Gesprächen gegenübersitzen, zu den Themen, die sie und uns beschäftigen. Unterschiedliche Perspektiven auf und Betroffenheiten durch das patriarchale und kapitalistische Geschlechterverhältnis stehen aber auch mal in Widerspruch. Sie widersprechen sich mitunter in den daraus folgenden Forderungen und Praktiken.

Die Suche nach dem Verbindenden scheint uns durch eine diffuse Angst vor und Ahnung von dem Trennenden verstellt. Mona beschreibt die Gesprächsdynamik in ihrer Gruppe: „Wir streiten uns eigentlich nie, obwohl es Anlässe gibt, da sind wir leider zu vorsichtig.“ Luke berichtet von der Vorstellung des Sammelbands Beißreflexe im Conne Island und einem Redebeitrag einer Person aus dem Publikum, die dort gesagt hat: „Trans Frauen gehören nicht in den Feminismus, weil, die menstruieren ja nicht.“ Luke traute sich damals nicht, zu dem exponierten Mikrofon mitten im Saal zu gehen. „Und das blieb fast unwidersprochen. Aber damals war es weit aus meinem Handlungsspektrum raus, da irgendwas dagegen zu halten, etwas zu sagen. Auch jetzt wäre die Hürde hoch.“ Wir stellen fest, dass auch wir in den Gesprächen vorsichtig sind, uns herantasten und nicht aktiv die Kontroverse oder nach konflikthaften Themen suchen.

„Die outside the box hatte doch auch eine Ausgabe zum Thema Streit. Ich habe das Gefühl, das findet nicht auf Augenhöhe statt. Es wäre notwendig, über Themen offen sprechen zu können. Und ich habe einfach das Gefühl, dass ich mich gerade in feministischen Kontexten nicht traue, meine Positionen auszusprechen. Wenn ich jetzt sage, was ich denke, wird es mir immer unangenehm sein, wenn ich den Leuten über den Weg laufe. Und ich finde das auch sehr schade.“ (Gruppe Objection) Und auch uns kommen diese Hemmungen bekannt vor. Entweder gibt es blutige Grabenkämpfe oder man tut so, als wäre nichts. Es scheint eine Vorwegnahme von Standpunkten zu geben, Lager, denen man sich zugehörig fühlt oder denen man zugeordnet wird. Schwer überwindbare Gräben, die das Zusammenkommen Einzelner im Streit und im Konflikt fast unmöglich machen.

Mona beschreibt zunächst einen Bruch in der Entwicklung ihres eigenen feministischen Bewusstseins – als sie mitbekommen hat, dass es neben dem Feminismus der Zweiten Frauenbewegung, den sie von ihrer Mutter kannte, verschiedene andere Feminismen gibt, z. B. den Queerfeminismus, den sie als „etwas Neues, Anderes und leicht Zugängliches“ wahrgenommen hat. Doch der Queerfeminismus führte dann später wiederum auf der persönlichen Ebene zu Verwerfungen: „Und dann hatte ich noch mal so einen Bruch wieder weg vom Queerfeminismus. Ja, mit Freund:innen hat es sich am Queerfeminismus geborsten. Naja, es wird mittlerweile ausgespart, einfach, weil klar ist, dass wir da nicht zusammenkommen oder unterschiedliche Sachen richtig finden. Aber es ist nicht zu wirklichen Brüchen gekommen.“ Auch Luke sind in den letzten fünf Jahren Reibungen aufgefallen, die nun präsenter geworden sind und die er in den unterschiedlichen feministischen Szenen verortet sieht. „Das kannte ich am Anfang noch gar nicht. Ah, es gibt ›den Feminismus‹ und zum Beispiel Strömungen wie materialistischen Feminismus oder Queerfeminismus oder diese ganzen antideutschen Debatten. Ich fand das ehrlich gesagt auch unglaublich aufreibend, weil ich dachte: Wow, wir wollen doch alle das Gleiche, eine andere Gesellschaft, die frei von Machtverhältnissen ist. Und da gibt es so krasse Spannungen. Ich finde das ganz schwer auszuhalten.“ Diese starken Spannungen haben auch Auswirkungen auf die politische Praxis der Gruppe Objection. Ihre Form ist das Schreiben von theoretischen Texten, oft polemisch mit scharfer Kritik, die sie als Interventionen, als Beitrag zu einem Streit auch innerhalb der Stadt verstehen. Sie schreiben anonym und veröffentlichen online, weil sie sich so mehr trauen, mit ihrer Meinung rauszugehen: „Deswegen weiß ich nicht, ob ich mich da so hinsetzen würde, ob ich damit so umgehen könnte, wenn Kritik kommt.“

In den Gesprächen bekommen wir den Eindruck, dass es eine negative Auffassung von Streit gibt, so dass der Bruch nicht die Konsequenz einer Aushandlung ist, sondern die Trennung vorwegnimmt und im Unbehagen mit differenten politischen Positionen liegt. Wir sind offenbar nicht darin geübt uns zu streiten, in unseren Mitstreiter:innen auch jene zu sehen, mit denen wir uns streiten. Oder wir sind es nicht mehr? Rubin berichtet aus ihrer Zeit, als es zu einem Bruch in ihrer Gruppe kam, weil einige die Entscheidung zur Institutionalisierung durchsetzten, andere aber autonom bleiben wollten: „Wir haben gesagt, das machen wir nicht, das ist das Ende unseres experimentellen Raums. Als das zur Entscheidung kam, flog ein Aschenbecher – ein Kristall-Aschenbecher – durch die Gegend, der Gott sei Dank nicht getroffen hat. Aber es war so eine Menge Wut im Raum, weil damit war das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Auf Wiedersehen.“

Auf Wiedersehen: der Bruch als Endpunkt eines Aushandlungsprozesses, in dem man erkennt, dass das Verbindende abhandengekommen ist, es kein gemeinsames politisches Anliegen (mehr) gibt und die Trennung die notwendige und gewollte Konsequenz ist. Ebenso liegt für die Gruppe Objection das Trennende im politischen Anliegen selbst: „Israel ist echt ein Konfliktpunkt. Ich hätte einfach keinen Bock, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die nicht einsehen, dass es mir wichtig ist. Es ist auch die Frage, wie darüber diskutiert wird. Und dass sich wirklich auf Augenhöhe mit einem Willen gestritten wird. Dass ein Diskurs stattfinden kann, was ja ganz oft nicht der Fall ist.“ Nora berichtet, dass ihre Entscheidung, aus ihrer Gruppe auszusteigen, eher in der Form lag. Die später stark theorielastigen Auseinandersetzungen und langen Arbeitsprozesse im AFBL passten für Nora irgendwann nicht mehr richtig, weshalb sie sich anders organisierte – entlang ihrer großen Musikleidenschaft fing sie an, das erste Ladyfest in Leipzig mitzuorganisieren und gestaltete später beim Freien Radio eine feministische Sendung gemeinsam mit Susanne. „Wir sind keine Leute, die schnell Brüche mit Gruppen machen. Wir waren zehn Jahre im AFBL, wir machen seit zehn Jahren Radio. Wir sind schon sehr kontinuitätsbezogen.“ Auch für Ada sind Brüche nicht immer Endpunkte und gleichgesetzt mit dem Abbruch von Kontinuitäten. „Es gibt immer mal Brüche, wo man nicht zusammenfindet wegen dem eigenen politischen Verständnis. Aber insgesamt gibt es trotzdem einen roten Faden oder ähnliche Forderungen, wo es immer noch darum geht, diese wieder laut zu machen. Körperliche Selbstbestimmung ist z. B. ein Thema und wird ein Thema bleiben im Kapitalismus.“ Ein heiß umkämpftes Thema, auch innerhalb feministischer Zusammenschlüsse. Luke weist in unserem Gespräch auf unterschiedliche Forderungen innerhalb queerer Communitys hin: „Ich würde sagen, das ist in der Trans- und der Inter-Bewegung auch nicht völlig reibungsfrei. Denn die kernpolitische Forderung ist eine entgegengesetzte: Die größte politische Inter-Forderung ist, dass OPs ohne Einwilligung und medizinisch unnötige OPs nicht mehr durchgeführt werden. Und viele – nicht alle – trans Personen kämpfen um ein Recht auf körperverändernde Maßnahmen, die Teil von Selbstbestimmung sind.“ Auch wenn wir also ein politisches Anliegen teilen, z. B. das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, muss die daraus entstehende Forderung nicht die gleiche sein.

In den Gesprächen begegnen uns Brüche als (noch) nicht Verbundenes, aber auch als gewollte Abbrüche oder abgebrochene Aushandlungen. In der Suche nach dem Verbindenden scheint die Möglichkeit des Trennenden immer schon aufgehoben zu sein. Es gibt einen uns alle in bestimmter Weise betreffenden Bruch, der schon präsent ist, bevor sich überhaupt ein gemeinsames Ringen um Standpunkte ergeben kann. Er heißt: patriarchal-kapitalistisches Geschlechterverhältnis. Das Geschlechterverhältnis trennt uns. Kapitalismus und Patriarchat spalten uns z. B. in Männer und Frauen, in cisgeschlechtlich und trans- und intergeschlechtlich. „Im feministischen Kontext ist es oft schwierig, wenn Frauen sich untereinander selber krass bewerten“, sagt Ada. Wir sind versehrt, und wir haben unterschiedliche Ressourcen zum Streiten. „Was ich oft auch in Gruppen erlebt habe, ist so eine Wissenskonkurrenz. Dass, anstatt miteinander zu lernen, es eher so ein Abfragen und Beweisen ist. Ja, dass es keine richtige Diskussion im Endeffekt ist.“ (Ada) Das Trotzdem, obwohl man ein ähnliches politisches Anliegen hat, liegt in der Herrschaftsform des patriarchal-kapitalistischen Geschlechterverhältnisses, das sich durch alle gesellschaftlichen Sphären zieht und damit immer auch in unsere Politgruppen und Zusammenschlüsse, in Freund:innenschaften und in unseren feministischen Kampf hinein wirkt. Luke sagt: „Da geht es nicht darum, mal jemanden falsch zu gendern oder so, sondern es geht um eine Haltung: Wer ist gleichrangig mit mir z. B. als Subjekt in einer feministischen Bewegung? Da merke ich schon: Ich möchte das nicht mehr diskutieren. Ich möchte nicht meine eigene Existenz rechtfertigen. Ich will mich vor allem nicht in einer Bewegung, bei der ich mich als Teil sehe, vor Leuten rechtfertigen müssen oder in Frage gestellt werden. Das geht nicht. Und da merke ich schon auch, dass das auch auf einer persönlichen Ebene was mit mir macht. Und dass das mit den Leuten einen Bruch bedeutet.“

Es geht uns an, nicht nur in unserem politischen Verständnis, sondern auch persönlich. Verbündete finden heißt, auch sich selbst als mögliche Verbündete zu sehen. In unserer Frage nach den gemeinsamen Kämpfen und den politischen Verbündeten interessiert uns auch die Frage nach einem geteilten politischen Anliegen jenseits eines Gefühls von Zusammenhalt und Zugehörigkeit. Die Gruppe Objection würde sich das wünschen: „Man könnte sich ja trotz aller Differenzen auf ein gemeinsames politisches Ziel einigen oder zumindest für den Moment. Und das, finde ich, das fehlt halt voll. Und das würde mir so was wie eine Handlungsfähigkeit geben, egal ob ich sie real habe oder nicht. Momentan habe ich das Gefühl, es ändert sich nicht wirklich was.“ Und auch für ihre eigene politische Praxis erhoffen sie sich: „Vielleicht schaffen wir es irgendwann nach und nach, auch mit unseren Namen rauszugehen.“ Ada hat versucht, in ihrem politischen Umfeld, im Conne Island, Projekte mit anderen Kollektiven dazu umzusetzen. „Aber das ist nie zustande gekommen, weil die Leute Kritik am Conne Island hatten. Das macht es schwierig, weil die ein anderes Verständnis von Antirassismus haben, und da trifft man dann leider nicht zusammen. Aber das ist ein Wunsch für die Zukunft, mehr zu schauen, was da gerade möglich ist.“ Carmen berichtet von einem großen internationalen Vernetzungstreffen von europäischen Gruppen und den Zapatistas in Mexiko und einer für ihre Gruppe dafür notwendigen pragmatischen Entscheidung. „Wenn wir Texte schreiben, haben wir immer zu Beginn Gespräche, ob wir das Sternchen benutzen, wie wir gendern. Aber zum Glück gab es ganz viele Leute, die gesagt haben: ›Lass uns schnell einig werden, weil wir viel Inhaltliches haben, das schnell passieren muss.‹ Wir können nicht ewig über das Sternchen diskutieren, weil die Zapatistas kommen. Man muss schnell eine Lösung finden, wir stimmen ab und dann bleiben wir so. Und bitte nicht übelnehmen, wenn die einen unglücklich sind oder die anderen. Lasst uns zusammenbleiben.“ Auch wenn es immer wieder trennende Momente gibt, muss das ein gemeinsames politisches Anliegen nicht unmöglich machen. Schon unsere Einladung zum Gespräch hat u. a. bei Luke für Irritation gesorgt: „Geht es in eurer Frage um eine Frauenbewegung? Geht es um eine feministische Bewegung? Das ist ja nicht deckungsgleich. Nach was sucht ihr da eigentlich? Und wie passe ich dann da z. B. rein?“ Trotz des irgendwie anwesenden Unbehagens, in Konflikte zu geraten und sich zu streiten, haben alle unsere Einladung zum Gespräch angenommen, haben sich mit uns getroffen und uns ihre auch teils sehr persönlichen Geschichten erzählt.


Verstehst du dich selbst als Teil der / einer feministischen Bewegung?
Wenn ja, wie würdest du diese charakterisieren?

Luke: Und wenn ja, wie vieler? (alle lachen) Ich sehe mich definitiv als Teil des Feminismus. Dabei geht es um Inklusivität. Es geht um eine Bedürfnisorientierung oder Care sich selbst gegenüber, anderen gegenüber und innerhalb einer Gruppe. Und Solidarität mit anderen Gruppen, auch wenn die Erfahrung unterschiedlich ist. Und das zeigt sich viel mehr in einer Haltung und natürlich auch in der Praxis. Also nicht nur dieses: Wer ist identisch mit mir und für wen setze ich mich folglich ein? Sondern eine bessere Gesellschaft für alle. Deswegen ist Feminismus auch so toll, weil er global ist und so viel Gutes vereint.

Mona: Ich denke, es gibt eine internationale feministische Bewegung, von der ich in Deutschland nicht so viel sehe und spüre. In meiner Wahrnehmung anders als in Ländern Südamerikas beispielsweise, wo es einen gemeinsamen Kampf gibt, trotz inhaltlicher Differenzen, der auf die Straßen getragen wird, und woraufhin Gesetze verändert werden. Ich fühle mich als Teil dieser internationalen Bewegung. Die feministische Bewegung in Deutschland nehme ich als vereinzelt und nicht besonders stark wahr.

Gruppe Objection: Ist schwer zu sagen. Und wenn ja, haben wir eher das Gefühl, dass es eine queerfeministische Bewegung ist, weil die omnipräsent ist. Und der fühlen wir uns nicht angehörig. Was nicht bedeutet, dass wir uns nicht solidarisch fühlen mit anderen Frauen. Aber es ist nicht so eine Bewegung. Es sagen viele, ihr könnt nicht von dem Queerfeminismus sprechen, da gibt es viele verschiedene Theorien. Natürlich sind die nicht alle genau das Gleiche, es gibt dort in sich auch Differenzen. Aber ich glaube, dass die Vorstellung von Emanzipation und Gesellschaft trotzdem nicht mit unserer konform geht.

Rubin: Ich glaube, dass es das gibt, aber sie ist sehr im Untergrund. Und wir haben ein paar Dinge, die wir immer mal hochhalten können. Für mich existieren aber zu wenig persönliche Verbindungen. Es gibt so Inseln, und das ist ja auch schön. Letztendlich: Sollte es mal ein gemeinsames Begehren geben, dann könnten diese Inseln auch Ressourcen sein für etwas Größeres. Ich habe auch keine Idee davon: Wie wäre das zu vergrößern oder wie wäre das in Verbindung zu bringen?

„Ich habe in den letzten zwei Jahren beobachtet, dass es viel lauter wurde in meinem Umfeld und auch widerständig. Die Leute kuschen nicht mehr, sondern sagen: Nein, das geht nicht, das finden wir scheiße!“

Ada: Im Großen und Ganzen würde ich mich schon als Teil einer Bewegung sehen. Ich kann das nicht so richtig plastisch machen, weil ich mich in vielen feministischen Kontexten bewege. Ich habe die letzten zwei Jahre beobachtet, dass es viel lauter wurde in meinem Umfeld und auch widerständig. Die Leute kuschen nicht mehr, sondern sagen: „Nein, das geht nicht, das finden wir scheiße!“

Nora: Einer queerfeministischen, ja.

Susanne: Einer weltweiten. Auf irgendeine Art muss man auch im Plural von Bewegungen sprechen. Es fühlt sich so an, als wenn es einen Verbindungsfaden, ein Netz gibt. Es war schon motivierend in den letzten Jahren, z. B. die Proteste in Polen mitzuverfolgen und auch die großen Demos im mittel- und südamerikanischen Raum für Frauenrechte und gegen sexualisierte Gewalt. Das hat hier was angeschoben und auch mit mir was gemacht. Auch wenn es nicht immer eins zu eins passt, fühlt sich das schon an, wie ein Teil von etwas zu sein.

Carmen: Ja, von mehreren Feminismen, die manchmal in unterschiedlichen Geschwindigkeiten funktionieren. Ich versuche, eine feministische Lebenswelt für mich zu schaffen, so dass ich schlafen kann heute Nacht. Und diese Gruppen kommen in mein Leben und ich hoffe, die bleiben.

Wenn es eine feministische Bewegung gibt, dann kennen wir sie oder ihre Form vielleicht noch nicht, wie Mona bemerkt. Aber wir finden Möglichkeiten, ihrem untergründigen Netz auf die Spur zu kommen: „Jeder Impuls zum Verknüpfen, zumindest zum Netzwerkbilden, dem sollte nachgegangen werden. Was sind die Themen, an denen sich Frauen in einem größeren Maßstab treffen, so, dass sie zu einer gewissen Kraft werden?“ (Rubin) Für unsere Gesprächspartner:innen scheint die gemeinsame Organisation teilweise Erfahrung und gleichzeitig Utopie zu sein. Mona beschreibt ihre Hoffnungen als „die Utopie, dass wir einfach mit einer halben Million Menschen gegen Feminizide auf die Straße gehen. Oder es passiert ein Feminizid, und wir treffen uns alle in der Innenstadt und es schließen sich Menschen an und trauern und sind wütend. Und dann werden daraus Riots.“

Teilen wir ein gemeinsames Anliegen? An welchen Abzweigungen trennen sich unsere Auseinandersetzungen? Wie und unter welchen Bedingungen kommen wir zusammen?

Am Ende bringen wir die Gespräche und damit unsere Interviewpartner:innen zusammen, in einem Text, der auch ordnet, rausstreicht, Schwerpunkte setzt und deutet. Wir schaffen damit Bedeutung und schreiben eine Geschichte, mit dem Wissen, dass sie nur eine von vielen ist, die geschrieben werden könnten. Gleichzeitig stellen wir uns, unsere Erfahrungen, wogegen und wofür wir streiten und kämpfen, einander vor, stellen zwischen den Zeilen Verbindungen her. Auch das ist ein politischer Akt. Dabei gilt es, immer wieder neu auszuloten: Teilen wir ein gemeinsames Anliegen? An welchen Abzweigungen trennen sich unsere Auseinandersetzungen? Wie und unter welchen Bedingungen kommen wir zusammen?

Vielleicht geht es gerade darum, das Fragen wieder aufzunehmen, die fertigen Antworten zurückzulassen.

Dieser Text ist auch eine Einladung, das Gespräch weiterzuführen. Auch um die Frage von Rubin aufzunehmen: „Wie werden wir – inter, nicht-binäre, trans, agender Personen und cis-Frauen – zu einer gewissen Macht?“ Und um die Beantwortung real und gemeinsam anzugehen. Rubin sagt dazu: „Die Frage ist doch, ob es ein Ende der Auseinandersetzung gibt oder ob die Antwort nicht in so einem Gespräch, wie wir es jetzt gerade führen, liegt. Wenn wir einfach hier sitzen und uns austauschen, weil wir in verschiedenen Zeiten aktiv geworden sind und in einer Zeit leben, in der wir auf unterschiedliche Weise weiter aktiv sind. Also, das ist schon besprechenswert.“


Warum wir uns mit der Frage nach feministischem Bewusstsein und feministischer Bewegung in der Gegenwart beschäftigt haben. Oder: Eine kurze Vorstellung.

Verena: Geschlechtlichkeit war lange kein Kriterium meines politischen Selbstverständnisses, feministisches Begehren sah ich als in den grundlegenden kommunistischen-materialistischen Theorien aufgehoben. Sie gaukeln einem vor, alle gleichermaßen zu meinen, den allgemeinen Menschen als vom Kapitalismus geknechtetes und geächtetes Wesen. Aber wie Frigga Haug einmal feststellte, lässt sich z. B. die Hegel’sche Herr-Knecht-Dialektik für das Geschlechterverhältnis gar nicht ausdrücken. Sagt man „Herr – Magd“, hat es eine sexuelle Dimension, und bei „Herrin – Magd“ verwischen die Ebenen des Oben und Unten. Die Sprache, die das fassen kann, ist also noch nicht erfunden. Aber weder Theorie noch Praxis lässt sich ohne die Anderen machen. Am naheliegendsten (im Wortsinn) ist es, im eigenen Umfeld nach Anschlussmöglichkeiten zu suchen, um in die Verhältnisse, die einen direkt angehen, in denen man sich bewegt, hineinzuwirken. Es braucht den Austausch, es braucht den Zusammenschluss und Anschluss an das, was war, als Ausblick auf das, wie es sein kann, so dass sich die Bewegung in Bewegung setzt, sich neu justiert und auf die gesellschaftlichen Veränderungen hin ausrichtet.

Barbara: Ich bin relativ spät Feministin geworden. Als Teenager und junge Erwachsene habe ich zwar gemerkt, dass mich meine soziale Stellung als Mädchen und Frau von meinen männlichen Zeitgenossen oft trennt – teils sehr schmerzhaft trennt. Aber ich konnte es überhaupt noch nicht verstehen, geschweige denn artikulieren. Bekanntschaften und Austausch mit Menschen, denen es ähnlich ging und die bereits begonnen hatten, Feminismus als Methode zu begreifen, sich die Welt anzusehen, eröffneten mir einen völlig neuen Kosmos. Dieser Kosmos, feministische und queere Theoriebildung, vor allem aber auch der Blick in die Vergangenheit, feministische Geschichte, faszinieren und frustrieren mich gleichermaßen. Denn es war der Mut, die Intelligenz, Kreativität und Ausdauer der Frauen, Lesben und Queers in verschiedenen historischen Kontexten, die mir mein heutiges Leben ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir immer wieder mühsam diese Geschichten ausgraben, an den Mut erinnern, der darin liegt, und selbst weiterkämpfen für eine Gesellschaft, in der alle gut leben können. Der einzige Weg ist, das zeigt auch meine eigene Biografie, sich zu verbünden, zu solidarisieren, sich zuzuhören. Unser Interviewprojekt – ein kleiner Schritt auf einem anscheinend unendlich langen Weg.

Constanze: Ich habe die Geschichte immer so erzählt: Über feministische Theorie habe ich eine Sprache für mein Unbehagen an einem Großwerden, einem Frau-Werden in einer Gesellschaft gefunden, die angeblich gar nicht besser sein könnte. Auch in der linken Szene gab und gibt es wirkmächtige Erzählungen. Eine der stärksten: Es gibt gegenwärtig keine Frauenbewegung (und deswegen machen wir Theorie). Ich fand das lange überzeugend. Ich merke jedoch, dass sich meine Erzählungen verändern. Mittlerweile spüre ich ein Verlangen, ein Begehren nach einer feministischen Bewegung, und ich vermisse sie fortwährend als Möglichkeit. Als Möglichkeit, tatsächlich andere Arbeits- und Lebensweisen kennenzulernen, Leben anders gestalten zu können als auf die Weisen, die gegenwärtig für die akademische linke Frau und ihre Freund:innen im Angebot sind: Hetero- oder Homopaarbeziehung, irgendwie doch Kinder und Karriere, irgendwie doch Heiraten, aber alles ironisch, nicht ganz ernstgemeint und doch immer wieder auch verzweifelt. Ich vermisse sie als Möglichkeit, erfahr- und politisierbar zu machen, dass diese Formen der Wahlfreiheit auf der Ausbeutung und Enteignung anderer beruht und nicht nur für mich und meine Friends zu verändern und erweitern wäre, sondern für uns alle.

Fußnoten

  1. [1]Wir gaben uns für dieses Projekt den Namen AG Dauerwelle, bezugnehmend auf die vermeint­lichen Wellen der feministischen Bewegungen bzw. den Eindruck, dass alles immerzu in Dauerschleife wiederholt wird. Was uns gleich bestätigt wurde, denn auch den Wortwitz fanden schon andere Feminist:innen vor uns unwiderstehlich: Anfang der 1990er gab es in Nürnberg eine Radioshow namens „Dauerwelle“, die sich mit Frauenbewegung und feministischen Themen beschäftigte.
  2. [2]Im weitesten Sinne beziehen wir uns mit dem Begriff und der Methode der Kartographierung auf Verónica Gagos Theoretisierung des Streiks in der argentinischen feministischen Bewegung (Gago, Verónica: Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern. Münster 2021, S. 21). (Noch) nicht im Streik, aber im Gespräch knüpfen und vermessen auch wir Verbindungen zwischen unterschiedlichen Formen feministischer Politik in der Gegenwart.
  3. [3]Unsere Interviewpartner:innen haben sich als Einzelpersonen sowie als Gruppe dafür entscheiden, mit Pseudonym im Text zu erscheinen.
  4. [4] Wie Bini Adamczak es in ihrem Buch Beziehungsweise Revolution (Berlin 2017) mit Blick auf die Missverständnisse im Zuge der Russischen Revolution nachgezeichnet hat.
  5. [5] Dieses Zitat haben wir einem Interview mit Karina Korecky über feministische Geschichtsschreibung entnommen: www.freie-radios.net/6641