#8 Kämpfe

Carolin Krahl

outside the box

AG Dauerwelle

Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni

Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand

Luise Schröder & Chedly Atallah

Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)

Anne Hofmann & Alexandra Ivanova

outside the box

Bo Rowsky

Lilli Helmbold

Elske Rosenfeld

Sarah Uhlmann

AG DDD

Lisa Jeschke

Lea Kolling

Katharina Zimmerhackl

Eine Tochter

Verena & Thorsten

Koschka Linkerhand & Olga Winter

Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand

Lu Märten

Die Künstlerin

Auszüge

Wir danken Frau Prof. Dr. Chryssoula Kambas (Osnabrück) und dem Aisthesis Verlag (Bielefeld) für die Abdruckerlaubnis der folgenden Passagen aus: Lu Märten (1. Auflage 2001; Nachdruck der Ausgabe: München, AlbertLangen, 1914; 2. Auflage 2020). Die Künstlerin. Bielefeld: Aisthesis Verlag.

Frauentätigkeit und Frauenarbeit auf den allgemein künstlerischen Gebieten und den sonderlich produktiven, ideell wertschaffenden, ist heute keine Einzelerscheinung mehr, wie sie im Altertum und zu allen Zeitepochen irgendwie hervortrat; sie ist mit der Industrialisierung und Mechanisierung aller Arbeitskategorien und aller Produktion überhaupt[ ]1 eine Massenerscheinung, bzw. eine vielfältige Erscheinung geworden. Wir sahen, daß die sich entwickelnde große Industrie in der revolutionären Wirkung der gewandelten Produktionsmittel und Methoden[ ] alle ehemalige Hand- und Manufakturarbeit, alle Arbeit der persönlichen und kollektiven Eigenproduktion in gesellschaftliche verwandelte und damit auch die Frauenarbeit als gesellschaftliche und als Massenerscheinung entstehen ließ. — Daß ferner die Maschine die Handarbeit umwandelte in eine bloße mechanische Teilfunktion innerhalb des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses. Daß sie also Qualitätsarbeit in Quantitätsarbeit auflöste. — Daß sie zur Erzeugung von Mehrwert, mittelbar zur Erzeugung von Waren nur noch „Hände“ brauchte, nicht Qualitäten oder persönliche Geschicklichkeiten, sondern Hände. Männer-, Frauen- und selbst Kinderhände. Indem so die herrschende und sich entwickelnde große Industrie durch ihre Maschinen der freien Arbeit jeder Art das Feld entzog, machte sie alle Arbeitsmöglichkeiten überhaupt sich botmäßig, industrialisierte sie nicht nur die Warenproduktion, sondern auch alle Produktionsarten ehemals rein individueller Tätigkeit, wie die Künste, Wissenschaft, schöpferische Manifestationen usw., machte sie ihren Zwecken dienstbar und verwandelte somit die Arbeitskraft selbst in eine käufliche Ware. Je wertloser aber die Qualität der Produkte jeder Art ist, mit Hilfe dessen sie Mehrwert erzeugen kann, je billiger muß sie die Ware: Arbeitskraft dazu kaufen; darum exploitierte sie im Anfang, in ihrer noch nicht gesicherten Weltmachtposition und noch heute in allen billigen Produktionszweigen[ ] hauptsächlichst Frauenhände und Frauenarbeitskraft. So entsteht der gesellschaftlichen Frauenarbeit in ihren Anfängen der Charakter der graduellen Qualitätslosigkeit, der bloßen Funktion; denn wenn auch die gesellschaftliche Männerarbeit in ihrer Hauptmasse ebenfalls nur noch Quantitäten erbringen muß, keine eigentliche Qualität entsprechend der früheren Handarbeit erfordert, so doch dem Grade der Quantitäten, der physischen Kräfte, in einigen Fällen noch der gelernten Funktion[ ] nach.

So wurde die Frauenarbeit die disqualifizierteste der gesellschaftlichen Arbeit überhaupt und hat den Nachteil dieser Wertung auch für ihre qualitativen, geistigen, technischen und künstlerischen Leistungen noch bis heute zu empfinden.2

Not, Zwang und Widerstand warfen Fragen auf. Tatsachen werden Wissenschaften und geben Antworten. Das Gedächtnis des Lebens und seines ewigen Drängens nach Freiheit und Lösung erbringt Bewußtsein und Anschauung, Vergleich und Denken. So kommt es, daß heute eine geistig und menschlich qualifizierte Mehrheit von Frauen die Bewußtseinswerte, die die kapitalistische Frauenarbeit nun einmal erbracht hat, nicht einfach wieder ablegen kann, sondern als zur Sozialisierung aller Werte überhaupt als notwendig ansieht. Daß sie die gesellschaftliche Frauenarbeit unter bestimmten Voraussetzungen auch darum will — weil sie ihr Möglichkeiten eines Frauendaseins angezeigt hat, und (mit allen Begleiterscheinungen noch geltender sozialer Rechtlosigkeit) dennoch eine Revolution der Frauenkräfte erbracht hat, wie sie aus der isoliert gewordenen Funktion der Frau in Ehe und Familie bis dahin niemals möglich war. Was so entsteht, ist ein Qualitätsgefühl für ein neues Sollen, aber auch neues Haben. Das Ja-sagen zu einer Wandlung, die die Frau in einen gesellschaftlichen, differenzierenden Arbeitsprozeß, gleich dem des Mannes[,] zieht, ist zugleich das Bewußtwerden der Inkonsequenzen und Hemmungen der alten Gesellschaft[,] ihrem privatwirtschaftlichen Egoismus gegenüber. Und so werden die Probleme durchsichtiger und faßbarer, die man so oder so mit Frauendasein und Frauenarbeit zusammenhängend sieht. Diese Probleme gelten für alle arbeitenden Frauen und Frauen überhaupt, und wenn wir sie für eine Sondergruppe von qualitätsarbeitenden Frauen, für Künstlerinnen und schaffende Frauen behandeln, so geschieht dies nicht in Verkennung des Gesamtproblems, sondern zur Sichtung des ganzen Gebietes, auch, weil die materielle und ethische Umwelt solcher Frauen gedanklich eher anzusprechen und zu überzeugen sein müßte, als solche, die unter materiellem Zwang und eigner Hemmung ihre eventuelle Überzeugung gar nicht in Tat umsetzen kann. Weil die Last der Probleme, die Hemmungen, das verantwortungsvollste Tun der Frauenarbeit trifft. Und weil man von der Zahl und Masse der schöpferischen Frauenleistung gleichsam heute noch immer auf ihre Möglichkeit überhaupt schließt. Darum seien die Hemmungen und Voraussetzungen zu solcher Leistung zuerst und immer wieder untersucht, ehe von Resultaten zu reden ist.3

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Aber nicht die Wissenschaft der Tatsachen, deren allein gerechte Würdigung und unbestechliche Wertung Frauenwesen und Wirkung erhellen sollte, bestimmt Denken und Handeln; sondern die ganze Summe dessen, was das alltägliche Leben redet und meint — wird bestimmt durch die allgemeinen Ideologien, mit denen gedankenloser, naiver Egoismus seine bewußten Interessen oder seine überlieferten Gemütsansprüche sachlich zu verbrämen sucht. Solche scheinbar ideologischen Ansprüche verdienen darum immer wieder die Diskussion und den Kampf — weil sie sich naiv als Wissenschaft oder eigentlich als eine Ethik, als Religion diktieren, die all den Hemmungen, Widersprüchen und Konflikten der heutigen Frau tatenlos und stupid zusieht, sie nicht als Prozesse des allgemeinen Wandels ansieht, sondern etwa als eine Art Erbsünde und Verirrung, die ihre rechtmäßige Strafe erhält dadurch, daß sie dem Hergebrachten die Opfer vergißt und die unbedingte Nachfolge. Das gilt vom Persönlichen wie Öffentlichen, in der Familie wie Politik. Der herrschende Feuilletonismus der Zeit: der zeitgemäß nicht vergißt, auch die Frauenfrage zu behandeln und zu beplaudern, bestärkt diese dilettantischen Versuche der Einzelnen, sich eine wissenschaftliche Meinung über ihren nackten Privategoismus gegenüber der Frau anzuziehen. Im letzten Grunde fehlt all diesen Individuen und ihrer Privatwissenschaft die Voraussetzung der Erkenntnis ihrer selbst als gesellschaftliche Lebewesen — als Individuen, die ungefragt und notwendig dem gesellschaftlichen Wohl und Sein eingeordnet und verbunden sind. Würden sie sich selbst, ihre psychologische Zusammensetzung — ihre Interessen objektiv geschichtlich sehen und empfinden, so würden sie auch beginnen, das gesellschaftliche Werden und Gewordensein, jede Bewegung der Gesellschaft selbst[] als sich und alle angehend[ ] erkennen, nicht als Etwas, das sich vor ihren Fenstern draußen abspielt und zu dessen Ergebnis sie eine Meinung haben, nicht aber eine private Beziehung empfinden. Die großen gesellschaftlichen Wandlungen der letzten Jahrhunderte, die Vergesellschaftung der Arbeit von Mann und Frau und die der Arbeit überhaupt — hat noch nicht die Vergesellschaftung der privaten Interessen und Formen erbracht. Der sogenannte individuelle Mensch, der längst als Arbeitswesen vergesellschaftet ist — fürchtet noch immer die Aufhebung dessen, was er seine Individualität nennt, und verteidigt krampfhaft, wie ein letztes Bollwerk, seine privaten Interessen — einstige Besitzinteressen — oder für die Masse — Erwerbsinteressen, in der Familienform mit ihren spezifischen Egoismen. (Ich rede hier nicht vom solidarischen Erwerbskampf, sondern vom individuellen Erwerbsinteresse, jenem feindlich entgegengesetzt, weil es nur sich sieht.) Der so die Individualität krampfhaft Verteidigende merkt bei alledem nicht, wie die gesellschaftliche Arbeit, die Produktion und die Produkte, die Normen des äußeren Daseins, ihn selbst bereits entindividualisiert hat, und daß es eine wesentliche Mühe und Arbeit heute bedeutet, sich unter allem diktierten Dasein der Dinge, der Arbeit, des Geschmacks, der Entspannungen usw. ein wirklich individuelles Milieu und Privatsein noch zu schaffen. Da aber solcher Art äußere Dinge nur Symbol und Ausdruck unsres inneren Lebens sind, so ist das Individuelle — das möglichst differenziert Persönliche längst heimatlos; — es begegnet dieser Heimatlosigkeit nicht nur in allen Zimmern und Häusern, sondern auch in allen andern Individuen. Und nicht dadurch kann sich die Individualität, der personale Reichtum des Lebens retten, daß die alten Schutzformen: Familie, Ehe, Wirtschaft usw. und die alte Stellung der Frau zurückgerufen und krampfhaft wieder gewollt werden, sondern dadurch, daß der Einzelne die Gesellschaft selbst zu einer Schutzform persönlichsten Lebens macht; ihre ungeheuren quantitativen Kräfte und Leistungen in qualitative zu entwickeln sucht; die kleine private Gesellschaftsform der Familie in dem, was sie über den einstigen wirtschaftlichen Zweck hinaus noch zu entwickeln hat, etwa: die Gemeinschaftsform auf Grund personaler Beziehungen — in der Gesellschaft berechtigt und gesichert werden läßt. Das aber ist nicht andres, als da[ß] die individuellen, persönlichen, künstlerischen Kräfte sich der mechanischen Kräfte der Gesellschaft bemächtigen, daß sie sich der Gesellschaft zur Verfügung stellen — statt private Lebensformen ihr entgegenzusetzen — daß das Interesse der Gesellschaft das Interesse des Einzelnen werde, — daß für alle gut und nützlich und frei werde, was bis heute nur für den Einzelnen erkennbar, als gut, nützlich oder frei — bestand. Eine solche Grunderkenntnis würde den Wirrwarr der Meinungen über das, was die Frau „ist“, sein soll, nicht sein soll — kann oder nicht kann — verstummen und abwarten lassen — wie jede Meinung vor großen Aufgaben, die alle Kräfte braucht — verstummen muß. Diese Aufgabe braucht nicht die einzelne Helden- oder Geistestat des Einzelnen — auch nicht die beglaubigten „männlich ebenbürtigen“ Taten der Frauen, mit der man sie aus dem alten Pflichtenkreis zugunsten neuer Aufgaben gnädig entließe — es braucht den überragenden, leidenschaftlich vitalen Qualitätsanspruch von Menschen — Männern und Frauen. Von Menschen, die leben wollen, die schön und zweckmäßig leben wollen, die frei und tief leben wollen. Alle Stufen des Persönlichen, aber alle Stufen, auf denen irgendwie Qualitätsgefühl erwacht ist! Wenn neben allen Resultaten der einstigen wirtschaftlichen und geschlechtlichen Funktion der Frau auch die gewertet würden, die als personale Qualitäten, als Wirkungen der Frauenpersönlichkeit[ ] ihr Wesen erhalten, so wird sich zeigen, daß sie nicht den bloßen Pflichtenkräften und den engen privatfamiliären Interessen der Frau entsprangen, sondern den gesellschaftlich künstlerisch-latenten Kräften der Frau — den unentwickelten, sozial vernichteten Kunstkeimen in der Frau — daß sie aus Überwindung der Privatinstinkte und Interessen, größeren Zielen und reicherem Gehalt entsprechend — als das jeweilige Milieu und die Schranken des Frauendaseins es erforderten — erbracht wurden.4

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Wie rasch nennt man den Mann begabt, genial, lobt seine Leistungen, rühmt seine Überwindung von Widerständen, vergöttert sein Tun und Werk. — Und wer schaute auf die Frau? Wer sieht all die abreagierten Kräfte, selbst in Flitter- und Eitelkeitskram liegen sie versteckt — und mehr — all die früh zerbrochenen Willen? Und wer sieht alle die, die sich wie Maulwürfe erst zum Licht drängen, die erst „sich losmachen müssen, um sich in Bewegung zu setzen“, und dann sehen und erkennen, was ihnen in Enge und Dunkelheit vorenthalten blieb? Jahrhunderte, die sich nicht nachholen und einholen lassen in den kurzen Menschenminuten; — und die es dann doch versuchten und tapfer und zäh die Last aufnahmen, wo sie für sie liegen blieb. Und wer wertet solch Geschehen, Schaffen und Widerstand dann geschichtlich, gesellschaftlich — nach Weg und Zeit, Kraftvorhandensein und Kraftverbrauch und nicht nach Spekulationen bloßer Worte; absoluten Maßstäben und wie all das Zeug heißt. — „Die Frauen haben noch keinen Goethe, keinen Beethoven unter sich.“ Welch ein Geschwätz! Dies wäre geschichtliche Abnormität, und sie haben sie bisher allerdings nicht erbracht; aber sie werden den „Goethe“ oder „Beethoven“ in sich, unter sich werden lassen — so wie ihn erst eine bestimmte Stufe gesellschaftlicher Kunst und Denkarbeit hat werden lassen können. Solch ein symphonischer oder synthetischer Geist konnte sich erst erbringen auf Grund vieler Resultate der Menschheit; ihrer Arbeit, ihrer Töne, ihrer Wissenschaft und Denkarbeit. Über sie hinaus wuchsen neue mit neuen, weil wieder reicheren Resultaten aus alledem. Große Geister sind Resultate universalen Geschehens — eines Landes, einer Zeit, eines Volkes, einer Klasse — und schließlich vielleicht einmal der Menschheit. So erbringen sie in jeder Epoche nur die Resultate, deren äußerste Reife und Entwicklung noch berechenbar, erkennbar bleibt. So eilen sie, so gestalten sie voraus; Zukünftiges, Überzeitliches — aber nicht Zeitloses und Ewiges — so eilen sie der Gesellschaft voraus, die sie übersehen[,] und so sind sie an sie gebunden, weil nur ihr Tun und Denken, ihre Tat und ihr Sein erkennbar ist. Und so ist jeder überragende Geist doch gesellschaftliches, körperhaftes Wesen. Und behält Hände und Füße, das soll heißen: Merkmale seines Weges, seiner Gebundenheiten und Zufälle. Seine Begrenzungen, Horizonte, Einflüsse usw. Solches allein ist heute bei den Frauen noch merkbarer, denn bei den Männern. Die geschichtlichen — nicht nur persönlichen, individuellen Gebundenheiten und Hemmungen. Da ist noch alles Kampf, Bewegung, Ruhelosigkeit, Suchen. Noch kein Niederlassen und Ruhen und Sammlung für Gestalten und Überschauen. Aber solches ist zeitlich berechenbares Schicksal geworden — eine Last — noch einmal aufgenommen und mitgetragen — bis dahin, wo alle sie mittragen wollen und sollen, weil alle ihr Anrecht daran bekennen müssen.5

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Wie aber sollte die schaffende Frau selbst dieses — menschlich gesehen — unmenschliche System für ihre Doppelfunktion anwenden, wenn ein Teil davon: freie Arbeit, Denken, Assoziieren, Erleben, Schauen — ja sagen wir ruhig — äußere Faulheit erfordert. Diese gesellschaftliche Arbeitszeit kann daher für die eigentliche künstlerische oder Gehirntätigkeit niemals in Anwendung kommen; jedenfalls nicht da, wo es sich um Konzeption, Werden und Wachsen des zu Schaffenden handelt. Man mache sich doch klar — und hier wünschen wir die Umwelt, die Beurteilenden — der schaffenden Frau[ ] zum Zuhörer — was Qualitätsarbeit[ ] künstlerischer — also in jedem Fall gestaltender Art erfordert. Ganz die gleichen Voraussetzungen gelten da für Mann und Frau. Ein Lebenswerk [zu] haben, ist noch nicht dasselbe, wie: es formal gestalten. Es braucht zuerst Sammlung der Kraftquellen, des Denkens, der Erfahrung, der Wissenschaft, auch (bei den bildenden Künsten mehr) der Techniken. Aber alles dies ist schon immerwährende Arbeit, schon immerwährender Verbrauch von Energien wie: Nerven, Zeit, Funktionen. Wenn dann dieser Rohstoff in Form und Gegenstand sichtbar wird, wenn er gestaltet ist, sei es nun als eine Erfindung, Kunstwerk, Dichtung, Ideen — so ist dies für die Umwelt oft nur ein einzelnes Geschehen, eine scheinbare Augenblicksarbeit — und für die Entwicklung der Dinge selbst scheint hinterher, wie im Sozialen, selbst das umwälzende Geschehen nur ein kleiner Schritt vorwärts oder seitwärts — und doch gebietet das persönliche und soziale Ethos solcher Arbeit[ ] die ganze mühsame Auseinandersetzung mit der ganzen kleinen und großen Welt — auch der des Hergebrachten, des Denk-üblichen, der Sprache, Mittel usw. und braucht das, was wir eines Menschen Werk, seine Lebensarbeit nennen. Der Aufwand solcher Arbeit an Disziplin und Kraftausgabe, Entspannung und Ermüdung andrerseits[ ] ist bei Mann wie Frau in gleichem Maße erforderlich. Glaubt nun aber jemand im Ernst, es sei möglich, solch ein Lebenswerk in irgendeinem Teil zu gestalten, zu bauen, schreiben, dichten, malen oder was immer sein Ausdruck erfordert, beim täglichen Hin- und Herlaufen, Hin- und Wiederdenken zwischen den hundertfältigen, kleinen, aber so unendlich wichtigen, so anspruchsvollen und so vergänglichen Pflichten einer Familienwirtschaft oder eines Wirtschaftsbetriebes überhaupt? Die Leute, die so gescheit über die Grenzen des Frauenkönnens auf dem Gebiet schöpferischer Arbeit reden und schreiben, haben sich offenbar den Prozeß schöpferischer Arbeit in einer mehr als gewöhnlichen Expansion nie ganz klargemacht, oder können als Männer die Belastung der Frau nach der andern Seite — in seiner Bedeutung für diesen Prozeß nicht richtig verstehen und in Rechnung setzen; — eine der Inkonsequenzen der Männer, da sie selbst doch jede Verletzung und Störung ihrer gleichartigen Arbeit fürchten und zu verhindern suchen. Macht man sich diesen Prozeß in seinem Anspruch einmal richtig klar, und versetzt die Frau, die solchen Anspruch stellte, in den üblichen Pflichtenkreis, der ihr auch heute, in einer gewandelten, aber darum doch zahlreiche Pflichten und Konsequenzen fordernden Familienform überantwortet ist, so muß die Wertung aller schöpferischen Frauenarbeit von den Hemmungen ausgehen und nicht von den zufällig sichtbaren Leistungen.6

Fußnoten

  1. [1] Die Transkription des Originaltextes in Fraktur-Satz zu Antiqua ist von uns (Anne Hofmann und Alexandra Ivanova) erstellt. Wir haben leichte Eingriffe, Auslassungen und Ergänzungen in der Interpunktion vorgenommen und kenntlich gemacht. Ebenso haben wir den Text gekürzt und eine Auswahl von Textpassagen für diesen Beitrag zusammengestellt.
  2. [2] Lu Märten: Die Künstlerin, Aisthesis Verlag Bielefeld 2001, S. 15–17.
  3. [3] Ebd. S. 19–21.
  4. [4] Ebd. S. 28–32.
  5. [5] Ebd. S. 35–36.
  6. [6] Ebd. S. 65–68.