#8 Kämpfe
Carolin Krahl
outside the box
AG Dauerwelle
Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni
Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand
Luise Schröder & Chedly Atallah
Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)
Anne Hofmann & Alexandra Ivanova
outside the box
Bo Rowsky
Lilli Helmbold
Elske Rosenfeld
Sarah Uhlmann
AG DDD
Lisa Jeschke
Lea Kolling
Katharina Zimmerhackl
Eine Tochter
Verena & Thorsten
Koschka Linkerhand & Olga Winter
Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand
Der Nacktmull
Familiäre Kämpfe und die Verflechtungen der Gewalt. Ein Essay
Langsam lehnt er sich über den Rand des Teiches, starrt hinab aufs spiegelglatte Wasser. Er schaut sich darin an, sieht allein sich selbst, vergisst die Außenwelt; alles wird farblos angesichts des eigenen, durch Spiegelung verdoppelten Ichs. Die Welt jenseits des Ich verblasst im Mythos des Narziss, auf ewig ist er ins Gefängnis seiner Selbst verbannt. Die Geschichte des selbstverliebten Jünglings aber ist verwoben mit der einer Anderen, der Geschichte der Nymphe Echo. Als Bestrafung ihrer eigenen Sprache beraubt, für immer in der Wiederholung fremder Worte festhängend, flüchtet sie in den Wald und verliebt sich – welch Fatalismus – in Narziss. Doch dieser vermag, versunken in sich selbst, ihre Liebe nicht zu erwidern; sie flieht weiter, flieht aus Angst, aus Traurigkeit, aus Verzweiflung, flieht ins Gebirge, flieht und beginnt zu verschwinden, ihr Körper löst sich auf, die Knochen verharren, verhärten sich, werden steiniger Fels. Einzig ihre Stimme bleibt übrig, auf ewig gefangen im Nachhallen des Anderen. Im Mythos von Narziss und Echo verschmelzen Geschichte und Natur mit dem Geschlechterverhältnis.
Auch die (fiktionalisierte) Fallgeschichte Tom: Therapie mit einem Narzissten der Tales of Therapy des bekannten Psychoanalyse-Podcasts Rätsel des Unbewußten1 durchzieht das Geschlechterverhältnis wie ein roter Faden. Toms Geschichte ist die einer toxischen Männlichkeit. Sie erzählt von Gewalt und Leiden, von Abhängigkeit und Machtausübung. Und von einer tiefen Einsamkeit, für Tom und für sein Umfeld. Gleichzeitig ist sie die Geschichte einer langsamen Transformation, eines Umarbeitens und Aufbrechens des eigenen, verhärteten Geworden-Seins. Die Fallgeschichte beschreibt daher auch die sich langsam anbahnende Möglichkeit einer Überwindung der gewaltvollen Geschlechterdynamik, so bruchstückhaft und fragil diese auch im Rahmen dieser Erzählung bleiben wird.
Lange hallte die Geschichte von Tom in mir nach, überlagerte sich zunehmend mit meiner eigenen Familien- und Therapiegeschichte, mit Fragen zur Verflechtung von Gewalt, Gesellschaftsgeschichte und Geschlechtszurichtung. Dieser Text ist Antwort und Reaktion zugleich, vermengt das Echo des Gehörten mit meiner eigenen Lebens- und Leidensgeschichte. Denn diese beeinflusst, hemmt und überformt das Verhältnis zum politischen Kampf: Gesellschaftliches verankert sich über die familiären und sozialen Erfahrungen in der Psyche, im Denken und im Körper selbst. Unsere Erfahrungen sind dabei einerseits Grundlage und Ausgangspunkt der Politisierung, stehen ihr aber andererseits gleichzeitig im Weg, überformen das eigene Verhältnis zum politischen Kampf und der damit einhergehenden Gewalt. Die eigenen – traumatischen – Verletzungen, gewaltvoll verinnerlicht, verhärten das Ich. Sie halten uns gefangen in ihrem Wiederholungszwang – und sie schreiben sich unbewusst ins Ich ein, prägen es, verformen es: Die Psyche ist ein (politischer) Kampfplatz.
Auch die Männer in meiner Familie sind Tom. Auch in meiner Familie gab es eine alltägliche Normalität der (emotionalen) Gewalt, gepaart mit der Entwertung von Nähe und Zärtlichkeit, der beständigen Abwertung, mit Leistungsdruck und autoritärem Zwang. Dazwischen blitzte willkürlich immer mal etwas Liebe auf, mich verkennend, mich überhöhend, sich selbst überhöhend, erdrückend, ungreifbar.
Ich schlingere durch mein Leben, verrenne mich, bleibe hängen. Ich arbeite zu viel, dann wieder gar nicht, falle in Löcher, kraxle wieder raus, entfliehe der Realität träumend. Bindungen gestalten sich schwer, ich sehne mich nach Nähe und Zärtlichkeit und schrecke doch fast panisch immer wieder davor zurück. Meine Psyche manipuliert mich, lässt mich verzweifeln an der Frage, was ich eigentlich fühle, was ich eigentlich begehre. Oft weiß ich nicht mehr, was ich eigentlich will, mache dennoch zwanghaft weiter. Kreise ziehend löffel’ ich die Suppe aus, die meine Kindheit mir eingebröckelt hat. Lächelnd erstarre ich. Unter der verhärteten Hülle verweile ich, verblute langsam. Unversöhnlich stehen sich Gegenwart und Vergangenheit gegenüber, berühren sich kurz, fahren wieder auseinander, bevor der Kreis sich schließt, erneut, immer wieder, immer neu.
Zurück zu Tom und seiner Geschichte: Tom ist ein oft unerträglich erscheinender, ambivalenter Charakter. Einerseits einnehmend, freundlich, zuvorkommend, andererseits tritt er mit einer erheblichen abwertenden Arroganz ins Bild. Ein persönliches Leiden kann er kaum artikulieren, sieht vielmehr die Ursache seiner Probleme nicht bei sich, sondern bei anderen, allen voran seine Frau. Permanent wertet er Menschen in seinem näheren Umfeld ab, erniedrigt und demütigt sie, oft zynisch und humorvoll überformt. Dass ein solches Verhalten aggressiv ist und er dadurch die Bindungen, die er eigentlich wünscht und benötigt, manipuliert und zerstört, ist ihm nicht bewusst. Ebenso wenig die Funktion, die auch in der permanenten Entwertung anderer liegt: Die Projektion der eigenen Ängste und Minderwertigkeitsgefühle, ein „Du sollst fühlen, was ich fühle, du sollst so sein wie ich, dann fühle ich mich nicht ängstlich, beschämt und allein gelassen.“2 Jegliche Art von Schwäche, Scheitern oder Abhängigkeit weist er mit Verachtung von sich, inszeniert sich hingegen als sexuell viriler, sportlicher und finanziell erfolgreicher Mann.
Hinter dieser Fassade aber werden zunehmend die Brüche sichtbar, die viele kleinfamiliäre Dramen auszeichnet: Immer wieder gibt es Streit in der Familie, gelegentlich „rutscht“ ihm auch die Hand aus, seine Gewalt aber ist eher psychischer und emotionaler Art. Sie richtet sich vor allem gegen Frauen, gegen seine Ehefrau, die in vielen Bereichen finanziell von ihm abhängig ist, denn ökonomisch „hält er die Familie zusammen“, aber auch seine zur Zeit der Analyse sich im pubertären Alter befindende Tochter leidet unter seiner emotionalen Ambivalenz, die zwischen Vergötterung und Verachtung hin und her schwankt. Treffend beschreibt sie diese Erfahrung mit den Worten „Du bist der liebste Papa der Welt. Aber manchmal ist ein Monster in Dir.“
Ich war ein lautes Kind. Hilflos um mich schreiend versuche ich der Gewalt meiner Familie entgegenzutreten, rebelliere immer wieder. Ich bin diese Tochter. Ich knalle die Türen, schließe mich ein, weine heimlich. Ich bin diese Tochter. Lasse mich nicht kleinmachen, wehre mich, bäume mich auf. Auch in mir steckt ein Stück Tom, haben sich die Spuren der Gewalt fortgeschrieben. Ich bin diese Tochter, bin Produkt eines solchen „Monsters“, das ich im Laufe meines Lebens zu lieben immer wieder ge- und verlernt habe.
Doch was macht diese Erfahrung mit mir? Was passiert mit diesem Ich, das Liebe in weiten Teilen nur in einer solcher Form kennenlernen durfte? Man lernt die Liebe von den Eltern, sagt eine Freundin zu mir im Gespräch. Wie prägt sich diese Gewalt ein? Wie liebt man, wenn man sie nur als Amalgam gewaltvoller Beziehungen erfahren hat?
Der Slimer
Eigentlich ist Tom bewusst, dass er oft unausstehlich ist, dass er sich wie ein Alphatierchen aufführt, dass er gemeine Dinge sagt, auch wenn er mit seinem forcierten und aufgeplusterten Gehabe darüber hinwegtäuschen will. „Sie hat recht. In mir ist ein Monster. Ich weiß nicht, was das ist, warum das immer wieder passiert.“ Die eigene Verwicklung in sein Leiden und die von ihm ausgeübte Gewalt kann er emotional jedoch nicht begreifen. Immer wieder ist er überwältigt von massiven Selbstwertkonflikten, fühlt sich wie „das letzte Stück Scheiße“ oder ein „grüner Schleim“. Weg damit! Weg mit diesem „Ding“ in mir, so Tom. Er denkt an den Film Ghostbusters, an technische Riesensauger, die es einfach aus ihm heraussaugen würden, dieses Ding. Wie Slimer, der kleine grüne Geist aus den Filmen. Ein unförmiges Wesen, das durch die Räume schwebt, weich, faltig, schleimig, feucht, mit riesigem Mund, immerzu dabei, irgendetwas Essbares in sich zu stopfen. Ein abstoßender, grinsender Geist. Eine Heimsuchung aus der Vergangenheit? Eine Vergangenheit, die noch nicht vorüber zu sein, die ihn nicht loszulassen scheint. Eine Vergangenheit, die sich um etwas Formloses, um Weichheit und um Essen dreht.
Sich etwas einverleiben und mit Gewalt verzehren. Wahllos alles in sich reinstopfen. Im psychoanalytischen Vokabular steht die Einverleibung für eine Phantasie, in der man (Liebes-)Objekte in sein Körperinneres dringen lässt und sie dort aufbewahrt. Eine gleichzeitige Bemächtigung und Vernichtung des Objekts. Nicht ohne Grund steht die Oralität des Säuglings, seine „Sauglust“, Modell für den psychischen Vorgang der Einverleibung. Dabei haftet dem Bild etwas Kannibalisches an, es zeigt, wie sehr Psyche und Körper miteinander verwoben sind. Einverleibungsvorgänge gelten vor allem als eine Verarbeitungsform ambivalenter und konflikthafter, weil von gleichzeitiger Sehnsucht und Aggression gezeichneter Ablösungserfahrungen. Festgehalten und kontrolliert werden kann das Liebesobjekt so, ohne dass man die Ohnmacht und Wut, die das verletzende Außen hervorruft, aushalten muss. Ein Erwachsener kann irgendwann einfach gehen. Als Kind aber muss man bleiben, bleibt abhängig von eben jener Hand, die gerade noch so laut auf den Tisch schlug.
Ich, das Kind, in Endlosschleife gefangen zwischen dieser Ohnmacht, dieser Sehnsucht. Kein Raum für Verarbeitung, kein Raum für Ambivalenz, nur zunehmend dieses Hineinziehen des Objekts in den eigenen psychischen Raum. Doch was macht das Ich, das von äußerem Objekt bewohnt ist? Wo bleibt das Ich, wenn der Körper von scheinbar Fremdem beherrscht wird?
Fast scheint es, als gäbe es etwas in Tom, das ihn kontrolliert, dessen er nicht ganz „Herr“ zu werden vermag. Was ist das, was Tom nicht loslassen kann und das er mit unglaublicher Härte immer wieder von sich weisen und abwehren muss? Nur zu sehr drängt sich mir hier sofort das Bild eines hilflosen Säuglings auf. Ich denke an dieses kleine Wesen, das, in die Welt geworfen, eine unheimliche Abhängigkeit erlebt. Auch in der Psychoanalyse geht man davon aus, dass die frühe Erfahrung der „Not des Lebens“ einschneidende Spuren hinterlässt. In der Verknüpfung von Funktionen des Selbsterhalts mit der Entstehung des begehrenden und wünschenden Ich liegt etwas zutiefst Ambivalentes, ein frühes Dilemma im Spannungsfeld von Reiz, Begierde und Objekt, das der Entstehung der Sexualität, der Entstehung des Unbewussten eingeschrieben ist. Die bedrohliche Dramatik frühkindlicher Erfahrungen verschmilzt irgendwann später mit der Entdeckung der geschlechtlichen Unterschiede und schreibt sich in den eigenen Geschlechtscharakter ein. Nachträglich, das heißt auf Basis späterer Erfahrungen, werden frühe Erfahrungen psychisch umgeformt und mit einer Bedeutung versehen, die von nun an so scheint, als wäre sie immer schon, quasi von Natur aus, genauso da gewesen. Durch die später erfolgende psychische Ver- und Umarbeitung der Entdeckung der geschlechtlichen Differenz(en) schreibt sich diese nachträglich in die Geschlechterhierarchie als ursprüngliche mit ein – mit fataler Konsequenz.3
Toms inneres Bild des grün-klebrigen, schleimigen Geistes der Vergangenheit evoziert bei mir eine verkehrte Vorstellung der Existenz eines Säuglings. Auch das grüne Wesen scheint unstillbar, immerzu Essen in sich stopfend, obwohl doch all das Verschlungene durch den Geistermagen hindurch fällt, unfähig, irgendetwas festzuhalten, keine Spuren, keine Befriedigung hinterlassend. Eine leere Geste, ein skurriler Wiederholungszwang. Eine verzerrte und deformierte Variante frühkindlicher Existenz, die nur als abstoßend und verachtenswert imaginiert werden kann. Tom selbst verknüpft einen Teil von sich mit diesem ekelhaften Schleim, als wäre etwas „in ihm“, das er nicht kontrollieren kann. Er fühlt sich bedroht von diesem inneren Slimer, versucht sich durch Auslagerung davon zu befreien, indem er dagegen wütet und kämpft, die eigenen Gefühle oder Ängste – wovor eigentlich? – abtrennt, nein, abspaltet und nach und nach die Menschen um sich herum an seiner statt zu eben solch ekelhaftem, weichem Schleim werden lässt.
Ich beobachte meinen Vater beim Essen. Genussvoll schiebt er sich die Wurst in den Mund, mit Freuden geht er zum Fleischer – hier, wie auch bei anderen Kaufleuten und Handwerkern im Dorf fühlt er sich aufgrund seiner familiären Schicht zugehörig, trotz sozialen Aufstiegs in hoch angesehenen Beruf. Ich beobachte meinen Vater und beobachte meinen Ekel. Vor ihm, vor dem Fleisch, dem Körper, dem Einverleiben. Essen als Ausdruck des Begehrens. Und der Kontrolle darüber. Wieviel Ich im Mund, Ich im Magen, Anderes in mir, Fremdes in mir. Immer wieder widert mich Fleisch an. Beim Essen verspüre ich Brechreiz, der Anblick, die Konsistenz ein Zuviel an Körper, an Leben, an „Ding“.
Mit 13 höre ich auf, Fleisch zu essen. Klar, irgendwie aus Mitleid, irgendwie aus Mitläufertum, irgendwie, weil es interessant erschien. Aber irgendwie auch als Ausdruck eines psychischen Kampfes. Der schon im Körper selbst angelegte Widerwille wird zum Austragungsort einer Abtrennung: Hinfort mit dir, oh Meister! Oh Meister. Meine Zunge, mein Mund, meine Zähne. Ich beobachte meinen Vater, voller Ekel, voller Angst. Dieser massige Körper, dieser unstillbare Hunger, dieser sich öffnende und schließende Mund. Dieser sich ins Blickfeld schiebende Arm, diese dominant sich erhebende Stimme. Die Ablehnung des Vaters wird zur Ablehnung des Körpers, zur Ablehnung meines Körpers. Auch mit ihm befinde ich mich seitdem im Kampf.
Gleichzeitig berührt mich das Bild des grünen Wesens, trotz all seiner abstoßenden Eigenheiten hat der Slimer etwas Niedliches und Lustiges, auf eine Art sogar etwas Lebendiges und Widerspenstiges.
Das Finden innerer Bilder und die Versprachlichung der eigenen Erfahrung stellt zudem auch einen ersten Zugang zur eigenen Innenwelt dar, etwas, das Tom bis dato fast unmöglich zu sein scheint, so wenig ist er in reflektiertem Kontakt mit sich und seinen Empfindungen, wird vielmehr von diesen „überwältigt“. Verbirgt sich in diesem Bild vielleicht auch eine erste Annäherung an etwas, das er bisher nicht wahrzunehmen bereit war?
Eltern und Kind
Tom selbst zumindest scheint dem Bild noch keine emotionale Bedeutung zugestehen zu wollen. Familiäres erzählt er wenig, und wenn, dann wertet er seine eigenen (Gewalt-)Erfahrungen ab, spielt sie mit einem „Klar, dass Sie als Psychodoc jetzt mit der Kindheit kommen“ herunter. Insgesamt scheint wenig Raum in ihm für Empathie und Mitgefühl zu sein, Beziehungen sind durchgängig konflikthaft, geprägt von einer machthungrigen Dominanz und einem erschreckend heftigen Hass und Vernichtungswunsch; aber auch von Neid und Angst. Immer sieht er sich in Konkurrenz mit der Außenwelt, „[i]mmer wieder geht es um oben und unten, schlauer und dümmer, stärker und schwächer.“
Für Tom verknüpfen sich Macht, Kontrolle und Lust. Die Beherrschung und Dominanz anderer Menschen verschaffen ihm in Sprache und Fantasie, aber auch in der Realität Befriedigung. So richtig blüht seine Wut vor allem dann auf, wenn es um Frauen geht, wenn es um seine Frau geht. Hier zeigt sich mit Deutlichkeit die von Verlassensangst und Beherrschungswillen genährte Vernichtungsfantasie: „[W]enn Du Dich scheiden lässt, mach ich Dich fertig, bis du nackt auf der Straße liegst“.
Trotz all dieser inszenierten Härte ist Tom aber extrem leicht kränkbar, hat eine eigentlich sehr dünne und verletzliche Haut. Bei der kleinsten Erahnung fehlender Bestätigung durchs Gegenüber erwacht die unbewusste Angst, dieses könnte sich ihm entziehen, ihm kein narzisstischer Spiegel mehr sein. Mit Gewalt muss es daher festgehalten und kontrolliert werden. Auch in der Beziehung zu seiner Tochter wiederholt sich die Destruktivität, die er selbst doch aus seiner Kindheit nur zu gut kennen sollte. Jetzt jedoch wird er selbst zum Täter, wird selbst derjenige, der sich lustig macht, erniedrigt, mit Erwartungen überschüttet und straft, schlägt, wütet, wenn diese nicht erfüllt werden. Mit ihrer Sehnsucht nach Nähe, nach Liebe weiß er nichts anzufangen. Der Therapeut sagt „Ihre Tochter, das sind Sie selbst! Sie schreiben Ihr das zu, was Sie nicht sein wollen: erfolglos, unbeholfen“, doch Tom geht auf die Deutung nicht ein.
„Nein!“, schreit mein Vater, immerzu. Wenn ich etwas fallen lasse, wenn ich nicht mache, was er sagt, wenn ich ein eigenes Bedürfnis anbringe. Er wird ausfällig, wird ignorant. Er schreit an gegen mich, meine Brüder, meine Mutter. Er schreit und droht und wirft irgendetwas umher und dann ist plötzlich wieder alles ruhig, als wäre nichts passiert. Mit Zwang setzt er seine Fantasie von „Familie“ durch.
Doch in der Realität wird die von ihm ausgehende Gewalt und Kontrolle alltäglich, wird zu meiner Normalität, meinem Bezug zur Welt. Ich, in Subjektform gebracht durch Unterwerfung und Aggression. Oh Meister! Nur versteckt ab und zu etwas wie Liebe, hilflos vermittelt über Leistungsanspruch, über Geld-Geschenke. Als Kind noch bin ich Tochter, bin kleines Mädchen, werde mit zärtlicher Bewunderung überschüttet. Ich, sein kleiner, blonder Traum. Doch mit dem Erwachen erwachsener Sexualität vermischen sich die Wahrnehmungsebenen, ich bin noch Tochter, bin aber auch Frau, plötzlich bin ich „seine Frau“, meine Mutter (Ja, er spricht mich tatsächlich immer wieder versehentlich mit ihrem Namen an). Die Zärtlichkeit schwindet, wird unbeholfen, wird immer knöchriger, bis er mir – Jahre später – zur Begrüßung gar nur noch die Hand hinzustrecken vermag, als sei ich eine Fremde. Meine ersten sich abzeichnenden Beziehungswünsche werden mit schlechten Witzen und Zynismus abgewehrt.
Gestaltlos bleiben die Frauen um Tom herum. Obwohl ich beim Hören ihre Namen erfahre, bleiben sie doch wie leere, weiße Blätter. Weder wird die Tochter in meiner Vorstellung zu Lissi noch die Ehefrau zu Stefanie, zu eigenständigen Menschen mit Interessen, Bedürfnissen, Begehren. Es scheint, als wären sie vielmehr als emotionale Funktionen für Tom vertreten, Bedeutung erhalten sie nur in ihrer Relation zu ihm, und selbst darin scheinen sie immer auch für etwas anderes zu stehen, als wären sie Platzhalter für etwas an sich Austauschbares, das jedoch – vielleicht gerade weil es so ersetzbar ist? – unnachgiebig festgehalten werden muss.
Zwanghaft reinszeniert Tom in den Beziehungen zu Frauen etwas Vergessenes. Die Vergangenheit dringt in den Therapieraum: Sie erzählt von einer Mutter, von ihrer Härte, ihren erdrückenden Leistungsforderungen, ihrer Vergötterung und Aufopferung. Sie erzählt von ihren Enttäuschungen, ihrem unbefriedigten Ehrgeiz, ihrem lieblosen Bezug zum abwesenden Vater, der, immerzu erschöpft und lustlos, doch das Schlagen des Sohns übernehmen wird. Sie erzählt von Kälte und Einsamkeit, von Ignoranz und unerfüllter Sehnsucht.
Natürlich brennt sich eine solche Mutter (ein solcher Vater) im Gedächtnis ein, wird Angst- und Hassobjekt zugleich. Natürlich ist auch in der Psychoanalyse die Beziehung zum ersten „mütterlichen Objekt“4 von großer Bedeutung, weil es eben jenes Objekt ist, an welchem sich die archaischen, unter der Prämisse der Lebensnot entstandenen Spaltungsvorgänge abspielen. „Als Verführungs- und Versagungsmacht ist sie erstes Objekt der Selbsterhaltungstriebe, der Sexualtriebe und zugleich erstes feindliches Objekt …“5 Der Psychoanalytiker D. W. Winnicott geht in seiner Theorie davon aus, dass das Kind die Ablösung aus einer von Lustprinzip und Autoerotik dominierten Phase des primären Narzissmus nur findet, wenn ihm „Zerstörung“, das heißt, die Trennung vom ersten Objekt und die Anerkennung seiner Andersartigkeit in der eigenen Phantasie gelingt, denn „[e]rst eine Zerstörung ermögliche die Liebe zu Objekten, d. h. zu ganzen Menschen“6. Diese imaginäre Zerstörung, in deren Folge das Objekt dann außerhalb der kindlichen Phantasie, außerhalb der „omnipotenten Kontrolle“ wiedergefunden werden kann, also als reales Objekt „überlebt“, ist Voraussetzung für den Eintritt in eine dem Realitätsprinzip untergeordnete Welt. Ohne solche Vorgänge keine Bereitschaft, Objekte (also Menschen) außerhalb der eigenen Kontrolle und Herrschaft anzuerkennen, keine Fähigkeit, „andere Personen als eigenständige wahrzunehmen.“ Je fragiler die Beziehungen zu den ersten Objekten sind, je mehr diese von Ambivalenz geprägt sind, desto schwieriger die innere Verarbeitung der eigenen Hass- und Ambivalenzgefühle und desto größer das Verharren in einer narzisstischen Einsamkeit. „Aber man kann sich nicht selbst befruchten, wenn man nicht ein Gott ist, nichts Neues aus sich selbst heraus zeugen; das Neue … entsteht nur, wenn man das andere in sich hineinläßt,“ – und dazu benötigt es die Zerstörung der Fantasie, sich selbst zu genügen.
Einst hatt’ ich ein Wort für dich, oh Meister. Zwei kurze Silben, irgendwann einmal weich, voller Zärtlichkeit, geborgen. Ich erinnere mich nicht, wann sie sich verformten, ich aufhörte, dich kindlich liebevoll zu adressieren. Du, Papa. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Unterwerfung ist es verlorengegangen, deformierte sich zur harten Einsilbigkeit. Der General spricht, fordert Gehorsam, streng knallt die Tür, der Schlüssel dreht sich! Es rattern die Konsonanten im Gleichschritt.
Du schreist mich an, verlangst von mir elterliche Anrede. Nenn mich gefälligst … so wie es sich gehört … respektlos … frech … Ich schreie zurück, finde einzig in der Verweigerung des Namens die Macht absoluter Bestrafung. „Soll ich dich etwa Gott nennen?“, schreie ich. Wenn schon nicht in der Fantasie, so töte ich dich in der Realität des Namens. Trenne mich von dir ab, stelle mich fremd. Begrabe all jene Sehnsucht, alle Hoffnung auf einen Moment des Nachhallens in dir, eine Umarmung, ein zärtliches Wort. Oh Meister, meine Sprache, meine Zähne, mein Fleisch. Ja, einst hatt’ ich ein Wort, ein vertrautes, ein zartes, mir (noch) nicht widerstrebend.
Tom und seine Mutter stecken gemeinsam in einer Wiederholungsschleife fest, können sich emotional nicht loslassen, brauchen sich gegenseitig – fast täglich telefonieren sie –, gleichzeitig bekriegen sie sich, streiten sich immer wieder heftig „bis aufs Blut“. Symbolträchtiger Fixationspunkt dieses Kampfes scheint die obsessive Beschäftigung der Mutter mit einer anatomischen Banalität, die sich wie eine „Urgeschichte“ durch Toms Kindheit zieht: eine Vorhautverengung. Ständig zieht sie ihn mit dieser „Deformation“ auf, macht „an ihm rum“, kann selbst nach erfolgter Operation und im Erwachsenenalter nicht aufhören, darüber zu sprechen. Der erwachsene Tom reagiert mit Raserei auf die übergriffigen Provokationen seiner Mutter. Unklar bleibt, wer hier eigentlich Täter, wer Opfer ist.
Psychisch zentral scheint der beiderseitige Bezug auf den kleinkindlichen Penis. Wiederholte Hinweise auf das kindliche „makelbehaftete“7 Genital, immer wieder abgewertet und nichtig gemacht, dabei doch zwanghaft daran haftend, die Mutter. Toms kindliche Scham Jahre später, verkehrt ins Gegenteil, wahnhaft grandios er, allen überlegen, Frauen sowieso, auch sexuell mag er es dominant, hier ist er nicht mehr klein, nicht mehr unterlegen oder gar voller Makel. Meine Gedanken wandern vom Makel zum Mangel. Gleichklang im Verweis auf Fehlendes. Gleichzeitige Markierung einer An- und Abwesenheit.
Wie so viele Väter war auch mein Vater meist abwesend. Wenn er da war, bestimmte er den Raum, der geprägt war von seinen Bedürfnissen, seinen Vorstellungen, seiner Präsenz. Mein Vater war laut, scherzte viel herum, war großzügig und genussvoll. Doch immerzu schwang mit ihm im Raum die Angst vor der nächsten Kränkung, die aus ihm ein rot verzerrtes Gesicht werden ließ, voller Strenge und Wut. Mein Vater gab allem seine Richtung, weil er es so wollte, geschahen die Dinge so wie sie geschehen sollten. Ich glaube, lange Zeit bewunderte und liebte ich ihn auch sehr, diesen autonomen, so sehr Souveränität ausstrahlenden Mann. Seine Präsenz blieb im Raum hängen – selbst, wenn er nicht da war, war er irgendwie doch immer da. Da blieb kein Raum für anderes, kein Raum für ein „Ich“ neben ihm. Wenn er nicht da war, wurde die innere Leere spürbar. In unserem riesigen Haus war trotz all der Größe kein Platz für mich. Es erscheint absurd, aber er gab meinem Leben seine Richtung, überhaupt eine Richtung. Lange lernte ich nicht, welches „Ich“ ich sein könnte neben diesem Menschen, der mit seinen Vorstellungen, seinen Bedürfnissen und seiner Gewalt mein Leben so kategorisch dominierte.
Doch natürlich wurde ich erwachsen, entwuchs seinem Zugriff, lehnte mich auf und ihn ab. Die Bewunderung schwand, wurde zu Verachtung, zu Trauer, zu Leere – während ich immer weiter unter einer harten Hülle erstarrte.
Toms übergriffige Mutter, die offensichtlich selbst (unbewusst?) eine Beschädigung an ihm ausagiert, steigert die frühkindlichen Erfahrungen ins traumatische. Abhängigkeit wird zu Unterwerfung, regiert von Kontrolle, nicht von Liebe. Auch Tom verwaltet so sein familiäres Reich, die Beziehungen zu Frau und Tochter, zu seinen Mitarbeiter:innen – er besitzt eine Firma – sind von Manipulation und Neid, von Verachtung und Notwendigkeit durchzogen. Er braucht all diese Menschen, ist auf sie verwiesen, gleichzeitig stößt er sie mit einer Überheblichkeit von sich, immerzu suggerierend, dass er niemanden benötigt, er der eigentlich Machtvolle sei.
Sein Vater hingegen verblasst in der Geschichte. Dabei ist es auch in dieser Geschichte der Vater, der die Gewalt ausführt, es ist sein zorniges Gesicht, seine roten Wangen, es sind seine Schläge, es ist sein Gürtel, den er „tanzen lässt“. Er ist die Waffe, die die Mutter zückt und mit der sie am Ende doch immer gewinnen wird im familiären Kleinkrieg. Geformt durch die Rohheit der Sprache und die Striemen der Vergangenheit wird Toms Ich gedrillt, gestählt, gehärtet. Jegliche Sehnsüchte abtrennend, Gefühle als schwächlich herabsetzend, macht er sich nun daran, seinen Teil zum traumatischen Wiederholungszwang beizutragen, denn „[d]en Familienbeziehungen ist offensichtlich eine Gewaltgeschichte eingeschrieben,“ die sich, spiralförmig, immer weiter zuspitzt. Seine Tochter wird irgendwann den Kontakt abbrechen, seine Frau wird sich trennen, er wird alleine zurückbleiben, alleine in seinem riesigen Haus. Doch noch ist es nicht so weit, noch ist der Kampf in vollem Gange.
Ich stutze beim Hören der Podcast-Reihe und ihrer Nachbesprechungen. Die Erschütterung der Sprechenden angesichts der beschriebenen Gewalt entlarvt mich. Denn ihre emotionale Reaktion spiegelt mir meine eigene Versteinerung: für mich ist Tom vertraut, so schrecklich vertraut, so normal. Diese ambivalente Art von Beziehung, diese erdrückende Dominanz, diese verquere Liebe. Und diese Gewalt, die darin liegt, die nur bedingt körperlicher, sondern vor allem psychischer Art ist, die sich ins Denken und Handeln, ins Fühlen und Fordern einschreibt, ist für mich als Gewalt gar nicht spürbar. So vertraut ist sie, ist Normalität, ist Alltag. Auch ich habe lange schon gelernt, sie von mir abzutrennen, sie nicht mehr zu fühlen, sie irgendwo hinzuschieben, wo sie – unsichtbar und unfühlbar geworden – unberührt weiter wüten darf.
Der (kleine) Faschist
Auch in Toms Unbewusstem hält der Kampf an. Seine Träume sind Zeugen und Austragungsort zugleich, sind Kampfarena, voller Blut und Gewalt, voller Sadismus und Hohn, voller Zerstörung. Durch die Hölle wird er gejagt, verfolgt vom mörderischen Herrscher, der ihn aufs Grausamste zu foltern droht in diesem nächtlichen inneren Weltkrieg. Man hofft, es überlebt noch irgendwo zwischen diesen Ruinen, das kleine Kind Tom, das Kind, das noch nicht nachahmt, was es nie besser kennenlernte.
Wehrlos renne ich in meinen Träumen davon, versuche mich zu verstecken, werde entdeckt, renne weiter, wache auf. Endlos flüchte ich im Schlaf, aber auch in der Realität, hier wird die Fantasie zur Zuflucht, in der ich Bücher verschlinge, zeichne, male, bastle. Mein Zimmer ist mein Rettungsanker, der Schlüssel im Schloss gibt mir die Sicherheit über mein Reich. Auch in der psychischen Entwicklung geht es um die Errichtung innerer Räume. Nach und nach bildet sich aus dem kleinen Säugling ein Ich, imaginär, ganz wie der Körper, von einer Haut umgeben, eingefasst, begrenzt. Eine fragile Grenze, so lange die Haut noch frisch ist. Leicht zu durchstoßen, leicht zu zerreißen. Traumatisches sprenge diese psychische Haut, sagt man. Keine Haut, kein Schutz, kein Leben. Man kapselt sie ein, sagt man, diese Erfahrungen, verwahrt sie in sich, irgendwo, während man um diesen schutzlosen Raum sein psychisches Ich, sein psychisches Haus weiter baut.
Ich ersetze die Haut durch feste Mauern, ein Schutzwall aus Steinen. Erst reale – der Schlüssel dreht sich im Schloss –, dann imaginäre. Im Nachhinein wird das in seinem Zimmer eingekapselte Kind zu einem Sinnbild meiner selbst. Dort, in meiner inneren Zuflucht lebe ich, hart gemacht gegen das auf mich einprasselnde Außen. Einsam wandere ich darin umher, richte mich ein, mache es mir gemütlich in meinem selbstgemauerten, (un)heimlichen Sarkophag.
Toms faschistoide Traumbilder machen deutlich, dass es nicht kindliche Erfahrungen allein sind, die uns zu dem Subjekt machen, das wir irgendwann geworden sein werden. Es ist nicht fehlende Liebe allein, sei sie von Seiten der Mutter oder des Vaters, es ist nicht das Schicksal des irgendwann einmal als männlich oder weiblich zugerichteten Körpers allein. Nachträglich erst manifestieren sich die Dilemmata der Sexualität, der Männlichkeit, der erlernten und wiederholten Lieblosigkeit. Zwischen den harten Worten, zwischen der Abwertung und Erniedrigung, zwischen dem Moment des Erlebens und der sich immer wieder neu formierenden Erfahrung schiebt sich die Gesellschaft ins familiäre Private.
Bewahrheitung statistischer Regeln: Es heißt, nach der Trennung eskaliert die Gewalt am Häufigsten. Zur Vertrauten meiner Mutter geworden wusste ich schon lange von ihrem Wunsch, zu gehen, meinen Vater – endlich – verlassen zu können (die Kinder mittlerweile groß genug geworden). Meine Erinnerungen an diese Zeit sind fragmentarische Splitter einer Vergangenheit ohne Zeitkern. Wir fliehen nachts, zu Freunden, in die neue Wohnung, vor ihm. Ich bin dreizehn als wir umziehen, meine Mutter, meine Brüder, in ein kleines, enges Mehrfamilienhaus. Er bleibt allein zurück in unserem riesigen Heim. Im Gegensatz zu Tom jedoch wird er davon aufgefressen, er beginnt zu trinken, er terrorisiert uns, er ruft an, er kommt unangemeldet. Irgendwann steht er nachts im Flur, in meinem Zimmer. Ich spüre Schläge, ich greife, fasse eine Schere, steche zu.
In Träumen zerfällt mein Kiefer in Einzelteile und bleibt doch ganz, ein andermal kann ich mir die Zähne mühelos und schmerzfrei herausziehen. Im Traum defragmentiert, was in der Realität zusammengehalten werden muss. Während der kleinfamiliäre Krieg seinen Höhepunkt erreicht, werde ich gefühllos, verstecke all das, was an Angst und Trauma in mir steckt, kapsle es ein in einen fernen Winkel meines Unbewussten. Wie ein schmerzfreier Traum, das Leben. Versteinertes Ich, eingelagert unter einer Krypta, gebaut aus Steinen des Hasses und der Aggression. Vermutlich einbruchsgefährdet, aber noch halten die Wände, halten den Schmerz fern, halten die Wut gefangen, nur ab und zu, wie Phantomschmerzen nicht vorhandener Gliedmaßen, schießen Erinnerungen in den Körper hinein, überfallen ihn, schütteln ihn, lähmen ihn. Die Polizei kommt, unsere Telefonnummer wird geheim, ein Annäherungsverbot wirkmächtig. Rechtsstaatliche Bemühungen der Einhegung patriarchaler Zustände.
Ich breche den Kontakt zu meinem Vater ab.
Tom hingegen wird im therapeutischen Raum zugänglicher. Mit der Metapher des „Faschisten“ hat sich eine Art Bezugspunkt ergeben, neben dem Slimer ein weiteres inneres Bild, das Momente der Bewusstwerdung erahnen lässt. Tom selbst kommt immer wieder darauf zurück, meist wenn ihm seine eigene Herablassung bewusst wird. Mit einem „naja … jetzt mache ich wieder den Faschisten“ kommentiert er sich selbst, wird sich bruchstückhaft seiner selbst bewusst. Gleichzeitig bricht damit auch das Traumatische, das aus Tom einen Tom machte, in den Therapieraum ein. Bruchstückhafte Szenen der Gewalt vermischen Toms familiäre Erlebnisse mit seinem kindlichen Sadismus gegenüber Tieren, seiner Freude an der Verachtung und Demütigung Gleichaltriger. Gestern und heute fallen in Toms Erzählungen ineinander. Diese „[t]raumatische[n] Fragmente“ sind „Splitter einer Seelenwelt, die einst zersprengt wurde und die seither ungebremst durch Toms Inneres jagen.“ Im Stillstand seiner Seele wütet es immerzu, die Gewalt für immer eingefroren im Ich, gefangen im Moment des Wütens. Welch Anstrengung es bedurfte, diese Gefühle zu bändigen, welch Sprengkraft zum Aufbrechen dieser Verhärtungen?
Dem Kind gilt, den Spielregeln der Familie zu gehorchen, seien sie noch so willkürlich oder irrational. Die existentielle Abhängigkeit lässt wenig Raum für Entscheidungsfreiheit. Unterwerf’ dich oder geh unter. Das Gesetz des Vaters ist unwiderruflich: Immer wieder prasselt es ein, streng, laut, Widerspruch unerbeten, mit Härte das noch rohe „Ich“ immer wieder zurückgewiesen. Mit dem Aufwachsen werden diese familiär-gesellschaftlichen Spielregeln verinnerlicht, werden zu den Prinzipien des (psychischen) Überlebens selbst.
Ich beobachte meinen Onkel in der Interaktion mit seinem Sohn. Der Achtjährige sehnsüchtig auf der Suche nach etwas Nähe, etwas Anerkennung. Die kindliche Bewunderung noch gut zu spüren, auch ein bisschen unbeholfen wirkt er. Gleichzeitig zuckt er zusammen beim Klang der plötzlich in Generalton verfallenen Vaterstimme. Immer auf der Hut und doch davon überrumpelt. Seine Sehnsucht, seine Lebendigkeit zum bloßen Störmoment degradiert. Wie ausgehungert stürzt er sich auf die Zuwendung, die ich ihm zuteilwerden lasse.
Ich beobachte ihn und beobachte mich. Im Gegensatz zu meinem Cousin habe ich irgendwann zurückgeschrien, immer wieder, immer lauter, immer mehr dabei Teil werdend vom Kreislauf der Gewalt.Solch Situation lässt sich leichter ertragen, wenn man sich auf der Seite des Täters wähnt, sagt man. So absurd das erscheint: ihn zu verstehen, Verständnis für seine Motivation aufzubringen, lässt die angsterfüllte Realität erträglicher werden. „Identifikation mit dem Angreifer“ nennt man das in der Fachsprache der Psyche, diese Rechtfertigung im Namen der Täter, um die erlebte Ohnmacht ertragbar werden zu lassen, um das eigene Opfersein zu verdrängen. Doch die damit verbundene Angst und Wut verschwindet nicht. Negativ wütet sie einerseits weiter gegen das eigene Selbst, denn wenn nicht er, dann bin eben Ich schuld an seinem Handeln. Positiv verinnerlicht richtet sie sich andererseits gegen das Außen: Ich werde zu eben dem Menschen, den ich so sehr verachte, wiederhole die Herabsetzungen und Demütigungen, die ich selbst erfahren habe. Damit ich nicht ohnmächtig bin, muss ich jetzt die Macht haben, muss ich andere unterwerfen, ihnen überlegen sein. Der Teufelskreis der Gewalt schließt sich.
Immer offensichtlicher kämpft es in Tom, seine Gefühle schwanken stark. Momente der Zugänglichkeit wechseln sich ab mit dem plötzlichen Umschwingen ins Verächtliche „gegen die Welt, gegen sich, gegen mich“. Er schreit an gegen Liebe und Nähe und alles, was mit Schwäche verknüpft ist. Man solle „endlich die Pille erfinden, die die Gefühle ausschaltet.“ Je dünner die Wände seiner inneren Gruft werden, umso stärker das Gefühl der Verletzlichkeit, umso weniger greifen die eigenen narzisstischen Mechanismen.
In Form des Familiären bricht das Trauma des 20. Jahrhunderts in den Therapieraum ein. Täterschaft und Opfersein vermischen sich. In seinem Inneren wiederholt Tom die Erfahrungen der vorherigen Generationen als „Seelentragödie“ – auch wenn er von Krieg und Faschismus, von Vertreibung und Armut nur indirekt betroffen ist. „Die familiäre Urgeschichte der Gewalt ist nicht mehr klar zuordenbar, benennbar, scheinbar verschollen, zugleich im Erleben und Verhalten von Tom präsent und immerzu wiederholt.“ Nicht ohne Grund findet Tom für die eigene innere Verhärtung den Begriff des „Faschisten“. Hier zeigt sich die verzerrte Fratze der Barbarei nationalsozialistischer Herrschaftslogik: Alles Schwache vernichten, mit einem verhöhnenden Lachen jegliche Gefühle liquidieren, aus der Hilflosigkeit der Opfer und ihrer Unterlegenheit Befriedigung und Ich-Stärke gewinnen.
In seinen inneren Bildern reinszeniert Tom Aspekte dieser deutschen Gewaltgeschichte; in seiner privaten Beziehung reicht er das transgenerationale Trauma, den Wiederholungszwang der Geschichte an die nächste Generation weiter. Seine mittlerweile fast erwachsen gewordene Tochter verschließt sich ihm gegenüber zunehmend. Sie entzieht sich, wird immer wortkarger und ausweichend, verbringt viel Zeit außerhalb des Hauses, mit Freund:innen zieht sie umher.
Ich habe mir ein Gefängnis gebaut. Bin eingesperrt in meiner eigenen Wut, meinem eigenen Hass. In einem Traumbild sehe ich einen weiß bepuderten Menschen, der dunkle Körper überzogen von einer Schicht mehligen Pulvers. Hell leuchtet darauf die Wunde, dickflüssig tropft das Blut aus ihr heraus. Unter der steinernen Hülle wartet das Leben darauf, gelebt werden zu dürfen, die Liebe darauf, erlebt zu werden. Mit dem Stiefel im Nacken versacke ich am Boden meiner Sehnsucht. Doch dein Name, du, überall. Wie kann ich dir jemals entkommen? Deiner Gewalt, deinen Forderungen, deinem Druck? Bin verwoben mit deiner Geschichte, meine Kindheit kein Ursprung, sondern eine Übersetzungsstelle. Deine gewaltförmige Erfahrung eingeschrieben in meinen Körper, mein Denken, mein Fühlen. Oh Meister, meine Hände, meine Füße, mein Lauf.
Eine verkehrte Welt: Erfahrung der Gewalt bringt Gewalt wieder hervor. Der Mensch, dessen Sein und Werden von Unterdrückung, von Erniedrigung geprägt ist, wird nicht mit der logischen Zwangsläufigkeit gegen eben jene Unterdrückung ankämpfen. Das kritische Bewusstsein ist ihm nicht in die Wiege gelegt wie man meinen könnte, vielmehr erzeugt die Gewalt „nicht notwendig Widerstand gegen die Gewalt, sondern Identifikation mit der Gewalt.“ Ein Zirkelschluss, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt. Oder?
Die Schwierigkeit liegt in der Versöhnung: mit wem? Worin? Es gibt keine Wiedergutmachung für diese Erfahrungen, sie sind passiert, vergangen, in sich geschlossen. Es gibt nur die Möglichkeit der eigenen (Schuld-)Bewusstwerdung. Voraussetzung für ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis? Im Anerkennen, dass die Person, die man so sehr liebte und bewunderte und die man ins eigene Denken und Handeln verinnerlicht hat, auch die Person ist, die zu solcher Gewalt fähig war; im Gewahrwerden der eigenen „Unfähigkeit zu trauern“8 liegt vielleicht ein Anfang.
Der Nacktmull
Toms Therapie schreitet voran, spitzt sich im Inneren und im Äußeren dramatisch zu. Ins Liegen übergegangen nähert er sich der eigenen traumatischen Erfahrung, er dissoziiert, gleitet in Gewaltbilder ab, regrediert zunehmend. Immer wieder muss der Therapeut stützend eingreifen, ihn mit gewaltiger Anstrengung ins Jetzt zurückholen. Parallel findet seine Frau nach Jahren des Leidens jetzt die Kraft, ihn zu verlassen. Sie trennt sich, zieht mit der gemeinsamen Tochter aus. Tom bleibt allein zurück im familiären Haus.
Mich berührt die Geschichte Toms zutiefst. Ist es nicht fatal? Während er im therapeutischen Raum sein eigenes Trauma in Ansätzen zu spüren beginnt, zerbricht jeglicher Halt im Außen. Als wären es Entsprechungen, das innere und das äußere Haus.
Die Beziehung zu meinem Vater, nach jahrelangen verzweifelten Versuchen, eine Art der Interaktion haben zu können, die nicht in Streit endet, aus der ich nicht retraumatisiert auftauche, bricht abrupt ab. Er stirbt.
Doch wie trauert man um diesen Menschen? Jahrelang verachte ich mich selbst für jegliche Zärtlichkeit, die ich für ihn empfunden haben mag. Wie kann man einen solchen Menschen lieben, frage ich mich? Wie können sie Männer überhaupt lieben, fragt mich meine Therapeutin. Die Beziehung zu diesem „Monster“ hat sich in mich eingeschrieben. Unversöhnt sind wir auseinander gegangen. Unversöhnt, weil unverarbeitet. Doch was kann Versöhnung überhaupt bedeuten? Vergebung? Verzeihen? Immerhin kein Streit bei der letzten Begegnung.
„Tom“ wird für mich eine Ersatzerfahrung. Ich höre ihn und höre meinen Vater, höre meinen Bruder. Wünsche mir die Annäherung, die sich in seiner Beziehung zur Tochter abzuzeichnen beginnt. In ihm beginne ich zu sehen, was ich nicht zu sehen vermochte: jenes „Zuvor“, jene verlorene, verquere Liebe, die ich erst wieder anzuerkennen, vielleicht aber auch zu betrauern lernen muss(te). Erste Risse im Stein der inneren Krypta. Rückbildung der erstarrten psychischen Haut.
Im Bild der Schnecke findet man bei Adorno und Horkheimer9 eine verbildlichte Vorstellung, wie Wahrnehmung und Erfahrung die menschliche Psyche formen. Ihre Fühlhörner, ihr „tastendes Gesicht“ ausstreckend ergründet sie die Welt in einer Form mimetischen Erfahrens. Durch das taktile Anschmiegen an die Gegebenheiten der Umgebung begreift sie, versteht und lernt. Ihre körperliche Relation zur Außenwelt formt sie. „Der Sinn der Schnecke ist auf den Muskel angewiesen, und Muskeln werden schlaff mit der Beeinträchtigung ihres Spiels. Den Körper lähmt die physische Verletzung, den Geist der Schrecken. Beides ist im Ursprung gar nicht zu trennen.“ Immer wieder tastet sich der Fühler vor, erkundet die Welt und zieht sich bei – realer oder gefühlter – Gefahr zurück. Die Möglichkeit des Reizschutzes sei Voraussetzung für die Entstehung des Bewusstseins, so Freud. Doch prasseln die Reize nur so auf einen nieder, schlagen ein, fordern Gehorsam, wird der Reizschutz zur Mauer. Die rohe Haut malträtiert, unterm steinernen Häuschen nun hässliche Narben bildend. Dort nämlich deformieren sie, werden zum vollkommen abgestumpften Wulst statt fein silbrig glänzender Körperzeichnung. Vernarbung als doppeltes Moment: Irgendwie muss doch das Fühlhorn hinaus in die Welt gestreckt werden, oder? Ohne diese verkörperten, leiblichen Erfahrungen kein Leben, kein Ich, keine Entwicklung. Eine Entwicklung, die nach und nach ihre Narben hinterlässt.
Doch sind die Hindernisse im Außen zu gewaltig, zu schmerzhaft, findet der Leib keine Verarbeitung, keinen Ausweg für die innere Spannung, droht der Zerfall. Traumatisches lässt keinen Raum für die Bearbeitung des Konflikts: gefangen zwischen Angst, Unterwerfung, Hass, Liebe und Sehnsucht zerbricht ein Stück Weltvertrauen im neugierigen Kind. Die Narbe bleibt roh, unbearbeitet, kann wüten, kann schmerzen, auf ewig. „Der gute Wille wird zum bösen durch erlittene Gewalt.“10
Unter dem Schneckenhaus weiches Fleisch, ein Rest Ich. Roher Körper, roher Leib, noch nicht durchzogen von den glänzenden Striemen der Welt. Im Traumbild ein roter Ameisenkörper, Ameisenkopf, wie von glänzender Lackschicht überzogen. Der augenlose Kopf eingesperrt in einem gläsernen Krug. Blindes Fühlhorn unter Schutzschicht, weiß nicht, was es will. Wandert umher, während im Hintergrund das Haus brennt.
Eine Erfahrung der Erfahrungslosigkeit: unter dem Glas bleibt die Haut roh, keine Vernarbung mehr möglich, kein Ich mit Spuren. Wenn das Glas bricht wird jede Berührung zur reinsten Qual, hinterlässt größtmögliche Schmerzen. Wenn traumatische Wunden nicht verheilen können, bluten sie endlos weiter, irgendwo im Innern, versteckt, verdrängt unter einer harten Hülle.
Auch Toms psychisches Steinhaus bekommt langsam erste Risse. Zum Selbstschutz irgendwann erbaut, wird mit der Brüchigkeit der Wände auch das eigene Ich brüchig. Tom scheint für eine Weile sehr abhängig von seinem Therapeuten, will ihm nahe sein, die Frequenz wird auf viermal die Woche erhöht. Seine Abhängigkeit mutet kindlich an, er darin unbeholfen. Kind-Sein: der Inbegriff der Verwiesenheit. Wann, wenn nicht in dieser Lebensphase, ist man bis aufs nackte Überleben abhängig von der Zuneigung und Zuwendung anderer?
In verwandelter Form taucht das Sinnbild des „Slimer“, des unstillbaren Geists, wieder im Therapieraum auf. Doch ist er nun nicht mehr fratzenhaft formloses Ding, sondern zum Leben erwacht: Tom träumt sich in eine Favela, er jugendliches Mitglied einer Kinderbande, die plündernd durch die Stadt ziehen. Heimlich jedoch versteckt er in seiner kleinen Wellblechhütte einen am Strand aufgelesenen kleinen Nacktmull. Haarlos, faltig, blind, unbeholfen scheint er ein verachtenswertes Tier zu sein, Tom aber versorgt ihn voller Zärtlichkeit, liebt das kleine Wesen unbedingt, versteckt es, voller Sorge, vor den anderen – umsonst. Immer wieder wiederholt sich die Grausamkeit im Traum: Die Entdeckung führt zu Hohn, Lachen, Sadismus. „Töte ihn, Tom! Töte ihn!“, verlangen sie, „Töte ihn endlich!“ Er gehorcht, verleugnet seine emotionale Verbundenheit, wie im Wiederholungszwang lässt sein Unbewusstes ihn immer wieder morden. Selbst im Traum findet sich kein Ausweg aus dem inneren Konflikt, Tom muss sein kindliches, im Nacktmull versinnbildlichtes Selbst ertränken, um Teil des sozialen Zusammenhangs zu bleiben. Auch hier wieder Assoziierungen an die Logik faschistischer Ordnung: alles Schwache auslöschen, Hilflosigkeit verhöhnen, keine Gnade für niemanden, nicht für sich, nicht für andere?
Der Nacktmull überlebt, lebt weiter, lebt nackt, weil er unter der Erde, in einem weit durch unterirdische Gänge verzweigten System von Bauten haust. Körper an Körper gedrängt kuscheln sich die kleinen Tastwesen – ihre roh scheinenden Körper von berührungsempfindlichen Haaren überzogen – aneinander, wuseln eng aufeinander gepresst umeinander her. Matriarchal organisiert leben die Nagetiere, kollektiv und kooperativ, jedoch beherrscht von einer dominanten und oft aggressiven „Königin“. Gemeinsam ziehen sie den Nachwuchs auf, beschaffen die Nahrung, verteilen sie, füttern sich gegenseitig. Mehrere Generationen leben zusammen, meist in Verbänden von Müttern und Töchtern. Nackt, hässlich, lose an einen erschlafften Penis erinnernde Körper. Irgendwie abstoßend und doch berührend. Im Gegensatz zum Weichkörper der Schnecke ist der Nacktmull nur vermindert schmerzempfindlich. Zwar kann er Verletzungen verspüren, der dazugehörige Reiz aber bleibt aus.
Wehrhaft gewordener Weichkörper. Nackt zwar, scheinbar roh und verletzbar die Haut, die sich in Falten um den Körper schmiegt. Und doch so widerständig sich der Erfahrung widersetzend. Nacktmull, du. Sinnbild einer anderen Art, sein zu dürfen?
Oh Meister! Oh Vater! Finger für Finger habe ich mich aus deinem Griff gelöst, Steinschicht um Steinschicht abgetragen um – endlich – zu leben, ohne den beständig über mir schwebenden Schatten unserer Vergangenheit. Versöhnung, so lern(t)e ich, ist nur als Negation möglich: im Trauern um das, was nie hätte anders sein können. Oh Papa, du. Einst hatt’ ich ein Wort, noch zärtlich, noch nicht im Munde mir verdreht, in falsche Form gegossen. Verloren hatt’ ich’s geglaubt, mich auf die Suche begeben. An die Wände des Steinhauses geklopft, Buchstabe für Buchstabe stolpernd aus dem Dunkel der Eingeweide hervorgezogen. Nach und nach eine Sprache gefunden. Und so beginnt meine Geschichte.
Formloses Wesen, du kleines Ding.
Ich halte dich in meinen Pranken,
Schutz bieten dir meine Fingerhöhlen,
versöhnen dich, während das Blut gerinnt,
mit den Stunden der
vollkommenen Unendlichkeit.
Erschlaffter Körper, du kleines Ding.
Ich streichle über deine glatte Haut,
kein Haar krümmt sich dir und
zwischen den Hautfalten wartet der Schorf
deiner Wunden langsam
auf die Schwerelosigkeit.
Fellloses Knäuel, du kleines Ding.
Meine Augen streifen über deine Wülste,
glitzernde Narben im hellen Licht,
Verhärtungen aus der Frühsteinzeit
gefunden im Dunkel
der ewigen Vergangenheit.
Warm atmender Fleischberg, du kleines Ding.
Zwischen meinen Handflächen aufgehoben,
es pumpt dir wie wild das winzige Herz –
Nein! Keine Angst! Fallen lass ich dich nicht,
bin gebunden an dich und
deine Hilflosigkeit.
Zarter Faltenwurf, du kleines Ding.
Deine Füße trippeln über meine Haut,
ungeduldig und doch so fein,
wartend darauf, dass die Welt nicht mehr,
nimmer mehr, kundtut all ihre
Grausamkeit.
Eine Tochter ist viele Töchter, ist aber auch eine bestimmte Tochter. Aufgrund der Sensibilität der Inhalte verbleibt sie hier jedoch als Unbenannte ein Stück Allgemeines. Sie lebt nach Jahren therapeutischen Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens einigermaßen befreit von den Dämonen der Vergangenheit.
Fußnoten
- [1] Die Podcast-Reihe Rätsel des Unbewußten von Cécile Loetz und Jakob Müller stellt zentrale Begriffe der zeitgenössischen Psychoanalyse vor, gibt Einblicke in psychotherapeutische Verfahren und Arbeitsweisen und widmet sich den Zusammenhängen von Gesellschaft und Unbewusstem. Seit 2021 gehört auch das Format der Tales of Therapy zum Umfang der Podcastserie. Dort erkunden die Hosts anhand einzelner, oft mehrteiliger Fallgeschichten verschiedene psychische Krankheitsbilder und mögliche psychoanalytische Therapieformen. Über die Förderplattform Patreon gibt es zusätzlich zu diesen Fallgeschichten Nachbesprechungen, in denen die beiden auf Fragen und Hintergründe vertieft eingehen. Mehr Informationen zum Podcast gibt es unter psy-cast.org/de.
- [2] Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind alle Zitate den Folgen zu Tom: Therapie mit einem Narzissten entnommen.
- [3] Für eine vertiefte psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Nachträglichkeit sowie mit der Ausbildung geschlechtlicher Identität empfehle ich: Kirchhoff, Christine: Unterschied mit Folgen. Identität und Differenz in der freudschen Psychoanalyse. In: Mende, Janne / Müller, Stefan (Hrsg.): Identität und Differenz. Konstellationen der Kritik. (Weinheim, 2016, S. 79–90) sowie: Kirchhoff, Christine: Das psychoanalytische Konzept der ›Nachträglichkeit‹. Zeit, Bedeutung und die Anfänge des Psychischen. (Gießen, 2009) und schließlich: Pohl, Rolf: Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen. (Hannover, 2019).
- [4] Auch wenn in den letzten Jahrzehnten die Vorstellungen von Familie und Elternschaft vielfältiger geworden sind, ist es doch in den meisten familiären Konstellationen noch eine Frau, die gebiert, stillt und das Kleinkind umsorgt. Trotzdem sei hier nochmal auf die Wichtigkeit der Nachträglichkeit hingewiesen, denn die ersten frühkindlichen Erfahrungen eines „mütterlichen Objektes“, das auch nicht-weiblich sein kann, werden erst später anhand der Erkennung geschlechtlicher Unterschiede selbst als geschlechtlich umgeschrieben. Auch hierzu sei für eine vertiefte Lektüre auf Christine Kirchhoff und ihren Rückgriff auf die psychoanalytischen Ansätze Jean Laplanches verwiesen.
- [5] Vgl. Rolf Pohl: Feindbild Frau, S. 195.
- [6] Ebd.
- [7] Rolf Pohls psychoanalytischem Ansatz zufolge erlebt der kleinen Jungen die Eigenregungen des Penis (auch) als bedrohlich. Zentral ist dabei das Erleben des eigenen Penis in einer Entwicklungsphase, in der die Erfahrung körperlicher Autonomie und Mobilität relevant ist für die narzisstische Besetzung des Ich. Der zunehmend willkürlichen Körperbeherrschung stehen die unwillkürlichen, nichtkontrollierbaren Regungen – oft durch mütterliche Pflege hervorgerufenen – des eigenen Genitals gegenüber. Gleichzeitig wird sein Penis zum Phallus, wird als Symbol der Differenz zur Weiblichkeit Träger einer Illusion von Eigenständigkeit, Autonomie und Unabhängigkeit. Eine Illusion, die aufgrund der weiterhin bestehenden Abhängigkeit Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen und Versagensängste bestärken kann. Vgl. Rolf Pohl: Feindbild Frau, vor allem den zweiten Teil „Zur Konstitution der männlichen Sexualität.“
- [8] Vgl. Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. (München, 1990).
- [9] Vgl. Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Zur Genese der Dummheit. In: Diesselben: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main, 1988, S. 274–275.