#8 Kämpfe
Carolin Krahl
outside the box
AG Dauerwelle
Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni
Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand
Luise Schröder & Chedly Atallah
Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)
Anne Hofmann & Alexandra Ivanova
outside the box
Bo Rowsky
Lilli Helmbold
Elske Rosenfeld
Sarah Uhlmann
AG DDD
Lisa Jeschke
Lea Kolling
Katharina Zimmerhackl
Eine Tochter
Verena & Thorsten
Koschka Linkerhand & Olga Winter
Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand
Das vergessene Vorbeben der Novemberrevolution
Vor hundert Jahren protestierten Frauen zahlreich gegen den Ersten Weltkrieg und das deutsche Kaiserreich. Ihre Streiks, Demonstrationen und Ausschreitungen leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Vorbereitung der Novemberrevolution. Doch während der Auseinandersetzungen um die Richtung der Revolution tauchten Frauen kaum noch auf. Dania Alasti hat sich in ihrem Buch „Frauen der Novemberrevolution: Kontinuitäten des Vergessens“ auf die Suche nach den Spuren begeben, die uns von diesen Kämpfen und Forderungen geblieben sind. Im Gespräch gehen Dania Alasti und Lilli Helmbold auf wichtige Protagonistinnen ein, zeichnen die – oft rückschrittlichen – Reaktionen auf die Proteste der Frauen nach, hinterfragen die schon damals relevante Doppelbelastung durch Lohn- und Versorgungsarbeit und zeigen auf, welche grundlegenden gesellschaftlichen Probleme bis heute dringend feministischer Kämpfe bedürfen.
Lilli Helmbold: Was war der Anlass deiner Beschäftigung mit den Frauen in der Novemberrevolution?
Dania Alasti: Ich wollte wissen, wie das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde – eine simple Frage, ich hätte aber nie gedacht, dass sich dahinter so viel verbergen würde! Bei meiner Recherche bin ich auf die Geschichte der Novemberrevolution gestoßen, die ich damals nur sehr bruchstückhaft kannte. Zuerst einmal war ich sehr fasziniert davon, dass das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, bevor die Richtungskämpfe der SPD1 entschieden waren um die Frage, wie die deutsche Gesellschaft nach der Kaiserzeit aussehen sollte. Bei dieser Organisationsfrage ist es wichtig, die politische und die ökonomische Seite auseinanderzuhalten: Die Richtungskämpfe drehten sich einerseits um die Frage, ob die deutsche Gesellschaft parlamentarisch organisiert werden sollte oder als Räterepublik, und andererseits, ob sie ökonomisch in einer sozialistischen oder kapitalistischen Weise strukturiert sein sollte. Das Frauenwahlrecht wurde also zu einem Zeitpunkt verkündet, als diese Fragen noch komplett offen waren. Bei meiner Recherche kamen auch weitere Fragen auf: Warum wurde das Wahlrecht zu dieser Zeit eingeführt, was waren die Gründe und Hintergründe dafür? Von wem wurde es eingeführt – von der SPD, die sich das auf die Fahne schreibt, oder vom Rat der Volksbeauftragten? Letzterer war mit der USPD und MSPD paritätisch besetzt. Immer wieder wird auch erwähnt, dass den Frauen das Wahlrecht durch die Revolution „geschenkt“ worden sei. Gleichzeitig gab es im Ersten Weltkrieg zahlreiche Proteste in Form von Ausschreitungen, Demonstrationen und Streiks, die hauptsächlich von Frauen getragen wurden. Ich argumentiere, dass die erste Welle der Novemberrevolution maßgeblich von Frauen getragen wurde und dadurch ein Druck von der Straße entstand, der auch bei der Einführung des Frauenwahlrechts berücksichtigt werden sollte.
LH: Welche Quellen hattest du dabei zur Verfügung, und welche Schwierigkeiten ergaben sich aus ihnen? Ich kann mir vorstellen, dass man es bei diesen Frauen mit Leuten zu tun hat, die oft nicht parteilich organisiert waren und demnach wahrscheinlich selten irgendwo namentlich erwähnt oder verzeichnet wurden, oder?
DA: Das ist ein sehr großes Problem. Über diese Frauen wurde nur indirekt berichtet, vor allem in der Form von Polizeidokumenten, aber auch allgemeinen Berichten, die aber so gut wie nie die Perspektive der Frauen berücksichtigten. Diese Anonymität der Frauen hat es Historiker*innen ermöglicht, alles Mögliche auf ihre Proteste zu projizieren. Es gibt aber auch sehr tolle Aufarbeitungen: Die Historikerin Ute Daniel2, zum Beispiel, hatte festgestellt, dass das Protestpotenzial bei arbeitenden Frauen in Städten – die zumeist ungebildet und politisch unorganisiert waren – am größten war. Ich habe mich daher mit den Lebensbedingungen vor allem dieser Frauen beschäftigt. In der Art, wie über die Kämpfe der Frauen berichtet wurde, wird aber auch die Systemkonkurrenz deutlich: Beispielsweise gibt es die spannende Doktorarbeit von Peter Kuhlbrodt3, die auf einer beeindruckenden Archivarbeit beruht, aber meines Erachtens sehr stark geprägt ist vom DDR-Verständnis: Demnach wurden die Kämpfe der Frauen als kommunistische Kämpfe vereinnahmt, auch wenn das alles andere als sicher ist.4 In der BRD- oder weiteren West-Literatur hingegen wurden die Proteste meist reduziert auf „Hungerkrawalle“, die zwar mit Frauen assoziiert, aber auch stark entpolitisiert wurden – im Sinne von „die Leute waren hungrig und frustriert und haben nur darum Randale gemacht“. Die Lebensumstände während des Ersten Weltkriegs waren spektakulär schlecht, aber das war nicht allein der Anlass, um auf die Straße zu gehen.
Im Rahmen dieser Streiks
(die sehr stark von Frauen getragen wurden) gab es weitere Forderungen – so auch das Frauenwahlrecht.
DA: In den proletarischen Lebensweisen vor dem Ersten Weltkrieg überhaupt waren schon Gründe für die Proteste angelegt. Andererseits gab es aber auch Phänomene im Alltag, die es erleichterten, subversiv tätig zu sein,5 zum Beispiel die Art und Weise, wie Frauen sich bei Abtreibungen gegenseitig unterstützten und Momente der Solidarität bildeten, auf die sie später in den revolutionären Tätigkeiten zurückgreifen konnten. Abtreibungen waren damals wie heute verboten, fanden aber trotzdem häufig statt. Bestimmte gewachsene Lebenszusammenhänge ermöglichten also, sich zusammenzuschließen. Frauen, die hingegen isoliert lebten und arbeiteten, waren von einer viel größeren Verelendung bedroht – also Frauen in Dienst- und Anstellungsverhältnissen oder Heimarbeiterinnen, die mit Erfahrungen von sexueller Gewalt vollkommen alleine dastanden.
Vor allem hinsichtlich der Ernährungslage änderten sich die Bedingungen mit dem Krieg, weil es nun Rolle der Frauen war, die Versorgung der Familien zu sichern. Die Ernährungspolitik während des Ersten Weltkrieges war katastrophal. Anscheinend war nicht geplant, einen längeren Krieg zu führen, und es gab daher keine Überlegung, wie die Ernährungsversorgung während dieser Zeit gesichert werden könnte.
Ein katastrophales Moment bestand in der staatlichen Kontrolle der Nahrungsmittelindustrie: Die Preise der Grundnahrungsmittel wurden zunächst nämlich gar nicht kontrolliert, später dann mangelhaft rationiert. Die sonst fehlenden Nahrungsmittel wurden zum Beispiel privilegiert an Fabrikküchen geliefert, was viel Unmut hervorrief. Diese Politik führte den Menschen vor Augen, dass der einzige Wert, den man in ihnen sah, ihre Arbeitskraft war.
LH: Inwiefern würdest du die Strukturen dieser Zeit als patriarchal beschreiben?
DA: Die Wilhelminische Zeit war zutiefst patriarchal, und durch den Ersten Weltkrieg gerieten diese patriarchalen Verhältnisse aus verschiedenen Gründen ins Schwanken. Es wird dabei oft angenommen, Frauen hätten sich emanzipiert, weil sie anfingen zu arbeiten. Dem war allerdings nicht so: Frauen hatten zuvor schon gearbeitet. Sie wanderten vielmehr in die Kriegsindustrie aus anderen Arbeitsbereichen ab, die typischerweise als Lohnarbeitsberufe übersehen werden: Hausanstellungen, Heimarbeit oder Landarbeit. Es gab allerdings eine andere Form der Emanzipation, da Frauen durch das Fehlen der Männer die Verfügung über das Familieneinkommen erlangten, die vorher an das „Familienoberhaupt“ gingen, und dies brachte eine Form der Selbstermächtigung mit sich.
LH: Welchen Charakter hatten nun die Proteste ab 1915? Welche Protestformen gab es genau und wie wurden sie von Zeitgenoss*innen politisch eingeordnet?
DA: Von 1915 bis 1918 gab es Ausschreitungen, Demonstrationen und Streiks. Diese Formen werden meist getrennt genannt, wegen der unterschiedlichen Bewertung ihrer politischen Inhalte. Gerade Frauen wurden vorwiegend mit den Hungerkrawallen assoziiert und diese häufig spontanen und unorganisierten Proteste typischerweise als „unpolitisch“ eingeordnet. Es gab jedoch auch zahlreiche Demonstrationen für eine bessere Nahrungsmittelversorgung, für Frieden und ein Ende des Krieges. Deutliche politische Forderungen gab es aber vor allem in den Streiks. Streiks gab es bereits ab 1915, und ab 1916 gewannen sie mit dem Gefängnis-Urteil gegen Karl Liebknecht zunehmend politischen Charakter. Die April-Streiks von 1917 waren eher ökonomische Streiks und wurden stark von Frauen getragen, wie auch die wohl bekannteste und größte Streikwelle in verschiedenen Städten in Österreich und Deutschland, die aus verschiedenen Gründen geführt wurde – unter anderem in Solidarität mit den Revolutionär*innen in Russland, die Frieden schließen wollten. Im Rahmen dieser Streiks (die sehr stark von Frauen getragen wurden) gab es weitere Forderungen – so auch das Frauenwahlrecht.
Die Frage nach dem „Politischen“ in den Protestformen ist schwierig, weil man zuerst einmal klären muss, was damit gemeint ist, was dieser Vorwurf des „Unpolitischen“ bedeutet. Ich denke, wir sind uns einig, dass Hungerkrawalle politisch sind, denn sie richteten sich ja auch gegen eine ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel. Es gibt aus dieser Zeit Polizeiberichte darüber, dass es eine große Frustrationstoleranz dafür gab, Nahrungsmittelknappheit auszuhalten, aber eine eher geringe Toleranz für die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel. Auch die hohe Arbeitsbelastung hat zu Ausschreitungen geführt. Arbeiterinnen protestierten, weil sie die Versorgungsarbeit ihrer Kinder mit den langen Arbeitszeiten in der Industrie nicht mehr vereinbaren konnten. Zudem gab es aber auch Ausschreitungen in Solidarität mit Kriegsinvaliden, die von der Polizei und protofaschistischen Verbänden sehr schlecht behandelt wurden. Und es gab schließlich Zusammenschlüsse von Frauen und kriegsunwilligen Soldaten – Frauen streikten oft zuerst, da sie im Gegensatz zu den Männern nicht fürchten mussten in den Kriegsdienst eingezogen zu werden. Hier zeigt sich, dass die Leute mit der kriegsführenden Gesellschaft gebrochen hatten, die Ordnung durch die Proteste ins Schwanken geriet und gleichzeitig solidarische Verhältnisse eingeübt wurden. Die verschiedenen Proteste hatten eine besondere politische Qualität, insofern sie die Gesellschaft destabilisierten und ein Vorbeben der Revolution darstellten.
LH: Es gab ja zu dem Zeitpunkt schon eine organisierte bürgerliche Frauenbewegung. In welchem Verhältnis standen die protestierenden proletarischen Frauen zu dieser?
DA: Es ist tragisch, dass die Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts so unglaublich stark war und dann in gewisser Weise zugrunde gegangen ist. Damals teilte sie sich in ein bürgerliches und proletarisches Lager. Es gab aber Punkte, an denen es Überschneidungen und Annäherungen gab. Jedoch ordnete die Einstellung zum Ersten Weltkrieg dieses Verhältnis radikal neu – in kriegsbefürwortende und -ablehnende Frauenrechtlerinnen. Große Teile der bürgerlichen Frauenbewegung, teilweise sogar ihre Anführerinnen, befürworteten begeistert den Ersten Weltkrieg und übernahmen das damit einhergehende nationalistische Vokabular (wie die Befürwortung von Mutterschaft zum Wohle des Staates). Im Rahmen des Hindenburg-Programms von 1916 gab es zum Beispiel Diskussionen um die Einführung eines Arbeitszwangs für Frauen, der am Ende jedoch nicht beschlossen wurde. Allerdings wurden staatliche Stellen geschaffen, in denen die Mobilisierung der Frauen auf den Arbeitsmarkt organisiert werden sollte: Das Frauenreferat und die Frauenarbeitszentrale, deren Verwaltungspositionen durch Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung besetzt wurden. Eine sehr ambivalente Rolle nahmen dabei die sogenannten „Fabrikpflegerinnen“ ein. Auf der einen Seite sollten sie die Fabriken inspizieren und für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sorgen – was von den Arbeiterinnen positiv aufgenommen wurde. Gleichzeitig wurde von ihnen erwartet, dass sie die Disziplin in den Fabriken steigern und die Arbeitsprozesse überwachen würden. Die „Fabrikpflegerinnen“ haben dieses Problem individuell gelöst: Manche schrieben kritische Berichte und setzten sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein, andere aber nahmen an dem Disziplinierungsprogramm teil. In dieser individuellen Verantwortung zeigt sich ein Konflikt, den die Frauen in diesen staatlichen Stellen hatten. Diese sozialstaatlichen Eingriffe hatten nicht den Zweck, tatsächlich für ein besseres Leben der Frauen zu sorgen, sondern ihr oberster Zweck war, die Frauen in Arbeit zu bringen. Statt dieser einzelnen Maßnahmen wäre es viel wirksamer gewesen, die in der Kriegszeit ausgesetzten Arbeitsschutzgesetze wieder einzuführen.
Es gab also auf der einen Seite die Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung, die sich nationalistisch orientierten, dem Krieg positiv begegneten und konformistisch in der staatlichen Integration aufgingen, während die protestierenden Frauen sich auf der anderen Seite zunehmend von dieser staatlichen Ordnung entfernten.
LH: Die Spaltung der Frauenbewegung scheint so auf Klassenkonflikte hinzudeuten. Im Prinzip erfolgte die gesellschaftliche Integration bürgerlicher und proletarischer Frauen doch nach ihrer Klassenzugehörigkeit – würdest du das so bestätigen?
DA: Auf alle Fälle. Nichtsdestotrotz gab es durch die Beteiligung von Teilen der proletarischen Bewegung an der „Burgfriedenspolitik“ des Kaiserreichs eine Annäherung an die bürgerliche Frauenbewegung. Gleichzeitig bewegten sich auch Frauenrechtlerinnen, die vor dem Ersten Weltkrieg entgegengesetzte Ansichten hatten, aufeinander zu, wie bspw. die Pazifistinnen Lida Gustava Heymann und Anita Augsburg und ihre Auseinandersetzungen mit Clara Zetkin über die Frage nach der Notwendigkeit revolutionärer Gewalt zeigen. Für die Frauenbewegung war das eine besondere Erfahrung, dass es neben der Spaltung durch die Klassenzugehörigkeit auch dieses andere ordnende Moment der Haltung gegenüber Krieg und Staatlichkeit gab.
LH: Ich würde gerne auf das Problem der Repräsentation von Frauen in den Räten zu sprechen kommen. Was passierte mit den revoltierenden Frauen im Zuge der Novemberrevolution?
DA: Dazu gibt es leider relativ wenige Informationen. Viele Frauen waren während des Ersten Weltkrieges und noch im Januar 1917 – hier sogar bis in die Streikleitung – an den Streiks beteiligt. Jedoch bedeutete die hohe Beteiligung von Frauen nicht, dass sie später in einflussreiche Positionen kamen. Cläre Derfert-Casper zum Beispiel ist vor allem bekannt dafür, dass sie mit den Revolutionären Obleuten6 zusammenarbeitete und für diese Waffen in ihrer Wohnung versteckte. Sie war aber auch Teil der Streikleitung und Teil des Aktionsausschusses des Arbeiterrats in Berlin. In vielen Räten gab es Frauen in der Streikleitung. Mit der Revolution aber änderte sich das: In dem Moment aber, in dem die Revolution überhaupt ins Rollen kam, verschwanden die Frauen. Cläre Derfert-Casper war nach der Revolution nicht mehr Teil des Aktionsausschusses, sondern nur noch Bürogehilfin. Warum das so ist, ist schwer zu beantworten. Eine erste Erklärung dafür fand Tony Sender, eine revolutionäre USPD-Politikerin aus Frankfurt. Sie stellte fest, dass ein Problem der Räte darin bestand, dass an vielen Orten nur diejenigen wählen durften, die in der Produktion tätig waren. Gleichzeitig wurden Frauen nach Ende des Ersten Weltkrieges von eben diesen Arbeitsplätzen wieder verdrängt. Sie hörten nicht auf zu arbeiten, sondern kehrten – auch auf Druck der Gewerkschaften – in ihre vorherigen Arbeitsverhältnisse zurück. Aber diese Arbeitsverhältnisse, die vor allem aus Hausanstellungen, Heimarbeit oder Landarbeit umfassten, wurden von weiten Teilen der proletarischen Bewegung dieser Zeit ignoriert und nicht als Teil der Klassenverhältnisse gesehen.
DA: Ja, genau. Es gab allerdings durchaus gute Gründe, die Wahlberechtigung in den Räten zu beschränken, weil es tatsächlich Versuche gab, die Räte von innen heraus wieder aufzulösen. Herbert Marcuse hatte 1968 in einem Interview mit Jürgen Habermas erzählt, dass er aus dem Soldatenrat in Berlin ausgetreten war, als die Offiziere eintraten und ihre konservative Agenda durchzusetzen begannen. Das ist ein Problem, das wir uns alle vorstellen können – dass nicht diejenigen wahlberechtigt sein sollten in den Räten, die Politik gegen die Räte machen wollen. Die Lösung des Problems – die Beschränkung der Wahlberechtigung gegen die nicht in der Produktion Tätigen und also auch gegen die Frauen – drückt aber ein so hohes Maß an Ignoranz aus: Das ist schon bemerkenswert. Dabei wird eben auch sichtbar, dass Frauen nicht wirklich als Teil der ArbeiterInnenklasse wahrgenommen und verstanden wurden.
Das galt allerdings nicht für alle. Räte waren eigentlich eine Bewegung von unten, bei denen es keine Direktive von oben und daher regional starke Unterschiede gab. In Jena gab es zum Beispiel einen Hausfrauen-Rat, der von Gertrud Morgner ins Leben gerufen wurde und bis 1920 tätig war. Er war auch Teil des Gewerkschaftskartells und wurde darin anerkannt. In den Hochphasen waren bis zu 1000 Frauen an den Versammlungen beteiligt. Ich finde es wichtig daran zu erinnern, dass es sich nicht nur um einen monolithisch patriarchaler Block handelte, sondern es durchaus auch andere Bewegungen gab.
Natürlich war vielen Frauen bewusst, welche Schwierigkeiten es in dieser Art der Organisierung gab. Clara Zetkin, die die Emanzipation der Frauen vor der Revolution vor allem in der kämpfenden Fabrikarbeiterin sah, erweiterte ihre Perspektive danach: In dem Text „Frauen für die Räte – Frauen in die Räte“ (1919) sagt sie, dass die Hausfrauen und Mütter vielleicht für die bürgerliche kapitalistische Ökonomie keine produktiv tätige Arbeit leisten würden, aber dass es für die proletarische Bewegung durchaus wichtig sei, sie als notwendige und nützliche Arbeit anzuerkennen, und machte verschiedene Vorschläge, wie eine Art von politischer Organisation aussehen könnte.7 Es gab also durchaus ein Bewusstsein, nur konnte sich dieses nicht verbreiten.
LH: Eine der wichtigsten Forderungen der Novemberrevolution war die Sozialisierung der Produktionsmittel und Betriebe, die sich aber hauptsächlich auf die Industrie bezog. Gab es solche Konzepte denn auch in Bezug auf Haus- und Versorgungsarbeit?
DA: Ja, Tony Sender hatte die Organisation der Hausfrauen vorgeschlagen. Allerdings forderte sie auch, dass der Hausfrauenberuf auf lange Sicht abgeschafft werden sollte und dass auch die Reproduktionsarbeit sozialisiert werden sollte. Sie war damit bei weitem nicht die Einzige. Es gab zahlreiche Ideen in dieser Zeit, zum Beispiel Häuser auf eine Art und Weise zu strukturieren, in der die Familien zwar einzelne Wohnungen hatten, die Bereiche der Reproduktionsarbeit jedoch gemeinsam organisiert werden konnten. Also eine Küche und Waschküche für alle, in der diese Arbeiten vergemeinschaftet werden könnten. Es gab sogar architektonische Pläne für die Umgestaltung der Häuser.
LH: Seit wann bestand diese Idee des geteilten Haushaltes? Mir kommt das vor wie eine Vorwegnahme von ähnlichen Wohnkonzepte in der UdSSR, etwa von Alexandra Kollontai, oder auch der Bauhaus-Bewegung.
DA: Geschichte ist ja keine Linie und schon gar keine Fortschrittsbewegung. Was sich in solchen Momenten zeigt, in denen Ideen, die immer noch relevant sind, soweit zurück auftauchen, ist diese Nichtlinearität. Sie tauchen auf, haben ein gewisses Momentum, aber verschwinden dann wieder. In diesem Fall tatsächlich durch ihre Niederschlagung: Die Konterrevolution hat 1918/1919 und in den folgenden Jahren viele der revoltierenden Menschen in Deutschland getötet und Existenzen ökonomisch vernichtet, aber sie hat zudem die Tür verschlossen für den ganzen Möglichkeitsraum einer anderen Gestaltung des Lebens.
LH: Würdest du die konterrevolutionäre Gewalt insbesondere der Freikorpsverbände, wie sie bereits Ende 1918 einsetzte, demnach auch als explizit misogyn beschreiben?
DA: Es gab ja prinzipiell eine sehr heftige Konterrevolution. Die Räterepubliken in Bayern, Bremen, Mannheim usf., und alle weiteren Aufstandsversuche wurden militärisch mit äußerster Gewalt niedergeschlagen – ein sehr brutaler und verhöhnender Exzess der Gewalt. In diesem Zuge gab es auch verschiedene Formen sexistischer Gewalt, zum einen gegen die revolutionär auftretende Frauen selbst. Ein bizarres Beispiel ist eine spontane Erschießung von einer Gruppe gefangengenommener Frauen in München durch Freikorps-Soldaten 1919, die damit gerechtfertigt wurde, dass diese Frauen Eierhandgranaten besäßen, sie auf der Höhe ihrer Brüste für Revolutionäre geschmuggelt hätten. Der darauffolgende Gewaltexzess wurde dann damit begründet, dass die Soldaten wegen dieser vermeintlichen Eierhandgranaten-Brüste in Erregung gekommen seien.8 Die eingesetzten Freikorps waren protofaschistische oder faschistische Verbände und hatten extrem patriarchale Vorstellungen von Weiblichkeit und einer soldatischen Männlichkeit. Revolutionär auftretende Frauen wurden also heftig bestraft, aber ebenso Frauen, die auf andere Arten von diesen patriarchalen Vorstellungen abwichen. Bei der Art der Strafen, die dafür eingesetzt wurden, bedienten sie sich eines ganz alten Repertoires an Strafen und Demütigungen, indem sie in Oberschlesien zum Beispiel diese Frauen nackt auszogen, kahlschoren, mit Teer anstrichen und durch die Straßen hetzten.
Revolutionär auftretende Frauen wurden also heftig bestraft,
aber ebenso Frauen, die auf andere Arten von diesen patriarchalen Vorstellungen abwichen.
Das beeindruckende an dieser empirischen Forschung ist, dass sie Korrelationen zwischen solchen Mythen und der Überzeugung, die Welt sei auf eine gerechte Weise geordnet, feststellen konnte. Das ist eigentlich ein erstaunlicher Widerspruch: Man spricht Menschen ihre Erfahrungen von Gewalt ab, weil man es selbst nicht ertragen kann, dass die Welt wirklich so brutal ist. Auch Frauen können solche Vergewaltigungsmythen aufrufen, sogar wenn ihnen selbst Gewalt widerfahren ist, weil diese Abwehr auch eine gewisse Handlungsmöglichkeit erschafft. Der Glaube daran, dass die Welt eine gerechte Ordnung hätte, gibt dem Subjekt auch einen ganz bestimmten Platz in ihr – der Moment hingegen, in dem die Erkenntnis durchbricht, dass die Welt nicht auf eine gerechte Weise eingerichtet ist kann zu starker Ohnmacht führen und stellt dadurch ein Problem für die eigene Erfahrung dar.
LH: Und inwiefern genau siehst du hier Parallelen zur Niederschlagung der Novemberrevolution, und den Gewaltexzessen der Freikorps?
DA: Was ich aber wirklich bemerkenswert fand, war, dass in der Konterrevolution bestimmte Erklärungen für diese exzessive Gewalt auftauchten, die solchen Vergewaltigungsmythen stark ähneln, nur, dass sie sich auf andere Formen von Gewalt bezogen: Die Gewalttaten, die die Freikorps bei der Niederschlagung der Räterepublik in München und weiteren Aufstandsversuchen begingen – und all diese Misshandlungen wurden weitgehend gedeckt von der Justiz. Diesen Teil der Konterrevolution muss man berücksichtigen. Es gab die Gewalttäter auf der Straße, aber es gab auch die Personen in den Staatsapparaten, die diese Gewalttaten rechtfertigten. Und in ihren Rechtfertigungen tauchen immer wieder diese Erzählformen auf.9 So stand in gerichtlichen Begründungen beispielsweise, dass Personen sich auf eine Art und Weise provokativ verhalten hätten und Betroffene quasi selbst schuld daran gewesen seien, dass sie getötet wurden oder Gewalt erfuhren.10 Vor allem beispielsweise Soldaten unterer Ränge wären aufgrund der Situation sehr erregt gewesen, sodass sie zu Recht auf Selbstjustiz und Notwehr bei spontanen Erschießungen pochten, denn der Versuch, eine Räterepublik aufzubauen, sei so skandalös, dass jede Erregung vollkommen nachvollziehbar sei – also eine fast naturrechtliche Rechtfertigung der Gewalt. Mich erinnert das an den Mythos, dass als sexuell erregend empfundenes Verhalten sexuelle Gewalt rechtfertigen würden.
In der Forschung zur Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen lässt sich vieles finden, in dem sich etwas Allgemeines widerspiegelt: Eine bestimmte Form des Bewusstseins, in der es eine Ordnung gibt, die als gerecht wahrgenommen wird. Und alles, was sich nicht in diese Ordnung einfügt, wird verniedlicht, objektiviert oder zum Feindbild dämonisiert. Bei Gewalttaten gegenüber Frauen in der Revolution gab es solche Dämonisierungen. Fantasiekonstrukte, die dann als Rechtfertigung für die eigene Gewalt funktionierten. Die reale und brutale Gewalt geht aber von denjenigen aus, die diese Gerüchte in die Welt setzen und geschehen dann auch erst in der Folge.
LH: Kommen wir zum Schluss nochmal zurück zu zentralen Figuren in der proletarischen und bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Novemberrevolution. Mit welchen Vertreterinnen hast du dich besonders beschäftigt? Und mit welchen hast du sympathisiert oder dich an ihnen gestoßen?
LH: Am wichtigsten ist natürlich Clara Zetkin, die als bekannteste Stellvertreterin der proletarischen Frauenbewegung sehr einflussreich war. Ich war aber auch fasziniert von den Pazifistinnen Lida Gustava Heyman und Anita Augsburg, die beide in der Münchner Räterepublik eine besondere Rolle spielten und über Sozialismus und die Gewaltfrage der Revolution spannende Diskussionen führten. Anita Augsburg wollte in München reine Frauen-Räte gründen, um überhaupt erst einmal eine politische Selbstbildungsarbeit zu ermöglichen, bei denen Männer aus historischen und sozialen Gründen gewisse Vorsprünge hatten. Dieser Vorschlag wurde aber auf eine sehr absurde Weise abgewiegelt und abgelehnt. Die Frauen bildeten in der Folge jedoch einfach eine eigene Gruppe, den Sozialistischen Frauenbund, in dem sie zum Beispiel die niederländische Kommunistin Henriette Roland Holst rezipierten. Holst argumentierte dafür, dass es im Proletariat bessere Verhaltensweisen geben sollte und deswegen das Mittel zur Revolution nicht die gewaltvolle Eroberung, sondern der Generalstreik sein muss. Wie viel Einfluss die Rezeption von Holst auf die Gewaltfrage hatte, lässt sich nicht rekonstruieren, aber tatsächlich schafften es einige Frauen in der Münchner Räterepublik durchzusetzen, dass das Revolutionstribunal keine Todesurteile aussprach – was allerdings zu einigen Spannungen mit den Kommunisten der Räterepublik führte.
Man muss aber auch sagen, dass Pazifistinnen wie Hedwig Kämpfer oder auch Gertrud Baer zu große Hoffnungen in die Macht der Argumente setzten. Baer und Kämpfer versuchten die kommunistischen Anführer Max Levien und Eugen Leviné dafür zu gewinnen, Verhandlungen mit den Freikorps zu führen, als sich die endgültige Niederschlagung der Münchner Räterepublik abzeichnete. Da diese jedoch dagegen waren, machten sie sich alleine auf den Weg ins Gespräch, fanden aber kein Gehör. Und dann ging das große Gemetzel los. Sie überschätzten auf jeden Fall die Macht des Diskurses – und vor allen Dingen aber unterschätzten sie ihr Gegenüber. Trotzdem hat mich beeindruckt, dass diese Frauen sich mit ihrer politischen Forderung durchsetzen konnten, als RevolutionärInnen keine Todesurteile auszusprechen, nicht diese Art von Macht über Leben und Tod ausüben zu wollen.
Es ist historisch und global konstant, dass Frauen unter prekären Bedingungen auf den Arbeitsmarkt mobilisiert
werden, wenn Arbeitskräfte verlangt werden, und dass sie von
diesen Arbeitsplätzen wieder demobilisiert werden, wenn
sie nicht mehr gebraucht werden.
DA: Was ist aus der Geschichte zu lernen? Ich denke, zu der damaligen Zeit gab es verschiedene Arten von Ignoranz – gegenüber den Arbeitsverhältnissen, die typischerweise Frauen ausgeführt haben wie Hausanstellung oder Heimarbeit, aber natürlich prinzipiell gegenüber der Versorgungsarbeit, die sie leisteten. Der Erste Weltkrieg hatte die Frage der Versorgung durch die Nahrungsmittelknappheit extrem verschärft. Es entstand darum auch eine Art Subsistenzwirtschaft, wurde viel mehr angebaut und alle verfügbaren Flächen genutzt: Auf den Balkonen standen Schweine und überall wurden Pilze gezogen. Diese Erfahrungen beinhalteten auch emanzipative Momente und schufen neue Formen der Unabhängigkeit.
In der Ignoranz der Versorgungslage steckt ein sehr großes Problem, dass nach wie vor mit prekären Arbeitsverhältnissen verknüpft ist. Es ist historisch und global konstant, dass Frauen unter prekären Bedingungen auf den Arbeitsmarkt mobilisiert werden, wenn Arbeitskräfte verlangt werden, und dass sie von diesen Arbeitsplätzen wieder demobilisiert werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Ich bezeichne das als die personifizierte Reservearmee oder Überschussarbeitsbevölkerung. Implizit wird davon ausgegangen, dass Frauen durch Familienstrukturen eine Form der finanziellen Versorgung finden. Und je nach wirtschaftlicher Lage gibt es dann entweder die Ernährer-Familie, in der das männliche Familienoberhaupt einen Familienlohn heim bringt, oder Frauen werden zusätzlich auf den Arbeitsmarkt mobilisiert, aber in Lohnarbeitsverhältnisse, von denen sie alleine nicht leben könnten. Und das ist auch heute immer noch so. Ich denke, es hat sowohl etwas Erhebendes als auch Bestürzendes, dass die Forderung, diesem Problem beizukommen, seit 100 Jahren wiederholt und immer wieder von neuem gefordert werden muss – nämlich, die Tätigkeiten der Versorgungsarbeit als produktive anzuerkennen, als etwas, das gesellschaftlich notwendig ist. Auf der einen Seite freut es mich, auf diese lange Linie von Frauen, die sich dafür einsetzten, zurückblicken zu können, auf der anderen Seite bestürzt mich das Feststecken in dieser Zeitschleife.
Dania Alasti hat in Hamburg und Berlin Philosophie studiert und schreibt momentan an ihrer Doktorarbeit zum Thema „Gewalt und Frieden“. Wenn sie nach ihrer Nationalität gefragt wird, antwortet sie gerne „Ich bin Trinkerin“, aber das ist eine Lüge.
Lilli Helmbold ist in der translib. communistisches Labor wie auch der Zeitschrift Kunst Spektakel Revolution aktiv, und studiert nebenbei den M.A. Zeitgeschichte an der Uni Potsdam. Würde sie einmal nach ihrer Nationalität gefragt, würde sie antworten „Ich bin trockene Alkoholikerin“, aber auch das wäre eine Lüge, denn manchmal gönnt sie sich ein Schnäpschen
Fußnoten
- [1] Die Politik der deutschen Sozialdemokratie im Sommer 1914 und während des Krieges war stark umstritten und führte 1917 zur Spaltung der SPD in die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und in die von u. a. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründete Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Das Auseinanderbrechen der Partei zeichnete sich aber schon vorher ab: Eine ab 1914 wachsende Minderheit der Reichstagsfraktion verweigerte die Zustimmung zu weiteren Kriegskrediten und trat für eine Aufkündigung des Burgfriedens sowie einen sofortigen Friedensschluss ohne jede Vorbedingung ein. Der MSDP um Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann wurde vorgeworfen, sie hätten mit ihrer Kriegspolitik die Prinzipien der Sozialdemokratie „verraten“.
- [2] aniel, Ute: „Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft“. Göttingen 1989.
- [3] Kuhlbrodt, Peter: Die proletarische Frauenbewegung in Deutschland am Vorabend und während der Novemberrevolution. Dissertation Karl-Marx-Universität. Leipzig 1981.
- [4] Zweifel an dieser Interpretation hegen bspw. der Historiker Richard Evans wie auch Dania Alasti.
- [5] Richebächer, Sabine: Uns fehlt nur eine Kleinigkeit. Deutsche proletarische Frauenbewegung 1890–1914. Frankfurt am Main 1982.
- [6] Die Revolutionären Obleute kamen meist aus den Gewerkschaften, standen deren Burgfriedenpolitik wie auch der SPD allerdings in Opposition gegenüber. Als Vertrauensleute nahmen sie eine wesentliche Rolle bei der Mobilisierung und Organisierung der ArbeiterInnen zur Novemberrevolution und dem Sturz der der Monarchie ein. Vgl. Hoffrogge, Ralf: Räteaktivisten in der USPD: Richard Müller und die Revolutionären Obleute in Berliner Betrieben. In: Plener, Ulla (Hrsg.): Die Novemberrevolution 1918/1919 in Deutschland – Beiträge zum 90. Jahrestag der Revolution. Berlin 2009. S. 189–200, online unter: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Manuskripte_85.pdf.
- [7] Ein Vorschlag bestand darin, dass Frauen, die nicht in den Betrieben arbeiteten, als besondere Wählerinnengruppe zusammengefasst werden sollten und ihnen eine bestimmte Zahl von Vertreterinnen in den Räten zuerkannt werden sollte. Ein zweiter Vorschlag, der auch ihre explizite Empfehlung war, wollte die wahlberechtigten Hausfrauen und Mütter den Betrieben und Berufsgruppen der Ehemänner zuordnen. Diesen Vorschlag hat Tony Sender wiederum kritisiert, weil er Frauen nur in einer Abhängigkeit zu Männern die politische Teilhabe ermöglicht. Stattdessen bräuchte es nach ihrer Auffassung eine explizite Beteiligung der HeimarbeiterInnen und der Hausangestellten, indem man diese Berufsgruppen einfach als Teil der Klasse definiert – und da wären auch die Hausfrauen mit integriert. Die Tätigkeiten der Hausfrauen sollten als produktive und gesellschaftlich nützliche Arbeit verstanden werden.
- [8] Um den Zusammenhang von Faschismus und Geschlechterverhältnissen zu analysieren, lohnt sich wirklich die Lektüre von Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Frankfurt a. M. 1977/Berlin 2019.
- [9] Der Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel, der Mitglied in der USPD war, dokumentierte viele dieser Fälle und kruden Stellungnahmen in seiner Aufarbeitung der Strafverfahren „Vier Jahre politischer Mord“, Berlin 1922.
- [10] Vor dem Massaker der Berliner Märzkämpfe 1919 in Lichtenberg, die das Ende der Novemberrevolution bedeuteten, ging zum Beispiel das Gerücht rum, dass ein Polizeipräsidium von Bolschewiki überfallen und die Polizisten brutal abgeschlachtet worden wären. Das Polizeipräsidium wurde tatsächlich übernommen von den Revolutionären, es wurde aber niemand dabei ermordet. Dieses Gerücht wurde selbst in den Zeitungen verbreitet und diente schließlich der Rechtfertigung für die exzessive Gewalt zur Niederschlagung des Aufstandes. Bolschewiki war überhaupt der Begriff, oder das Fantasiekonstrukt, mit dem die Exzesse der Konterrevolution gerechtfertigt wurde.