#8 Kämpfe

Carolin Krahl

outside the box

AG Dauerwelle

Eva Vázquez (Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo), übersetzt von Carolin Scipioni

Samantha Hargreaves und Patricia Hamilton (Women in Mining), übersetzt von Koschka Linkerhand

Luise Schröder & Chedly Atallah

Lu Märten (Textauswahl: Anne Hofmann & Alexandra Ivanova)

Anne Hofmann & Alexandra Ivanova

outside the box

Bo Rowsky

Lilli Helmbold

Elske Rosenfeld

Sarah Uhlmann

AG DDD

Lisa Jeschke

Lea Kolling

Katharina Zimmerhackl

Eine Tochter

Verena & Thorsten

Koschka Linkerhand & Olga Winter

Nancy Piñeiro Moreno, übersetzt von Koschka Linkerhand

Im Gespräch mit Katharina Karcher über Gewalt und feministische Militanz

„Darauf zu warten, dass es irgendwelche revolutionären Verhältnisse gibt, ist oft einfach nicht möglich und vielleicht auch nicht besonders hilfreich“

Katharina Karcher hat in ihrem Buch Sisters in Arms1 umfangreich zu den militanten Feminist:innen der Gruppe Rote Zora geforscht. Mit ihrem direkten Bezug zu militanten Praktiken der Neuen Linken und Inhalten der autonomen Frauenbewegung stellte die Gruppe eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Kämpfen in der BRD der 1970er Jahre her. Die Zoras verübten zahlreiche Bombenanschläge auf Institutionen, aber keine Gewalt gegen Menschen. Zum Teil rekrutierten sie sich aus und arbeiteten zusammen mit den Revolutionären Zellen (RZ), doch sie verfolgten einen feministischen Ansatz, es ging ihnen um Sachschaden, sie intervenierten in linke und feministische Debatten.


Wenn ihr mehr über die Aktionen der Roten Zora, ihre politische Verortung und Auseinandersetzungen erfahren möchtet, lohnt eine Lektüre von Sisters in Arms ebenso wie der Text Mili’s Tanz auf dem Eis von der Roten Zora selbst. Den Text und weitere Publikationen der Gruppe finden sich u.a. hier:
— Broschüre Mili’s Tanz auf dem Eis: www.freilassung.de/div/texte/rz/milis/milis1.htm,
— Interview in der EMMA von 1984: www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn50.htm, „Frauen bildet Banden – eine Spurensuche zur Geschichte der Roten Zora“, Dokumentarfilm, 77 min, 2019. Regie: Christine Lambesky und Maria Baumeister, FrauenLesbenFilmCollectif LasOtras.

Constanze:  Es gab ein sehr großes Interesse an deinem Online-Vortrag im Juli 2020 in der feministischen Bibliothek und Archiv MONAliesA in Leipzig zur Entstehungsgeschichte der militanten feministischen Gruppe Rote Zora und zu deinem Buch Sisters in Arms. Vergleichbares war bei anderen Veranstaltungen zu Fragen feministischer Militanz auch zu beobachten. Ich habe mich gefragt, wie sich dieses gesteigerte Interesse an feministischer Militanz oder überhaupt an der Gewaltfrage erklären lässt. Zum einen bin ich auf eine Lust am Entdecken gestoßen, auch bei mir selbst. Also die Entdeckung, dass es überhaupt militante feministische Gruppen gab und damit die Möglichkeit, einen Teil feministischer Geschichte freizulegen, der oft unerzählt bleibt. Gleichzeitig scheint es mir, als gäbe es derzeit das Bedürfnis, sich mit unterschiedlichen Ansätzen feministischer Praxis auseinanderzusetzen, die explizit auch gewaltvolle Formen umfassen. Ein Bedürfnis danach zu fragen, was mögliche Formen für feministischen Aktivismus in der Gegenwart sind.

Katharina:  Ja, und ich glaube, dass das im deutschen Kontext sehr wichtig ist. Hier, in Großbritannien, steht feministische Militanz tatsächlich auf dem Lehrplan, aber stark auf die Suffragetten und ihren Kampf für das weibliche Wahlrecht beschränkt. Ein sehr liberales Projekt, das als legitim gilt und entpolitisiert mittlerweile auch im Mainstream angekommen ist. Durch diese Normalisierung bekommt feministische Militanz ebenso wie Militanz im Allgemeinen viel weniger Aufmerksamkeit. Bei der Roten Zora finde ich spannend, dass dort diese explizit feministische Militanz auftaucht, wie ich sie verstehe. Es gab eine Ausrichtung an explizit feministischen Themen und den Anspruch, aktiv an Kampagnen dieser Zeit anzuknüpfen. Aber es gab auch immer die Frage nach einer feministischen Ethik: Wie machen wir das? Was machen wir, und was machen wir nicht? Sie haben sehr viele Dinge wieder verworfen, die sie geplant hatten. Diese feministische Selbstkritik und das Reflektieren sind für mich im wissenschaftlichen und auch im persönlichen Kontext sehr wichtig. Die Aktivist:innen der Roten Zora haben reflektiert, zurückgeschaut und überlegt: Was ist gut gelaufen, was nicht? Was würden wir heute wieder so machen und was vielleicht anders? Das ist ein zentraler Teil der kritischen feministischen Praxis. In patriarchalen Gesellschaften sind feministische Kämpfe progressiv, aber deswegen sind sie nicht automatisch revolutionär. Oft reproduzieren sie viele der Unterdrückungsmechanismen, die in der Welt existieren. Wenn wir nicht die politische Energie finden, darüber zu reden, ist das – vorsichtig formuliert – problematisch. Das Reflektieren hat mich beeindruckt, sowohl im Kontext der militanten, der bewaffneten Linken als auch im Kontext von feministischen Diskussionen. Als die Zoras beispielsweise über ihre Aktionen gegen Sexshops nachgedacht haben. Dort haben sie Stinkbomben und langsam brennende Brandsätze verwendet. Und natürlich waren neben den Kunden, gegen die sich die Aktion primär richtete, auch Mitarbeiter:innen anwesend. Die Zoras hatten zwar weiterhin Probleme mit der Sexindustrie, aber auch viel gelernt darüber, was Solidarität bedeutet, und wie kompliziert das sein kann. Und auch, dass wir unsere eigenen Moralvorstellungen mitbringen, die manchmal eben nicht so feministisch und revolutionär sind, wie wir denken oder wie sie sein könnten. Das macht es für mich heute noch zu einer interessanten feministischen Fallstudie, sich die Aktionen und Texte der Roten Zora anzuschauen.

Die Aktivist:innen der Roten Zora haben reflektiert, zurückgeschaut und überlegt: Was ist gut gelaufen, was nicht?

Verena: Dein Buch Sisters in Arms wurde breit diskutiert. Welche Kritik gab es?

Katharina:  Ein Vorwurf lautete, ich hätte eine viel zu enge Beziehung zu den militanten Aktivist:innen, über die ich schreibe. Dadurch wäre ich zu stark voreingenommen und würde ein romantisiertes Bild von Militanz zeichnen. Ein anderer, dass ich nicht involviert gewesen sei und daher nichts über die damaligen Aushandlungen sagen könnte. Manchmal sitzen in einem Publikum diese beiden Vorwürfe nebeneinander, und aus der jeweiligen subjektiven Wahrnehmung sind sie beide vollkommen wahr. Aber dass ich zu diesem Thema forsche oder schreibe, heißt nicht, dass andere Leute das nicht auch machen können. Ich hatte das Gefühl, dass dazu nicht genug gesagt und nicht genug geschrieben wird, weshalb es wichtig ist, das zu machen. Ich glaube, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Vorteil, dass sie vielleicht auch andere Gruppen mit dem Thema Militanz konfrontiert. Aber sie hat gleichzeitig viele Limitationen. Außerdem ist die Forschung oft nicht sehr zugänglich geschrieben oder kann nicht das leisten, was Aktivist:innen aufgrund ihrer Erfahrungen leisten können. Von daher gibt es immer einen großen Bedarf an unterschiedlichen Stimmen in diesen Diskussionen.

Verena: Kam bei der Vorstellung deines Buches die Kritik von Leuten, die aktuell aktiv sind? Haben die sich auf das bezogen, was du historisch beschreibst?

Katharina:  Nein, das war eher eine ältere Generation von Aktivist:innen. Ich beziehe mich kaum auf Prozesse und Kämpfe in der Gegenwart. Es ist eine historische Studie, und da ist es, denke ich, normal und gut, dass man manchen Leuten auf den Schlips tritt. Gleichzeitig kann ich verstehen, dass Menschen das Gefühl haben, dass bestimmte Positionen viel stärker von Wissenschaftler:innen gesehen werden als andere, die nicht verstanden oder gehört werden. Im aktivistischen und akademischen Kontext stellt sich immer die Frage, was gesagt und worüber auch geschwiegen wird. Vieles steht nicht in den Büchern, weil es nicht gesagt oder auch vergessen und nicht gewusst wird. Manchmal kann das Auslassen auch eine bewusste Entscheidung als Zeichen von Respekt sein, statt der bewussten oder unbewussten Marginalisierung bestimmter Positionen.

Constanze: Du meintest, dass die Suffragetten auch in den militanteren Ausformungen ihrer Politik mittlerweile in die Geschichtsbücher Großbritanniens aufgenommen wurden. Das ist bei der Roten Zora nie passiert bzw. wurden sie aus der Geschichte der westdeutschen Frauenbewegung größtenteils ausgespart. Warum wird sie nicht als Teil der autonomen Frauenbewegungen der 1970er Jahre erinnert?

Katharina: Da gibt es viele Faktoren. Spannend ist zunächst mal, dass wir von „der autonomen Frauenbewegung“ oder „den autonomen Frauenbewegungen“ sprechen. Autonomie ist zwar immer ein wichtiges Ziel, aber auch ein hochproblematisches Konstrukt. Gibt es etwas, das wirklich autonom ist? Es war damals ein wichtiger Impuls zu sagen: Wir organisieren uns in Gruppen und Netzwerken, die nicht von Männern dominiert werden und auch unabhängig vom Staat und von staatlichen Institutionen sind. Gleichzeitig haben sich da Leute zusammengetan, die erhebliche Differenzen in ihren Positionen hatten. Wer dominiert dann die Geschichtsschreibung? Meistens waren das eben jene Aktivist:innen mit einem privilegierten Zugang zu bestimmten Mainstream-Medien. Alice Schwarzer zum Beispiel spielte eine große Rolle und entwickelte ein starkes Narrativ, das schon von vornherein einige Akteur:innen und Gruppen marginalisierte und an den Rand drängte. Wahrscheinlich ist dieser Mythos der friedfertigen Frauenbewegung auch in dem Kontext der zwei Weltkriege in Deutschland zu betrachten. Die wurden natürlich von den Aktivist:innen in den 1960er Jahren noch sehr aktiv erinnert. Zudem waren sie konfrontiert mit dem Vietnamkrieg. Und dann der bewaffnete Kampf einiger linker Gruppen in den 1970ern. Ich glaube, das hat den Diskurs auch noch mal polarisiert und vielleicht einige zu der Schlussfolgerung getrieben, dass Militanz, wie die der Zoras, etwas Schlechtes ist. Auch generell stellt sich die Frage, warum Menschen militanten Protest ablehnen. Womöglich gibt es zwei Hauptgründe: Zum einen, dass sie überzeugt sind, dass es nicht notwendig ist, dass man das Ziel auch mit anderen Methoden erreichen kann. Und das andere ist, dass sie nicht denken, militanter Protest könne ernsthafte Konsequenzen haben oder Wirkung entfalten.

Verena: Mit den Anschlägen auf westdeutsche Filialen des Bekleidungskonzerns Adler 1987 haben die Aktivist:innen der Roten Zora auf den Arbeitskampf der Näher:innen einer südkoreanischen Adler-Produktionsfirma aufmerksam gemacht und erfolgreich Druck auf die Konzernleitung ausgeübt. Die Anschläge führten zu Auseinandersetzungen über Widerstandsformen und auch zur Gewaltfrage innerhalb der feministischen Bewegung. Auch gegenwärtige Auseinandersetzungen kreisen dabei um Fragen der un-/möglichen Solidarität in transnationalen Kämpfen. Liest man die Reflexionen der Roten Zora, ist auch ihr Anliegen, mit und nicht gegen die Frauen in der Peripherie zu kämpfen, nicht immer widerspruchsfrei aufgegangen. Kann Solidarität praktisch werden, wenn Wahl und Bewertung der feministischen Handlungsformen so verschieden sind?

Katharina: Die Adler-Kampagne ist ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedliche Positionen vertreten wurden und man sich darüber streiten konnte. Auch wenn es klare Anhaltspunkte dafür gab, dass militanter Protest eine Rolle gespielt oder einen aktiven Beitrag dazu geleistet hat, dass sich etwas zum Positiven änderte. Es gab trotzdem Stimmen, die sagten: Das wäre ohne solche Interventionen viel besser gelaufen. Und dass diese Aktionen gewissermaßen von außen kamen und nicht Teil der eigentlichen Kampagne gewesen seien. Andere sagten: Super, das hat wirklich den Ausschlag gegeben, damit endlich was passiert. Es ist sehr schwierig, auch aus wissenschaftlicher Perspektive, das eine oder andere klar nachzuweisen. Oft ist es viel dynamischer und komplexer, wie all diese unterschiedlichen Spielformen des Protests nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam Wirkungen entfalten, die nur begrenzt absehbar sind. Das macht es spannend, die Analyse aber auch schwieriger. Im Fall der Adler-Kampagne der Roten Zora war das Protestziel außergewöhnlich klar. Es gab einen Arbeitskampf an den Produktionsstätten vor Ort mit klaren Forderungen. Das sind ideale Voraussetzungen für eine Protestbewegung. Und selbst da ist es nicht einfach abzusehen, was die Menschen vor Ort als Solidarität verstehen und was ihnen wirklich hilft. In diesem Kontext ist es zu verstehen, dass die Leute manchmal zögern, weil es schwierig ist, diese Produktionsketten nachzuvollziehen und die eigene Involviertheit zu reflektieren. Trotzdem ist es wichtiger denn je, dass wir aktiv sind, uns wehren und dass wir andere Menschen unterstützen, die sich wehren. Diese transnationale Solidarität ist heute umso notwendiger. Ich glaube nicht, dass sich oft was ändert, nur, weil irgendjemand eine Onlinepetition startet. Obwohl das auch ein wichtiges Moment sein kann, ich will das nicht abwerten.

Verena: In der feministischen Szene heute gibt es vielfach ästhetische, popkulturelle und sportliche Bezugnahmen auf feministische Militanz. Thaiboxen für trans, inter und nicht-binäre Personen und Frauen, Mobivideos mit Hassis und Baseballschlägern oder Slogans wie „Feminismus oder Schlägerei“. Die popkulturelle Militanzästhetik deckt sich (zumindest in den demokratisch-kapitalistischen Ländern des globalen Nordens) selten mit einer realen, sich radikalisierenden Praxis. Meist wird sich auf eine popkulturell-ästhetische Vermarktung der eigenen Politik beschränkt. Gleichzeitig zeigt sich hier aber ein spezifisches politisches Begehren, auch als Queers und Frauen handlungsfähig zu sein, sich gemeinsam gegen patriarchale Strukturen zu wehren. Die Zoras haben auf eine Art und Weise interveniert, die es mit diesem Organisationsgrad in Deutschland zuvor noch nicht gab, nämlich als Gruppe mit feministisch-militantem Selbstverständnis. Müsste nicht Geschichtswissenschaft und damit auch Geschichtsschreibung die Form der feministischen Militanz als Errungenschaft und markanten Teil feministischer Geschichte betrachten und nicht bloß als Mittel zum Zweck?

Katharina: Das wird oft in der Forschung nicht ausreichend anerkannt. Gerade in den sozialen Bewegungsforschungen gibt es die Diskussion zu „Militanz als Taktik“. Das wird dann in einem größeren Konflikt zum Beispiel zwischen Aktivist:innen und dem Staat oder einzelnen Konzernen diskutiert. Dabei geht es ja außerdem um einen individuellen und kollektiven Emanzipationsprozess und ein Brechen mit bestimmten Rollen, Rollenbildern und Gendernormen. Und das kann auch an und für sich schon sehr radikal sein. Die Ästhetisierung ist wiederum etwas, das bis zu einem gewissen Grad von politischen Prozessen entkoppelt werden kann. Ist es dann noch politisch? Kulturelle Hegemonie und Praktiken ihrer Subversion sowie der kulturellen Aneignung werden in den Kulturwissenschaften schon lange diskutiert. Eigentlich gibt es kein Moment, das nicht irgendwie popkulturell verwurstet oder sogar auf irgendeine abstruse Art kommerzialisiert werden kann. Gleichzeitig haben hier in Birmingham Stuart Hall und andere Theoretiker:innen der Cultural Studies gesagt: Ja, es gibt ein kritisches Potenzial, wenn Menschen, gerade aus nicht privilegierten Klassen, sich kulturelle Konzepte aneignen. Da gibt es neue Möglichkeiten für Widerstand und für kritische Reflexion. Man sollte nicht davon ausgehen, dass Menschen einfach nur alles konsumieren, was als Populärkultur oder als trivial betrachtet wird, und dabei nichts an politischen Prozessen passiert.
Mich würde noch interessieren, was ihr gerade so beobachtet und mitbekommt, etwa im Umfeld der Ereignisse beim Festival Monis Rache oder dem Outcall gegen Täter in Kneipenkollektiven – und natürlich dem Prozess gegen Lina E.

Constanze: In meiner Wahrnehmung gibt es in der feministischen Szene mit Blick auf die Prozesse gegen Lina und die anderen Antifaschisten eine starke Distanzhaltung. Der Prozess wird zwar wahrgenommen und diskutiert, aber die Hausdurchsuchungen oder auch die Kriminalisierung von antifaschistischem militantem Protest scheint nichts zu sein, wogegen sich aus einer feministischen Perspektive heraus stark politisch engagiert wird. Von einigen sehr engagierten Fantifa-Gruppen abgesehen. Diese Distanznahme ist, denke ich, stark an die Frage nach der Legitimität von Gewalt und an die gewählten politischen Mittel geknüpft. Es existiert nicht unbedingt ein kollektives Gefühl, dass die Soko LinX linke Strukturen allgemein kriminalisiert und potenziell auch die eigene Gruppe mitgemeint ist. Auch bei den Hausdurchsuchungen existiert keine breite Solidarisierung.

Verena: Das nehme ich auch so wahr. Und traurigerweise entspricht das auch der Strategie von Justiz und Politik: Lina E. wird als „Anführerin“ stilisiert und so von ihrem Umfeld isoliert, was sie auch aus der Bewegung hervorhebt, eigentlich herausbricht. Auch das hat historisch Tradition. Sie als terroristische Frau zu exponieren, ist außerdem ein sehr gefälliger medialer Skandal. Und das scheint auch in Bezug auf die ausbleibende breite solidarische Bewegung aufzugehen. Johannes D., dem sexuelle Gewalt vorgeworfen wird und auf dessen Aussagen sich die Beweisführung der Anklage maßgeblich stützt, hat wiederum durch seine Kooperation mit Polizei und Verfassungsschutz als zentraler Belastungszeuge selbst mit der linken Szene gebrochen und jegliche Solidarität verwirkt. Ich musste gerade auch an den 1999/2000 als Rädelsführer der „Revolutionären Zellen“ angeklagten Tarek Mousli denken, der dann, um seine eigene Haut zu retten, als Kronzeuge vor Gericht ausgesagt und damit u. a. bis dahin noch nicht entdeckte Mitglieder der RZ schwer belastet hat.

Constanze: Auch hier zeigt sich, wie stark das Gewaltverhältnis vom Kontext abhängig ist: Was wird als legitim und was als illegitim bezeichnet? Was wird als Gewalt konnotiert? Das ist nicht nur eine persönliche, ethische Frage. Es ist eine gesellschaftliche und sehr dynamische Frage, die gleichzeitig stark umkämpft und abhängig von dem zugrundeliegenden Eigentums- und Herrschaftsverhältnis ist. Was ist privat, was ist öffentlich? Wo verläuft die Grenze, die man übertritt? In Deutschland hat sich das bei den Protesten gegen G20 sehr deutlich gezeigt. Olaf Scholz konnte damals, trotz der Videos und Bilder, die das Gegenteil zeigten, ohne Probleme behaupten, es habe keine Polizeigewalt gegeben – und wurde dann zum Kanzler gewählt. Es gibt die Bilder, es gibt die Aufnahmen, und doch wird behauptet, es gab keine Aggression seitens der Polizei.

In den letzten Jahren haben wir hier in Leipzig wieder verstärkte feministische Aktionen gegen Feminizide und Gewalt und Übergriffe gegen trans, inter und nicht-binäre Personen und Frauen erlebt: einige öffentliche Outcalls, Plakataktionen und Outings von übergriffigen Männern sowie sehr breite Proteste gegen einen Feminizid und die anschließende Berichterstattung. Auch in London gab es doch große Versammlungen nach den Feminiziden an Sabina Nessa und Sarah Everard. Dabei kam es zu Riot-ähnlichen Situationen in den Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nimmst du eine Verschiebung wahr, gerade auch mit Bezug zu Fragen der transnationalen Solidarität? Würdest du diese Formen der kollektiven Aktion auch als Praktiken der Überschreitung, Gegenöffentlichkeit, Gegengewalt bezeichnen, als Momente, die klar feministisch organisiert sind?

Katharina: Im März 2021 fand hier in der Nähe von London der Mord an Sarah Everard statt, sie wurde von einem Polizisten entführt, vergewaltigt und dann ermordet. Bei einer spontanen Trauerbekundung wurden mehrere Teilnehmer:innen von der Polizei weggeschleppt und verhaftet – der offizielle Grund dafür waren die Covid-19-Abstandsregeln. Der brutale Mord an Sarah Everard und die Art und Weise, wie die Polizei mit diesem Fall umgegangen ist, haben für einen öffentlichen Aufschrei gesorgt. Kurz nach dem Mord an Sarah Everard hat sich die Polizei an Haushalte in der Umgebung gewandt und ihnen den Rat gegeben: Wenn ein Polizist sich nähert, der suspekt wirkt, dann sollten sie einen Bus stoppen oder den Notruf 999 wählen. Dann passierte, wofür es das schöne Sprichwort gibt: „The shit hit the fan“. Es soll also Aufgabe der potenziellen Opfer sein, die sich aus guten Gründen nicht sicher fühlen im Umgang mit der Polizei, extra Verifikations-Checks zu machen und zu gucken, ob es ein legitimer Cop ist? Es folgten heftige Online-Proteste, die auch zum Rücktritt einiger führender Offiziere der Metropolitan Police geführt haben. Inwieweit es ein explizit feministischer Struggle war, ist schwer zu beantworten. Aber es ist definitiv ein Kampf, in dem viele unterschiedliche Gruppen zusammengekommen sind. Doch es wurde eben auch kritisiert, dass sich mehr Menschen mit Sarah Everard identifizierten als mit anderen Feminizid-Opfern, die zum Beispiel nicht aus der weißen Mittelschicht stammen. Und der Feminizid-Begriff ist vielleicht im feministischen Kontext klar. Aber außerhalb, glaube ich, kennen viele das Wort überhaupt nicht. Das ist sehr bezeichnend, denn das Phänomen ist ein Riesenproblem in Großbritannien. Und definitiv eines, wo es sehr viel Solidarität über politische Grenzen hinweg gab, wo antirassistische Kämpfe und feministische Kämpfe ganz klar Hand in Hand gegangen sind. Ich denke, es hat hauptsächlich mit der Corona-Situation zu tun, dass es in den jüngeren Fällen nicht diese großen Gatherings, diese Massendemos gab, sondern vieles online passierte. Die Wut, die Trauer, all diese Gefühle, die waren da. Teil des Problems ist auch, dass es so viele Morde gibt und dass manche als Feminizide geframed werden und andere nicht. Ihr habt zurecht den Mord an Sabina Nessa erwähnt, der auch als Feminizid verstanden wurde. Leider wurden andere Morde an Frauen im öffentlichen Raum nicht als politisch verstanden. Die Morde an Bibaa Henry und Nicole Smallman, zum Beispiel, wurden als „random attacks“ eines psychisch gestörten Menschen präsentiert, bei der die Opfer unglücklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Constanze: Also wieder die Einzeltäterlogik.

Individuelle Akte, wenn sie in einem bestimmten Kontext passieren, können revolutionär sein und natürlich etwas bewegen.

Katharina: Genau. Diese bestimmte Form der Gewalt wird als isolierte und verrückte Geschichte präsentiert, das kann man überall beobachten. Frauen wird gesagt, sie sollten sich zu einer bestimmten Zeit oder generell nicht an diesem oder jenem Ort aufhalten. Oder sie hätten etwas anderes anziehen sollen, oder ihr Verhalten habe auf irgendeine andere Art und Weise provoziert und die Gewalt gegen sie herbeigeführt. Das ist ein transnationales Phänomen.

Constanze: Nach dem Feminizid an Myriam Z. hier in Leipzig im April 2020, also direkt am Anfang von Corona, hatte ich das Gefühl, dass zum ersten Mal ganz viele unterschiedliche feministische Gruppen, auch unabhängig voneinander, diesen Feminizid politisiert haben und zusammen demonstrierten. Es sind auch neue Formen des Protests aufgetaucht, zum Beispiel eine Menge Plakate, die auch aufeinander Bezug genommen haben. Das hatte für mich eine neue Qualität. In ihrer Broschüre Mili’s Tanz auf dem Eis formulierte die Rote Zora die Hoffnung, dass irgendwann überall kleine „Frauenbanden“ entstehen, die durch direkte Interventionen ein gesellschaftliches Klima von „Widerstand ist möglich“ erzeugen. Sie schreiben: „Wichtig war es uns zu zeigen, dass das Unrecht, die Gewalt nicht nur strukturell sind, sondern dass Täter greifbar, angreifbar sind.“ Diese Motivation findet sich gegenwärtig in feministischen Gruppen wieder, die sexuelle Übergriffe öffentlich machen und Täter persönlich benennen. Diese Formen feministischen Widerstands sind nicht nur isolierte Handlungen Einzelner, sondern Kämpfe um die Frage, wie man leben, wie man überleben kann, wenn man gleichzeitig eine andere Gesellschaft, eine ohne patriarchale Gewalt will.

Katharina: Wenn man das theoretisch angeht, dann sagt man: Okay, das Patriarchat ist ein kompliziertes und globales Konstrukt und bezieht sich auf jeden Aspekt unseres Lebens. Das ist richtig, kann aber zu einer politischen Lähmung führen, wenn wir überhaupt nicht wissen, was wir eigentlich machen können. Und wir auch nicht das Gefühl haben, dass es emanzipatorische Praxis in dem Sinne gibt. Was macht ein individueller Akt schon aus? Die Geschichte funktioniert aber oft genau anders herum. Es gibt einen fast leidenschaftlichen Fokus auf Aktionen Einzelner, ob das Rosa Parks ist oder jemand anders. Individuelle Akte, wenn sie in einem bestimmten Kontext passieren, können revolutionär sein und natürlich etwas bewegen. Aber darauf zu warten, dass es irgendwelche revolutionären Verhältnisse gibt, ist oft einfach nicht möglich und vielleicht auch nicht besonders hilfreich. Jede:r kann etwas tun, und politische Praxis beginnt oft im Alltag. Feministische Protestbewegungen waren und sind breit und vielfältig. Da kann es natürlich auch unterschiedliche Ansichten darüber geben, welche Mittel und Aktionen in solchen Kampagnen legitim und ethisch vertretbar sind. Ich halte diese Auseinandersetzungen für einen wichtigen Teil der feministischen Geschichte und Praxis.

Fußnoten

  1. [1] Die 2. Auflage des Buches erschien im April 2023 im Verlag Assoziation A.