Anna Kow

Die OUTSIDE THE BOX gibt ihre Selbstauflösung bekannt

ODER: Die westliche Zivilisation ist zu viel für uns

Seit fast zehn Jahren bemüht sich die Frauenzeitschrift outside the box ganz doll darum, was bisher nur einer Handvoll etwas intelligenterer Protagonistinnen1, äh, Protagonisten der zweiten Frauenbewegung gelungen ist: sich nämlich im Denken, Schreiben und Handeln an den avanciertesten Zeugnissen der westlichen Zivilisation zu messen2 zu versuchen. Das ist ganz schön schwer, denn was da über Jahrhunderte von Männern verzapft wurde, während Frauen immer nur spülend, Gefühle habend und gebärend im Haus auf der faulen Haut lagen (höchstens manchmal, falls die Klassenzugehörigkeit es erlaubte, ein albernes kleines Innerlichkeits-Gedicht verfassten, das zum Glück mit den ernsthaften Werken männlicher Weltliteratur überhaupt nicht verglichen werden musste, da es in solcherlei Sphären niemals Einlass fand); was da also über die Jahrhunderte hinweg von Männern so alles an klugen Gedanken, Wissenschaft, Kunst und Politik fabriziert worden ist, lässt sich von den Frauen, die den Anschluss irgendwie verpasst haben, nur schwer nachholen, geschweige denn überflügeln. Es kommt ja auch andauernd was Neues hinzu.

Zum Glück gibt es männliche Theoretiker, die uns Frauen, die wir tendenziell ja schon mit der Syntax große Schwierigkeiten haben, Bescheid sagen, wenn wir uns mal wieder verrannt und die wichtigen Probleme unserer Zeit aus dem Blick verloren haben. Die zweite Frauenbewegung hat damals zum Beispiel viel zu viel Energie darauf verwendet, über sexuelle Gewalt und Gedöns in der Ehe zu reden, oder darüber, dass Frauen das Recht haben sollten, über ihre Körper frei zu entscheiden, oder darüber, dass auch Männer mal auf die Sauberkeit in der Küche achten oder an das Schulbrot für das Kind denken sollten, wenn sie Zeit haben. Ja, gut, das haben wir jetzt verstanden, das ist jetzt Standard, da können wir jetzt langsam mal aufhören drüber zu lamentieren. Heutzutage muss keine Frau mehr fürchten, in ihrer körperlichen Integrität oder, Dings, Würde verletzt zu werden, und Frauen verdienen auch längst genau so viel wie Männer, und es ist längst gang und gebe, erfolgreiche Männer zu fragen, wie sie eigentlich Familie und Beruf unter einen Hut kriegen, und vor lauter Professorinnen, Direktorinnen und Filmproduzentinnen sieht man den Wald schon gar nicht mehr. Schade, der war irgendwie schön, der Wald, so idyllisch und naturwüchsig, ganz anders als diese jammernden Weiber, die einerseits denken und Subjekte sein wollen, es andererseits aber einfach nicht richtig hinkriegen. Ja, was wollt ihr denn jetzt?! Die Männer haben es uns doch lange genug vorgemacht, wie das geht mit dem Denken, und da sind eigentlich auch immer nur großartige Dinge bei raus gekommen.

Wo waren wir stehen geblieben? Ach so, die wichtigen Probleme unserer Zeit. Das sind natürlich die Zerfallserscheinungen der Vernunft. Und - als handle es sich um eine quasi ahistorische Wahrheit, die sich aber historisch immer wieder bestätigt: auch diesmal ist der Feind schnell ausgemacht. Der Feind sind nämlich die Frauen, genauer gesagt, der Feminismus. Denn gegen Frauen an sich haben wir nichts, wir mögen es nur nicht, wenn sie zu sehr oder zu wenig Frau sind. Ja, das ist ein schwieriger Balanceakt, aber da müssen wir jetzt durch. Frauen sollen schon Frauen sein, klar, aber nicht dauernd über Frauenprobleme reden, Frauenleiden, haha, denn das sind nur mal keine universellen (d.h. männlichen) Probleme. Und mit so Partikularquatsch wie der Durchsetzung der schon vor Ewigkeiten behaupteten allgemeinen Menschenwürde sich zu beschäftigen (in Zeiten, ich wiederhole, in denen Frauen nun wirklich keinerlei Nachteile mehr haben in der Gesellschaft, in denen es ihnen, könnte man sagen, fast schon unverschämt gut zu gehen scheint), das hält die allgemein menschliche Emanzipation und die Erreichung eines Zustandes, in dem man vormittags jagen, nachmittags fischen und nachts sich von einer Frau verwöhnen lassen kann, um hernach im Morgengrauen befriedigt ein kleines Traktat zu verfassen oder ein Kirchenlied zu komponieren, nur auf. Hui, war das ein langer Satz! Da muss man als Frau erst mal ein halbes Jahrhundert verschnaufen.

Es gilt also, mehr denn je, zu bekämpfen, was heute Feminismus heißt3, und zwar unterschiedslos und ohne darüber nachzudenken, wie man selbst, als neutrales, der Zeit und Gesellschaft enthobenes Subjekt, dahinein verstrickt sein könnte, da man es, wie gesagt, ja gar nicht ist und sein kann. Der Feminismus hat mit den Männern immer schon nur geschimpft, rumgenervt und sich aufgeregt (wie Mama), und jetzt ist er zum Glück so crazy geworden (mit seinen ganzen internen Kämpfchen um Schutzräume und Glitzer und Anerkennung, fast schon rührend, das so von außen mit anzusehen!), dass wir endlich sagen können, was wir schon immer sagen wollten: dass er Quatsch ist und aus der Welt geschafft gehört. So lange die Frauen sich mit den Zeugnissen der männlichen, äh, westlichen Zivilisation nur so halbgar messen können, wie sie das seit Anbeginn des Patriarchats tun, sollen sie bitte die Pille nehmen und die Klappe halten, denn wir haben über Wichtigeres zu sinnieren.

Aus all diesen Gründen hat das immer nur Partikularinteressen verhaftet bleibende Gefühlsblättchen outside the box beschlossen, seine Bemühungen einzustellen, und sich wieder dem zuzuwenden, was es qua Frausein am besten kann: den männlichen Theoretikern still zuhören und eifrig mitschreiben. Denn all die Jahrhunderte Herrschaft im Denken, Quatsch, Freiheit im Denken lassen sich einfach nicht aufholen, und wir vergeuden damit nur unsre Zeit und kriegen Falten. Wir geben also hiermit unsere Auflösung bekannt und bedanken uns bei jenen, die sich in all den Jahren immer wieder Zeit genommen haben, unsere kleinen Versuche geistiger Anstrengung großmütig zu begleiten, unseren wackeligen ersten Schritten auf dem Wege der Vernunft geduldig beizuwohnen. Wir haben es versucht – doof geboren ist schließlich keiner4 – aber die westliche Zivilisation ist einfach zu viel für uns.

Adieu! Wir ziehen uns zum Menstruieren zurück.

Eure (ehemalige) outside the box Redaktion

mehr zum Thema Satire im Disko-Beitrag “Hemmungslose Ausbeutung und Abfallkultur” - Die Zeitschrift Die Schwarze Botin von Kat Lux

  1. Gender-Quatsch! Weg mit der weiblichen Endung! Auch die Protagonisten der Frauenbewegung waren vom Grund her neutral, also männlich, und dass Sprache keine Geschichte hat, sondern eines Tages unschuldig vom Himmel fiel, wissen alle, die sich der Lektüre Luise Puschs und überhaupt der allermeisten feministischen Schriften seit jeher standhaft verweigern.

  2. Siehe Ankündigungstext zur Veranstaltung „Doof geboren ist keiner. Zum feministischen Verrat am Universalismus der Freiheit“ am 15.11.2017 im Conne Island

  3. S.o.

  4. S.o.

Die Autorin lebt in Leipzig und ist Redaktionsmitglied der outside the box.