My home is a prison. Eine Kritik der Hausarbeit mit den Mitteln des Films.

Screening eines feministischen Filmklassikers | 16.05.2016 | 19-24 Uhr | translib

Kritik und Analyse der Hausarbeit waren wesentliche Anliegen der Zweiten Frauenbewegung. Autorinnen wie Maria-Rosa Dalla Costa und Silvia Federici haben vehement darauf hingewiesen, dass das Hausfrau-Sein kein Beruf wie jeder andere ist. So kann die Rolle der Hausfrau nicht nach Feierabend abgelegt werden, ganz einfach weil es keinen Feierabend gibt. Ebenso wenig wie ein Zuhause, das im willkommenen Gegensatz zum eigenen Arbeitsplatz stünde. Arbeit und Nicht-Arbeit fallen vielmehr räumlich und zeitlich in eins. Einerseits arbeitet die Hausfrau scheinbar gar nicht wirklich – schließlich erhält sie keinen Lohn. Andererseits wird von ihr erwartet, dass sie gerade darum 24/7 ihre Lieben umsorgt. Hausfrau-Sein ist eine Lebensweise, die die ganze Person fordert und scheinbar unmittelbar aus der „Natur“ des Frau-Seins entspringt: in dieser Perspektive gibt es für keine Frau ein „jenseits“ der Hausfrau, und für keine Hausfrau ein „jenseits“ ihrer Rolle. Wir wollen uns an diesem Abend der beklemmenden Lebensrealität der Witwe D., einer „klassischen“ Hausfrau, zuwenden. Wir begeben uns dafür in das Jahr 1975 und besuchen sie in ihrer Brüsseler Wohnung, wo wir sie drei Tage lang bei ihrer Arbeit begleiten. Der Film zeigt deutlich die spezifische zyklische Zeitlogik der Hausarbeit und macht die vielen kleinen Handgriffe sichtbar, die D. zur ständigen Wiederherstellung der glänzenden Oberflächen in ihrem perfekten Haushalt aufbringen muss. Die Arbeit findet dabei in größter Isolation statt – gelegentliche Einkaufsgänge bieten die einzigen flüchtigen Kontaktmöglichkeiten jenseits der kleinfamiliären Enge. Doch nur dieser nahezu ereignislose, perfekt durchstrukturierte Alltag vermag der Protagonistin den nötigen seelischen Halt zu bieten. Jede Nebensächlichkeit, die ihre Ordnung zum Schwanken bringt, wird zum Auslöser tiefster Nervosität, geradezu neurotisch führt D. die Regie in ihrem eigenen kleinen Reich. Langsam schleichen sich im Verlauf des Films kleine Risse in die Routinen ein: lang aufgestaute Aggressionen münden schließlich in ein spontanes Aufbegehren. Weitgehend ohne Dialoge und mit unbeweglicher Kamera schafft die Regisseurin eine feministische Perspektive auf die masochistische Gefühlswelt der Protagonistin. Der Film entstand im Zenit der zweiten Welle der Frauenbewegung und ist nicht nur ein Klassiker des feministischen Films, sondern zweifelsohne einer der eindrücklichsten Filme, die je gedreht wurden.

Mit einem Einleitungsreferat von Katharina Zimmerhackl (outside the box)

Eine Veranstaltung des Lektürekurses GESCHLECHT & ARBEIT in der translib