„Es war nie unser Ansatz, einen feministischen Werwolf-Film zu drehen“

Interview mit dem Drehbuchautor Rasmus Birch

W h e n A n i m a l s D r e a m - das Erwachsenwerden einer jungen Frau in der Provinz zwischen Horrortrip und Befreiungsschlag / something is definitely rotten in this small town

When Animals Dream; Dänemark 2014; 85 min; OmU; Regie: Jonas Alexander Amby; Drehbuch: Rasmus Birch; Mit: Sonja Suhl, Jakob Offebro, Sonja Richter, Lars Mikkelsen; Kamera: Niels Thastum.

Zwischen tosender See und karger Landschaft liegt das Heimatdorf von Marie (Sonia Suhl), die an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Eines Tages stellt sie starken Haarwuchs auf ihrer Brust fest. Weitere äußere und innere Veränderungen folgen: Schwindel, blutige Fingernägel, aggressives, lustbetontes Auftreten. Als sie eine Stelle in der lokalen Fischfabrik antritt, in der fast das ganze Dorf arbeitet, wird ihre Transformation mit Argwohn beobachtet. Bei ihren überwiegend männlichen Kollegen löst Marie sowohl Faszination als auch Abscheu aus. Sie wird mit erniedrigenden Riten und patriarchalen Machtstrukturen konfrontiert. Nur wenige, darunter Daniel und Felix, begegnen ihr offen und solidarisch. Erst langsam wird Marie der Zusammenhang zwischen ihrer Wandlung und dem mysteriösen Krankheitsverlauf ihrer Mutter klar. Diese sitzt im Rollstuhl, spricht nicht und kann sich nur minimal bewegen. Die Medikamente sollen bei ihrer Mutter etwas unterdrücken , das sich auch in Marie einen Weg bahnt. Marie entschließt, dass sie selbst über ihren Körper und dessen Andersartigkeit bestimmen will. Was für sie eine Befreiung darstellt, nimmt ihr Umfeld jedoch als bedrohlichen Kontrollverlust wahr, den es mit allen Mitteln zu stoppen gilt. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Eines Morgens ist der Dorfarzt tot, wenig später die Mutter. Something is definitely rotten in this small town.

„Es war nie unser Ansatz, einen feministischen Werwolf-Film zu drehen“

Interview mit dem Drehbuchautor Rasmus Birch

Von Su Arnold und Anne Hofmann

Euer Gesellschaftsporträt zeigt ein Dorf, in dem es keine Hintertür aus den Verhältnissen gibt. Es ist eine abgeschiedene Welt, in der fernab eines Rechtssystems eigene, von Männern gemachte Gesetze gelten. Maries körperliche Veränderungen werden von der Dorfgemeinschaft sofort objektiviert und beobachtet. Was war Euch bei der Darstellung des Dorfes wichtig? Gibt es darin einen Bezug speziell zur dänischen Gesellschaft? Wo seht Ihr einen Ausweg aus den vorherrschenden Verhältnissen?

RB: Diese Geschichte hätte auch anderswo passieren können. Es geht im Grunde um das Dilemma, entweder die Person zu sein, die man wahrhaftig ist oder die Person, die sich am Besten in die Gemeinschaft einfügt. Für mich war es interessant, eine Gemeinde zu zeigen, die wahrscheinlich an der Entstehung des Monsters einen Anteil hat, wie bei Marie oder auch ihrer Mutter. Ich wollte die Frage aufwerfen, ob diese Transformation eine Folge der Unterdrückung von der Gesellschaft ist. Da ist vielleicht etwas in Marie und je mehr sie unterdrückt und ausgegrenzt wird als die Person, die sie ist, desto mehr wächst es und bestärkt das Monster bzw. die Transformation. Ein Beispiel ist die “Taufe” in der Fischfabrik: Marie hat Angst und dieses Gefühl beschleunigt wiederum das Wachstum ihrer Transformation. Aber Du hast Recht, dass wir eine kleine, geschlossene Gemeinde zeigen wollten, einen Mikrokosmos. Die Geschichte spielt auf einer Insel, es gibt keinen unmittelbaren Ausweg. Ich glaube, der einzige Ausweg wäre Empathie, die ihr nur Daniel entgegenbringt. Er sieht in ihr den Menschen, nicht nur das Monster und nimmt wahr, wie ungerecht und unfair das Verhalten der anderen InselbewohnerInnen ist.

In Marie`s Biografie scheint sich der Lebenslauf ihrer Mutter zu wiederholen, der Marie bisher verschwiegen wurde. Inwieweit ist das Dramaturgiekonzept psychoanalytisch angelegt?

RB: Als wir begonnen haben zu überlegen, was für einen Film wir machen möchten, war für mich und Jonas [Arnby, der Regisseur, Anm. d. Red.] das Wichtigste, diese Werwolfgeschichte als eine Tragödie anzusehen. Dazu mussten wir wirklich ernst nehmen, dass sich Maries Körper und Geist verändern und wir mussten zeigen, dass andere sie meiden, Angst vor ihr haben oder sie sogar hassen. Auch wenn sie am Ende sehr stark ist - am Anfang ist ihre Geschichte eine echte Tragödie. Für mich ist diese Tragödie in der Mutter gespiegelt und ich wollte sie im Film haben, damit die Geschichte noch persönlicher wird. Vielleicht könnte man das damit vergleichen, wenn man eine Krankheit von einem Elternteil erbt. Marie hat in ihrer Mutter ein sehr eindrückliches Beispiel vor Augen, wie sich ihr Leben entwickeln wird, wenn sie jetzt nicht reagiert. Diese extreme Situation ermöglicht es mir als Drehbuchschreiber und später als ZuschauerIn, mich in ihre Situation zu versetzen und mitzufühlen. So gesehen ist ein Drehbuch natürlich immer eine mehr oder weniger große Psychoanalyse, weil man mit dem Charakter durch den ganzen Film geht. Aus Traurigkeit kommt Stärke und mit der Stärke kommen eine Menge Probleme.

In der Sexszene mit Marie und Daniel schwingt eine Ambivalenz zwischen Zärtlichkeit und Gewalt mit. Maries Blick wird in Großaufnahme gezeigt und ist schwer zu lesen. Sie scheint “bei sich”, aber gleichzeitig weit weg. Wie habt ihr diese Szene konzipiert?

RB: Hast Du “Die Klavierspielerin” von Haneke gesehen? Weil die Charaktere einem nahe gebracht wurden, hat sogar ihre Perversität, oder wie auch immer man es nennen mag, Schönheit in sich. Marie erlebt diese Gefühle zum ersten Mal. Ich wollte hier zeigen, dass Marie attraktiv und zur gleichen Zeit behaart und monströs ist. Sie ist all das in der gleichen Szene. Man kann sich sowohl selbst in ihr wiederfinden, als auch verstehen, warum Daniel sich so zu ihr hingezogen fühlt. Schon als wir in den Film einsteigen, hat die Transformation begonnen und Marie die Kontrolle verloren. Wenn sie erregt ist, ob sexuell oder aggressiv, ist das gefährlich und nicht gewaltfrei. Am Ende wiederholt sich diese Situation, man weiß nicht: Wird sie Daniel den Kopf abbeißen oder sich an ihn lehnen?

In Eurem Film wird oft angesprochen, dass die Mutter und Marie sehr schön waren, bzw. sind. Was bedeutet Schönheit für Eure Geschichte?

RB: Meinst Du, dass Daniel und Marie`s Vater zu ihr sagen: “Du bist schön.”? Ich glaube, sie tun das, um sie zu bestärken. Es ist das Gleiche als würden sie sagen: “Du bist ok.” Auch weil das Gegenteil in diesem Film bedeuten würde: “Du bist ein Freak, du bist eine Ausgestoßene.” Es ist banal, aber ich glaube, da ist etwas Wahres dran, gerade für Teenager, die sich verändern und sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Des Weiteren hat Schönheit in diesem Film zwei Gesichter. Auf der einen Seite ist sie von Vorteil, um sich in die Gemeinschaft einzufügen, auf der anderen Seite ist Schönheit eine Gefahr, da sie in anderen Leidenschaft und sexuelle Gefühle heraufbeschwören kann. Marie und ihre Mutter hat ihr gutes Aussehen eine Menge Ärger beschert. Einige Arbeitskollegen sind von dem Mysterium, welches von Marie ausgeht, angezogen, aber in dem Moment, als die Transformation sichtbar wird, sind sie plötzlich abgestoßen und beginnen sich selbst zu hassen: Zu dieser abscheulichen, monströsen Person, zu diesem Freak, habe ich mich hingezogen gefühlt!

Marie entwickelt im Laufe ihrer Verwandlung eine wachsende körperliche und anscheinend auch psychische Stärke. Jedoch decken sich diese Veränderungen auch mit einem historischen Frauenbild, das die Frau als unberechenbare, intuitiv veranlagte, nicht rationale Naturgewalt begreift, die nicht in der Lage ist, sich selbst zu verstehen. Warum habt Ihr Euch für eine Frau als Hauptfigur entschlossen, wo das Werwolf-Motiv doch zumeist männlich ausgelegt wird?

RB: Ich habe das mit dem Frauenbild nie aus dieser Perspektive gesehen. Mehr aus einer individualistischen. Für Marie stellt sich die Frage, was in ihr geschieht und was sie für eine Wahl trifft, ob sie unterdrückt oder annimmt, was mit ihr passiert. Es war nie unser Ansatz, einen feministischen Werwolf-Film zu drehen, auch wenn “When Animals Dream” oft so eingeordnet wird. Ich finde das cool und Jonas und ich verstehen auch irgendwie, warum er so gelesen wird. Das erste was Jonas sagte, als er mich kontaktierte war, ich solle „einen Film über einen jungen, weiblichen Werwolf, der auf dem Land aufwächst” schreiben. Ich glaube, dass Marie noch mehr zurückgewiesen wird, weil sie kein Mann ist. Alle ihre “Symptome” wirken aus der verallgemeinerten Sicht einer Gesellschaft viel abscheulicher bei einer Frau. Sie hat einen starken Haarwuchs, ein impulsives Temperament und setzt sich schnell und heftig zur Wehr. Besonders ihre Sexualität: Sie trägt diese - fast schon aggressiv - nach außen. Bei einem Mann würde das die Gemeinschaft als weniger bedrohlich empfinden.

Während Marie im Verlauf des Films immer stärker wird, wirkt sie ganz am Ende dann doch sehr schwach, verstört und abhängig von Daniel. Aber auch Daniel gibt sich für Marie auf. Niemand von den beiden kann mehr so leben, wie sie/ er möchte. Das Einzige, was ihnen im Leben bleibt, ist die Utopie der Liebe. Warum habt Ihr Euch für dieses Ende entschieden?

RB: Keiner weiß, wohin dieses Schiff sie bringen wird und ob sie irgendwo willkommen sind. Ich habe oft gehört, dass ZuschauerInnen ein gewisses Unbehagen bei diesem Ende empfinden. Ich glaube, das liegt auch am Genrewechsel von einem intensiven Charakterporträt, fast schon einer Coming of Age-Story, hin zu einem action-reichen Monsterfilm. Ich hatte erst ein Ende geschrieben, das genau vor dem ersten Mord aufhört. Aber wir haben uns entschieden, dass wir Maries Transformation, die im Morden gipfelt, vollständig zeigen müssen - als das Ergebnis von Allem, was sie durchlebt hat, mit sämtlichen Konsequenzen und wer sie dadurch letztendlich geworden ist. Am Ende scheint zwar für einen Moment auf, dass die Nacht vorbei ist, aber es ist und bleibt eine Tragödie. Wenn Du mich fragst: Ich glaube nicht, dass das gut gehen wird.

Kommentar:

Das Interview mit dem dem mit dem Drehbuchautor des Films „When Animals Dream“, Rasmus Birch, führten Su Arnold und outside-Redakteurin Anne Hofmann im Januar 2015. Da Birch darin nur wenig auf die (klugen) Fragen der outside eingeht, haben wir uns entschieden, das Interview nicht in der Print-Ausgabe zu veröffentlichen, wollen es Euch aber nicht gänzlich vorenthalten und darum hier zur Diskussion stellen. Der Film wurde vielfach als feministisch rezipiert, was seine männlichen Macher – wie im Interview deutlich wird – nicht intendierten. Wir sehen das Interview daher als treffliches Beispiel an, wie Feminismus im Kunst- und Kulturbetrieb gegenwärtig oft verhandelt wird: Eine (wilde) Frau als Hauptfigur und eine feministische Lesart seitens der Rezipierenden sind cool, schmückendes Beiwerk und zeugen von der eigenen Intellektualität. Mehr nicht. Ein feministisch-gesellschaftskritisches Anliegen steckt selten dahinter. Diese eigene Positionslosigkeit seitens der Filmemacher scheint uns der Grund dafür zu sein, weshalb in Birchs Antworten das gesellschaftskritische Moment – das Leiden einer Frau an der Gesellschaft und die männliche Projektion auf diese Frau aufzuzeigen – verschwimmt mit einer affirmativen Anrufung eben dieser alten patriarchalen Leier von der Frau als schönes, unbändiges Naturwesen, das für den Mann zur Gefahr wird. Die outside stellt jedoch einmal mehr fest, dass künstlerische Werke nicht selten klüger sind als ihre MacherInnen. Wenn auch nicht beabsichtigt, trifft „When Animals Dream“ mit seinen expressiven Bildern und seiner Zuspitzung im Werwolf-Motiv wichtige Punkte der Misere des Geschlechterverhältnisses. Wir legen Euch den Film dringend ans Herz!