Marco Malet

Die Amplituden des Wahrnehmbaren in der Gegenwart weiten

Erstmalig aufmerksam geworden bin ich auf Gabriele Goettle durch die beiden Reportage- und Essaybände Freibank (Edition Tiamat) und Deutsche Sitten (Eichborn, die andere Bibliothek). Ausgehend von ungewöhnlichen Beobachtungen auf ihren Reisen durch das gerade wiedervereinigte Deutschland lieferte sie absurde und trostlose Innenansichten des Landes und seiner merkwürdigen Bewohner. In unzähligen Interviews erwies sie sich als kluge Beobachterin und genaue Zuhörerin. Ihre Perspektive auf das vermeintlich Abseitige, scheinbar Nebensächliche und Nicht-Kanonisierte und die behutsame Annäherung daran erlaubten einen ganz eigenen Erkenntnisgewinn. Ihre Methode ist dabei relativ einfach. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Fotografin und Comic-Zeichnerin Elisabeth Kmölninger, bereiste sie die gesamte Republik und schrieb auf, was sie beobachtete, führte Interviews oder fertigte Protokolle von Fundstücken an. Goettle erkundete in der Vergangenheit bereits Sozialbauwohnungen, Imbisse, Armenküchen, Bauernhöfe, Kläranlagen, Flüchtlingsheime, Pathologische Institute,

Die meisten der Texte beginnen mit einer kurzen biographischen Skizze und einleitenden Erläuterungen zu Thema und Ort der Gespräche, wenn in den Gesprächsprotokollen das Biographische zu kurz kommt, wird kurz nachgefragt. So lässt sich nachvollziehen oder erahnen, auf welche Weise lebensgeschichtliche Erfahrungen und ausgeübte Tätigkeiten, Engagement und Begehren miteinander in Verbindung stehen.

Erotik- und Tattoo-Shops und Bodybuilding-Studios, sprach mit Bienenforscherinnen, Märchenerzählerinnen, Masochisten, Jägern, Strichern, Sozialarbeitern, Nachtwächtern und Hausmeisterinnen. Indem sie beispielsweise die wenig besuchten 1. Mai-Feierlichkeiten 1990 in Greifswald vor dem Atomkraftwerk und die dort herrschende Katerstimmung dokumentierte, lieferte sie ein erstaunliches Porträt vom rasanten Verschwinden der DDR. Auch anhand eines dokumentierten Besuchs der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen ließen sich einige erhellend-erschreckende Überlegungen über den Zusammenhang zwischen offiziellem Gedenken und gleichzeitigem Vergessen anstellen. Goettle beschrieb, wie die Gedenkstättenbesucher sich abwechselnd und paarweise fotografierten und protokollierte darüber hinaus den Inhalt der dort aufgestellten Mülleimer. Darin befand sich nichts weiter als gewöhnlicher Touristen-Müll, also hauptsächlich Cola-Büchsen, Fotodosen, Essensverpackungen und Zigarettenschachteln und so konstatierte sie nüchtern: “Der normale Besucher […] läßt sich nicht irremachen, er tut genau das, was Touristen machen, wenn sie eine Sehenswürdigkeit aufsuchen“ – essen, trinken, fotografieren. In den späten 70er Jahren war Gabriele Goettle Mitherausgeberin der radikal-feministischen Zeitschrift Die schwarze Botin, in der u.a. Texte von Elfriede Jelinek, Gerburg Treusch-Dieter, Gisela Elsner, Christa Reinig und Julia Kristeva erschienen. Die Zeitschriften-Gründung 1976 war eine Reaktion auf die damaligen Diskussionen um „neue Weiblichkeit“ und die Suche nach einer authentischen, weiblichen Identität, die große Teile der Frauenbewegung in Selbstuntersuchungs- und Selbsterfahrungsgruppen und in der Bekenntnisliteratur praktizierten. Mit Opferrhetorik und Authentizitätssuche wollten die Macherinnen der Schwarzen Botin jedoch nichts zu tun haben, im Gegenteil sahen sie in diesem Trend einen Verzicht auf Kritik und waren der Ansicht, dass das „Verlangen nach Selbsterfahrung und Selbstbestätigung das Selbst immer unsichtbarer“1 machen würde. Die Zeitschrift bot stattdessen eine hochinteressante Mischung aus bissiger Satire und feministischer Gesellschaftskritik, die Herausgeberinnen sahen eine Frauenbewegung erst da im Entstehen begriffen, “wo der klebrige Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit sein Ende hat”2. In ihrem jüngst im Kunstmann Verlag veröffentlichten Buch Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag sind 26 Gesprächsprotokolle mit Frauen versammelt, die allesamt aus ganz unterschiedlicher Perspektive von ihren jeweiligen Berufserfahrungen und ihrem Alltag erzählen und zwischen 2007-2009 in der taz erschienen sind. Das Spektrum reicht von einer linken Buchhändlerin über die Beamte einer Arbeitsagentur bis hin zur Betreiberin eines Bestattungsunternehmens. Die meisten der Texte beginnen mit einer kurzen biographischen Skizze und einleitenden Erläuterungen zu Thema und Ort der Gespräche, wenn in den Gesprächsprotokollen das Biographische zu kurz kommt, wird kurz nachgefragt. So lässt sich nachvollziehen oder erahnen, auf welche Weise lebensgeschichtliche Erfahrungen und ausgeübte Tätigkeiten, Engagement und Begehren miteinander in Verbindung stehen. Darüber hinaus hält sich Goettle während der Gespräche jedoch sehr zurück, macht nur gelegentlich kurze Anmerkungen. Viele der im Buch vorgestellten Frauen – wenn nicht ohnehin im Sozialbereich aktiv – engagieren sich nebenberuflich und ehrenamtlich in sozialen Projekten, in Vereinen oder in wenig anerkannten Forschungsbereichen. Manche müssen aufgrund unbequemer Positionen auf eine Karriere verzichten, sind Außenseiterinnen, weil ihre Tätigkeiten nicht oder nur teilweise anerkannt werden oder sie sich in “typischen Männerberufen” behaupten wollen, wie z.B. die Hausmeisterin Bea Fünfrocken, die Haushaltsreparaturkurse für Frauen anbietet und in der Schrauberwerkstatt „Autofeminista“ mitarbeitete. Neben den interessanten Details und dem versammelten Fachwissen aus den teilweise recht exotischen Berufen beeindrucken vor allem das Begehren und die unablässige Beharrlichkeit, mit denen die Interviewten sich – allen Widrigkeiten zum Trotz – durch den Alltag kämpfen und mit welcher Leidenschaft sie den Dingen und den Tätigkeiten nachgehen, die sie versuchen, im und neben dem Berufsleben zu verwirklichen. Weiblichkeitsstereotype werden beim Lesen wie selbstverständlich und beinahe beiläufig in Frage gestellt. Versammelt sind Geschichten von Mehrfachbelastungen und unerfüllten Sehnsüchten, von biographischen Brüchen, Erfolgen und enttäuschten Hoffnungen.

Gelegentlich stellen sich beim Lesen aber auch Fragen nach den Kehrseiten von so viel Idealismus, Verausgabung, Mehrfachbelastung und Flexibilisierung. Es drängt sich gar der Eindruck auf, die meisten der im Buch vorgestellten Frauen meistern das alles mit links. Keine einschneidenden Burn-Outs, Zusammenbrüche oder Depressionen. Das beeindruckt, macht aber auch ein wenig stutzig.

So resümiert die Bremer Medizin- und Körperhistorikerin Barbara Duden, die zur Geschichte der (Selbst-)Wahrnehmung des Körpers von Frauen forscht, die ökonomische Rationalisierung im Gesundheitsbereich und das Auftauchen eines Risiko-Selbstmanagements: „Die Durchsetzung des Risikobegriffs in der Praxis gesundheitlicher Vorsorge wurde an Frauen durchexerziert in den vergangenen dreißig Jahren. Die Frauen bemerkten nicht, dass sie in der Tiefe ohnmächtig, wirklich ‘ohnemächtig wurden’. Sie wurden regelrecht konditioniert, diese kontinuierliche Einsichtnahme, Kontrolle und Überwachung als ihr Bedürfnis zu empfinden.“ Das bedeute eine enorme Veränderung der Selbstwahrnehmung. „Sich den eigenen Körper wieder anzueignen, das war es, was sich die Frauen sozusagen auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Heute steht die Forderung, dass die Frauen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ausüben sollen, auf den Fahnen aller Krankenkassen, Ärzte und Gesundheitsbürokraten. Es ist eine Pflicht! Damals, in den 70er Jahren, hat die Frauenbewegung sich ein Recht erkämpfen wollen und das Spekulum selbst in die Hand genommen. Die Selbstuntersuchung und die Selbstsuche, das waren wichtige Schritte, und viele Frauen haben diesen Weg angetreten. Du hast das ja damals kritisiert, Gabriele, auch diese gängigen Begrifflichkeiten. Im Rückblick war dieses ‘Consciousnessraising’ im Grunde eine Professionalisierung für das, was in der Gesellschaft sowieso als Zumutung auf einen zukommt. […] Das Abverlangte sollte nicht mehr als solches kenntlich sein, sondern Teil des eigenen Wollens werden. Der wichtigste Begriff der Frauenbewegung war ja Selbstbestimmung – hier jetzt speziell auf den eigenen Körper bezogen –, und heute heißt Selbstbestimmung sozusagen Selbststeuerung; die Frauen haben gelernt – und nicht nur die Frauen –, sich selbst so zu steuern, dass es fürs System kompatibel ist. Und das ist wahnsinnig beunruhigend, diese Überschneidung und die Paradoxie zwischen etwas, was wir wollen konnten – auch vernünftigerweise –, und was aber zugleich auch dem in die Hände gespielt hat, was historisch im Werden war. Das beschäftigt mich immer sehr, muss ich sagen.“ Die arbeitslose Tänzerin, Choreographin und Regisseurin Marina Schubarth berichtet über ihren zähen Kampf für die Entschädigung ehemaliger russischer Zwangsarbeiter. Sie bekommt kaum Geld für ihr Engagement, trotz der Medaillen und Auszeichnungen, die man ihr verliehen hat: „Ein Schlag ins Gesicht ist für mich, dass man diese Arbeit nicht unterstützt. Ich habe mich mit großer Zähigkeit in die Zwangsarbeiterproblematik hineingearbeitet, bin Expertin geworden, gebe meine Erfahrungen weiter, mache eigentlich Versöhnungsarbeit; ich spreche fünf Sprachen, kläre die Jugend über mein Thema auf. Und trotzdem gibt es scheinbar keinen Bedarf für meine Arbeit. Ich habe jetzt noch Arbeitslosengeld ein Jahr lang, und das war’s dann…“ Ein Verdienst des Buches ist es auch, die gesamte Bandbreite zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung auszuleuchten. Da müssen mühsame Kämpfe (z.B. um Anerkennung) geführt werden - das ist alles auch sehr beeindruckend und wird in einem beinahe lapidarem Ton erzählt. Gelegentlich stellen sich beim Lesen aber auch Fragen nach den Kehrseiten von so viel Idealismus, Verausgabung, Mehrfachbelastung und Flexibilisierung. Es drängt sich gar der Eindruck auf, die meisten der im Buch vorgestellten Frauen meistern das alles mit links. Keine einschneidenden Burn-Outs, Zusammenbrüche oder Depressionen. Das beeindruckt, macht aber auch ein wenig stutzig. Anhand der Lebensgeschichte von Ingrid Reinke, einer Kioskbetreiberin in Berlin-Lichterfelde, wird das recht gut deutlich. Seit nun ca. 60 Jahren arbeitet sie in einem Kiosk, seit einer Verletzung 1978 mit offenem Bein, welches nicht verheilen kann, weil sie nie zur Ruhe kommt. „Den gab’s hier gar nicht, den Kiosk. Den habe ich erst aufgebaut, nach langem Kampf mit dem Amt. Der kostete mich Unsummen, und ich hatte nicht einen Pfennig, den musste ich abzahlen, abzahlen, abzahlen! Morgens um viere aufgemacht, offen bis in die Nacht.“ Viele Jahre hat Ingrid Reinke mit ihrem Großvater und ihrer Mutter zusammengelebt, der Unterhalt für die drei konnte und musste ausschließlich durch den Kiosk verdient werden. Sie hat spät geheiratet: „Keine Zeit gehabt und keine Lust“, ihr Mann verstarb jedoch bereits nach 4 Jahren Ehe, in die er ein Kind mitgebracht hatte, Ingrid Reinke war zudem noch schwanger und zog sich bei einem Unfall eine Beinverbrennung dritten Grades zu. Seitdem war sie Alleinversorgerin für zwei Kinder und ihre Mutter: „Da gab’s für mich nur noch Arbeit, Arbeit, Arbeit! Fünf Jahre habe ich im Kiosk auf der Erde geschlafen mit der Luftmatratze. Ich musste ja viel bezahlen, die Wohnung von Mutter, für jedes Kind 400 Mark, Lebensmittel und alles. Da habe ich manchmal nachts um zwei aufgemacht, so ‘ne Art 24-Stunden-Bereitschaftsdienst.“ Später lernte sie dann nochmal einen Mann kennen, der sich jedoch nach einer Weile als unmündiger Alkoholiker herausstellte und am liebsten auch noch bemuttert werden wollte. Trotz Krankheit, diverser Zusammenbrüche, Neuanfänge und bürokratischer Hürden ließ sich die Kioskbetreiberin nie unterkriegen und ist immer noch mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache. Der Kiosk ist „ihre Rettungskapsel, ihre Schutz- und Trutzburg, mit der sie sich die Welt draußen auf Distanz hält. Es ist das Metronom für ihren Lebensrhythmus“, schreibt Goettle. Für die Zeit, wenn Ingrid Reinke nicht mehr arbeiten kann und niemand anderen mehr versorgen muss, gibt es noch einen großen unerfüllten Wunsch: „Ich hab’ vor, alles zu verkaufen. […] Ich möchte auch wirklich mal nur an mich denken und mit dem Bein noch mal was versuchen, im Krankenhaus. Und wenn ich das schaffe, dass das besser wird, […] dann gehe ich zur Musikschule und lerne noch singen. Ist mir wurscht. Ich möchte Opern singen!“

Neben den interessanten Details und dem versammelten Fachwissen aus den teilweise recht exotischen Berufen und die unablässige Beharrlichkeit, mit denen die Interviewten sich - allen Widrigkeiten zum Trotz - durch den Alltag kämpfen und mit welcher Leidenschaft sie den Dingen und den Tätigkeiten nachgehen, die sie versuchen, im und neben dem Berufsleben zu verwirklichen. Weiblichkeitsstereotype werden beim Lesen wie selbstverständlich und beinahe beiläufig in Frage gestellt.

Die in dem Buch versammelten Texte lassen sich in eine noch zu rekonstruierende Traditionslinie von Porträt-und Protokolliteratur einreihen3, der es darum ging, Alltags- und Berufserfahrungen von Frauen zu artikulieren. Dieser Literatur haftet leider immer noch das Manko an, wegen des dokumentarischen Gehalts literarisch abqualifiziert oder als bloße „Frauenliteratur“ gelabelt und rezipiert zu werden. Auch Adorno nannte das Genre der Sozialreportage in seiner Ästhetischen Theorie einst etwas abschätzig eine „Abschlagszahlung auf durchzuführende empirische Forschung“. Goettles Dokumentarliteratur ist aber mehr als das. Mit geübtem Ohr und feiner Beobachtungsgabe, ohne Pathos und ohne Sozialkitsch gelingt es ihr, dem Leben unerzählte Geschichten abzulauschen. Einer Ethnologin gleich macht sie sich auf die Suche nach stumm gebliebenen weiblichen Erfahrungen und rekonstruiert in einer dichten und verdichteten Beschreibung damit auch eine Gegen-Geschichtsschreibung. Literatur als Grounded theory.

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag. Antje Kunstmann Verlag, 22,95 EUR

Marco Malet lebt und arbeitet im Westen Leipzigs und tastete sich in der Vergangenheit u.a. als Hausmeister, Konzertveranstalter, Versicherungsbetrüger und Krankenwagenfahrer durch die Schluchten des Lebens.

  1. Die Schwarze Botin, 1/1976.

  2. Ebd.

  3. Zu nennen sind hier bspw. Erika Runges „Versuche zur Emanzipation“ (1969), Sarah Kirschs „Pantherfrau“ (1973) oder Maxie Wanders “Guten Morgen, Du Schöne“ (1977).