Gespräch zwischen Mutter und Tochter

"Zeit, Kraft und Gespür für eine mir wertvoll erscheinende Ausdrucksform des Lebens zu finden."

Für diese Ausgabe kam uns die Idee, unsere Mütter zu ihren Gedanken zum Thema Arbeit zu befragen. Das gemeinsame Ausloten der eigenen Situation, der eigenen Geschichte und die damit verbundenen Reflexionen zum Thema, brachten uns nah an die Gesprächsform, wie sie sich in der Protokollliteratur der DDR findet. Mit fünfzehn nahm ich Maxie Wander’s „Guten Morgen du Schöne” aus dem Bücherregal meiner Mutter. Das Befragen als Form und die damit zusammenhängende Auseinandersetzung ließen mich bald bemerken, dass viele Dinge für mich wie selbstverständlich ihren biographischen Lauf nahmen. Die Entwicklungen, Brüche und Empfindlichkeiten, die in dieser Biographie liegen, sind in mancher Hinsicht - wie unbemerkt - irgendwann zu meinen eigenen geworden, ohne dass ich sie wirklich überprüft oder gemeinsam mit meiner Mutter hinterfragt habe. Meine Mutter, 1963 geboren, wuchs auf in der DDR, bekam 1985 meinen Bruder und 1986 mich. Sie lernte erst Kinderkrankenschwester und arbeitete später als Erzieherin. Seit 1998 ist sie frühberentet. Sie spricht über ihre Geschichte, ihr Verhältnis zu Arbeit, über ihre persönlichen Ansprüche als Frau in der Gesellschaft und darüber wie sie sich darin selbst sieht.

Mutter: Nachdem du mich gefragt hast, ob ich Lust hätte, meine Sicht zum Thema Arbeit mit dir zu reflektieren, fand ich das trotz Bedenken wegen meines unzureichenden Hintergrundwissens spannend.

Dass ich mich zum Teil über meine Arbeit definiert habe, liegt unter anderem an der Priorität, die der Arbeitsprozess im Leben einer Frau der DDR einnahm und daran, dass meine beruflichen Tätigkeiten meinem Wesen auch entsprochen haben. Natürlich findet über die Jahre und mit dem Wechsel in eine andere Gesellschaftsordnung ein Prozess statt, der meine persönliche Ansicht und Wertung von Arbeit, Lohnarbeit immer wieder verändert. Ich denke, das ist eine Entwicklung, die bei jedem Menschen auch von seiner Lebensgeschichte geprägt ist.

Die Möglichkeit, die Erweiterte Oberschule zu absolvieren, zu studieren, oder nach einem Berufsabschluss in die Produktion zu gehen, war nicht nur von der erbrachten Leistung abhängig. Religion, Einstellung, politisch angepasstes und unangepasstes Verhalten, Herkunft, Bereitschaft zum Wehrdienst spielten bei der Möglichkeit, einen bestimmten Beruf zu wählen, eine wichtige Rolle. Schüler, die der Arbeiterklasse entstammten, wurden unter der Voraussetzung eines guten Notendurchschnittes mehr gefördert und bei der Vergabe von EOS- und Studienplätzen bevorzugt, hatten also bessere Chancen als Kinder der „Intelligenz“.

Natürlich findet über die Jahre und mit dem Wechsel in eine andere Gesellschaftsordnung ein Prozess statt, der meine persönliche Ansicht und Wertung von Arbeit, Lohnarbeit immer wieder verändert.

Ungünstig war es, wenn man sich in Gruppen zusammenschloss, über Politik und damals vorherrschende Prozesse diskutierte und diese in Frage stellte, im Rahmen von Ausstellungen, Musik oder Literatur abweichende Gedanken und Meinungen mehr oder weniger legal der Öffentlichkeit zugänglich machte. Tendenziell politisch anders Denkende hatten mit Verfolgung und Beschneidung der beruflichen Entwicklung zu rechnen.

Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, beide Lehrer - also dem Status der Intelligenz zuzuordnen. Mein Vater schaffte mit einem Beruf als Maschinist und später als Meister im VEB Elite-Diamant den Ausgleich zur Arbeiterklasse, sodass ich in dieser Hinsicht keine Benachteiligung zu befürchten hatte. Durch meine religiöse Erziehung, Ablehnung der Jugendweihe, Freigeistigkeit und einem nicht angepassten Verhalten, mit einem Notendurchschnitt von 2,1 war die Möglichkeit eines Hochschulstudienplatzes im Bereich Grafik/Malerei trotzdem unwahrscheinlich. So habe ich mich auf ein Fachschulstudium, als Kinderkrankenschwester eingerichtet. Eine medizinische Ausbildung hat mich sehr interessiert, vor allem aber hat mich der Umgang mit Menschen gereizt. Ich bewerte diese Entscheidung positiv, auch heute noch.

Als Frau hatte ich eher den Eindruck, dass man gefördert und unterstützt wurde.

Nach dem Studium bekam man als Absolvent im letzten Studienjahr, auch wenn man einen Wunsch hinsichtlich seines späteren Tätigkeitsbereiches äußern durfte, einen Arbeitsplatz zugewiesen, dem man dann für mehrere Jahre verpflichtet war. Eine generelle Vorgehensweise - sozusagen vom Kindergarten bis zur Rente. Das klingt sehr festgefahren und hat kaum individuelle Entwicklung zugelassen, aber im Hinblick auf Existenzängste und Unsicherheiten der heutigen Zeit ließ das doch eine Perspektive zu.

Als Frau hatte ich eher den Eindruck, dass man gefördert und unterstützt wurde. Dass Frauen in leitenden Positionen präsent waren - sowohl in der Produktion, als auch, wie bei mir, im Krankenhaus - war nicht unüblich. Die gehobenen Positionen, wie zum Beispiel Chefarztstellen oder leitender ärztlicher Direktor… waren, soweit ich dies beurteilen kann, vorrangig Männern vorbehalten.

Ein gesellschaftliches Problem, was an Aktualität noch immer nichts verloren hat und um Karriere zu machen, braucht man auch heute noch die entsprechende Einstellung. Ich finde es noch immer gut, dass mir als junger Frau die Möglichkeit zur finanziellen Unabhängigkeit ermöglicht wurde. Nach meiner Scheidung konnte ich problemlos mit einem Überleitungsvertrag innerhalb des öffentlichen Dienstes von meinem Beruf als Kinderkrankenschwester zur Erzieherin wechseln. Somit also vom 3-Schicht- ins 1-Schichtsystem, inklusive Weiterbildungsmaßnahmen. Das hat mich in meiner Entwicklung nicht ausgebremst, was mir als alleinerziehender Mutter mit zwei Kindern entgegen kam. Ich hatte mein Einkommen und konnte so meinem Ex-Mann, durch Verzicht auf Kindesunterhalt im Rahmen der Studienzeit, die Möglichkeit eines Studiums einräumen.

Derzeitige Signale der Bundespolitik, zum Beispiel Betreuungsgeld, Änderungen in der Unterhaltsregelung von Frauen, steuern aus meiner Sicht einer Selbständigkeit der Frauen entgegen. Ich wünschte mir heute noch mehr Förderungstendenzen für Frauen. Sich ausschließlich über Lohnarbeit zu definieren ist für mich undenkbar. Mit Existenzängsten zu leben, empfinde ich unzumutbar. Eine Lösung in diesem Sinne zeigt sich mir nicht eindeutig auf.

Tochter: Aber stellst du Lohnarbeit und wie diese organisiert ist in Frage oder hast du das mal getan? Existenzängste bekommt man ja, wenn durch die Arbeit nicht sichergestellt ist, dass man davon leben kann oder die selbst nicht sicher ist. Arbeit in der Gesellschaft heute heißt, dass es für viele Menschen nicht mal die Möglichkeit gibt, etwas zu leisten. Entscheide ich mich persönlich, aus einem Bewusstsein heraus, für einen bestimmten Job und kann ich vertreten was ich dann da leiste? Um die Entscheidung und was alles nicht möglich ist zu entscheiden, geht es doch nicht, es hat doch hauptsächlich mit Angst, Kompromissen etc. zu tun. Und auch die unmenschlichen Arbeitszeiten, die notwendig an der heutigen Arbeit hängen…

M: Der Zwang der „Instanz“ als ausführendes Organ der Gesetzgebung, unzumutbare Arbeitsbedingungen, -Wege zu akzeptieren entspricht nicht der von der Gesetzgebung garantierten Menschenwürde. Ich bin froh, dass ich nie in eigener Sache ein Arbeitsamt aufsuchen musste, ich habe aber begleitend miterleben müssen, ohne das zu generalisieren, wie respektlos und wenig konstruktiv dort mit Menschen umgegangen wird. Arbeitslosigkeit als Stigma auf dem Amt, aber auch im persönlichen Umfeld.

Sich ausschließlich über Lohnarbeit zu definieren ist für mich undenkbar. Mit Existenzängsten zu leben, empfinde ich unzumutbar.

Nicht zum Zweck des Lohnerwerbes zu arbeiten bedeutet ja nicht zwangsläufig untätig zu sein, sondern ist nur eine andere Form, sich in die Gesellschaft einzubringen. Ehrenamtstätigkeit, Vereins- und Projektarbeit, Bildung, Begleitung Bedürftiger, welche über Sozial- und Pflegedienste nicht abdeckbar ist und die Bereicherung durch bildende Künste sind unverzichtbar, denke ich. Andere Lebensmodelle entziehen sich teilweise dem Zwang, sich erfolgreich in einem Job zu bewähren zu müssen. Das Praktizieren von Leistungstausch als ein Teil der Überlebenssicherung gewinnt an Zuspruch.

Langfristig ist es aus meiner Sicht nicht zumutbar, ausschließlich Arbeit zu tun, die man selbst nicht wertschätzt, aber es wird immer unliebsame Arbeiten geben. Den Blickwinkel der Gesellschaft zu verändern, den Wert eines Menschen wesentlich differenzierter zu sehen, über seine Vorstellungen, über sein Denken, über sein Miteinander mit anderen Menschen - Leistung in weiterem Sinne zu definieren, ist dringend notwendig.

Abgesehen von einer gewissen Diskriminierung fühle ich mich gut.

T: Und wie fühlst du dich jetzt, wo du keiner Lohnarbeit mehr nachgehst? Du bist ja Frührentnerin?

M: Abgesehen von einer gewissen Diskriminierung fühle ich mich gut. Es ist eine spürbare Entlastung, da ich gesundheitlich wirklich starke Probleme hatte und habe und dadurch kaum noch in der Lage war, meinen Job auf einem guten Niveau zu bewältigen. Die Berentung, die aller zwei Jahre geprüft wird, hat mich in die Lage versetzt, ein relativ normales Leben zu führen. Sie hat mir auch viel Druck genommen, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden und doch kann ich mich erinnern, wie schwer es mir fiel, den Antrag zu stellen, den Verlust meines „Marktwertes“ zu realisieren und umzudenken. Die Bereicherung zu erkennen, mich anderem zuwenden zu können, für das ich in einem normalen Arbeitsprozess keine Zeit hätte. Zu erkennen, dass mein Leben sich positiv verändert: den Bedürfnissen meiner Kinder besser gerecht zu werden, Yoga, Malen, Lesen, mich mit älteren Menschen beschäftigen- sie in sozialen und praktischen Belangen zu unterstützen, soweit mir das gesundheitlich möglich ist, zwei Vereine, in denen ich ehrenamtlich gearbeitet habe, Kunstverein und Sportverein, wo ich im Vorstand aktiv tätig war und viele Projekte umsetzen konnte, Zeit auch zu lernen und bewusster zu leben. Das alles füllt mich aus und vieles habe ich auch schon vor der Rente gemacht, aber als alleinerziehende Mutter mit einem 40-Stunden-Job, unter dem Aspekt wirtschaftlicher Engpässe und meines damals zeitweise lebensbedrohlichen Asthmas, hat mich das oft an meine körperlichen und emotionalen Grenzen gebracht. Die Kraft für Sport, Bildung, Vereinstätigkeit, Umsetzung von Ideen, Kreativität hatte ich eben nur sehr eingeschränkt. Meine Kinder hörten immer: Ab 20:00 Uhr ist Mamazeit! Da war der Akku häufig schon fast leer. Der Bruch in meiner Biographie, durch politische Verfolgung, viele Jahre Überwachung bis kurz vor der Wende, Inhaftierung meines Ex-Mannes, Geburt meiner Kinder, Scheidung und infolge immer wiederkehrende Phasen wirtschaftlichen Mangels haben Spuren bei mir hinterlassen und natürlich auch meine Kinder in den wichtigen Entwicklungsjahren geprägt. Erfolgreiche Verdrängungsmechanismen haben mich nur ein paar Jahre recht gut funktionieren lassen. Schwere Depressionen hatten dann eine längere Psychotherapie unausweichlich gemacht. Die Möglichkeit mich in einem geschützten Raum, in dem ich als Mensch außerhalb meiner „Leistungspflicht“ wahrgenommen wurde mit meiner Vergangenheit, ihren Folgen, Gedanken und Prozessen auseinanderzusetzen und dabei auch mal die Fassung verlieren zu dürfen, schien mir der einzige Weg, irgendwann wieder halbwegs normal zu ticken, mich von Ängsten zu befreien. Zeit, Kraft und Gespür für eine mir wertvoll erscheinende Ausdrucksform des Lebens zu finden.

Aber ist es nicht so, dass der Zwang omnipotent in allen Bereichen hoch qualitativ zu leisten, wobei die berufliche Arbeit als Existenzgrund ja wieder an erster Stelle steht, auf Dauer stumpf, krank, unkreativ im Denken und Handeln und sicher nicht glücklich macht?

Grad’ erscheint es mir, als hätte ich mich sehr weit von unserem Thema entfernt. Aber ist es nicht so, dass der Zwang omnipotent in allen Bereichen hoch qualitativ zu leisten, wobei die berufliche Arbeit als Existenzgrund ja wieder an erster Stelle steht, auf Dauer stumpf, krank, unkreativ im Denken und Handeln und sicher nicht glücklich macht? So stelle ich mir ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft nicht vor… Ich weiß nicht, wie so etwas finanziell praktizierbar wäre, fände es aber toll und wichtig, wenn es, unter der Voraussetzung eines moderaten Lohnes, die Möglichkeit gäbe, eine angemessene Zeit zu arbeiten, um sich auch in solchen Lebenssituationen mit Gedanken und Prozessen auseinanderzusetzen zu können und um den Dingen, die das Leben als Mensch ausmachen noch Raum geben zu können. Eine Art „Zweit-oder Drittbereicherung“ neben dem Job.

T: Das klingt auch so, als würdest du auch schon das so bewerten, also an erster Stelle steht die Sicherung und dann die Zweit-und Drittbereicherung. Du trennst also zwischen dem, was für dich selbst wichtig ist und das was in der Gesellschaft gefordert ist, zwischen persönlicher Entwicklung und Existenzsicherung. Auch wenn du über Arbeit in der DDR sprichst, die Trennung von materieller Arbeit und der geistigen Arbeit, also wenn du sagst, Arbeitergesellschaft und Intelligenz. Diese Trennungen machen die persönliche Auseinandersetzung auch gerade darüber zu einer zweit, dritt „Bereicherung” und sind sie dann weniger wert, weil sie der Produktivität dieser Gesellschaft nicht entsprechen, gehört das alles nicht zusammen?

M: Die Wertigkeit hängt von meiner persönlichen „Bewertung“ ab, aber natürlich kommt man - oder ich - nicht umhin, Geld zu verdienen- wenn man so will die Existenz zu sichern. Das Eine schließt das Andere nicht aus und oftmals überschneidet sich das ja auch. In meinen Berufen habe ich auch viele Projekte umsetzen können, aber es ist schon tief in meinem Kopf manifestiert, dass der Lohnerwerb an erster Stelle steht. Vielleicht auch, weil ich finanziell allein für unsere kleine Familie sorgen musste, da gab es auch sehr harte Zeiten. Und so kam alles andere sehr oft an zweiter Stelle. Wer hat denn das Glück, seine „Berufung“ zum Lohnerwerb zu machen und gibt es nur die einzig wahre Berufung, und wenn, dann vielleicht nicht für ein ganzes Leben! Vor der Wende wurden Arbeitslose statistisch nicht offiziell erfasst. Es passte einfach nicht ins Staatsbild. Wer arbeitslos wurde, musste sich einmal die Woche bei einem bestimmten Amt melden und durfte sich unter bestimmten Voraussetzungen eine „Überlebenspauschale“ von wöchentlich 50.- Mark abholen. Konnte man diesen Termin nicht wahrnehmen, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen, wurde das Geld trotz Attest gestrichen: ‘Man habe doch überlebt’. Der Druck hinsichtlich einer Wiedereingliederung war noch stärker als heute und oft wurden diese Mensch bewusst zu ‘niederen’ Arbeiten verpflichtet.

T: Es gab ja auch den ‘Asozialen-Paragraphen’ …

M: Ja. In diese Schublade kam, wer nicht arbeitswillig, nicht angepasst war. Dazu gehörte auch, wer sich vom äußerlichen Bild eines DDR-Bürgers abweichend darstellte oder verhielt und vor allem nicht sozialismuskonform dachte, ausbrach aus dem festen Regelwerk. Überwachung, Haft, Repressalien, Kindesentzug oder dessen Androhung waren die Folge.

T: Was denkst du jetzt, wo du nicht mehr lohnarbeitest, über die Menschen, die nicht arbeiten wollen?

M: Ich kann es total nachvollziehen, dass Menschen es ablehnen, etwas tun zu müssen, was ihnen widerstrebt. Wenn jemand sich dafür entscheidet nicht mehr zu arbeiten, dann sollte man das akzeptieren. Ich persönlich mache meine Wertschätzung nicht davon abhängig.

Die Frage: „Wie geht es Dir?“ bezieht sich nicht auf die Befindlichkeit, sondern auf das Erlangen einer Arbeitsstelle.

Und doch kann ich auch diejenigen verstehen, die Arbeit tun, die ihnen auch widerstrebt und die unter Umständen nicht einsehen, die nicht Lohnarbeitenden „durchzuschleppen“. Es ist traurig zu erleben, dass selbst im engsten Freundeskreis und in der Familie eine extrem abwertende Haltung eingenommen wird - oft hinter vorgehaltener Hand. Die Frage: „Wie geht es Dir?“ bezieht sich nicht auf die Befindlichkeit, sondern auf das Erlangen einer Arbeitsstelle. Ein Umdenken kann man nicht vorschreiben, Verständnis für die Situation oder nicht leistungsorientierte Wertschätzung nicht erzwingen. Meines Wissens gibt es keine praktizierbaren und finanzierbaren Modelle, dem Individuum seine Art zu leben völlig frei zu stellen, ohne Andere in Form von Steuern zu belasten.

T: Aber ist nicht auch die Frage wie gesellschaftliche Arbeit organisiert ist? Was und wie produziert wird?

M: Mit diesem Thema habe ich mich noch nicht ausreichend auseinandergesetzt. Wie funktioniert Kapital, wie funktioniert das derzeitige System und welche Möglichkeiten gibt es, die derzeitigen Strukturen konkret zu ändern? Wie soll ein Sozialsystem aussehen, das Kinder, Alte, Kranke, Behinderte und nicht Arbeitswillige auffängt? Es entschuldet mich nicht, in dieser Hinsicht nicht nach Lösungen zu suchen, weil ich nicht qualifiziert bin, oder das gerade nicht meine Berufung ist. Die Krise ist präsent, das Wirtschaftssystem kurz vorm kollabieren und leider bin ich hinsichtlich einer Lösung illusionsfrei. Da frage ich mich, wo sind die Hochstudierten aus Wirtschaft, Politik, Recht und Philosophie, die mit ihrem Wissen und aufgrund ihrer Kompetenz die Möglichkeiten und hoffentlich das Bewusstsein haben, positiv Einfluss auf die aktuelle Situation zu nehmen?

T: Die haben keine Zeit.

M: Ja, wahrscheinlich. (lacht)

T: Es ist auch die Frage, aus was heraus jemand sagt: Das entspricht mir nicht, ich weiß nicht warum ich das machen soll - irgendwo, für irgendwen, für irgendwas zu arbeiten und unter diesen Bedingungen. Darin gibt es ja auch eine Art grundlegende Entscheidung.

Es ist auch die Frage, aus was heraus jemand sagt: Das entspricht mir nicht, ich weiß nicht warum ich das machen soll - irgendwo, für irgendwen, für irgendwas zu arbeiten und unter diesen Bedingungen. Darin gibt es ja auch eine Art grundlegende Entscheidung.

Und diese zu treffen, sie nach außen zu tragen, ganz grundlegende Kompromisse nicht einzugehen und so gut es geht sich dann durch zuschlagen, wie ich es ja gemacht habe mit 17 und dann vier Jahre arbeitslos war, auch aus psychischen Gründen heraus, wie du weißt, was denkst du darüber?

M: Ich ziehe den Hut davor. Den Mut zu haben eine solche Entscheidung zu treffen, diese aber dann auch tragen, mit all ihren Konsequenzen, obgleich das in meiner persönlichen Situation nicht umsetzbar wäre.