Barbara Schnalzger

Mädchen, zeig was du kannst

Über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in hellblau und rosa und Feminismen, die nichts mehr wollen.

Seit 2001 gibt es den „Girls´Day – Mädchenzukunftstag“. An diesem von Bundesseite geförderten Tag sollen Mädchen und junge Frauen Einblicke in den Alltag von „Männerberufen“ erhalten. Das soll sie motivieren, sich für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu interessieren, um die Fachkräfte von morgen zu werden. Immer mal wieder im Laufe der Geschichte führen ökonomische Notwendigkeiten zu pseudo-gleichstellungspolitischen Initiativen, die Frauen den Weg in die Arbeitswelt öffnen. Mussten beispielsweise Frauen im Realsozialismus erst rauf, dann wieder runter von den Traktoren, so sollen sie auch im Neoliberalismus rein in die „Männerberufe“ – aber nicht zu weit, denn Zeit für alle anfallenden Reproduktionsarbeiten muss schließlich auch noch bleiben. Ein Abriss des _Girls´Day _und Feminismus in Deutschland.

Ob Frau, ob Mann – alle müssen ran

Der Girls´Day hat sich Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben: Mädchen sollen Zugang zu Berufen erhalten, in denen sich traditioneller Weise überwiegend Männer tummeln. Diese Idee hört sich erst mal gut an, verspricht sie doch, dass strukturelle Barrieren für Frauen, einen gut bezahlten Job im Wunschbereich zu bekommen, sukzessive abgebaut und Geschlechterstereotype zunehmend aufgeweicht werden. Doch was steht wirklich auf den Girls´Day-Fahnen, die im neoliberalen Wind flattern? Renate Schmidt, ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, erklärt das mal: „Die Gleichstellung in der Arbeitswelt wird zu einer ökonomischen Notwendigkeit. Die bestausgebildete Frauengeneration aller Zeiten ist eine Ressource, die es zu nutzen gilt“1. Die Initiative entpuppt sich als Täuschungsmanöver: Sie ist kein Mittel, um das Ziel einer gerechteren Gesellschaft zu erreichen, sie ist das Ziel selbst und will im Grunde nur eines: Humankapital abschöpfen. Die ökonomische Entwicklung hat bürgerliche Geschlechterrollen überholt und verlangt eine Renovierung tradierter Arbeitsteilung auf der Basis neoliberalen Selbstunternehmertums. Frauen sollen nicht wollen können – sondern vielmehr müssen sie wollen. Zum einen, weil die kapitalistische Produktions- und Lebensweise auf das Individuum setzt, dessen Freiheit und individuelle Emanzipation darin besteht, lohnarbeitend den Sozialabbau auszugleichen und alle kapitalismusinternen Risiken selbst zu bewältigen, oder aber in der Prekarität unterzugehen. „Chancengleichheit“ wird dabei als soziales Anliegen präsentiert, meint aber nichts anderes als die bürgerliche Konkurrenz-Ideologie, die dort individuelles Glück verspricht, wo rücksichtslos und vereinzelt der abstrakte Markt bedient wird. Zum anderen, weil die demographische Entwicklung die Angst vor dem Fachkräftemangel schürt: „Wir würden wirklich gern noch viel mehr Frauen einstellen, weil wir wissen, dass wir nicht auf fünfzig Prozent der Erwerbstätigen verzichten können“, erklärt Reifenhersteller Jochen Wrede das Engagement seiner Firma für den Girls´Day.

Soft skills-Fleißsternchen und Coolness-Punkte

Die ganze ökonomische Trostlosigkeit des „Mädchenzukunftstages“ offenbart letztlich ein Blick auf dessen Förderer: neben Bildungs- und Familienministerium finden sich die Bundesagentur für Arbeit, der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in den Reihen der Aktionspartner. Und selbst wenn man dem Girls’Day nur zu gerne abkaufen möchte, dass jungen Mädchen die Möglichkeit offeriert werden soll, einen interessanten, gut bezahlten Job zu bekommen, enttäuscht die Statistik: Die Zahl der weiblichen Auszubildenden im Bereich Industrie und Handel nahm im letzten Jahr um 4,7 Prozentpunkte ab, im Handwerk sogar um 7,1 Prozent. Die Jungs traf es in der allgemeinen Krise mit minus 1,6 bzw. minus 4,6 Prozent weniger hart, zumal fast doppelt so viele Männer in diesen Bereichen ausgebildet werden. An den Hochschulen verharrt der Frauenanteil in Mathematik und Naturwissenschaften seit 2007 bei 36 Prozent, in den Ingenieurswissenschaften bei 20 Prozent.

Girls bleiben Girls – Geschlechterrollen revisited

Die Girls von heute müssen sich darauf vorbereiten, als Frauen von morgen flexible Arbeitskräfte zu werden. Viele von ihnen werden – ganz geblendet vom tollen Job – die Erzählung vom gelungenen Projekt der Geschlechtergleichberechtigung für bare Münze nehmen, sie werden nach wie vor weniger verdienen und wie selbstverständlich die Hauptlast bei Kindererziehung, Pflege- und Hausarbeit tragen – spätestens hier nämlich endet die Entscheidungsfreiheit. Der Versuch, durch politische Initiativen die Berufswahl von Mädchen zu beeinflussen, wird kaum dazu führen, dass die Väter von morgen windel- und kochlöffelschwingend ihre vollen Terminkalender vom Tisch fegen und das eigene (Berufs)Leben zugunsten von Erziehungsaufgaben umstrukturieren – von Ausnahmen natürlich abgesehen. Ist das erste Kind geboren, werden Frauen, egal, in welchem Beruf sie arbeiten, mit der Frage konfrontiert sein, ob sie beruflich kürzertreten, oder – falls finanziell machbar – Reproduktionsarbeiten outsourcen, also andere (Frauen) sich darum kümmern lassen. Der Girls´Day treibt die doppelte Zurichtung von Frauen als Hausfrau und Lohnarbeiterin voran und fragt so hohl wie beiläufig: Wie muss Erwerbsarbeit gestaltet sein, um Erwerbs- und Reproduktionsarbeit vereinbar zu machen? Dies zu entscheiden, wird meist den Frauen selbst überlassen, die sich daran gewöhnen müssen, mit den verschiedenen Anforderungen im Produktions- wie auch im Reproduktionsbereich zu jonglieren. Im Grunde ist es egal, wer den Job macht, Hauptsache, er wird gemacht. Doch das patriarchale Geschlechterverhältnis kommt dem Kapitalismus dort zugute, wo durch nicht bezahlte Arbeit Kosten gesenkt und durch schlecht bezahlte Arbeit Profite gesteigert werden können.

Kämpfen muss jede für sich allein und gegen die andere.

Girls bleiben Girls, daran lässt der Girls´Day keinen Zweifel. Vermeintlich „weibliche Eigenschaften und Bedürfnisse“ werden keineswegs als überholt und eingestaubt in den Graben der Bedeutungslosigkeit verbannt, sondern entlang der Diversity Management-Logik als nutzbringend eingestuft: „Der Girls’Day ist eine der Maßnahmen für unseren Betrieb, um unseren Frauenanteil zu erhöhen. Das Sozialverhalten in den Ausbildungsgruppen hat sich so zum Positiven verändert.“ (…) „Frauen, die bereits in unserem Unternehmen arbeiten, (haben) einen guten Einfluss auf das gesamte Team. Auch deshalb würden wir einfach gern mehr Frauen einstellen“, so die gängigen Antworten der Firmenchefs. Biologistische Argumentationsschemata werden etwas aufgepeppt und ökonomischen Notwendigkeiten angepasst, und schon kann Frau ihren Mann im technischen Beruf stehen: „Wir wissen, dass wegen der technischen Hilfsmittel in unserem technischen Bereich Muskelkraft viel weniger gefragt ist als „ein kluges Köpfchen“, so Reifenhersteller Wrede. Können Frauen schließlich ihr „kluges Köpfchen“ in der technischen Ausbildung oder im naturwissenschaftlichen Studium beweisen, so ist von den männlichen Kollegen nicht automatisch eine ebenso reflektierte Haltung zu Geschlechterstereotypen zu erwarten, sondern oft platter Sexismus. Für Ausbildungsberufe trifft dies ebenso zu (siehe Protokolle in diesem Heft) wie für den akademischen Bereich: Jüngst plauderte Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Nähkästchen über die Attitüden ihrer damaligen Kommilitonen, die ihr als Physikstudentin ständig in die Versuchsreihen gepfuscht haben.2

Aber die Jungs nicht vergessen!3 Der Boys´Day

Vor zwei Jahren wurde dem Girls´Day dann der „Boys´Day – Jungen-Zukunftstag“ zur Seite gestellt, der Jungs für soziale (frauendominierte, schlecht bezahlte) Berufsfelder sensibilisieren soll. Ganz nach Gendermainstreaming-Manier wurde ein Konzept zur beruflichen Förderung von Mädchen und jungen Frauen auf gleiche Weise auf Jungen angewendet. Die Rede ist dabei immer wieder von der Angst, dass Mädchen die Jungen in Deutschland „in vielen Bereichen schon abgehängt“4 hätten. Männerrechtshardliner argumentieren oft so, als wäre die Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen in einer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft pure Spinnerei: „Bei „Neue Wege für Jungs“ (Vorgängerprogramm des Boys´Day, B.S.) scheint zudem immer wieder der Versuch auf, Jungen dorthin zu schubsen, wo sie den Mädchen nicht im Weg stehen,“ so der Medienwissenschaftler Arne Hoffmann; und mittlerweile gesellschaftsfähig geworden ist der diffuse Sprech von der Diskriminierung von Jungen: “Wer A wie Mädchenförderung sagt, muss auch B wie Jungenförderung sagen.“5
Völlig unberücksichtigt bleibt dabei, dass Qualität oder Anzahl von Abschlüssen kaum etwas an der horizontalen oder sektoralen Segregation des Arbeitsmarktes ändern, wo Frauen nach wie vor schlechter abschneiden, obwohl sie offensichtlich besser in der Schule sind: Die Statistik zeigt beispielsweise, dass 2011 mehr Mädchen als Jungen Abitur machten, dass Frauen im Schnitt aber 22 Prozent weniger verdienten.6 Dies bleibt deswegen unberücksichtigt, weil es schlicht nicht darum geht. Ein plattes Ummünzen eines Mädchenförderprogramms auf Jungen in einem Bereich, in dem Jungen keine Förderung brauchen – denn das Argument, Jungs hätten auf dem Arbeitsmarkt weniger Chancen durch die Konkurrenz der Mädchen, ist schlicht absurd – macht deutlich, dass es hier nicht um mehr Gerechtigkeit, sondern um die Potenzierung der zur Verfügung stehenden Arbeitskraft geht. Auch die Boys sollen ihre Scheu für „geschlechteruntypische“ Berufe ablegen und mit „facettenreichen Männlichkeitsmustern“7 jonglieren, um den Erfordernissen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden: „Soziale und kommunikative Kompetenzen werden im Erwerbsleben immer wichtiger. Weil diese Eigenschaften jedoch eher weiblich konnotiert sind, fällt es manchen Jungen und jungen Männern schwer, diese Kompetenzen stärker auszubauen. Dies kann sich sowohl im privaten Bereich als auch im Berufsleben als nachteilig erweisen.“8 Eine „Flexibilisierung der Geschlechterrollen“ dient lediglich ökonomischen Zwecken, gleichzeitig setzt sich ein Geschlechterkonservatismus durch, der quasi natürliche, biologische Differenzen betont, diese aber als überwindbar darstellt. Belohnt wird die Anstrengung, sich „geschlechterfremdes“ Verhalten anzueignen, mit dem soft skills-Fleißsternchen im Lebenslauf und Coolness-Punkten: Mann mit Kinderwagen: cool, Mann mit Kochschürze um die Hüften: cool, Mann in der Altenpflege: cool etc. etc. Reproduktionsarbeit, die über punktuelle Hilfestellungen im Alltag hinausgeht, bleibt wieder einmal ein blinder Fleck und findet lediglich im Kontext der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ konsequenzenlose Erwähnung.
Eingeführt wurde der Boys´Day von Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin und leidenschaftliche Verfechterin von Jungen- und Männerpolitik. Immer den Bedürfnissen der Jungen auf der Spur, präsentiert sie ebenso gerne wie oft ihre vulgärpsychologischen Erklärungen für Leistungsabfall und Verrohung der Jungs: Den Kitas und Schulen fehle es an männlichen Bezugspersonen und an einer gezielten Jungenförderung bei all der weiblichen Konkurrenz. Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann rät sogar, Jungen und Mädchen getrennt zu unterrichten: „Dann haben sie nicht immer die Herausforderung durch die sich elegant ausdrückenden Mädchen und können sich stabilisieren“ – german boys sind demnach absolute Hohlköpfe, doch dafür können sie nichts – Jungen sind halt so. Erzieher-, Lehr- und Pflegeberufe sollen den jungen Männern nun schmackhaft gemacht werden, was gar nicht so leicht werden dürfte, denn das bedeutet gleichzeitig den Abstieg in den Niedriglohnsektor.
Egal, welcher Grund für die Notwendigkeit des Boys’Day angeführt wird, bei einem sind sich alle einig: Jungs bleiben „richtige Kerle“. Bei all dem faden Gerede um klassische Rollenmuster, die zugunsten eines (schlecht bezahlten) Jobs aufzubrechen sind, wird die Virilität der Jungs nicht angetastet: „Mädchen und Jungen brauchen für ihre Lebensplanung geschlechtssensible Angebote, die Differenzen berücksichtigen ohne sie zu zementieren und ohne die Vielfalt innerhalb der Geschlechtergruppen zu vernachlässigen.“9 Die Kampagne „Coole Jungs“ wirbt für mehr männliche Pfleger mit einer Reihe von platten Sprüchen wie „Mach´ meine Alte nicht an“ oder „Geh´ mir nicht an die Wäsche“ um zu zeigen, dass ein Überschreiten der klassischen Geschlechtergrenzen im Berufsleben durchaus mit sexistischem Stumpfsinn und öden Geschlechterklischees übereingeht. Aber wer würde etwas anderes von einer Initiative erwarten, deren Initiatorin Kristina Schröder auf wirklich alles hereinfällt, was Geschlechterstereotype einem glauben machen wollen: „Jungen haben ein natürliches Bedürfnis, ihre körperlichen Kräfte zu messen, also zu toben und zu kämpfen (…) Man sollte die latent größere Aggressivität von Jungen aber in vernünftige Bahnen lenken (…) Jungen lesen oft lieber Abenteuerbücher oder Sachtexte als Geschichten, in denen es um Beziehungen oder Tiere geht (…)“ und „Frauen (sind) teilweise selbst daran schuld, dass sie zwar die besseren Noten bekommen, aber nicht die besseren Jobs“.10

Feminism reloaded?

Biologistische Erklärungsansätze zur Determinierung der Geschlechter sind in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen, Wissenschaftler_innen liefern absurde Nachweise für angeblich männliches bzw. weibliches Verhalten und die Europäische Kommission, die eigentlich für ihre fortschrittliche Geschlechterpolitik bekannt ist, veröffentlichte den sexistischen Werbespot „Science: It’s a Girl Thing“, in dem langbeinige, um einen Mann tänzelnde Models Kosmetika herstellen, um mehr Frauen für die Naturwissenschaften zu interessieren – eine bestürzende Parade von Stereotypen. Und die bisher aufsehenerregendste, medienwirksamste Aktion der Provokateurin und Sängerin Lady Gaga war schlicht, zuzunehmen. Angesichts solcher Entwicklungen und den oben ausgeführten Äußerungen der Bundesfrauenministerin kommt man nicht umhin, über den Zustand des Feminismus nachzudenken. Gibt es ihn noch, einen emanzipatorischen Feminismus, dessen Kritik immer auch eine Kritik der bestehenden Gesellschaft ist und der deshalb mehr will, als den schlechten Status quo zu managen und sich im Zustand der Unmündigkeit einzurichten? Ein Feminismus, der noch von einer gerechten Gesellschaft träumt und dafür kämpft? Ein Feminismus, dessen Emanzipationsvorstellung über die individuelle Emanzipation hinausgeht?
Erschreckend reibungs- und bruchlos reihen sich die derzeitigen Spartenfeminismen programmatisch in die pseudo-emanzipatorische Girls´Day-Logik ein. Die konservative Linie à la von der Leyen hält an Werten wie Mutterschaft und Familie so unbedingt fest wie an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. der Doppelverdienerfamilie. Die institutionelle Modernisierung der Geschlechterarrangements in Deutschland lässt für Themen jenseits von Vereinbarkeitsschwierigkeiten und beruflichen Aufstiegsfragen keinen Raum: sexualisierte Gewalt, Homophobie, Migration, prekäre Arbeitsbedingungen, Sexismus etc. tauchen im Fragen- und Forderungskatalog des „konservativen“ Feminismus nicht auf. Eine ähnlich neoliberale Position vertritt der Dornsche Elitenfeminismus: „Jede Frau mit Energie, Disziplin, Selbstbewusstsein und Mut kann sich in einer Gesellschaft wie der unseren durchsetzen.“11 In seiner Leistungs-Rhetorik ist dieser „neue“ oder auch Post-Feminismus erstaunlich anschlussfähig an die gegenwärtige hegemoniale Denk- und Lebensweise. Frauen wie Männer werden Unternehmer_innen ihrer selbst, sie sind ihres eigenen Glückes Schmied. Sowohl Erfolg als auch Versagen ist individuell, eine Rückbindung des Individuums an seine gesellschaftliche Bedingtheit bleibt aus.

Ohne Hoffnung auf Veränderbarkeit der Welt lässt sich schwer leben.

Dieser Spartenfeminismus entspricht vergleichsweise privilegierten Frauen, denen die meisten Steine auf dem Karriereweg bereits aus dem Weg geräumt wurden. Nur: Welche Energie und Disziplin sollte Migrantin X mobilisieren, die von rassistischen Anfeindungen und Existenzängsten schon ganz stumpf ist, woher sollte das Selbstbewusstsein einer Lesbe kommen, die bereits ihr halbes Leben mit homophoben und sexistischen Anfeindungen kämpft, woher der Mut einer Hausfrau, ihr „Leben in die Hand zu nehmen“, obgleich sie, eingebunden in patriarchale Familienstrukturen, keinerlei Unterstützung in ihren individuellen Befreiungsversuchen erfährt? Beide Spartenfeminismen, deren eloquente Vertreterinnen sie zu massentauglichen Phänomenen gemacht haben, teilen eine Ablehnung gegenüber dem „alten“ Feminismus: Dieser muss, um neue, postfeministische Positionen mehrheitsfähig zu machen, beseitigt werden; seine utopische Forderung nach einer anderen Gesellschaft lockt ohnehin kaum noch jemanden hinterm Bürosessel hervor. Die neuen Spartenfeminismen betreffen nur noch einige wenige Frauen und sprechen im elitären Leistungsimperativ. Sie möchten nichts mehr zu tun haben mit der Frauenbewegung von damals, die als Zerr- und Gegenbild zur modernen Frau erinnert und mit „verbrannten BHs und Frauen-Lesben-Referaten und der Verteufelung der Heterosexualität” (Dorn 2006) in Verbindung gebracht wird. Vergessen wird allerdings, dass ebendiese Frauenbewegung von damals die Grundlage schuf, auf der die „Alphamädchen“12 von heute Karriere machen. Ebenso gemeinsam ist den neuen Feminismen die Unfähigkeit, Emanzipation nicht nur als individuelle Befreiung zu imaginieren, sondern als den Prozess der Befreiung aller. Die neuen „F-Klasse-Frauen“ à la Thea Dorn geben sich kämpferisch und mutig, doch kämpfen muss jede für sich allein und gegen die andere. Wer den beruflichen und sozialen Aufstieg nicht schafft, ist selbst schuld, so die postfeministische Erklärung für eigentlich alle Lebenslagen.
Nur noch selten trifft man auf einen Feminismus, der die Analyse der patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen zur Grundlage seiner Kritik macht und sich gegen die Unterdrückung von Frauen sowie der ganzen Menschheit richtet. Ein solcher – emanzipatorischer – Feminismus wurde in den Feuilletons über Jahrzehnte hinweg bis heute für unnötig, eingestaubt und abgestorben erklärt. Doch in Zeiten, in denen die Machtverhältnisse im sozialen, politischen wie auch ökonomischen Leben immer noch eindeutig zugunsten von Männern ausfallen, in denen Sexismus kein Tabu, sondern vielmehr mehrheitsgesellschaftlich akzeptiert und Quelle von (medialer) Geldmacherei ist, in denen Frauen aufgrund von Geschlecht, Klassenzugehörigkeit und race doppelte und dreifache Ungleichheit, Chancenlosigkeit, ökonomischer Ausbeutung und Exklusion aus politischen Prozessen erfahren, hat eine feministische Theorie und Praxis, die nach einer anderen, gerechteren Gesellschaft strebt, an Dringlichkeit nichts eingebüßt. In Zeiten wie diesen, in denen Frauenkörper als Mütter, Konsumentinnen, Ware und billige bzw. kostenlose Arbeitskräfte wichtigste Ressource des kapitalistischen Systems sind, wäre ein wirklich emanzipatorischer Feminismus eine Gefahr für den Kapitalismus: z.B. wenn Frauen Nein zu un- oder schlecht bezahlter Arbeit sagen, wenn sich Frauen in ihren Körpern wohlfühlen und nicht mehr mit Hilfe von teurer Kosmetika, Klamotten und Fitnessprodukten dem geforderten Frauenbild entsprechen wollen, wenn der Heiratsmarkt nicht mehr die beste Altersversicherung für Frauen darstellt, wenn ein Bedürfnis nach Emanzipation nicht mehr mit dem Bedürfnis, möglichst viel kaufen zu können, verwechselt wird.
„Der klassische Feminismus hat nicht den Glanz, den die heutigen Zeiten erfordern“13, schreibt Gabriele Canas, und damit hat sie offensichtlich leider recht. Trotzdem brauchen wir ihn, denn, wie Frigga Haug sagte, „ohne die Hoffnung auf Veränderbarkeit der Welt und den Versuch, sich selbst in einer solchen Bewegung zu verorten, lässt sich schwer leben, höchstens überleben.“14 Girls´ und Boys´Day dienen eher dem Über-, nicht dem guten Leben.

  1. Renate Schmidt (SPD), ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, anlässlich des vierten bundesweiten Girls´Days 2004.

  2. Angela Merkel bei der Auftaktveranstaltung des Girls´Day 2010, URL: www.girls-day.de/Maedchen/Videos_Spiele/Girls_Day_Podcast/Girls_Day_2010_Auftaktveranstaltung_im_Bundeskanzleramt (Zugriff 23.01.13).

  3. Aber die Jungs nicht vergessen! Beitrag von Willi Keller auf SWRinfo, 2010, URL: www.swr.de/contra/-/id=7612/nid=7612/did=6287694/v6220p/index.html (Zugriff 24.01.13).

  4. Ebd.

  5. Zitat SPD-Politiker Reinhard Naumann im Artikel „Ganz klar: Männersache“, Der Tagesspiegel 2008, URL: www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/boys-day-berlin-ganz-klar-maennersache/1175482.html (Zugriff 19.01.13).

  6. Verdienststrukturerhebung 2010.

  7. Zitat aus dem Selbstverständnis des Boys´Day, URL: www.neue-wege-fuer-jungs.de (Zugriff 23.01.13).

  8. Ebd.

  9. Ebd.

  10. „Ein Tag für echte Kerle“, Interview mit Kristina Schröder. ZEIT ONLINE 2010, URL: www.zeit.de/2010/17/B-Schroeder-Interview/seite-1 (Zugriff 29.01.13).

  11. Thea Dorn, Autorin des Buches „Die neue F-Klasse“ (2007), in einem Interview auf Deutschlandradio (Dezember 2006).

  12. Haaf, Meredith/Klingner, Susanne/Streidl, Barbara (2008): Wir Alphamädchen: Warum Feminismus das Leben schöner macht. Hamburg.

  13. Canas, Gabriele: Von Klamotten und Silikon, in: Haug, Frigga (Hrsg.) (2010): Briefe aus der Ferne. Anforderungen an ein feministisches Projekt heute. Hamburg, S. 49-50.

  14. Frigga Haug in ihrem Vortrag „Wohin ging die Erbschaft aus der verschwundenen Frauenbewegung?“ an der Uni Marburg 2009, URL: www.friggahaug.inkrit.de (Zugriff 13.01.13).

Barbara Schnalzger ist Redaktionsmitglied der outside the box und lebt in Leipzig.