A.V. Schmidt

[work in progress]

„Daher wäre es vielen Frauen lieber – sogar wenn es völlige ökonomische Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gäbe –, mit Männern zu leben oder ihren Arsch zu verhökern und dadurch den größten Teil des Tages für sich zu haben, als viele Stunden langweiliger, verdummender, unkreativer Arbeit für jemand andren abzubrummen und dabei – schlimmer als das Vieh – wie Maschinen zu funktionieren; oder bestenfalls, wenn sie einen ‘guten’ Job ergattern könnten, den ganzen Scheißdreck mitzumanagen.“

So Valerie Solanas1 in den 70er Jahren. Heute scheint es um nichts anderes mehr zu gehen, als den Scheißdreck mitzumanagen. Feminismus, das ist doch das mit der Quote. Und fast haben wir sie erreicht, die völlige rechtliche und ökonomische2 Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – oder? Woran sich freilich nichts geändert hat: Noch immer herrschen in geschwisterlicher Eintracht Patriarchat und Kapitalismus. Das Patriarchat dort, wo Frauen, Tunten und Transen damit rechnen müssen, aufgrund ihrer Nicht-Männlichkeit3 klein gehalten, gedemütigt, vergewaltigt zu werden – worauf ihre ökonomische Stellung in der Gesellschaft zwar einen Einfluss hat, was aber trotzdem nicht allein an dieser hängt. Der Kapitalismus dort, wo wie eh und je der Zwang zur Selbstverwertung gilt: Weil es dem “naturgemäß” nicht um die Idee des Menschen als tätiges Wesen, die Möglichkeit des travail attractif4 geht, bleibt die völlig entfremdete Verwertung für das Kapital. Schon länger werden die kleinen Spielräume des Wohlfahrtsstaats zurückgenommen. Wer früher in Situationen materieller Bedürftigkeit Sozialhilfe bekam, muss sich jetzt dazu verpflichten, als potentielle Arbeitskraft in egal welcher Form auf Abruf zu bleiben. In der Realität des Jobcenters hat Arbeit dann auch nichts mehr mit dem protestantischen Gedanken an Beruf(ung) zum (gottgewollten) Schaffen à la Max Weber zu tun. Es reicht die Pseudo-Tätigkeit, die vor allem eines bewirken soll: die Arbeitslosenzahl in einem gesellschaftlich gerade noch akzeptablen Maß zu halten.

Schön und gut, wenn es im Aufsichtsrat auch Frauen gibt. Weniger schön und gut, wenn die Person, die der Aufsichtsrätin die Wohnung putzt oder deren demente Mutter pflegt, ebenfalls eine Frau ist, und zwar eine, die es hauptsächlich aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit und nicht aufgrund ihres Geschlechts niemals auch nur in die Nähe eines Aufsichtsrates schaffen wird.

Im Unterschied zur ökonomiekritischen feministischen Bewegung früherer Jahrzehnte behauptet der Mainstream-Feminismus heute, es werden weiterhin „wichtige und vor allem symbolische Schritte“5 nach vorn gemacht - während sich zugleich die Lage des Proletariats (inklusive Prekariat) in diesen Zeiten der Rezession massiv verschlechtert. Inmitten von Sparpaketen und Generalstreiks in halb Europa dreht sich das Rad der Emanzipation der Frauen stetig weiter, so die bürgerliche Ideologie.6 Ist es vielleicht nicht Marx, sondern sind es diese Stimmen, die die Frauenfrage letztlich zu einem Nebenwiderspruch machen, dessen Überwindung den Kapitalismus nicht gefährden, sondern ihm sogar zugutekommen? Die Philosophin und Journalistin Nina Power7 schreibt dazu in ihrem Buch „Die eindimensionale Frau“: „Würde man den zeitgenössischen Darstellungsformen des Weiblichen glauben, so belaufen sich die aktuellen Errungenschaften einer Frau anscheinend auf den Besitz teurer Handtaschen, eines Vibrators, eines Jobs, eines Appartements und eines Mannes – vermutlich in dieser Reihenfolge. […] Wie konnte es so weit kommen? Haben sich die Anliegen der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts in Form von Shopping-Paradiesen für ‘freche’, selbstverliebte, schamrasierte Playboy-Häschen-Klone erfüllt? Dass der Höhepunkt angeblicher weiblicher Emanzipation so schnurgerade mit dem Konsumdenken zusammenläuft, stellt unserer politisch desolaten Zeit ein erbärmliches Zeugnis aus.“8

Der Feminismus hat historisch zweierlei versucht: zum Einen, das Weibliche – und damit ist auch und vor allem das gemeint, was die patriarchale Gesellschaft als weiblich definiert und auf die Frauen abgeschoben hat – zu seinem Recht kommen zu lassen und die “androzentrische Verfasstheit” von Subjekt und Gesellschaft zu erschüttern. Hierzu gehören die Positionen, die die Differenz betonten und eine andere Sprache, eine andere Wissenschaft, neue Lebens- und Beziehungsformen forderten, die von den etablierten bürgerlich-männlichen abweichen. Neben esoterischen Lebenshilfen etablierte diese unter dem Label „Differenzfeminismus“ bekannte Frauenbewegung auch ein paar wichtige künstlerische, politische, berufliche Nischen und Schutzräume für Frauen, Lesben, Trans* - ohne freilich an der kapitalistischen Notwendigkeit des Homo Oeconomicus grundlegend etwas ändern zu können. Eine andere Richtung wollte Weiblichkeit als gesellschaftlich Gewordenes dekonstruieren und Frauen zur politischen Emanzipation innerhalb des Bestehenden, zur Teilhabe an den Freiheiten bürgerlicher Subjektivität verhelfen – Simone de Beauvoir ist eine Schlüsselfigur dieses so genannten Gleichheitsfeminismus. Hier sollen Frauen als Individuen einen gleichberechtigten Platz innerhalb des Kapitalismus einnehmen – wie der Mann citoyen und bourgeois werden. Dieser Art, wenn auch in einer verglichen mit Simone de Beauvoir deutlich weichgespülten, verharmlosten Variante, sind realpolitische Initiativen à la Frauenquote. Sie müssen von vornherein unvollständig bleiben, wenn die Klassengesellschaft nicht mitgedacht wird: Schön und gut, wenn es im Aufsichtsrat auch Frauen gibt. Weniger schön und gut, wenn die Person, die der Aufsichtsrätin die Wohnung putzt oder deren demente Mutter pflegt, ebenfalls eine Frau ist, und zwar eine, die es hauptsächlich aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit und nicht aufgrund ihres Geschlechts niemals auch nur in die Nähe eines Aufsichtsrates schaffen wird.

So sehr man dem Gleichheitsfeminismus Respekt zollen muss für die immanenten Verbesserungen, die in seinem Namen erkämpft wurden: In Vergessenheit geraten ist, dass Feminismus schon einmal mehr wollte als bloß ein größeres Stück vom Kuchen bzw. Arbeitsmarkt bzw. Monatslohn. „Im Gegensatz zu anderen meinen wir nicht, dass die Alternative zur Hausarbeit Fabrikarbeit heißt. Hausarbeit wie Fabrikarbeit sind gleichermaßen Zwangsarbeit, die wir leisten müssen, weil wir das Geld zum Leben brauchen, das das Kapital uns gibt: entweder direkt oder durch Männer. […] Wenn wir Lohn für Hausarbeit fordern, so meinen wir, dass wir das Geld brauchen, aber nicht die Arbeit.“9 In Vergessenheit geraten ist auch die Kritik des Differenzfeminismus an der ‘androzentrischen Ausprägung von Subjektivität’: dass Menschsein vielleicht mehr bedeuten könnte als der scheinbar autarke, selbstbeherrschte und stets rationale homo oeconomicus; dass eine gesellschaftliche Transformation also auch die Frage danach stellen muss, mit welchen schmerzhaften Beschneidungen menschlichen Potentials nicht nur Weiblichkeit, sondern eben auch Männlichkeit einhergeht.

Das Problem einer feministischen Gesellschaftskritik ist, dass man es hier mit zwei Strukturen zu tun hat – Kapitalismus und Patriarchat – die ineinandergreifen, aber weder historisch noch strukturell gänzlich in Eins fallen. Die Emanzipation der Frau funktioniert somit in dieser Gesellschaft als Kampf gegen patriarchale Unterdrückung – aber auch als Integration der Frauen in den Kapitalismus. Läuft so am Ende der Feminismus der ersten und zweiten Frauenbewegung darauf hinaus, was dem Kapitalismus sowieso recht ist: dass alle verfügbare Arbeitskraft gleichermaßen verwertet wird?

„Gleichermaßen“ vergisst einen wichtigen Punkt: den der Reproduktionsarbeit. Der Geschlechtermythos der kapitalistischen Gesellschaft10 unterteilt Menschen auch deswegen in Männer und Frauen, weil Frauen für Reproduktion zuständig sein sollen – und Männer nicht. Es waren Feministinnen, die darauf aufmerksam gemacht haben, dass das, was gemeinhin als Arbeit gilt, auf den unsichtbaren und unbezahlten Tätigkeiten von Frauen beruht. Hier ist also die wert-schaffende Lohnarbeit – dort die „nur“ reproduktive Arbeit (Hausarbeit), die in der bloßen Notwendigkeit des Erhalts der Gattung verhaftet bleibt und den Frauen quasi natürlich von der Hand gehen soll.

Die bürgerliche Gesellschaft erscheint so getrennt in öffentlich und privat, Produktion und Reproduktion. Mit der Kritik daran wird zugleich das Idealbild patriarchal-kapitalistischer Subjektivität entlarvt: Hinter diesem Subjekt, das sich frei und autark wähnt, steht eine Person (zumeist Frau), die ihm die Hemden bügelt, seinen Kindern Schulbrote schmiert und ihm abends zärtlich die Anspannungen des Arbeitslebens aus den Schultern massiert. Dabei wurde nicht nur die Hausfrau zum halben Menschen, zum schwachen Geschlecht – sondern auch der idealtypische, nur produktive Mann bleibt notgedrungen unvollständig durch das Vermeiden der Reproduktionsarbeit, durch das Vermeiden des als “weiblich” deklarierten überhaupt.

Die Trennung der Tätigkeiten - hier produktiv/männlich, dort reproduktiv/weiblich - sind seit langem Teil unseres Selbstverständnisses. Dennoch ist das damit verknüpfte Idealbild der Frau als Hausfrau, wie Laurie Pennie es nennt, Geschichtsfälschung: Weil Frauen schon immer gearbeitet haben und nicht erst seit 1977, als die so genannte “Hausfrauenehe” abgeschafft wurde. Im Jahr 1900 eingeführt, drückte sich das gesetzlich so aus: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu“. Konkret hieß das: „Die Ehefrau darf nur dann berufstätig sein, wenn sie dadurch ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt (…) wenn die Einkünfte des Mannes für den Familienunterhalt nicht reichen, ist sie aber verpflichtet zu arbeiten.“ Das heißt: Für die Arbeiterin und Bäuerin (nicht die bürgerliche Frau) war Arbeit immer schon selbstverständlich – und schlechter bezahlt. Die Hausfrau ist damit ein relativ kurzes Phänomen einer privilegierten Schicht. Die so genannte Doppelbelastung – Lohnarbeit plus Hausarbeit – war und ist dagegen der Normalfall außerhalb bürgerlicher Idealvorstellungen und Teil unserer patriarchalen Geschichte.

Es sollte nun deutlich sein: Ohne ein Verständnis vom Kapitalismus, seiner Geschichte und den Subjekten, die er notwendig produziert, ist das heutige Geschlechterverhältnis nicht zu durchschauen. Der im Sinne des Kapitals voll ausgebeutete Arbeiter stößt ja schon an die Grenzen des Machbaren, wenn er neben dem normalen Arbeitstag nur schlafen und essen muss. Er kann sich nicht auch noch um sich, Familie, Wohnung und Freizeit kümmern. Er braucht idealerweise ein Anderes, das von Anfang an die Rolle der Oase, des Hafens, der Geborgenheit bietet. Das klingt sehr nach 19. Jahrhundert – aber ist es nicht heute noch so? Es ist doch kein Zufall, dass mit dem Ende der Jugend, dem Verfestigen der Beziehung, den ersten Arbeitsverhältnissen und spätestens mit dem ersten Kind bei vielen von uns und unseren Freund_innen plötzlich dieselben Mühlen greifen wie bei unseren Eltern. Plötzlich ist man doch die mit der Teilzeitstelle, die dem anderen den Rücken frei hält und stärkt.

Aus diesem patriarchalen Verhältnis gibt und gab es zunächst drei Auswege:

1) Selber lohnarbeiten gehen, als Frau also ebenfalls die Position des scheinbar freien, autarken Subjekts einnehmen, das sich fortan mit dem gleichen Problem rumschlagen muss, das auch vorher schon nicht gelöst war: Wer macht die Hausarbeit? Version a) betrifft die meisten: Frau macht sie selbst und zerbricht schier an der Doppel- oder Dreifachbelastung, die dadurch entsteht; Version b) betrifft noch einige: Frau verdient genug Geld, um eine andere Person (zumeist Frau) dafür zu bezahlen, das Porzellan abzustauben und dem Kleinkind den Brei aus dem Gesicht zu wischen. Schwupps hat sich dann das Geschlechterproblem – teilweise – auf eine Klassenebene verschoben. Man kann es auch „Emanzipation einiger weniger Frauen auf Kosten anderer Frauen“ nennen. Version c) wird aus unterschiedlichen Gründen kaum praktiziert: Frau hat einen Partner/Partnerin, der/die „zuhause bleibt“, während sie arbeiten geht. Dadurch hat sich an der Struktur nicht viel geändert – außer dass ein paar wenige Frauen auch endlich in den Genuss einiger männlicher Privilegien kommen.

2) Lohn für Hausarbeit fordern – was letztlich nichts anderes bedeutet, als den Lohnarbeitssektor auszuweiten auf das Private. Und auch dies ist eine unbefriedigende – im eigentlichen Wortsinn „perverse“, also „verdrehte“ Forderung der Feministinnen nach einer Lösung der Probleme durch den Kapitalismus. Verständlich ist diese Forderung, was den Wunsch sowohl nach Anerkennung dieser notwendigen Tätigkeiten, als auch nach ökonomischer Unabhängigkeit vom lohnarbeitenden Ehemann betrifft. Aber denkt man sie zu Ende, landet man schnell bei eher schauerlich anmutenden Vorstellungen einer bis ins Kleinste, Intimste vertraglich geregelten Gesellschaft, in der jede, aber auch wirklich jede Tätigkeit ihr monetäres Äquivalent kennt. Der Mensch wird nicht freier in der Wahl seiner Tätigkeit, nur mehr ans Idealbild des homo oeconomicus angepasst. Letztlich passiert das, was hier beschrieben wird, in der Praxis bereits, ob nun gewollt oder nicht: Das Private schrumpft zusammen, zum Einen, weil Arbeit sich zeitlich/räumlich immer weniger abgrenzen lässt und wir als Subjekte immer mehr mit unserer Arbeitskraft verschmelzen, zum Anderen weil, siehe oben, das Verschwinden der patriarchalen Einverdiener-Kleinfamilie Lücken im reproduktiven Bereich hinterlässt, die durch professionelle Dienstleisterinnen gefüllt werden.

Ausweg 1 hat sich durchgesetzt, genauer gesagt: Ausweg 1a (selber lohnarbeiten und fast an der Doppelbelastung zerbrechen). Er ist sogar fast zum Leitbild neoliberaler Subjektivität überhaupt geworden, ganz abgesehen von Geschlecht. Dagegen halten interessanterweise nur noch konservative Parteien, die Elternteile mithilfe von Eltern- und Betreuungsgeld wieder aus der Lohnarbeitssphäre hinaus in die Hausfrauenehe locken wollen. Für alle anderen gibt es zur Arbeit eigentlich keine Alternative. Das Arbeitsamt ist auch keine: Im Jahr 2012 wurden so viele Sanktionen verhängt wie nie zuvor.11

Frauenemanzipation ist ebenso wie Arbeitsrecht kein Rad, das sich quasi-natürlich immer weiter dreht und am Fortschritt der Gesellschaft teilhat.12 Die Einführung des zu recht als „Herdprämie“ verschrienen Betreuungsgeldes nennt meine Mutter „Klassenkampf von Oben“: ein Instrument, arme Frauen in der Unterschicht zu halten. Alte Geschlechterrollen werden gerne beibehalten, wenn sie den Staat und das Kapital weniger kosten. Und ebenso wird die moderne Frau unterstützt, wenn es sich lohnt: Zur Zeit rechnen uns kritische Journalistinnen vor, wie viel Geld der Staat sparen würde, wenn teuer ausgebildete Frauen nicht in Teilzeit- oder Hausarbeit (inklusive Ehegattensplitting) verweilten, sondern durch ein verbessertes Kita-Angebot um die Erziehung ihrer Kinder erleichtert auf den Markt geschleudert würden.13 Es geht nicht um das, was wir wollen – darum ging es noch nie: Es ist nur Gendermainstreaming at it’s best.

Anerkennung für alle möglichen Identitäten ist aber etwas, das der Neoliberalismus mit seinen diversity-Programmen durchaus zu geben in der Lage ist. Nur, dass die diversity die Gleichheit des „sich verkaufen müssens“ niemals antastet.

Der Kapitalismus fühlt sich vom Feminismus nicht gestört, so lange Feminismus nicht „aufs Ganze“ zielt. In seine Einzelteile zerlegt ist der Feminismus dem Kapitalismus (leider) nicht nur nicht schädlich, er fördert – so die These von Nancy Fraser – sogar seine Transformation hin zur aktuellen neoliberalen Variante.14 So ebnete die feministische Kritik am Familienlohn, der Frauen in einer ökonomisch abhängigen Position hielt, den Weg für die Norm und Notwendigkeit der Doppelverdiener-Familie: Laut Fraser ging mit der weiblichen Eroberung des globalisierten Arbeitsmarktes auch eine Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse einher. Und die Kritik an der Fokussierung auf ökonomische Ungleichheit, die Geschlechter-, race- und andere Differenzen übersieht, führte dazu, dass die Klassenfrage zugunsten anderer Formen von Benachteiligung in den Hintergrund rückte. Anerkennung für alle möglichen Identitäten ist aber etwas, das der Neoliberalismus mit seinen diversity-Programmen durchaus zu geben in der Lage ist. Nur, dass die diversity die Gleichheit des „sich verkaufen müssens“ niemals antastet. (Auch Menschen mit Behinderungen arbeiten in Werkstätten, was umso perfider ist, als dass sie trotzdem raus sind aus dem „ganz normalen“ Gesellschaftlichen. Arbeit hat in dieser Form noch nicht mal mehr integrativen Charakter.) Nicht vergessen werden darf freilich, dass die Anerkennung als gleichberechtigte Arbeitskraftbehälter de facto noch nicht erreicht ist: Frauen (und andere) leiden, wie zu Anfang schon beschrieben, eben nicht nur darunter, ihre Arbeitskraft verkaufen zu müssen, sondern auch unter Strukturen, die sie als Frauen diskriminieren. Oder auch: als Behinderte, als Schwarze, als Homosexuelle, als Migrantinnen.

Frauenemanzipation ist keine Teilfrage der Gesellschaft, die sich an den anderen vorbei lösen lässt. Das sagten schon die „Italienerinnen“15: Die Frau wird doppelt ausgebeutet – durch das Kapital und durch das Geschlechterverhältnis. Im Sinne des Kapitalismus genauso wie der Mann – also innerhalb der Kategorie des Lohnarbeiters als Lohnarbeiter_in – und zudem im Sinne des Patriarchats als untergeordnetes Geschlecht. Müsste demnach eine emanzipierte Gesellschaft nicht mehr sein als eine, in der zwar Reichtum sowie geschlechtlich codierte Funktionen und Eigenschaften gerechter verteilt sind, sich am Prinzip der notwendigen Selbstverwertung aber nichts geändert hat?

Dann bleibt eigentlich nur Ausweg 3: Arbeit endlich abschaffen, denn It’s all about the angst and the money16. Dieser Weg wurde, wie vielleicht schon zu vermuten ist, nicht durchgesetzt. Wie lässt er sich überhaupt praktisch denken ohne abzudriften ins nur noch Träumerische? Es scheint kaum möglich zu sein, das Ende des Kapitalismus ernsthaft zu wollen und dieses Wollen zu formulieren, ohne auf Demo-Parolen hängen zu bleiben: Nieder mit dem Kapitalismus! Was formuliert werden kann, sind bloß Fragmente: Das Ende der Arbeit würde bedeuten, neue Vermittlungsformen zu suchen zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den dazu notwendigen Tätigkeiten; die Möglichkeit zum travail attractif jenseits der Trennungen des Kapitalismus, zur vollständigen Verwirklichung menschlichen Potentials jenseits der Frage nach Verwertbarkeit. Subjekte, die frei sind ohne dafür die Unfreiheit der anderen zu brauchen; basierend auf der Erkenntnis, dass alle voneinander abhängig sind, dass zwar individuelle Freiheit das höchste Ziel sein, aber in dieser die Bedingtheit der Einzelnen durch die Anderen schon mitgedacht sein muss. Am Anfang und am Ende steht die große Frage nach der Emanzipation.

  1. Auch wenn Valerie Solanas eine streitbare Person ist – sie schoss im Wahn auf Andy Warhol – enthält ihr „SCUM-Manifest“ doch einige kluge und wichtige Gedanken.

  2. Wir sind uns noch uneins darüber, ob die vollständige ökonomische Gleichheit der Geschlechter innerhalb des Kapitalismus zu erreichen wäre.

  3. Oder, im Falle von z.B. Butches und Transmännern, der Anmaßung einer Männlichkeit, die ihnen nicht „natürlich“ zukommt.

  4. Der travail attractif (anziehende Arbeit): Die Situationisten (SI) übernehmen den Begriff von Marx und der wiederum von Charles Fourier. Er meint „kreative, kooperative – im weitesten, sublimierten Sinne erotisch reizvolle – individuelle und gesellschaftliche Tätigkeit“ (Biene Baumeister Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. 2005, S. 229). Im Gegensatz dazu steht der travail répulsif, die abstoßende Arbeit im Kapitalismus: Zwischen die Tätigkeit und das Individuum tritt ein widriges Hindernis äußerer (ökonomischer) und innerer (psychischer) Art.

  5. DIE ZEIT http://www.zeit.de/karriere/2012-11/frauenquote-machtverhaeltnisse-kommentar

  6. Geißler, Rainer (2002): Die Sozialstruktur Deutschlands. 3. Auflage. Wiesbaden (S. 365-400: „Die Entwicklung der sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern“)

  7. Nicht zu verwechseln mit der deutschen Jornalistin Nina Pauer, die Anfang 2012 in der ZEIT ein Lamento über angeblich verweichlichte „Schmerzensmänner“ angefangen hat.

  8. Power, Nina: Die eindimensionale Frau, Merve Verlag 2011.

  9. Kampagne Lohn für Hausarbeit, Power of Woman Collective, London 1973, in: Pauline Boudry, Brigitta Kuster, Renate Lorenz (Hrsg.): Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit & Zuhause, Berlin 2000, S. 108 f.

  10. Jede Gesellschaft hat ihren Geschlechtermythos. Da Tod, Geburt und Altern menschliche Konstanten sind, machen sich Menschen immer Vorstellungen davon, wie diese erklärt werden können. Diese Erklärungen haben auch immer mythische Anteile, die zum Teil kontingent (zum Teil notwendig so) sind: Die Teilung der Menschen in Gebärende und Nicht-Gebärende muss ja nicht zwangsläufig in Männer und Frauen gemacht werden, sondern kann bspw. auch in gebärende (weibliche) Menschen und zu alte, zu junge, männliche Menschen geschehen. Der Kapitalismus hat seinen eigenen Geschlechtermythos, der stark mit Reproduktion und Produktion zusammenhängt. Mehr dazu in Hilge Landweers Aufsatz von 1994: „Generativität und Geschlecht. Ein blinder Fleck in der sex/gender-Debatte.“

  11. Über eine Millionen Mal wurde zwischen August 2011 und Juli 2012 Hartz-IV-Leistungen gekürzt (was z.B. geschieht, wenn ein_e Arbeitslose_r eine „zumutbare Arbeit“ nicht annimmt). Das entspricht gegenüber 2009 einem Anstieg der Sanktionen von 38%. Im Schnitt wurden die monatlichen Leistungen um 106 Euro gekürzt – wodurch bei einem Regelsatz von 374,- Euro (zuzüglich Miete und Krankenversicherung) nur noch 268, - Euro übrig bleiben. Siehe u.a. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-11/hartz-empfaenger-sanktionen

  12. Das sieht man daran, dass auch die Zahlen der bürgerlicher Demographen rückläufig sind – es bleiben mehr Frauen zu Hause, nehmen Männer weniger Monate Elternzeit als vor 15 Jahren, verdienen Frauen etwa 71% des Gehalts ähnlich ausgebildeter Männer. Das sind empirische Gegenargumente (zu finden in Rainer Geißlers „Sozialstruktur Deutschlands“ (Kapitel zur Ungleichheit von Frauen und Männern).

  13. So argumentierte Simone Schmollack von der TAZ auf Deutschlandradio Kultur (19.01.2012): http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1655309/

  14. Fraser, Nancy: Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2009.

  15. Gemeint ist der italienische Feminismus der 1970er Jahre wie er vom „collettivo feminista di cinema“ mit Annabella Miscuglio (bspw. Der Film „l’agettivo donna“, 1971) ausgedrückt wird. Ausformuliert findet man die These auch bei Luisa Abbà, Gabriella Ferri, Giorgio Lazzaretto, Elena Medi und Silvia Motta: La coscienza di sfruttata. 1972.

  16. “The Angst and the Money” ist der Titel eines Albums von Ja, Panik!

Die Autorin ist ein Mini-Kollektiv innerhalb der outside-Redaktion, das sich nicht immer einig war. Deswegen existieren von diesem Text mindestens 20 Versionen, die alle an verschiedenen Punkten unvollständig bleiben müssen. work in progress.