Von der Schwierigkeit der freien Entscheidung

Die erste Frage lautet wohl: Wie kam es dazu? Auch wenn ich die Frage hier fehl am Platz finde, weil die Motivationen dafür – moralischer Zeigefinger und detektivische Neugier – mir nicht angebracht zu sein scheinen, will ich sie beantworten: Ich weiß es nicht mehr. Als ich noch ein paar Jahre jünger war und das Moralische mir darum wichtiger, war ich überzeugt davon, alles richtig gemacht und einfach Pech mit der Verhütung gehabt zu haben. Heute weiß ich nicht mehr, ob man eigentlich alles richtig machen kann. Wie überhaupt die meiste Zeit in meinem Leben sich in einer seltsam verwischten Erinnerung verwirrt, so ist es auch mit dieser Zeit – bis zu dem Tag, an dem ich den Test machte. Die darauffolgenden Wochen haben sich leider bei mir festgebissen.

Sonntags machte ich den Schwangerschaftstest. Ich hatte ihn tags zuvor geholt und auf den Morgenurin gewartet. Ich war alleine auf dem Klo. Dann zeigte ich die zwei berühmten Striche meinem Freund. Er meinte nur: Der Test irrt sich sicher, und drehte sich fortan um sich selbst. Ich hingegen konnte keine zwei Sätze geradeaus denken. Das Wochenende war fast vorbei, und so begann der Alltag unserer Fernbeziehung wieder: Er fuhr weg. Es war früher Abend. _Bitte bring’ mich noch zur Straßenbahn, ich muss jetzt los – schau’ erst mal, was die Ärztin sagt, und wein’ bitte nicht mehr. _

Es begab sich also, dass ich am Montag um zehn Uhr ohne ihn zur Frauenärztin ging. Ich hatte ihren Namen im Internet gefunden und sie arbeitete um die Ecke von der WG, in der ich seit zwei Monaten wohnte. Meine erste WG mit zwei lieben, jungen Studentinnen. Die Ärztin war weniger lieb, mehr eine richtige Ostärztin. Nicht die ernste Mama, die ich gewohnt war von zuhause, sondern so eine richtig trockene Medizinerin. Hier sehen Sie das Ultraschallbild auf dem PC und das weiße Pünktchen ist es: der Embryo. Okay, sie war nur unsensibel, nicht fies, aber ich zwanzig und neu in der Stadt und ungewollt schwanger. Und der Stempel klebte auf meiner Stirn oder meinem Bauch, alle sahen ihn, sahen durch meinen Wollmantel und meine zwei Pullis – es war einer dieser sibirischen Kälteschübe, wie ich später lernte – durch meine Haut und meine Gebärmutterwand durch auf dieses Zellhäuflein. Brrr.

Ich hörte auf zu rauchen und trank alkoholfreies Becks, genau ein Mal und dann nie wieder –richtiges Bier würde ich vermissen – und zugleich rief ich die gesetzlichen Beratungsstellen an. Alle überfüllt. So ein Kind, das wäre doch nix Schlimmes, andere Menschen haben auch Kinder, dachte ich manchmal. Das klang verdächtig nach einer schlimmen Krankheit. Das Kind. Die evangelische Beratung hatte als einzige einen Termin zehn Tage später. In der Zwischenzeit saß ich in meinem zuhause mit Erker und Kohleofen, hübsch und kalt, und ließ mich von Hörbüchern ablenken. Ich war, glaube ich, viel alleine in meinem Zimmer in der Zeit. Meinen zwei, drei neuen Freunden, gerade ein paar Wochen in meinem Leben, erzählte ich nichts davon, ging nicht ans Telefon. Worüber sollte ich auch mit ihnen reden?

Da ist ein schlimmes Detail aus diesen Tagen: das Wartezimmer. Bei der Ärztin, sowie bei der Beratung: Prospekte mit dicken Bäuchen, Kinderzeichnungen an der Wand, Schwangere oder Frauen mit Kleinkindern sitzen strahlend herum. Und morgens aufwachen: Verschlafen liegt manchmal meine Hand auf meinem Bauch, und das Gefühl ist warm und irgendwie aufregend und nett. Zumindest, bis ich richtig wach werde.

Der Besuch bei der Krankenkasse folgte noch, wo ich an der Information sagen sollte, warum ich da war. Was haben Sie gesagt, ich habe Sie nicht verstanden? Dort wenigstens keine Babyprospekte, aber dafür eine Reihe Leute, die mich anglotzen. Ah, sie will abtreiben. Diesmal Freude über den Osten: Zumindest keine Moralisten, kein Kopfschütteln. Als er am Ende der zweiten Woche wieder zu mir kam, waren wir viel unterschiedlicher als zuvor. Er hatte sich eine Woche frei genommen von seinem Nebenjob, um mich zu begleiten. Und auf mich eingeredet, ich solle meiner Familie nichts davon sagen, es sei nur zwischen uns wichtig. Er wollte es gerne behalten. Natürlich wollte er es gerne so, was hatte er zu verlieren?

Ich weiß, ich soll hier von meiner Abtreibung erzählen, nicht von meiner Beziehung, aber das ist so verwoben, alles. Jahre später sagte eine Bekannte mir, sie habe sich für ihr Kind entschieden, weil die Entscheidung dagegen auch eine gegen eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Freund gewesen wäre. Nichts von dem, was ich hier erzähle, soll allgemeingültig sein. Ich freue mich für jede Frau, die es auf die weniger schwere Schulter nehmen kann, aber für mich war es nicht leicht.

Er war ein paar Jahre älter als ich, bald sollte sein Studium zu Ende sein. Wir sprachen mit der Elternberatung vom Studentenwerk, die zwar von vielen Unterstützungsvarianten erzählen konnte, aber doch meinte, alles sei heillos überfüllt und durchaus keine frühe Ganztagsbetreuung möglich. Und als wir so zusammensaßen in einem Café, das familienfreundlich war und leicht esoterisch (auf der anderen Straßenseite das leicht punkige Kneipending mit Aschenbechern auf allen Tischen, das ich in den Wochen zuvor frequentiert hatte), und uns ausmalten, wie es wäre mit Kind, entstand dieses Bild:

Wir würden zusammenziehen in die kleine Stadt, aus der ich eben weggezogen war, ich mein eben begonnenes Studium auf Eis legen oder abbrechen und er seins schneller beenden. Dann ginge er arbeiten, und ich könnte perspektivisch in ein, zwei Jahren wieder mehr an mich denken – mit der Hilfe meiner Familie, natürlich. Irgendwas dämmerte mir, als ich in mich versunken und mit einer leichten Übelkeit im Magen neben ihm herlief. Zum Glück dämmerte es mir!

Das zweite Mal bei der Ärztin, fragte sie mich noch mal, wann ich meine Tage zuletzt gehabt hätte. Ich log. Ich hatte inzwischen nachgelesen und verstanden: Für die Abtreibungspille hat man 49 Tage Zeit in Deutschland (in Frankreich und England weitaus länger), gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung. Das waren also drei Wochen vor meinem Eisprung, das wiederum war zwei Wochen vor dem Test gewesen, das wiederum nun 14 Tage her… genau sieben Wochen. Den Termin um drei Tage verschieben, und ich hätte noch Zeit, zur Klinik zu gehen! Aber all das mit mir selbst ausmachen. Sie gab mir das Bild und notierte sich das Datum.

Die Klinik war so ein Ding für sich, steril sowieso, aber dazu noch eine Beauty-Klinik. Ich wurde aufgerufen. Diese Pille schlucken Sie bitte jetzt mit einem Becher Wasser und dann müssen wir eine Stunde auf Sie aufpassen, damit Sie nicht erbrechen. Was, wo Sie die nehmen können? Na ja, im Wartezimmer, wir haben keine Räume dafür. Er war bei mir, eigentlich wollte er ja jede Entscheidung mittragen. Aber als ich die Pille nahm, direkt neben dem Tresen der Sprechstundenhilfe, rannte er raus, schlug die Tür zu. Ich konnte ihm nicht hinterher. Und das Wartezimmer starrte mich an.

Eine Stunde später fand ich ihn am Eingang der Klinik sitzend, weinend. Es war sehr kalt, immer noch, und ich hatte einen Termin mit meiner Übungsgruppe für die Uni. Ich hatte tatsächlich nicht geweint, seit er mich darum gebeten hatte, und konnte ihn darum prima trösten. Später saß ich in der Rauchermensa bei einem Treffen mit meiner Lerngruppe, die Gerüche stiegen mir zu Kopf, ich weiß nicht, ob wegen der Schwangerschaft oder wegen der Tablette. Einer meiner neuen Freunde war dabei. Er sah mich an und fragte, was los sei. Er habe mich oft angerufen. Und ich sei so bleich.

Am nächsten Tag schon begann meine Blutung, wenn auch schwach. Und tags darauf ging ich wieder zur Klinik, die zweite Tablette nehmen, die die Krämpfe auslöst. Die Ärztin freute sich, dass mein Körper von selbst die Blutung begonnen hatte, wollte mir aber keine Schmerzmittel verschreiben. Es tut eben immer ein bisschen weh, aber dann wissen wir wenigstens, dass der Körper intakt ist. Ich war leider nicht in meiner stärksten Verfassung, sonst hätte ich ihr sicherlich etwas entgegnet. Na ja.

Er wollte mich abholen kommen nach den drei, vier Stunden, die ich in der Klinik bleiben sollte, aber wegen Platzmangels wurde ich früher aus dem Dreibettzimmer für Abtreibungsfälle ausgewiesen. Die Blutung hatte nun richtig angefangen und ich war von der Warterei, den Schmerzen und der Kälte völlig gaga.

Die duftenden Wurststände – wie viel Wurst kann eine Stadt eigentlich essen? – setzten mir jetzt zu, mir war übel. Und dann setzte ich mich einfach in die nächste Kirche. Dort war es einigermaßen warm, ruhig, geruchsneutral, und niemand störte eine, die alleine rumsaß. Das war ziemlich ideal und auch seltsam. Eine Stunde später kam er mich abholen, und den Rest des Tages verbrachte ich zuhause mit Schmerzen und Tabletten von einer Apothekerin, die mir etwas Rezeptpflichtiges mitgegeben hatte, einfach so.

Was soll ich sagen? Über die Blutung könnte ich noch reden. Aber ich glaube, das will ich noch mit niemandem teilen. Auf dem Klo rief ich dann doch meine Mutter an. Sie weinte sehr. Sie meinte etwas feindselig, in so einer Situation brauche eine Tochter ihre Mutter, keinen nutzlosen Mann. Am nächsten Tag schickte ich ihn heim, und sie kam mich endlich besuchen.

Die Monate nach der Abtreibung waren bestimmt die intensivsten, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Ich fühlte mich so jung, wollte nur mein Leben genießen und alles tun, was junge Leute so tun, nur manchmal brach dann doch alles über mir ein. Aber meine neuen Freunde waren da und toll, und ich hatte so viele neue Ideen: Irgendwie war mir meine Freiheit bewusster.

Nachtrag 1: In den Tagen, in denen ich alleine war und in denen ich mit niemand darüber sprach, dachte ich irgendwann: So viele Frauen haben vor dir in dieser Situation gesteckt, sogar zumeist unter so viel schlechteren Bedingungen. Die sind jetzt bei dir. Das war zwar ein wenig verrückt, half aber.

Nachtrag 2: Heute bin ich wieder bei derselben Frauenärztin. Ich hab’ ihr gesagt, dass ich das Ultraschallbild damals lieber nicht gesehen hätte und verunsichert war von ihr, und sie nahm das gut auf. Nur die blöde Ärztin aus der Klinik macht mich immer noch wütend.