Grete Thau und Johannes Knauss

Aufgeklärt

Das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch – das klingt in vielen Ohren vielleicht zunächst einmal wenig vertrauenserweckend. Zu sehr ist man gewohnt, über diese Themen von umtriebigen ProLife-AktivistInnen ‘aufgeklärt’ und ‘informiert’ zu werden, so dass die Befürchtung nahe liegt, als der/die BesucherIn beim Eintritt von einem Häuflein FanatikerInnen in Empfang genommen zu werden. Diese unangenehmen Zeitgenossen haben bekanntlich die Gewohnheit, mit den Mitteln einer kruden Splatter-Pädagogik zu agitieren und so machten wir uns beim Eintritt darauf gefasst, dass die Exponate vor allem aus blutigen Föten und Fotos von Abtreibungskliniken bestehen könnten…

Beim Betreten des Museums fühlt man sich an die Rezeption einer Arztpraxis erinnert. […] Das Ganze hinterlässt allerdings kein steriles oder beklemmendes Gefühl, sondern ist vielmehr eine authentische und gelungene Kulisse für die Ausstellung.

Zum Glück wurden diese Befürchtungen gleich zu Beginn der Ausstellung in Luft aufgelöst. An der Empfangstheke liegt eine Petition aus, auf welcher man den Staat Österreich mit einer Unterschrift dazu auffordern kann, kostenlos Kondome zur Verfügung zu stellen. Neben Informationsbroschüren von Beratungsstellen zum Schwangerschaftsabbruch u.a. findet sich eine Schale mit kleinen Plastikdöschen mit der Aufschrift ›www.femcase.at‹ und dem Hinweis ›Boxen für 2 Tampons und 2 Schmerztabletten‹ zur kostenlosen Mitnahme und nicht zuletzt stellt sich schnell heraus, dass das Museum mit einer Ambulanz für Schwangerschaftsabbrüche zusammenhängt.

Wer die in allen Reiseführern angepriesene Wiener Museenlandschaft kennt, ist womöglich überrascht ein Museum zu diesem Thema und in dieser Größenordnung zu sehen. Anders als die monumentalen Kunsttempel in der Innenstadt nimmt sich unser Museum sehr bescheiden aus, denn es befindet sich abseits der Touristenströme in der ersten Etage eines gewöhnlichen Wohnhauses auf dem Mariahilfer Gürtel. Beim Betreten des Museums fühlt man sich an die Rezeption einer Arztpraxis erinnert. Auch das übrige Interieur verstärkt dieses Gefühl. Die Exponate, Informations- und Schautafeln sind in rückwärtig beleuchteten Schaukästen ausgestellt und die nicht genutzten Wände werden von weißen Vorhängen verdeckt. Das Ganze hinterlässt allerdings kein steriles oder beklemmendes Gefühl, sondern ist vielmehr eine authentische und gelungene Kulisse für die Ausstellung. Nach der ersten Erleichterung fällt sofort auf, dass man es hier mit einem ziemlich kleinen Museum zu tun hat. Zwei eher kleine, helle Räume beherbergen die gesamte Ausstellung, so dass unweigerlich der Eindruck aufkommt, auf solch kleinem Raum könne nur wenig Information geboten werden. Doch schon bald ist man von den Schaukästen gefangen und wird glücklicherweise eines Besseren belehrt. Die Ausstellung ist zwar sehr textstark, doch das gut ausgewählte, kurzweilige Quellenmaterial, zahlreiche historische Anekdoten und die vielen kuriosen Exponate stellen ein angemessenes Gegengewicht dar und illustrieren das Gelesene sehr gut. Videosichtplätze zu verschiedenen Themen u. a. mit Zeitzeugenberichten, Dokumentationen oder auch Filmsequenzen und Liedern bieten eine gute Abwechslung zu den langen Informationstexten und ermöglichen es den MacherInnen eine beträchtliche Fülle von Material auf kleinstem Raum unterzubringen. Wer dann immer noch nicht genug hat, kann zusätzlich auf die Möglichkeit einer Audioguidebegleitung zurückgreifen oder an einer geführten Besichtigung teilnehmen.

Raum 1: Verhütung in altrosa

»Es wäre einer der größten Triumphe der Menschheit, eine der fühlbarsten Befreiungen vom Naturzwange, dem unser Geschlecht unterworfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt der Kinderzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten Handlung zu erheben, um ihn von der Verquickung mit der notwendigen Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses loszulösen.« (Freud, Sigmund: Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 1898)1 Die beiden Räume der Ausstellung sind thematisch getrennt. Im ersten Raum wird in altrosa gehaltenen Schaukästen die Kulturgeschichte der Verhütung nachgezeichnet, während der zweite Raum sich der Geschichte des Schwangerschaftsabbruchs widmet. Wir beginnen unseren Rundgang beim wissenschaftlichen Rätselraten um den weiblichen Zyklus und der Entdeckung der fruchtbaren Tage (1929) von Hermann Knaus und Kyusaku Ogino. Ihre irrenden VorgängerInnen hatten im letzten Jahrhundert die widersprüchlichsten Theorien zu diesem bis dahin noch ungelösten Problem aufgestellt, tragischerweise auch solche, in denen just die unfruchtbarsten Tage als die einzig fruchtbaren ausgegeben wurden.2 Im weiteren Fortgang wird eine Vielzahl von einfallsreichen Verhütungsmethoden aus den unterschiedlichsten Epochen und Weltregionen präsentiert. Die Methode der vaginalen Ausspülung mit unterschiedlichen Instrumenten wie der »Mutterspritze« oder dem »Mutterrohr«, deren Anwendung übrigens verboten war, wird sehr anschaulich gezeigt; so wird die wahre Funktion des Bidets in einer kleinen Geschichte enthüllt, in der es sich nicht als »lovely« Waschbecken »[…] to wash the baby in […]« darstellt, sondern sich viel mehr als ein Becken »[…] to wash the baby out […]« entpuppt. Verschiedenste Kondomkonstruktionen aus unterschiedlichsten Materialien sind ausgestellt, von denen eine auf einer Werbetafel von 1936 damit beworben wird, nun nicht mehr nur ein halbes Jahr sondern ganze drei Jahre lang verwendbar und darüber hinaus beinahe unzerreißbar zu sein. Die aufwendige Herstellung von modernen Kondomen – von der Kautschukgewinnung bis zum fertigen Kondom – kann in einer zweiteiligen Kurzdokumentation angesehen werden.

Abtreibungsverbote verändern nicht die Anzahl der Abtreibungen, sondern nur die Umstände in denen sie stattfinden.

Luftanhalten, Springen, schlängelnde Bewegungen oder Kniebeugen nach dem Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau, eine bestimmte Stellung beim Sex, das Einführen von Krokodilkot in die Scheide, Spülungen mit Coca Cola, ein Stift zum Verschluss des Penis, der die Ejakulation verhindern soll, die Ablehnung des Spermas durch die weibliche Psyche und diverse andere sehr phantasievolle, mystische und leider unbrauchbare Praktiken gegen das Schwangerwerden verdeutlichen die einstigen Irrpfade um Empfängnis und Verhütung und ebenso auch das stets vorhandene Interesse daran, die menschliche Fortpflanzung steuern zu können. An der gegenüberliegenden Wand werden Verhütungsmethoden wie Pille, Spirale, Vasektomie, Sterilisation der Frau u.a. in Wirkungsweise und Entstehungsgeschichte zusammengestellt und deren hürdenreicher Weg zur Legalisierung und öffentlichen Akzeptanz aufgezeigt; denselben Weg, den die Pille danach gehen musste. Mittlerweile ist sie in einigen westeuropäischen Ländern rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Ein Kommentar, das auch auf die BRD zutrifft: »Leider nicht in Österreich! Bei uns ist sie derzeit noch rezept- und apothekenpflichtig. Auch die Kosten von ca. 13 - 15 Euro werden in Österreich nicht von der Krankenkasse übernommen.« Der Raum schließt mit dem aktuellen Stand der Verhütungsforschung und Entwicklung von Methoden, die sich sowohl auf die Frau als auch auf den Mann beziehen. Zurzeit versucht sich die Wissenschaft an einem empfängnisverhütenden Nasen- und Hautspray für die Frau. Die Forschungen an der Pille für den Mann wurden eingestellt, da, so das Kommentar, Männer ebenso wie Frauen gelegentlich die Einnahme vergessen könnten, sich aber kaum Frauen dem Risiko, wegen eines Einnahmefehlers des Partners schwanger zu werden, aussetzen würden. »Somit wäre die Pille für den Mann ein wirtschaftlicher Flop, selbst wenn sie medizinisch funktionieren würde.« Am Durchgang zum zweiten Raum werden Schwangerschaftstests zu Zeiten des alten Ägyptens bis heute vorgestellt. Beispielsweise musste die Frau einen Brei aus Datteln und Bier essen; wenn ihr übel wurde, war der »Schwangerschaftstest« positiv. Einer der ersten zuverlässigen und schnellen Tests war der sogenannte Froschtest, der seit den Jahren ab 1940 [!] weit verbreitet war und erst in den Sechzigern hierzulande von heute noch bestehenden Methoden abgelöst wurde. In manchen Ländern wird er noch heute gebraucht. Bei diesem Test wird Fröschen der Harn der Frau unter die Haut gespritzt. Beginnt der weibliche Frosch zu laichen bzw. der männliche Frosch Spermien zu produzieren, gilt die Frau als schwanger. In einem Video sprechen Zeitzeugen über diese Methode. Alles in allem wird die Geschichte der Verhütung im ersten Raum als eine durchschlagende Erfolgsstory präsentiert. Es wird deutlich, dass das Bedürfnis von Frauen oder Paaren die Fortpflanzung zu steuern ein sehr altes ist, dass aber gleichzeitig die Mittel zur verlässlichen, hygienisch und medizinisch einigermaßen verträglichen Verhütung Errungenschaften aus der jüngsten Vergangenheit sind. Dass unter dieser lang andauernden Unwissenheit (besonders vor dem Hintergrund der patriarchalen Verhältnisse) vor allem die Frauen litten, wird in der Ausstellung deutlich. So witzig auch manche Exponate beim ersten Blick anmuten, kündet die Vielzahl teilweise schmerzhafter Methoden (Ausspülen der Vagina mit verdünnter Essigsäure etc.) vor allem von der Verzweiflung, die besonders den weiblichen Teil der Menschheit dazu trieb, hier eine unglaubliche Kreativität an den Tag zu legen. Der qualitative Sprung, der sich auf dem Gebiet der Verhütung im Laufe des 20.Jahrhunderts vollzog, zeigt sich besonders prägnant daran, dass selbst Techniken wie die noch in den sechziger Jahren gefeierte Krötenmethode des Schwangerschaftstests (s.o.) für die heutige BetrachterIn unendlich anachronistisch, ja, geradezu »mittelalterlich« wirkt. Eine einigermaßen liberale Gesetzgebung in den meisten europäischen Ländern, sowie die aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts möglich gewordenen Verhütungsmethoden ermöglichen es heute, mit einer empathischen Haltung auf solche Phänomene als endgültig überholte Zumutungen der Vergangenheit zurückzublicken.

Raum 2: Von den ‘EngelmacherInnen’ zur Legalisierung von Abtreibungen

Wenn man sich in den anschließenden zweiten Raum begibt, ist man von blaugrauen Schaukästen umgeben. Das zeitweilige Amüsement aus dem ersten Raum verblasst allmählich in Anbetracht der hier behandelten Geschichte und Gegenwart des Schwangerschaftsabbruchs. Die linke Wand ist dem illegalen Schwangerschaftsabbruch gewidmet, die gegenüberliegende Wand dem legalen. Die beiden Seiten werden verknüpft durch die Darstellung der Entwicklung der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch. Das Thema wird eröffnet mit der Vorstellung von Madame Restell. Sie ist eine der bekanntesten EngelmacherInnen3 des 19. Jahrhunderts. Sie hatte trotz gesetzlichen Verbots gemeinsam mit ihrem Mann ein Versandunternehmen für Verhütungsmittel aufgebaut und führte Abbrüche in Boston, New York und Philadelphia durch. Aufgrund ihres Bekanntheitsgrades entstand das Synonym »Restellismus« für den »illegalen Abbruch«. In weiteren Schaukästen sind Zeitungsannoncen von EngelmacherInnen zu sehen, welche sich wegen der Illegalität ihres Gewerbes als Hebammen ausgaben und sich verschlüsselter Hinweise wie »Echt französische Mittel« oder »Hilfe gegen Störungen« bedienen mussten. Durch die gesetzliche Verfolgung von Frauen, die abtreiben und abtreiben lassen, und derer, die diese Abtreibung vornehmen, sind die Frauen gezwungen ohne ärztliche Unterstützung Abtreibungen vorzunehmen und eigene Methoden zu entwickeln und diese in Codes, wie z.B. Liedern und Gedichten weiterzugeben. Da illegale Abbrüche im Geheimen geschehen müssen, gibt es auch keine frei erhältlichen, geeigneten Instrumente und keinen offenen Wissensaustauch über die Methoden. So ist u. a. eine Fahrradspeiche als »gynäkologisches Instrument« ausgestellt. Auch ein Stück Seife wurde zur Einleitung einer Fehlgeburt verwendet. Welchen Risiken sich die Frauen aussetzen und wie unsicher und gefährlich die Methoden sind, zeigen verschiedene Zeitungsartikel über Frauen, die beim Versuch einer Abtreibung starben. Ein plastischer Körperschnitt zeigt die tödlichen Folgen eines missglückten Abbruchs: Das Einführen eines spitzen Gegenstands in die Gebärmutter kann diese leicht durchstoßen und so innere Blutungen auslösen. Die Zeitungsartikel verdeutlichen auch die Vielzahl von Schwangerschaftsabbrüchen trotz des Verbots. Abtreibungsverbote verändern nicht die Anzahl der Abtreibungen, sondern nur die Umstände in denen sie stattfinden. An einem Videosichtplatz kann man einen Ausschnitt aus dem Aufklärungsfilm Frauennot – Frauenglück (1929) von dem Schweizer Sergei Eisenstein sehen, in welchem von über zwei Mio. illegalen Schwangerschaftsabbrüchen jährlich berichtet wird. Nachdem einige europäische Länder in den fünfziger Jahren die Abtreibungsgesetzgebung liberalisierten – Vorreiter waren hier die Schweiz sowie einige sog. realsozialistische Länder – setzte schon bald ein regelrechter Tourismus von Frauen ein, die in ihren Heimatländern keine legale Abtreibung vornehmen lassen konnten. Die weite Verbreitung dieser Praxis schlug sich bisweilen sogar in der Alltagssprache der jeweiligen Länder nieder, so dass »Voyage Suisse« in Frankreich und »Going to England« in Irland schon bald zur stehenden Wendung für »Abtreibung« wurde. Mit der sich ändernden Gesetzeslage änderten sich auch die Routen der abtreibewilligen Frauen, so dass nach der Schweiz u.a. Großbritannien und Holland zu Zentren des Abtreibetourismus wurden. Ein besonders groteskes Beispiel ist das Verhältnis von Schweden und Polen: während früher Schwedinnen ins realsozialistische Polen reisten, hat sich nach dem juristischen Rollback im Zuge der Rekatholisierung im postsozialistischen Polen die Reiserichtung Hilfe suchender Frauen umgekehrt.4 Der Grundstein zum Abtreibungsverbot ist schon zu Zeiten der Kaiserin Maria Theresia 1768 gelegt worden. Als Strafe galt die Hinrichtung durch das Schwert. Von dort an hat das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs es bis zu einem Paragraphen (218§ (BRD)/96§ (A)) ins heutige Strafgesetzbuch (StGB) geschafft und ist mit Freiheitsentzug belegt. In diversen Subregelungen in diesen Paragraphen wird exakt bestimmt unter welchen Bedingungen eine Abtreibung in Österreich und der BRD straffrei ist. Bis dorthin, war es allerdings ein steiniger Weg. Auf herausnehmbaren Tafeln werden einzelne Abtreibungsprozesse und Fälle durch die Jahrzehnte geschildert, die die Grausamkeit dieser Gesetze verdeutlichen. Die Frauen wurden meist mit Kerker und Peitschenhieben bestraft. Den Hebammen, welchen die Durchführung einer Abtreibung nachgewiesen werden konnte, wurde ein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen, was sie schließlich durch die Arbeitslosigkeit in die Armut trieb. In diesem Zusammenhang stellt das Museum die berechtigte Frage: »Wer entscheidet über die Fruchtbarkeit?«. Ein Schaublid zeigt eine weibliche »Notausgangfigur«, welche vor den Institutionen: Mann/Vater/Bruder/Sohn, Arzt/Ärztin, Militär, Justizsystem, Wirtschaft, Kirche, Staat fliehen will. Zum Staat wird Kurt Tucholsky das Wort erteilt: »Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte und Richter. Neun Monate lang. Wenn aber diese neun Monate vorbei sind, dann muß ich sehn, wie ich weiterkomme. Die Tuberkulose? Kein Arzt hilft mir. Nichts zu essen? keine Milch? – kein Staat hilft mir. Qual und Seelennot? Die Kirche tröstet mich, aber davon werde ich nicht satt. Fünfzig Lebensjahre wird sich niemand um mich kümmern, niemand. Da muß ich mir selbst helfen. Neun Monate lang bringen sie sich um, wenn mich einer umbringen will. Sagt selbst: Ist das nicht eine merkwürdige Fürsorge?« (Nach: Die Leibesfrucht spricht. 1931) Dieser chronologischen Darstellung über die Entstehung des Abtreibungsverbots und des damit einhergehenden Kampfes dagegen ist die Überschrift »Die Unbarmherzigkeit des Staates… ist überwunden« gegeben. Denn 1975 wird der Schwangerschaftsabbruch finalement legalisiert. Dass die Müttersterblichkeit durch die Aufhebung des Verbots zurückgehen würde, war schon 1926 bekannt, da die Sowjetunion bereits ab 1920 Abtreibungen legalisiert hatte und die positiven Folgen spürbar waren. In diesem Raum wird vor allem eines noch einmal deutlich vor Augen geführt: die schreiende Diskrepanz zwischen den medizinischen Möglichkeiten, den Bedürfnissen von Frauen abzutreiben und der Gesetzgebung. Denn ein Blick auf die hier ausgestellten Weltkarten des Abtreibungsrechts offenbart, dass es außerhalb von Europa, Nordamerika (mit Kuba) und einigen wenigen Ländern, wie z.B. Südafrika und Tunesien, um das Recht auf Abtreibung ziemlich düster bestellt ist. Auch wenn vielleicht mancheR KulturrelativistIn dies nicht wahr haben möchte, der/die Abtreibungsrechte für westlichen Quatsch hält, die die vermeintlich so anderen Frauen außerhalb der »ersten Welt« vielleicht gar nicht nötig haben, spricht die Empirie eine andere Sprache: abgetrieben wird überall, meistens jedoch unter potentiell tödlichen Bedingungen. Denn während eine sachgemäß durchgeführte Abtreibung auf dem wissenschaftlichen state of the art unter gesundheitlichen Aspekten für die Frau weniger gefährlich ist, als die Geburt eines Kindes, sterben nach wie vor 186 Frauen täglich an den Folgen einer illegalen Abtreibung. Diesen Zustand im globalen Maßstab zu ändern, bleibt auch im Jahr 2011 eine Forderung der feministischen Gesellschaftskritik.

Es wird deutlich, dass das Bedürfnis von Frauen oder Paaren die Fortpflanzung zu steuern ein sehr altes ist, dass aber gleichzeitig die Mittel zur verlässlichen, hygienisch und medizinisch einigermaßen verträglichen Verhütung Errungenschaften aus der jüngsten Vergangenheit sind.

Die Initiatividee für das Museum hatte Dr. Christian Fiala, Arzt für Allgemeinmedizin und Gynäkologe aus Wien. Durch seine Reisen in unterschiedliche Teile der Welt, bei welchen er immer wieder auf die widrige Situation von Müttern und Frauen gestoßen wurde, hatte er die Idee zum Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Er selbst ist Leiter der dem Museum gegenüberliegenden Ambulanz für Beratung zur ungewollten Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch (www.gynmed.at), deren Homepage sehr fundierte und gut sortierte Informationen enthält. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass das Museum ebenso wie zahlreiche andere FeministInnen, AbtreibungsärztInnen usw. bereits zur Zielscheibe der sexuellen Konterrevolution geworden ist. Neben vereinzelten Protestaktionen vor dem Museum versuchen ProLife-AktivistInnen und VertreterInnen der Katholischen Kirche der öffentlichen Werbung der Abtreibungsambulanz entgegenzuwirken: Neben jedem Plakat der Ambulanz in den Wiener U-Bahnstationen hängt nun ein Werbeplakat der Kirche. Doch wer weiß, vielleicht hätten sich selbst Maria und Joseph damals über diese Beratungsstelle gefreut…? Es bleibt zu hoffen, dass das Treiben oben genannter Gestalten dem Erfolg des privat finanzierten Museums keinen Abbruch tut und es vielleicht sogar einmal mittels staatlicher Fördergelder die Möglichkeit erhält, eine größere Öffentlichkeitswirkung zu entfalten.5 Ein Besuch lohnt sich indes bereits jetzt, denn in diesem im besten Sinne des Wortes aufklärerischen Museum kann wohl jedeR noch etwas über ein Thema erfahren, das leider immer noch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es eigentlich verdiente.

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
Mariahilfer Gürtel 37/ 1. Stock
1150 Wien
www.muvs.org

Alle Bilder sind der Website des Museums entnommen.

  1. Dieses Zitat eröffnet die Ausstellung im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch.

  2. Hätte frau sich auf die Berechnungen von Friedrich Eduard Bilz von 1900 verlassen, der die fruchtbaren Tage vom 26. bis zum 6. Tag des Zyklus vermutete, wäre sie definitiv nicht nicht schwanger geworden. Hingegen bildet die Festlegung der fruchtbaren Tage auf die gesamten 28 Zyklustage im American Journal of Obstetrics und Gynecology von 1900 eine ziemlich wasserdichte Verhütungsbasis.

  3. Die Bezeichnung »EngelmacherIn« wird heute meist von AbtreibungsgegnerInnen für die Person, die Abtreibungen durchführt, verwendet. Früher bezeichnete er Frauen, welche ungewollte Kinder in Pflege nahmen und sie in unausgesprochenem Einvernehmen absichtlich sterben ließen. Sie »machten die Kinder zu Engeln, sie haben sie quasi ›geengelt‹«. Gerhard Bronner schrieb 1957 zu diesem Beruf das Lied »Die alte Engelmacherin«, das man auch im Museum anhören kann.

  4. Polen hat bereits 1955 Abtreibungen legalisiert, doch die Wiedereinführung des Abbruchverbots 1993 [!] dauert bis heute an. Dieses Jahr im Herbst wird im polnischen Parlament über eine Novellierung des Abtreibungsgesetzes entschieden, welche Abtreibungen in Polen u.a. auch bei Gefahr für das Leben der Mutter verbietet. In Barbara Schnalzgers Artikel in dieser Ausgabe »Erst rette ich Polen, dann mach’ ich die Wäsche« zum Matka Polka-Mythos kann mehr zur Situation in Polen gefunden werden.

  5. Zugang für die weltweite Öffentlichkeit bietet eine sehr umfangreiche virtuelle Museumstour auf der Homepage des Museums. Hier stehen Videos und eine komplette Bilderreihe der Ausstellung und vieles mehr zu freien Verfügung.