Melanie Babenhauserheide

»Nicht ohne Sträuben.«

Libido und Fortpflanzungsfunktion.

In Gerd Brantenbergs Roman Die Töchter Egalias aus den 70er Jahren, dessen Handlung in einem zu den patriarchalen Verhältnissen spiegelverkehrten Matriarchat spielt, wird deutlich, wie zentral die Gebärfähigkeit für die Herausbildung einer Geschlechterhierarchie war: In dieser fiktionalen Umkehrung sind Frauen das starke Geschlecht, weil sie ja die Kinder in die zarten Hände der Männer gebären. Dass diese nur den Samen geben, während die Frauen aktiv Kinder produzieren, weist Männern gesellschaftlich die untergeordnete Position und einen Platz in der Reproduktionssphäre zu. In unserer Gesellschaft hingegen wurden Frauen unter Bezugnahme auf ihre Gebärfähigkeit in die Sphäre der Reproduktion abgeschoben und mit Natur assoziiert bzw. auf ihre Naturnähe und Natürlichkeit festgelegt – und damit oft auch als unfähig zu großen kulturellen Leistungen begriffen. Die Gebärfähigkeit von Frauen nahm in der Geschichte feministischer Bewegungen einen wichtigen Stellenwert ein – von den Demonstrationen gegen den § 218 bis zu differenzfeministischen Annahmen. Im Zeitalter von (De-)Konstruktivismus, Queer-Politics und Doing Gender-Ansätzen, in denen die (soziale) Konstruktion von Geschlecht ins Zentrum (post-) feministischer Theoriebildung rückt und in einigen poststrukturalistisch inspirierten Ansätzen sex und gender weitgehend in eins fallen1, stellt Schwangerschaft und Gebärfähigkeit feministische Theorie vor einige Herausforderungen.

Gerade im Falle der Schwangerschaft scheint die Verquickung von Natur und Kultur offensichtlich.

Schließlich liegt, wenn es ums Gebären geht, die Frage nach dem Verhältnis von Natur und Geschlecht nahe, denn augenscheinlich gibt es hier etwas, das zumindest viele Frauen in einem bestimmten Zeitabschnitt ihres Lebens von Natur aus können, Männer aber nicht. Darin, wie schwangere Frauen behandelt werden, dass sie etwa von GynäkologInnen zu teilweise gefährlichen Untersuchungen überredet und mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgestopft werden oder plötzlich auf Partys alleine dasitzen, weil sie als Trägerinnen eines als unschuldig und reinzuhaltenden imaginierten Wesens nicht mal auf drei Meter Entfernung mit Zigarettenrauch konfrontiert werden dürfen, wird deutlich, dass die biologisch-medizinische Herangehensweise an Schwangerschaft ideologisch ist und Ideologie biologisch-medizinisch argumentiert. Tendenziell antwortete postmoderner Feminismus darauf mit einer grundsätzlichen Problematisierung von Vorstellungen von Natur. Mit dem linguistic turn wurde der Körper der Tendenz nach im Zeichen aufgelöst, zur Materialisierung von Bedeutung reduziert2. Das Auseinanderklaffen von alltäglichem Umgang mit Schwangeren, der weitgehend der Medizin überlassen wird, und postmodernen Ansätzen, erweckt den Anschein, als müsse man sich zwangsläufig auf eine Seite schlagen: Entweder ist das Geschlecht biologisch oder sozial gemacht. Unter der Hand wird allerdings auch die Konstruktion von Geschlecht mit der Biologie belegt, etwa wenn Menschen, die mit uneindeutigem Geschlecht geboren wurden, zum Zugpferd für queere Lebensweisen gemacht werden. Auch äußerte kürzlich jemand in einer Diskussion mit mir, die Tatsache, dass Männer und Frauen beide abspritzen könnten, sei ein Beweis dafür, dass Geschlechtsunterschiede lediglich sozial hergestellt seien. (Was darin offensichtlich verloren geht, ist der Unterschied, dass im männlichen Ejakulat in der Regel Spermien vorhanden sind – keine schlechte Erkenntnis für Empfängnisverhütung…) Gerade im Falle der Schwangerschaft scheint die Verquickung von Natur und Kultur offensichtlich. Um dieser Tendenz des Entweder-Natur-Oder-Kultur zu entgehen, liegt die Auseinandersetzung mit einer Theorieströmung nahe, die ein solches Kippen von Biologismus in Sozialkonstruktivismus und umgekehrt nicht mitmacht, sondern sich mit dem schwierigen Spannungsverhältnis von Natur und Kultur in der geschlechtsspezifischen Subjektkonstitution auseinandersetzt: Die Psychoanalyse3. Sie kommt allerdings heute in feministischer Theorie nicht selten zu kurz, vor allem weil ihr einige Vergehen vorgeworfen werden: Erstens gehe sie zu sehr vom Individuum aus und übergehe die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieser Vorwurf trifft daneben, denn schon Freud hat sich mit Themen wie Krieg, Moral, Massenbildung und Kunst auseinandergesetzt, weil er das Subjekt stets schon im Spannungsverhältnis Subjekt – Objekt, Natur – Kultur, Innen – Außen denkt. Dieser Vorwurf hingegen stellt sich offensichtlich das Individuum als ein Thema vor, das nicht gesellschaftlich ist, und denkt sich Gesellschaft und Individuum als getrennte Entitäten, die sich höchstens irgendwie gegenseitig beeinflussen (oder kann eigentlich gar nicht mehr trennen zwischen Gesellschaft und Individuum). Adorno hingegen hat versucht, die Problematik in all ihrer Widersprüchlichkeit zu fassen: »Die Wissenschaften von der Gesellschaft und von der Psyche, soweit sie unverbunden nebeneinander herlaufen, verfallen gemeinhin der Suggestion, die Arbeitsteilung der Erkenntnis auf deren Substrat zu projizieren. Die Trennung von Gesellschaft und Psyche ist falsches Bewußtsein; sie verewigt kategorial die Entzweiung des lebendigen Subjekts und der über den Subjekten waltenden und doch von ihnen herrührenden Objektivität. […]. Was die arbeitsteilige Wissenschaft auf die Welt projiziert, spiegelt nur zurück, was in der Welt sich vollzog. Das falsche Bewußtsein ist zugleich richtiges, inneres und äußeres Leben sind voneinander gerissen.«4 Die Konzentration der Psychoanalyse auf das Individuum in seinen Beziehungen ist gerade geeignet zu rekonstruieren und zu erklären, wie auf der ontogenetischen Ebene aus einem Naturbündel ein vergesellschaftetes Subjekt wird. Der zweite Vorwurf an die Psychoanalyse lautet, dass sie antifeministisch sei, weil sie ein negatives Frauenbild habe. Darin aber werden die Ergebnisse der Analyse mit einer normativen Setzung verwechselt, etwa so, als würde man KritikerInnen am Lohngefälle zwischen Männern und Frauen unterstellen, sie affirmierten dieses dadurch, dass sie es überhaupt feststellen5. Drittens wird der Psychoanalyse immer mal wieder vorgeworfen biologistisch zu sein. Dies speist sich nicht zuletzt aus einer Missinterpretation des Triebbegriffes, den Freud, im Gegensatz zum Instinkt, als einen Grenzbegriff zwischen Soma und Psyche, zwischen Biologie und Kultur fasst. Der Ausdruck ›biologistisch‹ erfüllt dabei allerdings auch häufig die Funktion zu vermeiden, dass die Sprache darauf kommt, dass Menschen auch sinnliche und leibliche Wesen sind und nicht rein vergeistigt (sprachlich konstituiert, Schnittmenge von Diskursen…). Er dient in diesem Falle einer Abwehr jedes materialistischen Gedankens an die Lebensnot und einer Leugnung von Natur. Der Triebbegriff hingegen steht dafür ein, dass der Mensch zugleich Naturwesen und nicht Natur ist: Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Natur wird in der Freudschen Psychoanalyse als konflikthaft gedacht. Viertens behauptet manch eine Kritik, die Psychoanalyse argumentiere deterministisch6. Tatsächlich geht die Psychoanalyse davon aus, dass individuelle Triebschicksale, Symptome etc. sich rekonstruieren lassen, dass sie von der Vergangenheit bestimmt sind. Doch dieser Vorwurf verkennt zugleich das zentrale Prinzip der Nachträglichkeit7 in der Psychoanalyse, nach dem frühere Ereignisse mit späteren Erfahrungen neu gedeutet und verändert werden können. Ein Ziel psychoanalytischer Therapie ist es gerade, vergangene Fixierungen und geronnene Deutungen wieder zu verflüssigen. Die Psychoanalyse kann zwar rekonstruieren, aber nicht prognostizieren. Zu all diesen Vorwürfen ließen sich viele weitere Einwände vorbringen, die den Rahmen des Textes übersteigen würden. Im Folgenden soll stattdessen das widersprüchliche Verhältnis zwischen Libido8 und Gebärfunktion in der psychoanalytischen Theorie unter die Lupe genommen werden. Meines Erachtens kann die Psychoanalyse eine Menge zu einer feministischen Theorie beitragen, die die Verquickung und Widersprüchlichkeit von Natur und Kultur ernst nehmen will, aus denen das Geschlechterverhältnis seine Gewalt gewinnt. Nicht zuletzt, weil sie die Naturbeherrschung, die sich historisch oft gerade gegen die mit Natur assoziierte Weiblichkeit gerichtet hat, auf der Ebene des Subjekts analysiert.

Wie wird aus einem polymorph perversen, hilflosen Wesen ein bürgerliches, geschlechtlich verfasstes Subjekt?

Seine Vorlesung Die Weiblichkeit hat Freud damit eingeleitet, dass, obwohl Menschen in der Regel diejenigen, denen sie begegnen, unwillkürlich in männlich oder weiblich einteilen, die anatomische Wissenschaft diese ach so sichere Entscheidung kaum teilen kann: Da sich die Geschlechtsorgane aus den gleichen Anlagen entwickeln, die sonstige Beeinflussungen des Geschlechts sich als inkonstant erweisen und sich männliche wie weibliche Eigenschaften an beiden Körpern finden lassen, hinterlässt die Anatomie das Bild der »Zwiegschlechtlichkeit, Bisexualität, als ob das Individuum nicht Mann oder Weib wäre, sondern jedesmal beides, nur von dem einen so viel mehr als von dem anderen.«9 Der einzige Punkt, an dem sich Freud zufolge ein klare Unterscheidung treffen lässt, ist die allerkleinste Einheit: Spermatozoon und Ei. Die Psychoanalyse will hingegen erforschen, »wie sich das Weib aus dem bisexuell veranlagten Kind entwickelt.«10 Sie setzt dabei weder die Fixierung auf die Genitalien als von Anfang an vorhandene voraus, noch betrachtet sie den heterosexuellen Ausgang als natürlich, sondern rekonstruiert, wie die Libido auf die genitale Sexualität und die Erfüllung der Fortpflanzungsfunktion eingeschränkt wird (oder auch nicht, ein ebenso möglicher Ausgang der Libidoorganisation wäre z.B. Fetischismus): »Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. […] Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließlich sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Phänomen und keine Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist.«11 So geht Freud davon aus, dass sich auch bezüglich der Entwicklung von Weiblichkeit »die Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion fügen wird«12. Die Bereitschaft Kinder zu bekommen, sei kein Endpunkt einer natürlichen Abfolge, sondern Folge einer komplizierten Entwicklung, in der der »Libido mehr Zwang angetan wurde, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funktion gepreßt ist«13, also mit der Gebährfähigkeit kompatibel gemacht wurde. »Nicht ohne Sträuben fügen« und »in den Dienst der Funktion gepreßt« klingt nach einem Gewaltakt, dessen Rekonstruktion die Psychoanalyse viel und kontrovers beschäftigt hat. Der erklärungsbedürftige heterosexuelle Ausgang mit Kinderwunsch in der weiblichen Libidoorganisation und die ihm zugrundeliegenden unbewussten14 Konflikte soll in diesem Text aus einer psychoanalytischen Perspektive beleuchtet werden. Das kann in dieser Kürze nur grob erfolgen, zumal die psychoanalytische Theorie vom Fallmaterial der PatientInnen lebt, also dem, was auf der Couch durch freie Assoziation, Übertragung und Gegenübertragung zum Vorschein kommt. Da Freud und seine NachfolgerInnen die Theorie immer am Material entwickelt und korrigiert haben, ist eine Bereinigung der Theorie vom Fallmaterial grundsätzlich problematisch, weil sie die Dynamik herausnimmt und zum Schematismus neigt15.

Da Freud eben nicht davon ausgeht, dass heterosexuelles, genitales Begehren als vererbtes von Geburt an vorhanden ist16, rekonstruiert er die Organisation der Libido, der Sexualität, und zwar lange bevor sie genital strukturiert und an die heterosexuelle Fortpflanzungsfunktion angepasst ist. Die Kernfrage dabei ist: Wie wird aus einem polymorph perversen, hilflosen Wesen ein bürgerliches, geschlechtlich verfasstes Subjekt (mit all seiner Handlungsfähigkeit in den bestehenden Verhältnissen und seiner Bereitschaft zur Unterwerfung unter diese)? Am Anfang der menschlichen Existenz steht die Lebensnot, das Kind ist existentiell angewiesen auf Erwachsene, die bereits vergesellschaftet sind, die sprechen können und ihre eigenen (unbewussten) Wünsche gegenüber ihren Sprösslingen hegen. Dadurch kommt es dazu, »daß das unreife Kind mit Botschaften, die mit Sinn und Begierde beladen sind, konfrontiert ist, deren Schlüssel es jedoch nicht besitzt«17. Der Säugling nimmt diffus ein Begehren der Mutter18 / der Erwachsenen wahr, doch ihm ist unklar: Warum füttert, hält und wärmt meine Mutter (oder eben die Personen, die an ihrer Stelle stehen) mich? Könnte sie das auch nicht tun? Was will sie von mir, was bindet ihr für mich lebensnotwendiges Interesse an mich? Aber es kann diese Fragen noch nicht denken, nicht stellen, es antwortet daher mit Begehren auf das der Mutter. Damit ist schon das Stillen mehr als ein biologischer Akt. »Die lebensnotwendige Körperfunktion stellt […] der Sexualität eine Quelle, die erogene Zone, und ein Objekt, die Brust, zur Verfügung. Das sich bildende Sexualziel jedoch schießt – um eine paradoxe Formulierung zu gebrauchen – über das Ziel hinaus. Indem eine Lust zum Ziel wird, die […] nicht auf die Befriedigung des Hungers reduzierbar ist, separiert sich der Sexualtrieb und es entsteht ein neues Bedürfnis: das Bedürfnis nach Wiederholung der Lust […] Während es auf der Seite des Mangels, der das Kind nach der Geburt ist, zu einer Aufhebung, einer Sättigung kommt (diese Bewegung wird nachfolgend im Bedürfnis repräsentiert) entsteht auf der anderen Seite zugleich eine Unersättlichkeit, ein unendliches Drängen und Streben.«19 Durch das ständige Scheitern von Wiederholung konstituiert sich das Begehren durch Entstellungen, Ablenkungen, Umwege und Verschiebungen als unabschließbar. Das ermöglicht Geschichte, jedoch gibt es durch die darin enthaltene Logik der Zweizeitigkeit niemals eine lineare, kausale, lückenlose, widerspruchsfreie Geschichte des Subjektes. Ließe sich das Subjekt gradlinig ableiten, gäbe es keine Freiheit, alles wäre determiniert. Weil es aber bei der Wiederholung nicht um das reale Objekt geht, sondern um das unwiederbringlich verlorene, setzt hier der Eintritt in die Welt der Bedeutungen ein und die ist ebenso wenig gesetzmäßig oder abgeschlossen. Die Organisation der Libido ist also selber eine der Verschiebungen und beruht auf Verfehlungen. Sie wird weiter vorangetrieben in der analen Phase, der Zeit der Sauberkeitserziehung. Schon in der oralen Phase löst sich die Libido zunehmend von dem Bedürfnis nach Selbsterhaltung ab und entwickelt eine Eigendynamik, die durchaus nicht mehr funktional für die basale Aufrechterhaltung des Organismus sein muss. Durch die nicht grundsätzliche Verfügbarkeit der Mutterbrust beginnt das Kind auch erstmals sich als Getrenntes wahrzunehmen, aber noch unter Unterscheidungskriterien wie: Alles Gute (z.B. die Milch) bin ich, alles schlechte (z.B. der Hunger) nicht. Die anale Phase ist ein Schritt zur Autonomie und die impliziert »dieselbe Dialektik von Herrschaft und Unterwerfung wie das moderne Subjekt«20, da durch die Unterordnung unter bestehende Gesetze (wie z.B. in diesem Fall die – durch die Eltern repräsentativ durchgesetzte – Norm eine Toilette zu benutzen) und ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung (in diesem Falle Beherrschung des Schließmuskels) Handlungsfähigkeit hergestellt wird. Das Kind lernt unter dem Einfluss der Eltern seine Körperfunktionen zu beherrschen, es kann das Ausgeschiedene als von sich Unterschiedenes, selbst Produziertes, wahrnehmen. Diese Beherrschung ist gekennzeichnet von einem sadistischen Zug, der Lust an Ausscheidung, Destruktion und dem Wunsch nach Bemächtigung durch das Zurückhalten. Das Kind erkennt, dass es Einfluss auf seine Eltern hat, es kann ihnen an bestimmten Stellen seine Fäkalien schenken oder vorenthalten und sie damit verärgern oder erfreuen. In diesen Stadien ist die Libidoorganisation weitgehend geschlechtsneutral. Der Einschnitt, der die Geschlechter- und Generationendifferenz zur Geltung bringt, ist die triangulierende ödipale Situation, die beim heterosexuellen Ausgang für Jungen und Mädchen unterschiedlich verlaufen muss, gerade weil der Ausgangspunkt der selbe ist: Da sowohl dem kleinen Jungen als auch dem Mädchen im Rahmen der frühkindlichen Abhängigkeit in der bürgerlichen Kleinfamilie als erstes Liebesobjekt eine Person auf der mütterlichen Position zufällt, denn »die ersten Objektbesetzungen erfolgen ja in der Anlehnung an die Befriedigung der großen und einfachen Lebensbedürfnisse«21, stellt sich die Entwicklung des Mädchens mit heterosexuellem Ausgang als »die schwierigere und kompliziertere«22 dar. Um zur Heterosexualität und dem Wunsch zur eigenen Mutterschaft zu gelangen, muss es nicht nur, wie der Junge, den Geschlechts- und Generationenunterschied wahrzunehmen lernen und das Inzesttabu verinnerlichen23, sondern auch einen Objektwechsel von der Mutter zum Vater bzw. von der Frau zum Mann vollziehen und neben oder anstelle der Klitoris auch die Vagina als Lustorgan besetzen. »Als Objektwechsel bezeichnet man den Vorgang, in dessen Verlauf das kleine Mädchen seine Besetzung von der Mutter als Liebesobjekt abzieht, um den Vater zu besetzen«24. Dabei ist freilich nicht davon auszugehen, dass sich die ödipale Liebe zunächst nur auf die Mutter richtet. Freud schreibt auch vom positiven und negativen25 oder vom aktiven und passiven Ödipuskomplex: »Der Knabe will auch als Liebesobjekt des Vaters die Mutter ersetzen«26 und umgekehrt.

Es stellt sich die Frage, warum nur das Mädchen die Erkenntnis über den Unterschied der Geschlechtsorgane so wichtig nehmen sollte.

Während sowohl männliche als auch weibliche Kinder gegenüber der Person, auf die sie unbedingt angewiesen sind, auch Hass empfinden, weil diese Liebesansprüche des Kindes auch von der allerbesten Mutter nicht befriedigt werden können und die Abhängigkeit Aggressionen generiert, stellt sich die Frage, warum eher Mädchen den Objektwechsel vollziehen, also gegenüber den Jungen häufiger dem anderen ödipalen Begehren den Vorzug geben. Freud rekonstruiert an einigen Stellen, dass dieser Vorgang offenbar mit den Penisneid zusammenhängt, der im analytischen Fallmaterial immer wieder in den Assoziationen der Patientinnen auftaucht. Die enttäuschende Wahrnehmung des Mädchens, dass es selbst keinen Phallus hat, und daran anschließend irgendwann die, dass die Mutter auch keinen hat, verknüpft sich mit den Enttäuschungen, narzisstischen Kränkungen durch Versagungen, der Eifersucht und den Aggressionen. Es wendet sich von der Mutter ab, »weil« diese ihm keinen Penis gegeben hat und auch selber als kastriert wahrgenommen wird. Was dabei nämlich plötzlich unmöglich erscheint, ist die Erfüllung der diffusen kindlichen Phantasien, mit der Mutter ein Kind zu zeugen, also an die Stelle des Vaters zu treten: Diese beruhen auf der erschreckenden Erkenntnis der Urszene27, dass die Person, von der ich abhängig und auf deren Liebe ich unbedingt angewiesen bin, heimlich etwas mit jemand anderem hinter verschlossener Zimmertür teilt, wovon ich ausgeschlossen bin: Das Rätsel, was die Eltern da eigentlich ohne mich machen, wird gekoppelt an die Lebensgefahr: Ich bin getrennt, nicht alles (für die Mutter), mir fehlt etwas. Die Mutter könnte mich nicht mehr lieben und füttern, wenn ich ihr das nicht geben kann! Sie könnte mit dem Papa (Freund, Nachbarn etc.) durchbrennen und mich ganz alleine lassen, denn der kann ihr Kinder machen! Diese Unmöglichkeit, die wirkliche Nummer 1 für die Mutter zu werden, bildet einen Anstoß zur Abwendung von ihr – und mitunter auch zur Abwendung von der Klitoris als Lustorgan, weil diese nicht hergibt, was sie zuvor als Phallus versprochen hat. Zugleich siegt das gegenteilige ödipale Begehren zum Vater, während die Mutter vermehrt die Bedeutung der Konkurrentin einnimmt, die der Einheit mit dem Vater, der noch den erhofften Phallus anzubieten hat, im Wege steht. In diesem Fall siegt das heterosexuelle über das homosexuelle Begehren. An einigen Stellen bei Freud allerdings klingt die Entstehung dieses Penisneides ein bisschen zu einfach: Die Erkenntnis, dass die Klitoris nicht das gleiche ist wie ein Penis, scheint für ihn an diesen Stellen bereits auszureichen28. Hier stellt sich die Frage, warum nur das Mädchen die Erkenntnis über den Unterschied der Geschlechtsorgane so wichtig nehmen sollte. Die französische Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel hat aus ihrem Fallmaterial entwickelt, wie der Penis sich überhaupt mit einer solchen Bedeutung aufladen kann, die freilich von tradierten patriarchalen Vorstellungen über männliche Überlegenheit unterstützt wird: Die überlebenswichtige Abhängigkeit des Kleinkindes von der Mutter führt zur »Herausbildung einer allmächtigen Mutterimago«29, die sowohl eine beschützende als auch eine böse Seite enthält, da infolge der eigenen Ohnmacht, Versagung und Verzicht30 auch auf die zärtlichste Mutter ein Bild der Feindseligkeit projiziert wird31. Der Penisneid gilt bei Chasseguet- Smirgel als »Ausdruck des Wunsches, die allmächtige Urmutter dadurch zu besiegen, dass man ein Organ besitzt, das der Mutter fehlt«32, der sich deshalb umso mächtiger präsentiert, je erdrückender die Mutterimago sich ausgebildet hat. Dabei stehe der Phallus als Symbol für Autonomie und Macht, er gelte als Garant von Freiheit und Sicherheit, der seinen Besitzer gegen Angst und Schuldgefühle immunisiere und ihm zur Verwirklichung aller Wünsche verhelfe33. Einen Phallus zu erwerben ist ein Symbol für jeden Versuch, einen Mangel auszugleichen34, jede Art von Gelingen und Ermächtigung, für Vollkommenheit. Der Penisneid ist dabei keine als Selbstzweck konzipierte Männlichkeitsforderung, sondern eine »Revolte gegen die Person, die als Ursprung der narzißtischen Kränkung erscheint: die allmächtige Mutter«35. Der Phallus ist deshalb symbolisch mit Macht gleichgesetzt, weil er den Wunsch repräsentiert, sich aus der Ohnmacht zu befreien36. Wenn nun also narzisstische Kränkungen, Versagungen und Beherrschung durch die Mutter dazu beitragen, dass das Mädchen sich von der Mutter abwendet, bildet der ›böse‹ Charakter des ersten Objektes den Grund für den Objektwechsel, da das Mädchen nach einem guten Objekt sucht, das die ihm fehlenden Befriedigungen verschaffen und den Mangel des ersten Objekts ausgleichen soll. Dabei werden alle guten Aspekte des ersten Objektes auf ein zweites projiziert und die bösen – zumindest vorübergehend – auf das Urobjekt37. Diese Spaltung und die damit einhergehende Triebentmischung38 führen zur Idealisierung des Penis.

Wie sich hier zeigt, ist der weibliche Weg zur genitalen Heterosexualität und zum Kinderwunsch eine von Verfehlungen, Aggression und Versagungen gekennzeichnete Angelegenheit.

Die Hinwendung zum Vater ist zunächst der Versuch, dessen Penis zu bekommen: Der Wunsch, wie der Vater einen Penis zu besitzen, um in die Mutter eindringen zu können, wird transformiert in den Wunsch, dem Vater den Penis zu rauben, wie es in der Phantasie die Mutter getan hat39. Hier wird bereits die Vagina besetzt. Mit Hilfe der Identifizierung mit der Mutter und einer zumindest partiellen Auflösung der Triebentmischung40 findet dann der Übergang statt, der es dem Mädchen ermöglicht Liebe zum penisbesitzenden Objekt zu empfinden und einigermaßen befriedet damit zu sein, sich den Penis lediglich beim Koitus einzuverleiben, sich das begehrte Organ nur temporär zu eigen zu machen, quasi auszuleihen. Diese Identifizierung mit der Mutter und ihrer Mütterlichkeit legt einen verschobenen Wunsch nah: »Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet — man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung — vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. […] Die beiden Wünsche nach dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbewußten stark besetzt erhalten und helfen dazu, das weibliche Wesen für seine spätere geschlechtliche Rolle bereit zu machen.«41 (Eine solche symbolische Gleichung kann aber auch besondere Schwierigkeiten mit sich bringen, nämlich wenn der Penisneid so stark erhalten bleibt und vornehmlich auf das Kind und nicht auch auf andere Objekte mit phallischer Bedeutung gerichtet wird, dass das Kind vornehmlich zur Vervollständigung der Mutter dienen soll: »Wenn das Kind die Rolle eines begehrten Penis-Objektes spielen muß, wenn es die Defekte ausgleichen und ihr [der Mutter, M.B.] zur Vollständigkeit verhelfen muß, wie sollte seine Entwicklung akzeptiert, seine Entfaltung in eigenen Bedürfnissen von einer Mutter gewünscht und gefördert werden, die ohne das Kind in Verbitterung und Neid zurückfallen würde? Eine solche Mutter kennt nur einen Wunsch: Das Kind-Penis als illusorischen Garanten ihrer Vollkommenheit an seinen Zustand als ewiges Anhängsel zu fesseln.«42) Somit kommt der Kinderwunsch nach einer langen Reihe von Umlenkungen und Verschiebungen des Begehrens zustande: Von der phallischen Mutter zum idealisierten Vater, von der Klitoris als phallischem Organ zur Vagina als Ort der Einverleibung eines anderen Phallus, vom eigenen oder gestohlenen Penis als Objekt, das die Garantie für Autonomie bieten soll, zum eigenen Kind… Wie sich hier zeigt, ist der weibliche Weg zur genitalen Heterosexualität und zum Kinderwunsch eine von Verfehlungen, Aggression und Versagungen gekennzeichnete Angelegenheit und das Einpassen der Libido in die Gebärfunktion eine komplizierte Leistung. Dabei kommt es immer auch zur Verdrängung gegenläufiger Tendenzen im Begehren: (Geschlechts)Identität ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Identifikation mit und das Begehren zu einem bestimmten Geschlecht finden statt durch eine Spaltung, eine Abspaltung, Verleugnung, Gegenbesetzung, Verdrängung des anderen Begehrens, die das Subjekt gegen und für sich selber durchsetzt. Der patriarchalen Ideologie, dass Frauen Natur und Männer Geist seien, kann schließlich mit der Psychoanalyse entgegengesetzt werden, dass gerade die weibliche Heterosexualität mit Wunsch zur Mutterschaft unter noch mehr und verschlungeneren Umwegen zustande kommt als die des heterosexuellen Mannes, also keineswegs unmittelbar natürlich ist. Heterosexualität und Kinderwunsch sind wie Homosexualität, Masochismus und jede andere Form von Sexualität kein automatisches Schicksal, sondern ein Resultat der konflikthaften Geschichte des Begehrens. Wer den Gegensatz zwischen Bewusst und Unbewusst, die dynamischen Bewegung zwischen beiden und die Tatsache, dass eine Identifikation und ein Begehren immer erkauft wird mit der Verdrängung, Abwehr etc. der gegenläufigen Tendenz, verkennt, kann das manifeste Verhalten nicht in seiner Geschichte und seiner Widersprüchlichkeit verstehen, da beispielsweise »Frauen mit Männlichkeitswünschen zur Vermeidung der Angst und der vom Manne gefürchteten Vergeltung eine Maske der Weiblichkeit anlegen können«43 oder der besonders starke Wunsch, ein vollwertiger Mann zu sein, sich in einer Fixierung aufs Geschwängert-Werden ausdrücken kann. Es scheint dann so, als wäre dieses Triebschicksal von der Natur, der Gesellschaft, der Sprache oder Gott geplant und gradlinig ausgeführt. Wie ich am Anfang kurz dargestellt habe, kippen andere, weniger materialistische Argumentationen schnell in die unterschiedlichen Fehlschlüsse, dass es entweder eine natürliche, angeborene Geschlechtsidentität gäbe oder dass Geschlechtszugehörigkeit nichts mit Natur zu tun habe, sondern ausschließlich mit sozialen Einflüssen. Die Psychoanalyse hingegen denkt Natur als eine Art gewordene Voraussetzung, indem sie nachvollzieht, wie sich die Konstitution im Laufe der konflikthaften Organisation der Libido zu den natürlichen Funktionen in Beziehung setzt, wobei der Kinderwunsch nicht der einzig mögliche Ausgang ist. Aus der Erkenntnis der schwerwiegenden Folgen heraus kritisiert Freud, wenn Menschen unter Zwang gesetzt werden, die Einheit von Konstitution und Funktion gegen ihr eigenes Begehren durchzusetzen. Dennoch ist es heutzutage vielleicht wichtig, darauf hinzuweisen, dass erstens »alle Menschen aus heterosexuellen Verbindungen hervorgegangen sind«44 – wie vermittelt auch immer – und daher Heterosexualität grundsätzlich auch dann eine psychische Bedeutung erhält, wenn das nicht unmittelbar sichtbar wird und dass es zweitens durchaus auch dem Begehren entsprechen kann, wenn die Konstitution mit der Funktion kompatibel wird. Heterosexuelles Begehren und Kinderwunsch sind nicht nur Ausdruck von Repression und beispielsweise Transsexualität und Frigidität richten sich nicht einfach nur gegen gesellschaftliche Bestimmungen und sind schon gar nicht frei von ihnen, sondern die Geschichte, in der Sexualität konstituiert wird, ist immer gezeichnet von Konflikten, die den Menschen als Natur und Nicht-Natur zugleich, als gespalten und widersprüchlich bestimmen.

Ich danke Sonja Witte. Ohne unsere Zusammenarbeit und ihre hilfreichen Anmerkungen gäbe es diesen Text so nicht.

Literatur

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  • Brantenberg, Gerd: Die Töchter Egalias. Berlin 1980.
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  • Chasseguet-Smirgel, Janine: Die weiblichen Schuldgefühle. In: Chasseguet-Smirgel, Janine (Hrsg.): Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Frankfurt am Main 1979.
  • Chasseguet-Smirgel, Janine: Zwei Bäume im Garten. München/Wien 1988.
  • Dehnert, Carmen/ Quadfasel, Lars: Wenn der braune Großvater erzählt. Zur Psychoanalyse des postfaschistischen Subjekts. In: initiative not a lovesong (Hrsg.): subjekt. gesellschaft. perspektiven kritischer psychologie. Münster 2002.
  • Freud, Sigmund (1): Das Ich und das Es. In: Studienausgabe Bd. III. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (2): Das Unbehagen in der Kultur. In: Studienausgabe Bd. IX. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (3): Der Untergang des Ödipuskomplexes. In: Studienausgabe Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (4): Die Weiblichkeit. In: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Studienausgabe Bd. I. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (5): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: Studienausgabe Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (6): Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. In: Studienausgabe Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
  • Freud, Sigmund (7): Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: Studienausgabe Bd. IX. Frankfurt am Main 2000.
  • Krölls, Albert: Kritik der Psychologie: Das moderne Opium des Volkes. Hamburg 2006.
  • Laplanche, J./ Pontalis, J.-B.: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt am Main 1972.
  • Laplache, Jean: Die allgemeine Verführungstheorie. Tübingen 1988.
  • Laplanche, Jean: Trieb und Instinkt. In: Forum der Psychoanalyse. Vol. 19, No. 1/ 2003. http://www.springerlink.com/content/u2gw7bkuadjepeuf/fulltext.pdf (10.08.2011)
  • Loick, Daniel: kill the matrix with a groove – Die Dekonstruktion von Körper und Geschlecht bei Judith Butler. In: JungdemokratInnen/ Junge Linke (Hrsg.): give the feminist a cigarette. Ein Feminismusbuch. Berlin 2001.
  • Luquet-Parat, Catherine J.: Der Objektwechsel. In: Chasseguet-Smirgel, Janine (Hrsg.): Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Frankfurt am Main 1979.
  • Maihofer, Andrea: Geschlecht als Existenzweise. Frankfurt am Main 1995.
  • Quadfasel, Lars: Puppenstubenidyll, postmodernes. In: Gigi. Zeitschrift für sexuelle Emanzipation Heft 43 2006.
  • Reiche, Reimut: Gender ohne Sex. Geschichte, Funktion und Funktionswandel des Begriffs ‘Gender’. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Heft 09/10 1997.
  • Riviere, Joan: Weiblichkeit als Maske. In: Gast, Lili (Hrsg.): Ausgewählte Schriften. Tübingen 1996.
  • Torok, Maria: Die Bedeutung des Penisneides bei der Frau. In: Chasseguet-Smirgel, Janine (Hrsg.): Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Frankfurt am Main 1979.
  • Schneider, Peter: Wahrheit und Verdrängung. Eine Einführung in die Psychoanalyse und die Eigenart ihrer Erkenntnis. Berlin 1995.
  • Tuschling, Anna: Was Sie schon immer über Sex wissen wollten… Zur Aktualität des Freudschen Sexualitätsbegriffs. In: intiative not a lovesong (Hrsg.): Subjekt (in) der Berliner Republik. Berlin 2003.
  1. Das lässt sich recht deutlich beobachten an der regen Butler-Rezeption. Siehe beispielsweise Loick 2001, S.137ff. Reimut Reiche hat ausführlich kritisiert, wie die Kaprizierung auf Gender die prinzipielle Konflikthaftigkeit von Sexualität verdrängt und damit die Geschlechterordnung, die demnach irgendwie durch die Macht-Trope ›Hetero‹ geschmiedet werde, umso unverrückbarer erscheinen lässt. Reiche 1997.

  2. Butler 1993, S.31f. Eine ausführlichere Kritik zu dieser Problematik bei Judith Butler findet sich bei Quadfasel 2006.

  3. Natürlich gibt es nicht »die Psychoanalyse«, sondern unterschiedliche psychoanalytische Ansätze, von denen einige ganz doofe und einige sehr kluge Weiterentwicklungen von Freud darstellen.

  4. Adorno 1997, S. 44f. Ebenfalls ist es wichtig zu reflektieren, was sich mit der Psychoanalyse nicht erklären lässt, wo ihre Grenzen liegen.

  5. Im Gegenteil kritisiert Freud aus seinen Erkenntnissen heraus die normative Moral, die sexuelle Befriedigung an die Fortpflanzungsfunktion koppelt: »Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die meisten außergenitalen Befriedigungen als Perversionen untersagt. Die in diesen Verboten kundgegebene Forderung eines für alle gleichartigen Sexuallebens setzt sich über die Ungleichheiten in der angeborenen und erworbenen Sexualkonstitution der Menschen hinaus, schneidet eine ziemliche Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß ab und wird so die Quelle schwerer Ungerechtigkeit. […] was von der Ächtung frei bleibt, die heterosexuelle genitale Liebe, wird durch die Beschränkung der Legitimität und der Einehe weiter beeinträchtigt. Die heutige Kultur gibt deutlich zu erkennen, daß sie sexuelle Beziehungen nur auf Grund einer einmaligen, unauflösbaren Bindung eines Mannes an ein Weib gestatten will, daß sie die Sexualität als selbstständige Lustquelle nicht mag und sie nur als bisher unersetzte Quelle für die Vermehrung der Menschen zu dulden gesinnt ist.« Freud 2, S.234. Diese Ungerechtigkeiten, so Freud weiter, seien keineswegs harmlos und das Sexualleben dadurch stark beschädigt und beeinträchtigt.

  6. Beispielweise verwerfen Gegenstandpunkt-nahe Marxisten die Psychoanalyse in der Annahme, sie sei deterministisch, widerspräche der Idee vom freien Willen, leugne die gesellschaftlichen Problematiken und operiere mit haltlosen Konstrukten. Siehe beispielsweise Krölls 2006, S.39, S.42ff. und S.62f.

  7. Schneider 1995, S.25ff.

  8. Libido ist das lateinische Wort für Lust, Begierde, Verlangen, Vergnügen und Lüsternheit. »Wir heißen so die als quantitative Größe betrachtete […] Energie solcher Triebe, welche mit all dem zu tun haben, was man als Liebe zusammenfassen könnte« Freud 7, S.85.

  9. Freud 4, S.546.

  10. Ebd. S.548.

  11. Freud 5, S.56.

  12. Freud 4, S.548.

  13. Ebd. S.561.

  14. Unbewusst bedeutet in der Psychoanalyse nicht einfach nicht bewusst. Das durch Verdrängung konstituierte Unbewusste folgt eigenen Regeln und Gesetzen und drückt sich in verzerrter, verschobener, verdichteter Form im Bewussten aus: Nicht nur in Träumen, Versprechern, Witzen und der Kunst, sondern auch in Zufallshandlungen, politischen Ideologien und vielem mehr. Selbst im bewussten Denken ist oft der unbewusste Wunsch Vater des Gedankens.

  15. Dieses Problem findet sich auch ganz elementar in Butlers Psychoanalyse-Rezeption. Ich empfehle daher die im folgenden zentralen Texte von Chasseguet-Smirgel und Torok als Lektüre (ebenso wie die Fallgeschichten von Freud), durch die die folgenden Rekonstruktionen erst eingeholt werden können.

  16. Was ihn etwa von C.G. Jung unterscheidet, der dem Ödipuskomplex einen komplementären Elektrakomplex entgegensetzt, der eine natürliche heterosexuelle Anziehung voraussetzt.

  17. Laplanche 1988, S.187. Hierin findet sich für Laplanche der Ursprung des Triebes. Siehe auch Laplanche 2003, S. 25.

  18. Um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn hier von der Mutter die Rede ist, ist niemals nur die reale Mutter gemeint. Der Säugling kann gar nicht von Anbeginn an die Menschen deutlich unterscheiden und kennt auch noch keine Geschlechterdifferenz. Wie sich im analytischen Material zeigt, verdichten sich häufig verschiedene reale Menschen im Bild der Mutter. Die nährende, mütterliche Figur kann zunächst ebenso gut ein Mann sein. Sie wird auf der mütterlichen Position verortet, weil es üblicherweise die Mutter ist, die stillt, weil Kinderpflege als weibliche Tätigkeit verbreitet ist und mit der Person, die eineN geboren hat assoziiert wird usw.

  19. Tuschling 2003, S.16.

  20. Maihofer S.115.

  21. Freud 4, S.548.

  22. Ebd., S.548.

  23. Es handelt sich beim ödipalen Begehren des Jungen um »die nach dem Urbild der dyadischen, unmittelbaren Verbindung von Mutter und Baby gebildeten Phantasien. Der Inzest-Wunsch stellt ein Phantasma unmöglichen Genießens dar: Während das genitale Begehren die zielgerichteten Triebe des autonom werdenden Individuums repräsentiert, welches seine Lüste in einem Organ vereinheitlicht hat, soll die (Wieder)Vereinigung mit der, die ihn geboren und gesäugt hat, die Individuierung und ihre Schmerzen zurücknehmen« Dehnert/ Quadfasel 2002, S.53. Was den kleinen Jungen schließlich davon abbringt, die Mutter als das Objekt des Begehrens beizubehalten, nennt Freud Kastrationsangst und hängt logisch zusammen mit dieser Unmöglichkeit: Zurück in die Mutter oder mein Penis. Die Erkenntnis, dass Frauen keinen Penis haben, die Kastrationsdrohung, das Masturbationsverbot, der Eindruck, dass es mit diesem Organ etwas besonderes auf sich hat (durch den besonderen Umgang damit) und es besonders lose zu sein scheint, in Anbindung an frühere Verlusterfahrungen (Brust, Kot) löst bei dem Jungen die Angst aus, jenes Organ könne ihm geraubt werden. Eine Kastrationsdrohung muss aber nicht real stattgefunden haben. Für das Kind reicht bereits die phantasmatische Kopplung aus, dass der Vater als die Drohungen in die Tat umsetzende Autoritätsperson auf die Eifersucht und das Begehren gegenüber der Mutter mit der Ausführung der Kastration reagieren könnte. Die Mutter, in der das Organ beim Koitus verschwindet, wird selber als kastrierend vorgestellt. Das Inzesttabu, dass mit dieser Angst vor einem brutalen Verlust der körperlichen Integrität wirksam wird, verbietet dem Jungen zwar die inzestuöse Liebe zur Mutter, eröffnet ihm aber durch Identifikation die Möglichkeit sich selbst in Zukunft nach dem Vorbild des Vaters eine Frau zu wählen, die nach der Latenzphase, in der Pubertät, im Falle des heterosexuellen Ausgangs zum Tragen kommt. Diese Identifikation ist immer prekär, denn das Inzesttabus sagt ja: Du sollst wie der Vater sein, aber Du darfst nicht der Vater sein, Du sollst auf das verzichten, was Wie-der-Vater-Sein erst interessant macht, nämlich die Mutter. Das Inzesttabu bildet in seiner Doppeltheit von Machtübertragung und Repression den Grundstock der Verbote und konstituiert das Über-Ich. Es verschärft noch einmal, dass das Begehren unabschließbar ist, weil das ursprüngliche, verdrängte Objekt immer schon verloren ist.

  24. Luquet-Parat 1979, S.120.

  25. Freud 1, S.298 ff.

  26. Freud 6, S.258 und Freud 3, S.247.

  27. Urszene meint beim späten Freud eine »Szene der sexuellen Beziehung zwischen den Eltern, die beobachtet oder aufgrund bestimmter Anzeichen vom Kind vermutet und phantasiert wird.« Laplanche/ Pontalis, S.576. Die Urszene gewinnt ihre traumatische Qualität nicht nur durch die lebensbedrohliche Infragestellung der eigenen Position (›Ich bin nicht alles für die Mutter‹), sondern auch daraus, dass das Kind mit seiner wenig gebundenen und gehemmten Sexualität in der Sexualität der Erwachsenen kaum unterscheiden kann zwischen Lust und Gewalt: Die verzerrten Gesichter, seltsamen Laute und Bewegungen, das Eindringen und Verschlingen lässt sich nicht dem ein oder anderen zuordnen. Auch die Geschlechterfrage ist hier noch äußerst verworren: Wem gehört eigentlich der Phallus (was nicht zwangsläufig einfach deckungsgleich ist mit dem Penis, ebenso kann ein Finger, die Zunge, ein Dildo, eine Peitsche in das Bild des Phallus einfließen)? Der Person, an der er hängt? Die Person, die ihn in der Hand hält? Dem Menschen, der ihn – ob oral, anal, genital ist dabei einigermaßen scheißegal, weil die Unterscheidung zwischen einzelnen Körperöffnungen noch nicht vorhanden oder äußerst vage ist – verschlingt wie ein Würstchen (und wohlmöglich zerkaut)? Wird er wie die Exkremente ausgeschieden? Wer hat in diesem Drunter und Drüber bloß die Macht? Die Person, die oben liegt? Wer tut da wem weh / Lust an? Diese Verworrenheit gilt ebenso, wenn das Kind einen homosexuellen Akt beobachtet oder – wie Freuds berühmter »Wolfsmann«-Patient – Hunden beim Kopulieren zuschaut und daran Phantasien über die Eltern knüpft (oder umgekehrt). Dieser Patient, in dessen Analyse Freud erstmalig den Begriff der Urszene einführt, macht auch deutlich, dass die nachträgliche Verknüpfung mit der Kastrationsangst den traumatischen Charakter der Urszene besiegeln kann: Bei ihm ist die Urszene zusammengeschmiedet aus der (eventuell imaginierten) Beobachtung sich begattender Hunde und der Eltern beim Koitus a tergo, der Kastrationsdrohung, einem Märchen, in dem einem Wolf der Schwanz abgeschnitten wird u.v.m. und nimmt eine wichtige Funktion in der Ausbildung seiner Angst und der Verdrängung des Wunsches, vom Vater koitiert zu werden, ein.

  28. Freud hat auch die Darstellung des Ödipuskomplexes und des Penisneides immer wieder ein wenig anders gefasst. Besonders simplifizierend erscheint seine Äußerung zum Penisneid in Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds: »Es [das Mädchen] bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen und versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen. […] Sie ist im Nu fertig mit ihrem Urteil und ihrem Entschluß. Sie hat es gesehen, weiß, daß sie es nicht hat, und will es haben.« Freud 6, S.261.

  29. Chasseguet-Smirgel 1988, S.17.

  30. Die Brust oder Flasche ist nicht immer anwesend, gewisse Regeln und Verbote werden durchgesetzt. Die Psychoanalytikerin Maria Torok hat aus dem Fallmaterial ihrer Patentinnen entwickelt, wie insbesondere der durch das Masturbationsverbot und durch die mütterliche Herrschaft über die Exkremente und das Körperinnere (während der Sauberkeitserziehung) ausgelöste Hass auf die Mutter im Penisneid ausgedrück wird und zugleich beschwichtigt. Diese Bedeutungen spiegeln sich in den Phantasien über den Phallus wider: »Auf der rein analen Ebene scheint der Penis, der als nicht vom Körper getrennte Kotsäule empfunden wird, ein Zeichen dafür zu sein, daß die Sphinkter-Autonomie seines Besitzers nicht angetastet wurde.« Torok 1979, S.224.

  31. Chasseguet-Smirgel 1979, S.159.

  32. Chasseguet-Smirgel 1988, S.25.

  33. Torok 1979, S. 197.

  34. Chasseguet-Smirgel 1979, S.164.

  35. Ebd., S.163.

  36. An dieser Stelle wäre darauf zu verweisen, dass diese Symbolik auch auf historisch entstandenen realen Machtverhältnissen beruht.

  37. Chasseguet-Smirgel 1979, S.138 und Luquet-Parat 1979, S.124.

  38. Im Rahmen der Mischung der Triebe finden sich im sexuellen Begehren zärtliche und sadistische Aspekte zugleich: Zur Durchführung des Koitus bedarf es z.B. einer gewissen Bemächtigung des/ der anderen im Akt der Einverleibung und des Eindringens. In der Triebentmischung werden nun aggressive und zärtliche Impulse gespalten, die einen nur dem idealisierten, die anderen nur dem als böse interpretierten Objekt entgegengebracht.

  39. Chasseguet-Smirgel 1979, S.164.

  40. Bleibt die Triebentmischung bestehen, so kann, wie Chasseguet-Smirgel ausführt, es dazu kommen, dass die Frau die zärtliche Idealisierung des Vaters/ Penis’ aufrecht erhält, aus Liebe zum Vater abwehrt, sich mit der kastrierenden Mutter (die in der Phantasie dem Vater den Penis gestohlen hat) zu identifizieren, die eigenen sadistischen Bemächtigungsphantasien verdrängt, mit schweren Schuldgefühlen auf eigenes Haben-wollen und Besitzergreifen reagiert, sich die erotische Besetzung der Vagina als Ort der Einverleibung untersagt und sich als Ersatz für den geraubten Phallus anbietet, also zur Vervollständigung von Männlichkeit in einem Akt der Wiedergutmachung: Eine der Patientinnen beispielsweise empfindet ihren beruflichen Erfolg als Ärztin als Kastration des bäuerlichen Vaters und entwickelt eine Symptomatik, mit der sie ihren eigenen Erfolg boykottiert. Eine andere Patientin, die für ihren Mann, einen erfolgreichen Komponisten, ihre eigene Karriere als Komponistin aufgegeben hat, kann nur noch komponieren, »wenn sie weiß, daß es sein Lied wird« Chassguet-Smirgel 1979, S.178. Diese Art von weiblichen Schuldgefühlen und dem damit verbundenen Bestreben, sich als Teil oder Prothese eines Mannes, als Gehilfin, Assistentin oder Stütze anzubieten, ist keine Seltenheit. Chasseguet-Smirgel begreift die Wiedergutmachungstendenz aufgrund von Schuldgefühlen auch als wichtigen Aspekt des weiblichen Masochismus: »Es scheint, als müsse die Frau, um die Einverleibung des Penis vollziehen zu können, vortäuschen, ihre gesamte Person als Ersatz für den geraubten Penis anzubieten, indem sie ihrem Partner nahelegt, ihr […] anzutun, was sie in ihrer Phantasie dem Penis angetan hat« Chasseguet-Smirgel 1979, S.184.

  41. Freud 3, S.250.

  42. Torok 1979, S.206.

  43. Riviere, S.103. Riviere argumentiert hier an verschiedenen Fallbeispielen: Das Aufreten einer solchen Art von weiblicher Maskerade reicht von einer handwerklich sehr versierten Hausfrau, die jedes mal, wenn ein Fachmann ins Haus kommt, sich unterwürfig verhält, »indem sie ihre Anordnungen in einer unschuldigen und naiven Art trifft, als wären sie ›glücklich erraten‹« (Riviere, S.107), und den Eindruck erweckt, als hätte sie keine Ahnung, bis zur einer intellektuellen Dame, die zwanghaft nach ihren Vorträgen mit Männern aus dem Publikum flirtet und kokettiert.

  44. Reiche, S.943.

promovierte zur Zeit des Artikels zur Ideologie in den Harry Potter-Schmökern und wohnt in Bielefeld.