Conrad Jackisch

Gebären lassen

Eigentlich hat sich mit der Geburt meiner Tochter alles verändert. Und so wunderbar jeder Tag mit ihr auch ist, kann ich mir nicht vorstellen, mich jemals bewusst und planend für ein Kind entscheiden zu können – das ist einfach eine Nummer zu groß. Ich möchte ein paar Aspekte aus meiner erlebten Vaterperspektive aufzeigen, die ich gerade erst beginne zu sortieren.

In einem politischen Wohnprojekt mit anderen Kindern lebe ich schon jenseits kleinfamiliärer Situationen. Promotion, Projekte und Politkram liefen die letzten 1 1/2 Jahre eher auf Sparflamme.

Dimension 1 * Die Gesellschaft und ich

Die “frohe Kunde” von der anstehenden Geburt hat eine Welle von Wohlwollen, Unterstützung und Nähe in der Familie ausgelöst. Ich kann mich an niemanden erinnern, der_die nicht positiv reagiert hat. Einerseits vielleicht weil es mein erstes Kind ist? Anderseits vielleicht weil alles doch auch “so schön passt”? Hat das Konzept “Kleinfamilie” jetzt auch was mit mir zu tun? Geht es am Ende doch ums Mitspielen in den Normativen? Gibt es in einer Mutter-Vater-Kind Konstellation dazu einen Ausweg? Wenn ja, wohin führt der? In den Monaten vor und nach der Geburt ging es natürlich viel darum, was von mir erwartet wird und was ich von mir erwarte. “Ich habe jetzt eine Familie zu ernähren.” Alle Welt schien plötzlich nur noch übers

Sobald ein großer Teil der Kinderbetreuung alleinig bei einer Person liegt, kratzt die Unzufriedenheit mit sich selbst schnell an einer Depression.

Kinderkriegen zu reden und das Teilnehmen am Geburtsvorbereitungskurs ist genauso selbstverständlich wie das Funktionieren in der Arbeit/Karriere. Eigentlich wird also doch vorausgesetzt, dass die Ernährerfunktion von mir ausgefüllt wird und dass meine Freundin den ganzen Reproduktionskram schmeißen muss. Und das geht so weiter: “Wo ist denn die Mutti?” zeigt immer wieder auf, was Phase ist. Der Vater ist schon der Held, wenn er mal mit dem Kind in den Zoo oder auf den Spielplatz geht – von der Mutter wird alle Aufopferung für das Kind selbstverständlich vorausgesetzt. Für mich ist es schon ein bisschen schizophren, dass mit großer Bewunderung gesehen wird, wenn ich manchmal die “Mutti” bin. Im nächsten Moment steht das Funktionieren in Arbeit/Karriere aber auch nicht in Frage.

Dimension 2 * Ich mit mir

Krass, ich kriege ein Kind. Eine unendliche Flut an Vorstellungen, Ängsten, Unsicherheiten, Träumen wird ausgelöst. Das neue Hobby mit Arztbesuchen, Kurs, Hebamme gibt etwas Halt. Irgendwann kann ich mich ein bisschen in den dicken Bauch meiner Freundin hineinversetzen. Eher Kopfsache? Ich muss mich schließlich meinen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Reflektionen stellen, habe aber körperlich nichts auszuhalten. Die Geburt – über dutzende Stunden hinweg aufmerksam sein für meine Freundin, ihr die Sache zu erleichtern wo es nur geht, sie vor allem auch emotional stark zu unterstützen. Und irgendwann ist es einfach wunderbarerweise da – fast wie eine Heilung von einer Krankheit. Ab dann war dann doch alles ganz anders als erwartet und vorbereitet. Und es ist keine Kopfsache mehr. Alles will neu bewertet werden. Es geht mir meistens nicht mehr um mich, sondern um “uns”. Sich darin zumindest ein Stück weit selbst zu verlieren ist keine Schwierigkeit. So findet ein Gerangel um das “alte Leben”, die “neuen Aufgaben” und die neue Situation statt. Manches erledigt sich von allein, weil ich einfach nicht mehr dazu komme. Anderes drängelt so sehr, dass es dann unter großen Mühen doch irgendwie gemacht wird. Wenn ich dieses Gerangel mit genug Gelassenheit hinnehmen kann, geht’s mir gut. Aber die Unzufriedenheit mit mir selbst, wenn ich die vielen Dinge, die mir wichtig sind, nicht mehr hinkriege, schleicht sich oft ein.

Dimension 3 * Unsere Beziehung und das Kind

Mit der Schwangerschaft begann ein pubertäres Wechselspiel von Launen und Gefühlen. Zu zweit schaukeln wir uns da gut hinein. Seit der Geburt nimmt in der Beziehung die Begegnung im Organisations-Hyperspace zu. Sobald ein großer Teil der Kinderbetreuung alleinig bei einer Person liegt, kratzt die Unzufriedenheit mit sich selbst schnell an einer Depression. Erstaunlich euphorisch ist es dagegen, wenn die Kleine jeden Tag Neues lernt und ich trotzdem meine Sachen schaffe – weil andere die Betreuung tragen. Wie sieht es eigentlich mit unseren Rollen aus? Sind wir eine amouröse Beziehung? Mama/Papa? Alleinerziehend? Reale Verbindlichkeiten und der Sog gesellschaftlich vorgegebener Rollen sind größer geworden. In dieser Situation ist das sich aus dem Weg gehen nicht einfach. Ein großer Teil Leichtigkeit weicht krampfigen Versuchen nicht zu kurz zu kommen. Einfach mal weggehen bedarf schon einiger Absprachen und Planung. Gemeinsam mal zu ‘ner Party fast aussichtslos. Das ist keine lockere Situation für eine Beziehung.

Das Gebären lassen

Die drei vorgestellten Aspekte sind ein erster Anfang für mich zu sortieren, wo Entscheidungspunkte und wo Fallstricke für einen emanzipatorischen Umgang mit Kindern liegen. Gibt es letztendlich doch nur die Option, sich dafür zu entscheiden? Dahin ist einiges an Leichtigkeit und jugendlicher Spontanität. Nicht weil ein Kind diese per se nicht zulässt. Ich glaube vielmehr, dass ich noch an meinen alten Prioritäten klammere. Einen ganz wesentlichen Entscheidungspunkt sehe ich darin, sich gleichermaßen auf die neue Situation einzulassen und sehr viel Empathie – auch für sich selbst – aufzubringen. Wenn ich mit mir nicht im Klaren bin, wird es das Kind gnadenlos einfordern. Kleines Geknirsche verstärkt sich mit nöligen Kindern schnell zum Streit in dem fundamentale Fragen offen liegen. Sobald sich die Reproduktionstätigkeiten auf einer Person konzentrieren, ist die Depression nicht weit. Das stellt vieles in Frage.

Was soll also so toll sein am Gebären lassen, wenn man mehr vom Leben will als Kinderhüten? Seit drei Monaten gibt es einen Platz bei einer Tagesmutter und seit dem ist alles viel einfacher. Ein Stück weit kommt die Freiwilligkeit wieder zurück. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, je ohne die Kleine existiert zu haben.

Conrad Jackisch lebt in Leipzig und versucht den Spagat zwischen politischem Hausprojekt, naturwissenschaftlicher Promotion und emanzipiertem Leben.