Barbara Schnalzger

Erst rette ich Polen, dann mach’ ich die Wäsche

Ein zäher Mythos: die Figur der polnischen Matka Polka

Matka Polka ist eine seltsame Zusammenstellung: Aus dem Polnischen übersetzt bedeutet die Wendung so viel wie ‚Mutter Polin’. Diese Formulierung geht auf den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz zurück. In seinem Gedicht Do Matki Polki, („An die Mutter Polin“) wendet er sich 1830/31, kurz vor dem sogenannten Novemberaufstand, in dem das geteilte Polen um seine nationale Unabhängigkeit kämpft, an die Mutter Polin: „O Mutter Polin, warne deinen Knaben!“ Sie soll ihre Söhne zu Kriegern erziehen, die dazu bereit sind, für die Nation Polen zu leiden und zu sterben. Es geht um mehr als eine Polin, die Mutter ist. Mickiewicz kreiert mit dem Bild der Matka Polka den äußerst langlebigen nationalen Mythos einer symbiotischen Verbindung von Mutterschaft und polnischer Nation. Die Matka Polka übernimmt offenbar eine wichtige Funktion im polnischen Nationalgefüge. Nicht nur in Polen geht die historische gesellschaftliche Genese einher mit einer tiefgreifenden Verknüpfung der essentialisierten Kategorien Geschlecht und Nation. „In der modernen Nation kann, sollte und wird jeder eine Nation haben, so wie jeder ein Geschlecht hat“, schreibt Benedict Anderson in Die Erfindung der Nation. Was macht ‚Nation’ und ‚Gender’ zur Pflicht und warum und wie bedingen sich die beiden unterschiedlichen Konstruktionen? Ich hole etwas aus, um diesen Zusammenhang zu beschreiben. Anschließend komme ich auf die Figur der Mutter Polin zurück, um an einem konkreten Beispiel zu zeigen, was Mütter im Fall Polens mit der Herausbildung einer modernen Nation zu tun haben.

Geschlechterverhältnis und Nation: ein kurzer Überblick

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich die Gesellschaftsstruktur in Europa grundlegend: Die Auflösung von Feudalismus und Ständegesellschaft fanden einen Kulminationspunkt in der Französischen Revolution, aus der unter Betonung der Gesamtheit und Souveränität des Staatsvolkes gegenüber ständischen und partikularen Ansprüchen auf staatliche Hoheit – verkürzt gesagt – ehemals Leibeigene als frei und gleich vorgestellte BürgerInnen hervorgingen. Gleichzeitig verdichteten sich vor- und frühkapitalistische Produktionsweisen zum Industriekapitalismus: Die feudale ‚Ökonomie des ganzen Hauses’ wich zunehmend der Produktion für den Markt. Mit der Entwicklung des Bürgertums und der Verbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse entstand etwas grundsätzlich Neuartiges: eine strikte Grenzziehung zwischen privater Reproduktionssphäre (Familie) und Produktionssphäre (Gesellschaft, Markt). Entlang der Trennungslinie privat/öffentlich wurden, und zwar rationalistischer als zuvor im Feudalismus, wo die Abtrennung des ‚Weiblichen’ vielmehr über soziale Zuordnung geschah, die Geschlechterrollen neu ausgehandelt.

Paradox an der Etablierung der sog. ‚Geschlechtscharaktere’ ist, dass Frauen gerade durch ihren Ausschluss aus der Öffentlichkeit bzw. ihren Einschluss in die Familie in die bürgerliche Gesellschaft integriert wurden.

Es entstand die Annahme von sich ergänzenden ‚Geschlechtscharakteren’, die von biologischen und naturhaften ‚Gegebenheiten’ abgeleitet wurden. Frauen schienen für die Aufgaben als Hausfrau, Gattin und Mutter, Männer für diejenigen im außerhäuslichen Beruf quasi prädestiniert: „So wird es mittels der an der natürlichen Weltordnung abgelesenen Definition der Geschlechtscharaktere möglich, die Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben als gleichsam natürlich zu deklarieren und damit deren Gegensätzlichkeit nicht nur für notwendig, sondern für ideal zu erachten und zu harmonisieren“ (Karin Hausen in Polarisierung der Geschlechtercharaktere, 1977). Paradox an der Etablierung der sog. Geschlechtscharaktere ist, dass Frauen gerade durch ihren Ausschluss aus der Öffentlichkeit, bzw. ihren Einschluss in die Familie, in die bürgerliche Gesellschaft integriert wurden – eben dadurch, dass sie sich ergänzend zum anderen Geschlecht verhalten. So lässt sich auch erklären, wie der Widerspruch zwischen dem durch die Sphärentrennung legitimierten Absprechen von Rechten (markantes Beispiel Frauenwahlrecht: in den meisten Staaten erst nach dem Ersten Weltkrieg, in der Schweiz sogar erst 1971 eingeführt) und dem Egalitätsanspruch der bürgerlichen Gesellschaft aufgelöst wurde: Frauen und Männer hatten scheinbar notwendig unterschiedliche, naturhafte und unveränderbare Funktionen im Nationalstaat. Die Frau hatte ihre wichtigste Rolle in der Mikrozelle des ’Volkes’: in der Familie. Sie als Mutter sorgte dafür, dass es kein vor- und nachnational gab. Ihre Aufgabe war die Reproduktion der Gesellschaft und die Weitergabe des Bewusstseins einer vermeintlich überhistorischen Gemeinschaft. Der Prozess des ‚nation building’ stellt die Grundlage der gesellschaftlichen Neuorganisation in Staatsform dar. Die Vorstellung einer abstrakten, nationalen Gemeinschaft überlappte andere Identitätsentwürfe, z.B. Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft, zur Christengemeinschaft etc. Die Konstruktion eines nationalen Gebildes schuf – durch Ein- bzw. Ausschluss der/des als anders Wahrgenommenen – ein Zusammengehörigkeitsgefühl und den Willen, am Projekt eines (deutschen, französischen, englischen etc.) Nationalstaates mitzumachen. Diese unfreiwillige ‚freiwillige Integration’ in die Staatsnation bedeutete zum einen zwar, dass mit der Formulierung der Menschenrechte und der Etablierung eines Rechtssystems zumindest ein Ausgangspunkt geschaffen war, an den die Frauenbewegung(en) bzw. andere marginalisierte gesellschaftliche Gruppen mit ihren Forderungen anknüpfen konnten und können. Andererseits wurde damit keineswegs das Patriarchat oder die hierarchische Organisation von Gesellschaft abgeschafft, wie etwa das asymmetrische Verhältnis von Frauen und Männern zeigt. Geschlecht im Sinne der Neukonstitution als ‚Geschlechtscharakter’1 wie auch Nation wurden in der kollektiven Wahrnehmung ab dem 18. Jahrhundert wichtige, wenn nicht die wichtigsten Ordnungsprinzipien überhaupt und sind es immer noch: Ein Leben ohne Geschlecht oder Nation scheint unvorstellbar, illegal, pervers oder zumindest ‚nicht normal’. In Polen stellt sich die historische Entwicklung diesbezüglich etwas anders dar, doch das mindert nicht die Bedeutung von Nation und Geschlecht, im Gegenteil: sie wird eher verstärkt.

Die national-politische Aufladung von Mutterschaft in Polen

„Als westliche Emanzipationsanhängerinnen um Gleichberechtigung kämpften, kämpften Polinnen um ihre Nation“, schreibt die Philosophin Monika Piotrowska (dies: Die Tochter der Mutter Polin, in: taz vom 08.03.2004). Die Ausprägung von Geschlechterrollen hat in Polen einen speziellen Weg eingeschlagen. Ich fokussiere bei dessen Skizzierung die (sich verändernde) politische Aufladung von Mutterschaft, die in der Figur der Matka Polka evident wird.

Als westliche Emanzipationsanhängerinnen um Gleichberechtigung kämpften, kämpften Polinnen um ihre Nation.

Im Bewusstsein um die Gefahr einer Reproduktion kulturalistischer Zuschreibungen durch deren Beschreibung sei darauf verwiesen, dass Kategorisierungen tendenzielle Positionen anhand unterschiedlicher Erfahrungshorizonte und historischer Prozesse verdeutlichen sollen. Anders als in den westlichen Industriestaaten vollzieht sich das polnische ‚nation building’ nicht mit der Entstehung eines starken Bürgertums, sondern entlang eines fast 200-jährigen Kampfes um nationale Unabhängigkeit bzw. im Widerstand gegen das sozialistische Regime. Im historischen Zeitraffer sind das folgende Eckdaten: Am Ende des 18. Jahrhunderts wird das Königreich Polen-Litauen zwischen Preußen, Russland und dem Habsburger Reich aufgeteilt. Nach einer kurzen Phase der staatlichen Souveränität Anfang des 20. Jahrhunderts folgt die deutsche Besatzung und, im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts, eine erneute Teilung Polens. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht mit nach Westen verschobenen Grenzen die Volksrepublik Polen als souveräner Staat, der jedoch in Polen als verlängerter Arm der Sowjetunion empfunden wurde. In diesem geschichtlichen Verlauf ist die starke und persistente Bindung von Frauen als Mütter an Familie und Nation zu verorten, mit der Matka Polka als ihren manifesten Ursprung. Worin begründet sich die Wirkungsmacht des Mythos und warum konnte er bis heute überleben?

Die Erfindung der Matka Polka

Der polnische Nationaldichter Adam Mickewicz erschuf 1830 mit seinem Gedicht An die Mutter Polin die tragische, aufopferungsbreite Gestalt der Matka Polka und verpflichtete Frauen damit, in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau qua Erziehung und in Abwesenheit eines Staates die nationale Identität und den Patriotismus aufrecht zu erhalten. Warum, so lässt sich fragen, etablierte sich das stereotype Frauenbild der Matka Polka, das auch noch, wie ich später zeigen werde, bis heute wirksam ist? Natürlich überschnitt sich die Matka Polka in ihrer ideologischen Ausrichtung mit der christlichen Auffassung von Frau-Sein, was zu ihrer Affirmation beitrug. In der Idealisierung der katholischen Kirche (Polen ist auch heute noch stark katholisch geprägt) wird die Frau ein Abbild der demütigen Mutter Gottes. Doch das ist noch nicht alles. Während es der Frauenbewegung in Westeuropa und den USA in ihrer unterschiedlichen (nationalen) Ausprägung und inhaltlichen Schwerpunktsetzung um die Erreichung gleicher und eigener Rechte ging, konnten sich Frauen in Polen auch deswegen lange nicht von der Rolle der Matka Polka trennen, da die Politisierung des Privaten als Credo der westlichen Frauenbewegung hier kaum nachvollziehbar war. Gerade die Trennung dieser Sphären eröffnete einen Schutzraum: Die Familie und die katholische Kirche waren Rückzugsräume und wichtigster Schauplatz des nationalen Widerstands. Da die fingierte polnische Nation während der Teilungen keinen Staat über sich hatte, der ihren Zusammenhalt garantieren konnte, wurde die Aufgabe der Formierung eines nationalen Bewusstseins in die Familie verlegt. Als ‚Volksmutter’ erhält die Frau eine zweifelhafte politische Funktion. Es stimmt allerdings nicht ganz, diese Funktion allein im privaten, familiären Raum zu verorten. Der Kampf um die Nation Polen war zu dringlich und vordergründig und musste gemeinsam geführt werden, Diskussionen um Geschlechterdifferenzen hatten vergleichsweise wenig Raum. Die Matka Polka hatte in diesem Sinne eine Stellung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre: etwa, wenn sie ‚organische Arbeit’ leistete, d.h. im halböffentlichen Raum durch Sprach- und Geschichtsunterricht zur ‚Polonisierung’ der Gesellschaft beitrug oder konspirative Aufgaben übernahm. Dies führte zum einen dazu, dass Frauen an allen nationalen Aufständen beteiligt waren. Die kobieta-rycerc, die ‚kämpfende Frau’, wurde während der Teilungszeit sogar als neue Frauenrolle interpretiert. Die Widerstandskämpferin Emilia Plater bspw. führte als Kapitänin eine ganze Truppe im polnischen Novemberaufstand 1830/31 an. Das Bild der kobieta-rycerc gefährdete den Diskurs um die Matka Polka nicht, sondern ließ sich mit ihm vereinbaren – beide Frauenrollen verkörpern eine absolute nationale Aufopferungsbereitschaft. Zum anderen resultierte gerade aus dem ‚gemeinsamen Kampf für die nationale Sache’ die Unmöglichkeit, geschlechterspezifische Hierarchien zu benennen. Die Enthusiastinnen, ein informeller Verbund polnischer Romantikerinnen in den 1830ern, oder Eliza Orzeszkowa in ihrem 1873 erschienene Roman Martha, sprechen das Handlungs- und Argumentationsdilemma an, in dem Frauen tendenziell gefangen waren: Entweder die patriotische Gemeinschaft von Frauen und Männern oder das Umstürzen dieser Gemeinschaft zugunsten eigener Autonomie? Zugehörigkeit zur Nation oder persönliche Emanzipation?

20. Jahrhundert: Matka Polka revisited

Im Polen der Zwischenkriegszeit 1918-1939, der sog. Zweiten Republik, etablierten sich kurzzeitig bürgerliche Verhältnisse und damit eine Basis, auf der sich in westeuropäischen Ländern und den USA die Frauenbewegung herausgebildet hatte. In dieser vergleichsweise liberalen gesellschaftlichen Situation erlangten polnische Frauen das Wahlrecht, sie drängten in die Universitäten und starteten eigene berufliche Karrieren. Themen wie Sexualität, Mutterschaft, Geburtenkontrolle (Verhütung und Abtreibung wurde beispielsweise verhandelt in der Kampagne für bewusste Mutterschaft, angestoßen u.a. von Tadeusz Boy-Żeleński und Irena Krzywicka Ende der 1920er) und neue Familienmuster wurden in der Öffentlichkeit diskutiert und der katholische Wertekanon in Frage gestellt.

„Frauen! Stört uns nicht, wir kämpfen um Polen!“

Dieses Frauenbild entsprach nicht der Matka Polka: In der Zwischenkriegszeit war der Mythos anscheinend weniger wirkungsmächtig, da der Kampf ums nationale ‚Wir’ im Zuge der polnischen Staatsbildung 1918 auch weniger notwendig geworden war. Gleichwohl war er nicht verschwunden: Die wirtschaftliche und soziale Not in der Zweiten Republik war groß und die Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsbereich unerlässlich. Soziale Aktivitäten von Frauen können demnach wohl eher als mütterliche Verpflichtung zum Allgemeinwohl und weniger als feministisches Eingreifen gelesen werden. Es folgten deutsche Besatzung und Plünderungen und schließlich eine erneute Aufteilung des Landes zwischen Hitler und Stalin. Frauen wurden abermals in die nationale Pflicht genommen, diesmal vor allem als Sanitäterinnen oder Melderinnen im polnischen Untergrund und in Partisanenverbänden. Es gab Untergrundschulen und -universitäten, die Frauen ebenso besuchten wie Männer. Dokumente, die Aufschluss über die Rolle von Frauen während des Zweiten Weltkriegs geben könnten, sind rar. Erinnert wird vor allem die Matka Polka, die sich selbstlos für ihr Volk opfert. Eine Revitalisierung des Mythos fand schließlich auch nach dem Zweiten Weltkrieg statt, als die Ermordung eines Großteils der polnischen Intelligenz, insbesondere der Massenmord an polnischen Jüdinnen und Juden, zu einer drastischen Bevölkerungsdezimierung geführt hatte, die durch einen Geburtenanstieg ausgeglichen werden sollte. Das zeigt sich u. a. an gesetzlichen Regelungen wie frühe Pensionierung von Frauen oder verlängerter Mutterschaftsurlaub in der direkten Nachkriegszeit.

Der Realsozialismus rief Frauen in der Volksrepublik Polen auf die Traktoren und versprach die Gleichberechtigung der Geschlechter. Zumindest stellenweise bewirkte das neue politische System ein Recht auf Selbstbestimmung auch für Frauen. Sie hatten Zugang zu Bildung und Arbeit, durch den Aufbau von Kinderbetreuungsstätten wurden sie entlastet, Abtreibung wurde legalisiert. Doch die sozialistische Ideologie beschränkte die Emanzipation der Frauen auf ihre ökonomische Funktion, ihre Rolle als Mutter und Hausfrau wurde nicht angetastet. Das Leitbild der ‚Heldin durch Mutterschaft’ wurde um ihre Werktätigkeit erweitert. Die opferbereite Haltung, mit der Frauen diese Doppelbelastung hinnehmen mussten, revitalisierte den Mythos der leidenden Mutter Polin. Bezeichnenderweise fällt genau in die sozialistische Zeit die Errichtung des Matka-Polka-Krankenhauses (Instytut Centrum Zdrowia Matki Polki, 1983) im polnischen Łodź. Folgt man der Historikerin Gertrud Pickhan, so sollte der befremdlichen Hemdsärmeligkeit der Arbeiterinnen staatlicherseits durch Erinnerung an den Opfermythos entgegengewirkt werden (dies., Frauenrollen, Geschlechterdifferenz und nation-building in der Geschichte Polens, in: Deutsches Polen-Institut Darmstadt (Hg.), Jahrbuch Polen, Wiesbaden, 2006). Doch nicht nur staatliche Instanzen belebten den Mythos neu. Ähnlich wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert entlang des Konzepts der ‚organischen Arbeit’, wurde der gesellschaftliche Widerstand gegen das sozialistische Regime in horizontalen, staatsunabhängigen Netzwerken organisiert. In der Oppositionsbewegung Solidarność wirkten Frauen maßgeblich mit, wie etwa Shana Penn in Podziemie Kobiet (Der Untergrund der Frauen) zeigt. Nach dem Verbot der Solidarność 1981 waren es vor allem Frauen, die die Weiterführung der Solidarność im Untergrund initiierten. In die Redaktion der Untergrundwochenzeitschrift Tygodnik Mazowsze, die ein wichtiges Element für den Zusammenhalt der Bewegung darstellte, traten bspw. erst 1985 Männer ein. Auch war es eine Frau, die den Beginn der Arbeiter_innenbewegung mitinitiierte: die Werftarbeiterin und Kranführerin Anna Walentynowicz, deren Kündigung die erste Streikwelle bewirkte. Doch was stand auf den Mauern der berühmten Gdańsker Leninwerft, wo die Solidarność ihren Ausgang genommen hatte: „Frauen! Stört uns nicht, wir kämpfen um Polen!“(„Kobiety, nie przeszkadzajcie nam, my walczymy o Polskę!“). Ihre Verbündeten verwiesen sie im gemeinsamen Widerstand gegen das sozialistische Regime in geschlechtlich definierte Schranken. Das ist nicht verwunderlich, lässt sich doch die Gründung der Solidarność als Akt der Wiederherstellung der patriarchalen Ordnung lesen. In der Opposition, so schien es, konnte man(n) wieder mündig werden und sich aus der sowjetischen Bevormundung befreien. In diesem Sinne ist auch die regimekritische polnische Science-Fiction Kultkomödie Seksmisja des polnischen Regissuers Juliusz Machulski von 1983 zu verstehen: Zwei Männer werden ins 22. Jahrhundert transferiert. Sie finden eine Welt voller Frauen vor, Männer existieren nicht mehr. Die Frauenherrschaft (‚verrückte Feministinnen’) wird dabei unterschwellig verglichen mit der Sowjetherrschaft, die es zu bekämpfen gilt. Zusammen mit zwei Frauen (durch Beischlaf ‚bekehrt’) gelingt den Männern die Flucht. Ihre Begleiterinnen werden ihre Ehefrauen. Die beiden Paare vermehren sich und retten durch die Rekonstitution der Familie die gesamte Menschheit. Der platte Plot veranschaulicht, wie nahezu ungebrochen der Mythos der Matka Polka in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse integriert wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass von der vielfältigen Beteiligung von Frauen am Widerstand so wenig bekannt ist: tradiert wurden vor allem jene Aktivitäten, die ins Bild der Matka Polka passten.

Von der Volksmutter zur Supermami

Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung seit 1989 mussten Frauen in Polen wie auch in den meisten anderen postsowjetischen Staaten erkennen, dass die Demokratisierung und die bürgerliche Mündigwerdung erst mal nur Männer betrafen. Im Zuge der Rekonstituierung des polnischen Staates war die staatliche Elite daran interessiert, zu alten Ordnungsstrukturen zurückzukehren, indem an katholische Vorkriegstraditionen angeknüpft wurde. Dies mündete in einer alarmierenden Verschlechterung der Position von Frauen: Steigende Arbeitslosigkeit und ein sinkendes Lohnniveau im Zuge des rigoros durchgeführten Übergangs von Plan- zu Marktwirtschaft betraf vor allem Frauen. In der politischen Repräsentation fehlten sie fast vollständig. Eines der ersten Gesetze in Polen nach 1989 war die Einführung eines rigiden Abtreibungsverbotes im Jahr 1993.

»Bist Du dumm hässlich und faul? Werde Feministin oder gehe zum Psychotherapeuten«.

Dieses Gesetz hat symbolischen Charakter: Es schafft Distanz zur Zeit des Sozialismus, wo Abtreibungen noch legal durchgeführt werden konnten, und schränkt Frauen erheblich in ihrer Selbstbestimmung ein. Vor allem die katholische Kirche reproduziert das Bild der Matka Polka, aber auch politisch und gesellschaftlich steht dieses Idealbild der Frau nach wie vor hoch im Kurs. Die polnische Geschlechterpolitik ist äußerst familienorientiert, Frauen werden hauptsächlich als Mütter und Schwangere in den Blick genommen. Dem entgegen sind Frauen in Polen besser ausgebildet als Männer und müssen den neoliberalen Spagat zwischen Haushalt und Lohnarbeit bewerkstelligen - eine in Polen vergleichsweise unhinterfragte Situation. Der EU-Beitritt Polens 2004 wird vor allem im konservativen und rechten politischen Lager und von der Kirche im Sinne einer westlichen Vorherrschaft als äußere Bedrohung der polnischen Nation und – als deren Grundlage – der traditionellen Geschlechterverhältnisse wahrgenommen. Sexismus, Homophobie und Antifeminismus werden erstaunlich offen geäußert. So klebten 2005 in Krakau und Warschau Plakate an den Wänden mit der Aufschrift: »Bist Du dumm hässlich und faul? Werde Feministin oder gehe zum Psychotherapeuten« (Urheber_in meines Wissens unbekannt). Oder das jüngste Beispiel: Der polnische Premier Donald Tusk wurde angesichts der EU-Ratspräsidentschaft Polens von einer Journalistin gefragt, ob bereits „alle Knöpfe bis auf den letzten“ zugemacht worden seien. Diese Redewendung meint schlicht die Frage danach, ob alle Entscheidungen schon getroffen wurden. Der Premier reagierte mit plattem Sexismus: “Wenn ich mir ihr Sommerkleid anschaue, dann erinnert mich das so gar nicht ans Zuknöpfen, so bin ich, ich mag den Sommer eben.“ Solche Sätze lösen zwar öffentliche Empörung aus. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sogar auf höchster politischer Ebene derlei Aussagen oft gesagt und noch öfter gedacht werden. Zusammenfassend lassen sich verschiedene Gründe für die polnische Besonderheit in der Geschlechterfrage feststellen: Zum einen war Frau-Sein über einen langen Zeitraum mit dem Kampf um die Nation verknüpft. Seit 1989 gibt es keinen Anlass für nationale Unabhängigkeitsbestrebungen mehr. Der Matka Polka-Mythos wurde leicht modifiziert übernommen: Der patriotische Aspekt ist in den Hintergrund getreten, doch die Aufgaben der Frau liegen nach wie vor in der Familie. Sie soll als Hüterin der familiären Wärme und Garantin der intakten polnischen Familie fungieren. Die Geschlechterrollen und der traditionelle Wert der Familie stellen nach wie vor eine offenbar unabdingbare stabile Größe dar (2010 ergab eine Umfrage von CBOS, Polens größtem Zentrum für Meinungsumfragen, dass 92 % aller Polinnen und Polen sich nicht vorstellen können, ohne Familie glücklich zu sein). Zum anderen wird die Frauenbewegung und Feminismus spätestens seit der staatlich diktierten Scheinemanzipation im Realsozialismus mit einem grotesken Totalitarismus assoziiert und ist auch heute noch oft als grundsätzlich ideologisch verschrien.

Ausblick

Seit Anfang der 1990er regt sich aber auch Widerstand. Auslöser war das bereit genannte, 1993 verabschiedete Abtreibungsgesetz. Es besagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur durch eine eugenische, medizinische und kriminologische Indikation erfolgen darf. Eine soziale Indikation wurde gestrichen. Des Weiteren ist es dem behandelnden Arzt bzw. der Ärztin vorbehalten, einen Schwangerschaftsabbruch aus moralischen Gründen abzulehnen.2 Auch der Transformationsprozess, der zunächst eine Verschlechterung der Lebensverhältnisse allgemein und vor allem für Frauen hervorbrachte, wie auch ein erneuter Ausschluss von weiblichen Personen aus der politischen Sphäre bewirkte eine Aktivierung von Frauen. Vielen wurde klar, dass gerade in dem Moment, der mehr Freiheit und Demokratie bringen sollte, ihre Selbstbestimmungsrechte beschnitten wurden. Deswegen entwickelten sich seit Anfang der 1990er in Polen eine Vielzahl verschiedener Frauenorganisationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie Arbeit, Recht, Bildung, Gewalt, Gesundheit, Sexualaufklärung und Wohlfahrt, also allen wahrgenommenen sozialen und politischen Problemlagen. Sie tragen dazu bei, Anliegen von Frauen zu politisieren und versuchen, Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Nichts desto trotz bleibt die Mutter Polin persistent. Der Mythos war immer wandelbar und wurde dazu benutzt, Werte der jeweils aktuellen politischen Richtung auszuhandeln und weiterzugeben. Die wechselseitige Hervorbringung von nationalen Selbstverständnissen und Geschlechter- bzw. Sexualitätskonzepten durch Diskurse, Handlungen und Redeweisen ist dabei immer noch geprägt von einem Bild der Frau, die gerade durch ihre Aufgaben in der Familie Stärke zeigen kann. Entwicklungen, die diesem Bild entgegen stehen, sind umkämpft – man erinnere sich an die Angriffe auf die in Polen jährlich stattfindenden Gleichheitsmärsche oder die nicht enden wollende Diskussion um die Gesetzgebung zur Abtreibung – veranschaulichen aber eine nicht mehr aufzuhaltende Pluralisierungen der Meinungen, bspw. auch durch queere Positionen, die mehr und mehr Aufmerksamkeit ein- und die von Politik und Gesellschaft propagierte Idee einer homogenen polnischen Nation herausfordern.

  1. Geschlecht wurde zwar auch vor dieser Entwicklung bipolar imaginiert, die jeweiligen Zuschreibungen fußten allerdings erst ab dem 18. Jahrhundert auf ‚wissenschaftlichen’, biologisierten Erklärungen.

  2. Durch eine Gesetzesänderung soll das ohnehin äußerst restriktive Abtreibungsgesetz weiter eingeschränkt werden. Abtreibungen sind dann auch im Falle einer gesundheitlichen Gefährdung von Mutter und/oder Kind und bei einer Vergewaltigung gesetzlich verboten. Während der Bearbeitung dieses Artikels war noch nicht klar, ob der Gesetzesentwurf angenommen werden würde. Weiter Informationen bietet beispielsweise die polnisch/englischsprachige Homepage von The Network of East West Women: http://www.neww.eu/

Barbara Schnalzger ist Redaktionsmitglied der outside the box und lebt in Leipzig.