Christa Bürger

Bettina von Arnim, die Grenzgängerin

Ich stelle sie mir wieder vor, wie sie auf ihrem Schemel sitzt zu Füßen ihrer Lieben Frau Aja1 – vom Goldenen Kopf, dem Brentanohaus in der Sandgasse, bis zum Großen Hirschgraben hat sie es nicht weit – die junge Bettine, die Elisabeth Goethe mit dem „so theuren Nahmen Mutter nennen“ darf,2 wie sie einander Märchen erzählen, wobei sich allmählich die Erzählfäden ineinander verweben, das Lebensmärchen einer alten Frau von der Kindheit und Jugend ihres eingeborenen Sohnes, einer, die, wie sie der jungen Freundin, dem „liebsten Vermächtnüß meiner Seele“, in einem ihrer letzten Briefe am 28. 8. 1808, dem Geburtstag des Sohnes, schreibt, „den Becher der Mutterfreude bis auf den letzten Tropfen gelehrt hat“,3 und Bettines romantisches Märchen vom Königssohn. Achim von Arnim, den sie einige Jahre später heiraten wird, nimmt es in seine Zeitung für Einsiedler seltsamerweise nicht auf, mag sein, daß er die allegorische Bedeutung des Märchens verstanden hat und verdrängen mußte oder daß ihn der unbestimmte Status des Textes gestört hat, das Schweben zwischen Kunst- und Volksmärchen, Traum und Allegorie, Erinnerung und Ahnung.

Daher spricht dieses Kind, das Bettina von Arnim sich in ihrem „tieferen Leben“ erfindet, das Kind, das sie gewesen sein will, die Sprache des Begehrens, aber jetzt ohne die Angst, an den Wahnsinn zu grenzen.

Denn die Bettine erzählt, mit ihrer dunklen Altstimme, von einem König, dessen Reich an das der Tiere grenzt und der „ein Weib nahm um ihrer Schönheit willen und daß er Kinder bekomme“. Die Königin wird auch wirklich schwanger. „Die Zeit des Gebärens verstrich aber, ohne daß sie eines Kindes genesen wäre.“ Der König, der sich „an ihrer Mißgestalt ärgert“, verbannt sie in den entlegensten Teil des Schlosses. „Hier trug sie langsam und traurig ihre schwere Bürde durch die einsamen Gärten und sah die wilden Tiere aus dem Walde an das jenseitige Ufer des Flusses kommen, um sich zu tränken… da wünschte sie oft in schwerer Verzweiflung, auch ein reißendes Tier zu sein.“ Am Ende von sieben Jahren gebiert sie ohne Hilfe am Flußufer einen Sohn, den ihr eine Bärin entführt, darauf noch sechs Kinder. Nun wird die „glorreiche Mutter“ mit Freuden aufgenommen, aber während die Kinder heranwachsen, trauert sie um ihren verlorenen ersten Sohn. Als der König seinen Tod nahen fühlt, richtet er ein großes Fest aus, um seinen Söhnen die Herrschaft abzutreten. Da kommen die Tiere über den Fluß herangeschwommen, mitten unter ihnen „ein schönes Antlitz, das aufrecht zum Himmel blickt“. Die Königin erkennt ihren Erstgeborenen, der nun alleiniger König wird, aber „ein König über Tiere und Menschen im Geist, sonder Sprache“.4 Das Märchen erzählt in Bildern vom heimlichen Grenzgängertum Bettines, ihrer Sehnsucht nach einer anderen Sprache und nach einem anderen Denken, von dem sie während ihrer Freundschaft mit Karoline von Günderrode geträumt hat: ihrer Schwebe-Religion. Wie die Königin ihres Märchens lebt sie zwei Leben, ein öffentliches und ein verborgenes, ein Tag- und ein Traumleben, auf der Grenze zwischen Natur und Kultur, allein unter ihren vielen Geschwistern. Das Märchen und der Traum drängen aber auf Wunscherfüllung, auf Versöhnung, und so begründet, was Bettina von Arnim in ihrem zweiten Leben hervorbringen wird, eine andere Ordnung des Schreibens, lebendige Form, wo alles Bedeutung hat, weil alles mit allem sich liebend berührt, Geist und Natur. Äußerlich unterscheidet sich das Leben Bettine Brentanos kaum von dem einer „Tochter aus gutem Hause“. Geboren 1785 in Frankfurt als Tochter eines der angesehensten Handelsherren der Stadt, verliert sie früh die Mutter, die in der Ehe mit Peter Brentano unglückliche Maximiliane von La Roche, die der junge Goethe aus der Ferne verehrt hatte. Die drei jüngsten Brentanotöchter, zunächst einem Ursulinenkloster anvertraut, wachsen unter der Obhut der Großmutter auf, Sophie von La Roche, seit ihrem auf dem Höhepunkt der Sturm-und Drangbewegung erschienenen Briefroman Das Fräulein von Sternheim eine der wenigen erfolgreichen Schriftstellerinnen der Epoche. Im Offenbacher Haus der Großmutter begegnet die Siebzehnjährige zum ersten Mal bewußt dem Bruder Clemens, dessen Erscheinung sie als eine große Wendung in ihrem Schicksal begreift. Die rückhaltlosen Geständnisbriefe der jungen Bettine an diesen Bruder und an den späteren Schwager und preußischen Staatsminister Friedrich Carl von Savigny offenbaren ein unglückliches Bewußtsein, das die eigene Existenz als ein Taumeln zwischen Selbstgewißheit und Selbstzweifel erlebt – an der Grenze des Wahnsinns. Dieses Entwicklungsdrama hätte für Bettine Brentano vielleicht einen harmloseren Verlauf genommen, hätte nicht der geliebte Bruder sie darin festgehalten. Clemens Brentano ist, sei es auch mit einem nach seinem eigenen Begriff „verwilderten“ Werk, in die kulturelle Ordnung eingetreten. Aber die Schwester verkörpert für ihn die romantische Naturpoesie schlechthin, eine neue Mignon, ebenso exzentrisch wie die rätselhaft androgyne Gestalt Goethes, die durch die Wanderjahre irrlichtert. Bettine selbst erfährt als beängstigendes Chaos, was ihre Einbildungskraft aus dunklen Tiefen an Bildern zutage fördert, wenn sie „alle Schleusen öffnet“. Ihre richtungslose Phantasie findet keinen Widerstand an der Form. In ihrer Umgebung, im großen Haus der Brentanos, ist sie eine Fremde. Sie spürt selbst, daß sie sich nicht mitzuteilen vermag, weder in ihren Lebensbegeisterungen noch in ihrer Melancholie, so daß ihr am Ende die eigenen Phantasieprodukte als ein begriffs- und gestaltloses Reden erscheinen. Dabei verlangt es sie nach Anerkennung, Teilnahme – Verwirklichung.

… sollen denn Begeistrung und Sehnsucht die wechselweise aus einem jungen Gemüth fliesen wie zwei Quellen, nur unfruchtbaren Boden wässern? – Lieber Alter, soll denn mein ganzes Wesen ungenossen wieder vertrocknen, keinem wohltun, unbeachtet wieder schlafen gehen, so wie es aufwachte?5

Bettines Frage faßt das Dilemma vieler Frauen vor ihr und nach ihr zusammen, die sich schreibend zu verwirklichen versuchten, und es kamen mir beim Lesen dieser traurigen Briefe Verse von Ingeborg Bachmann in den Sinn: Erklär mir Liebe, was ich nicht erklären kann:/ sollt ich die kurze schauerliche Zeit/ nur mit Gedanken Umgang haben und allein/ nichts Liebes haben und nichts Liebes tun? – Angesichts dieses Dilemmas trifft Bettine Brentano eine Entscheidung: Sie heiratet den Freund des Bruders, den Dichter und Gutsherrn Achim von Arnim. Sie geht den „Weg zum Sozialen“, wie sie ihn in ihrem Märchen vorweggenommen hatte.

Im schwebenden Reich des Kindes Bettine gelten die verkehrten Grundsätze der Kunst nicht.

Die wenigen erhaltenen Briefe aus der Zeit der Werbung Achims um die Schwester seines Freundes sind so spröde, daß sie das komplizierte Verhältnis dieser Liebenden allenfalls ahnen lassen. Da Arnims Verfügung über sein Vermögen aufgrund einer Fideikommißeinrichtung zugunsten seiner zukünftigen Kinder beschränkt ist, entschließt er sich, „das Meinige zu thun, um rechtmäßige Kinder zu haben. Da brauchte es nicht langer Zweifel, ich wußte niemand auf der Welt, von der ich so gern ein Ebenbild besessen hätte… und auch keine, mit der ich auch ohne diese Verdoppelung so gern mich erfreut, gestritten, gewacht und geschlafen hätte, als Dich“.6 Bettine Brentano, die sich mit der „menschlichen Liebe bescheiden“ will, gibt ihr Jawort in der Form einer Frage: „Warum, wenn Du an mich verlangst, soll ich Dir nicht geben?“ (IV, 129) Bettine und Achim haben es nicht leicht miteinander. Achims Begriff von Ehe ist mit dem des Eigentums und der Heimat eng verbunden. Bettine, die Schweifende, hat kein Verhältnis zum Besitz. Sie kann nicht auf dem Land leben, in Wiepersdorf, Achims Gutsherrschaft, er nicht in Berlin. So führen sie meist getrennte Haushalte. In den ersten Jahren ihrer Verbindung ist Achim aktives Mitglied der Christlich-deutschen Tischgesellschaft, zu der auch Clausewitz, Fichte, Kleist und Savigny gehören. Wenn ich mir die an Wertvorstellungen des Mittelalters orientierte Nationalstaatsidee, die rückständige Familienideologie dieses Freundeskreises vergegenwärtige, zu schweigen von ihrem Antisemitismus, dann frage ich mich, wie diese junge Frau mit ihrem freien Geist in einer solchen Umgebung sich bewegen konnte. Denn sie ist, wie ihre späteren vielfältigen politischen Initiativen zeigen, der ersten revolutionären Begeisterung, die die Lektüre der Briefe Mirabeaus noch im Hause der Großmutter in ihr geweckt hatte, zeitlebens treu geblieben. Es muß wohl in dieser Ehe eine so tief gründende Übereinstimmung gegeben haben, daß nichts die Zusammengehörigkeit von Beans Beor und Amans Amor, wie sie einander in der Verlobungszeit nennen, zerstören kann. Als Mann und Frau leben sie im Bewußtsein gegenseitigen Anerkanntseins und erkennen die Wirklichkeit ihrer Liebe an ihren Kindern. Bettina von Arnim bringt sieben Kinder zur Welt – wie die Königin in ihrem Märchen. In der wunderbaren Gestalt der Frau Aja in_ Goethes Briefwechsel mit einem Kinde,_ dem Buch, das sie berühmt gemacht hat, wird das utopische Bild einer freien Kindheit erkennbar. Gegen Achims im Standesdenken verhaftete Grundsätze, mißtrauisch gegenüber allem „Pädagogenwesen“, setzt Bettine ihre rousseauistischen Vorstellungen einer Erziehung ohne Zwang durch. Dabei ist ihr die Zeit nicht günstig. Die zwanziger Jahre des 19. Jhdts. sind überschattet von den Folgen der napoleonischen Kriege und der durch die Kontinentalsperre ausgelösten Wirtschaftsmisere. Die Versorgungsgrundlage ihres „großen Hauses“, samt Dienerschaft, Hauslehrern und Freunden, sind die Erträgnisse von Achims Gütern, die er in ganzen Wagenladungen nach Berlin schaffen läßt. Sie macht sich bei ihrem Hausarzt, einem Anhänger des mesmerischen Magnetismus, kompetent in der Naturheilkunde und beschränkt sich bei der Pflege kranker Kinder auf homöopathische Mittel. In diesen langen Jahren ihrer „irdischen Not“, von dem im Briefwechsel der Eheleute so viel die Rede ist, nimmt Frau von Arnim ihre eigenen künstlerischen Versuche zurück auf das Maß des Dilettantismus, sie zeichnet, singt, schreibt Briefe. So lernt sie bei dem Versuch, „gut zu seyn und gutes zu thun“ (IV, 128), eine für sie neue Erfahrung kennen: die Schuld, dem eigenen Lebensgesetz untreu geworden zu sein. In der irritierenden Aura der Fremdheit, die manche Besucher ihres Berliner Salons verstört, verrät sich das alte Bedürfnis nach Ausdruck, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Als Achim von Arnim 1831 überraschend stirbt, kehrt Bettine zu dem Weg zurück, von dem sie seinetwegen abgewichen war. Schreibend entdeckt sie, im tiefen Brunnen der Vergangenheit, ein verlockendes und verheißungsvolles Bild: das Kind Bettine.

So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge, meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussehe; es war mir eine große Überraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern, umarmt von der Großmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem fein gekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab’ ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, – siehe, sie erhebt sich und kommt mir entgegen, wir lächeln uns an, und ich kann’s nicht länger bezweifeln, daß ich mein Bild im Spiegel erblickt. (II, 471)

Das Spiegelerlebnis der jungen Bettine findet sich in einem Buch der Liebe überschriebenen Tagebuch, das den dritten Teil von Goethes Briefwechsel bildet. Es ist ein ganz und gar unlacanianisches Stück Erinnerung oder imaginierter Selbstbegegnung, denn das Kind, das sich im Haus der Großmutter zum ersten Mal sieht, erkennt sich selbst als liebendes und geliebtes Ich zugleich. „Ich habe nämlich nichts anderes erlebt, als die Liebe, und in ihr kein anderes Ereigniß, als daß mit oder ohne Gegenstand mein Geist glüht.“ (II, 863) Daher spricht dieses Kind, das Bettina von Arnim sich in ihrem „tieferen Leben“ erfindet, das Kind, das sie gewesen sein will, die Sprache des Begehrens, aber jetzt ohne die Angst, an den Wahnsinn zu grenzen. Es ist die Sprache einer „mystischen Philosophie der Liebe“ (II, 499), der sich die Schriftstellerin, die sie fortan sein wird, erinnernd überläßt. Diese Sprache entfaltet sich am schönsten im Gespräch mit der Freundin, Karoline von Günderrode, die das Dilemma weiblicher Künstlerschaft auf eine andere Weise in sich austrägt und die am Ende an der herrschenden Vorstellung von Kunst scheitert. Daß Bettina von Arnim die Erfüllung ihrer so lange Jahre unterdrückten Wünsche gelingt, liegt an der unversehrten Kraft einer Erinnerung, die sich speist aus der Unmittelbarkeit des Vertrauens in die Günderode. Seltsamerweise erkenne ich erst jetzt in ihr eine Vorläuferin der italienischen Feministinnen – wir haben sie in den 80er Jahren nur „die Italienerinnen“ genannt – , denn sie hat wirklich vorgelebt, „wie weibliche Freiheit entsteht“.7 Das kleine Mädchen, von dem sie in ihren Briefbüchern erzählt, ist ein eigensinniges Geschöpf, das sich auflehnt gegen die „Verkehrtheiten“ der herrschenden Bildungsvorstellungen, gegen die abstrakten Begriffe der Philosophie und der Geschichtswissenschaft und das seine ganze Lebensanstrengung auf ein einziges Ziel richtet: das Ich sich zum Eigentum zu machen. Sie will nicht lernen, „die Dinge ordentlich zu betrachten, ohne sie sogleich an den Mund zu führen“ (IV, 17).

Meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer innern Tanzmusik, die ich nur höre und die andern nicht … Das gelob ich vor Dir, daß ich nicht mich will züglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am End ist’s nichts anders als das Gefühl der Eigenmacht. (I, 63)

Die Melancholie, über die sich die junge Bettine in so vielen ihrer Briefe beklagt, läßt sich mit den Italienerinnen verstehen als Eingeständnis einer Niederlage, die in ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht gründet. In der Tat macht sie die Erfahrung, daß Achim von Arnim und Clemens Brentano sie in ihrer Wunderhorn-Sammlung nicht als Mitarbeiterin nennen und daß ihre eigenen Lieder, die sie mit ihrer schönen Altstimme vorträgt, nur als spontane Improvisationen aufgenommen werden. Und so überläßt sie sich ihrer „innern Tanzmusik“, ihren wilden Andachten vor der Natur, klettert auf Mauern und Türme, um von oben auf die Welt sich stürzen zu können, immer bereit, die Welt zu verzehren, um den Hunger nach dem eigenen Ich zu stillen. _ Mit der Sonne das höchste Gebürg ersteigen, mit ihr auf allen Gipfeln flammend durchdringend alles berühren, wie ein Sturmvogel sich niederstürzen… still! still!_ 8

Daß Bettine an ihrem Nichtverstandenwerden leidet, zeigt aber, daß sie das Gefühl der Eigenmacht in sich lebendig erhält. Und um diese Lebendigkeit zu unterstützen, sucht sie nach einem anderen Ich, dem sie vertrauen und dem sie sich anvertrauen kann. Die Italienerinnen haben ein solches Verhältnis Affidamento genannt.

Denn diese Beziehung entsteht dort, wo eine Frau der Welt gegenüber gleichzeitig Fremdheit und Willen zu siegen verspürt. Zwischen ihr und der Welt gibt es nichts, was diesen extremen Widerspruch aufheben kann – außer einer weiblichen Vermittlung.9

Ob ich allerdings Karoline von Günderrode den Namen einer symbolischen Mutter, der in dem italienischen Manifest eine zentrale Rolle spielt, geben soll, weiß ich nicht recht, obwohl die Jüngere von den „wunderbaren Lehren“ erzählt, mit denen die Günderode „die Unmündigkeit [ihres] Geistes genährt“ habe (II, 67). Aber es ist das Kind Bettine, das den Bedeutungsraum dieses bezaubernden Zwiegesprächs stiftet. In der begeisterten Rede des Kindes wird die Naturphilosophie Schellings, in die die Freundin sie einzuführen versucht, umphantasiert in seine große Sprache.

Wenn ich der Natur lausche… Siehst Du, da fühl ich alles, was in ihr vorgeht, … grad, als wär ich die Natur selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt … das dringt mir alles mit etwas ans Herz, soll ich’s Sprache nennen?10

Zusammen mit der Freundin will sie eine „Religion stiften für die Menschheit, bei ders ihr wieder wohl wird… Ein bißchen Spazierenreiten in den Himmel“ (I, 445): ihre Schwebe-Religion. Aber das erinnerte Gespräch durchzieht ein elegischer Ton, denn die junge Bettine ahnt, daß die Freundin sich ihr entzieht, daß die Symmetrie der Affidamento-Beziehung gestört ist. Und die Schreibende, im Angedenken an den selbstgewählten Tod Günderrodes, erkennt, daß sie von Anfang an eine Verschwindende geliebt hat, in deren Gedichten sie jetzt die Klage einer Seele und eine bestimmte Todesbereitschaft vernimmt. Es wird ihr, während sie sich an ihre helle Verschwörung mit der Günderode erinnert, bewußt, daß jede Begegnung mit ihr immer schon ein Abschied gewesen ist, wie bei einer mystischen Bootsfahrt auf dem Rhein.

Wie’s in jener himmlischen, zauberhaften Nacht war, auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der blühenden Orangerie auf dem Verdeck saßen… ganz allein… und meinen Pelz warf ich um Dich und saß zu Deinen Füßen, und der deckte mich auch noch, und wie schön war die Mondnacht… Da warst Du auch so stille, und wenn ich ein Wort sagte, dann verlor sich’s gleich im tiefen Schweigen… und dann kam der Wind… und es fielen Blüten auf Dich und mich, und da sah ich mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du, weil es zu schön war, was uns da widerfuhr… und wir fuhren um die stillen Inseln und kamen näher ans Ufer, daß die Weiden herüberhingen… da warst Du erschrocken aufgewacht… (I, 710)

Es waren die Weidenbüsche, unter denen man sie gefunden hat, mit dem Dolch im Herzen, ein Handtuch voller Steine um den Hals gebunden. Vom Ende her versteht Bettina von Arnim aber auch den Mißklang in ihrem Verhältnis zu der älteren Freundin. Karoline von Günderrodes Streben nach Anerkennung ließ ihr nicht die Freiheit zu einem Denken und Dichten außerhalb der herrschenden Vorstellungen von Kunst und Philosophie. Es war ihr nicht gegeben, die Freundschaft mit der Bettine als Maßstab ihres eigenen Werts zu erfahren, sich an den schönen Grundsatz ihrer gemeinsamen Schwebe-Religion zu halten: die Unbedeutendheit. Clemens Brentano gegenüber bekennt sie sich zu ihrer Sehnsucht, „mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer Gestalt, die würdig sei, zu den Vortrefflichsten hinzutreten, sie zu grüßen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben“.11 Bettine aber ahnt, daß Form tödlich sein kann im ganz wörtlichen Sinn. Günderrode, die sich immer weiter von ihr entfernt, wird in ihrem Werk verschwinden, wie sie es dichtend vorweggenommen hat, unter dem Zwang, „was mich tödtet zu gebähren“.12 Es gelingt ihr nicht, sich kenntlich zu machen mit einer eigenen lyrischen Sprache. Clemens Brentano – in einem Brief, der ein Meisterwerk der Bosheit darstellt – wundert sich, daß sie ihre Gedichte zum Druck geben will. Es sei ja alles „sehr schön versifiziert“, nur müsse man der ganzen Sammlung vorwerfen, „daß sie zwischen dem Männlichen und Weiblichen schwebt“.13 Dahinter steckt die Rede vom (weiblichen) Dilettantismus, und der bedeutet den Ausschluß aus der Institution Kunst.14

Indem Bettina von Arnim ihren Büchern die Form gab, die ihre Quellen hatten, die originalen Briefe, verdeckte sie den Formungsprozeß und überläßt uns die Wahl, ob wir sie als erfundene Geschichten und Dialoge, Träume, romantische Naturbeschreibungen oder Dokumente lesen wollen.

Bettina von Arnim hat mit Der Günderode, um noch einmal die Italienerinnen zu zitieren, ihre symbolische Schuld gegenüber der Freundin abgetragen. Denn es mag wohl sein, daß sie in der Allianz mit einer anderen Frau, die größer war als sie selbst, die frühe Erfahrung der Niederlage hat umwerten können in den Durchbruch zum Ich. Im schwebenden Reich des Kindes Bettine gelten die verkehrten Grundsätze der Kunst nicht. Und Bettina von Arnim setzt sich in ihrem zweiten Leben hinweg über das Gesetz der Form, das die freien Gedanken, die nach Ausdruck drängenden Lebensregungen unterdrückt. „Drum kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah genug, es besinnt sich zu sehr auf sich selbst.“ „Wie hätt’ ich unsere orangenblühende Nacht, unsere selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, in engherzige Verse einklammern, was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt.“15 Bettina von Arnim hat sich nicht darum gekümmert, ob das, was sie schrieb, sich in den Formenkanon ihrer Zeit fügte. Ihre Bücher gelten von jeher als formlos, und auch ich bin erst nach wiederholten Annäherungsversuchen dazu gekommen, die Formlosigkeit ihrer Prosa als notwendige Form zu verstehen. Wie hätte sie die temperament- und gemütvolle Rede der Frau Rat, der sie viele Stunden und Tage gelauscht hat auf ihrem Schemel, aus der Erinnerung anders aufschreiben sollen, als indem sie die Sprechweise der alten Freundin übernahm, die Dialektfärbung, die Sprunghaftigkeit, den Verzicht auf die Glättung eines Redeflusses, der von belanglosen alltäglichen Begebenheiten unvermittelt in philosophische und politische Reflexionen überging? Gerade mit dieser mimetischen Einstellung gegenüber der Erzählerin auf dem Sessel vor ihr wird Bettina von Arnim zur Vorläuferin des inneren Monologs, eines modernen Erzählverfahrens, das als solches erst fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung ihres Königsbuchs als solches erkannt wird. In der Entwicklungsgeschichte dieser literarischen Technik kommt der Name Bettina von Arnims nicht vor, eine historische Ungerechtigkeit, von der nicht zufällig eine Frau betroffen ist. Mein langer Weg durch die Literaturwissenschaft16 ist schließlich auch einer zu Bettina von Arnim gewesen; denn am Ende waren ihre Briefbücher für mich Romane eigener Ordnung und Wunschautobiographie zugleich, Zeugnisse eines LebenSchreibens jenseits des Begehrens nach dem WERK. Indem Bettina von Arnim ihren Büchern die Form gab, die ihre Quellen hatten, die originalen Briefe, verdeckte sie den Formungsprozeß und überläßt uns die Wahl, ob wir sie als erfundene Geschichten und Dialoge, Träume, romantische Naturbeschreibungen oder Dokumente lesen wollen. Immer befinden wir uns auf dem unbestimmten Territorium Bettine des Kindes und entdecken darin die Möglichkeit einer anderen Philosophie, einer Philosophie der Liebe.

  1. Elisabeth von Goethe, die im ›Königsbuch‹ Bettine von Arnims mit dem Titel des Mannes die Frau Rat erscheint, wird von den Freunden des jungen Johann Wolfgang Frau Aja genannt nach der Mutter der ›Haimonskinder‹ aus einem alten Volksbuch.

  2. Vgl. den Brief von Elisabeth Goethe an Bettina Brentano vom 13. 6. 1807, in: Briefe aus dem Elternhaus, hrsg. v. E. Beutler. Frankfurt/Leipzig 1997, 857.

  3. Ebd., 886.

  4. Das Märchen findet sich in: Bettina von Arnim. Ein Lesebuch, hrsg. v. Ch. Bürger. Stuttgart 1987, 279ff.

  5. Vgl. Bettine von Arnim, Werke und Briefe, hrsg. v. W.Schmitz/S. v. Steinsdorff u.a. 4 Bde, Frankfurt 1986-2004; hier IV, 51 (an Savigny, August 1807). Diese Ausgabe wird im folgenden im Text zitiert.

  6. In: Achim von Arnim und die ihm nahe standen, hrsg. v. R. Steig/ H. Grimm. Stuttgart/Berlin 1913;II, 396f.

  7. Dies ist der deutsche Titel des Buches der Libreria delle donne di Milano, erschienen in Berlin, im Orlanda Frauenverlag 1988.

  8. Achim von Arnim und die ihm nahestanden, II, 62f.

  9. Wie weibliche Freiheit entsteht, 137.

  10. B. v. A., Werke und Briefe, hrsg. v. G. Konrad/J. Müller. 5 Bde., Frechen/Köln 1959/61, hier: I, 381.

  11. In: Karoline von Günderrode, Der Schatten eines Traums […], hrsg. v. Christa Wolf. Darmstadt/Neuwied (Sammlung Luchterhand) 1981, 193.

  12. Ebd., 88.

  13. Ebd., 190.

  14. Zu diesem Begriff vgl. Ch. B., LebenSchreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen. 2. Aufl. Königstein/Ts. 2001, darin besonders die Vorbemerkung und das Kapitel „Dilettantism der Weiber“.

  15. Vgl. dazu Erotik des Gesprächs: Bettina von Arnim und die Günderode, in: Peter Bürger, Das Verschwinden des Subjekts / Ch. B., Das Denken des Lebens. Frankfurt 2001, hier: 414.

  16. Dies ist der Titel meiner Abschiedsvorlesung, als Buch erschienen in der edition suhrkamp. Frankfurt 2003.

Christa Bürger, geb. 1935 in Frankfurt a.M. war von 1973 bis 1998 Professorin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a.M.. Ihre Lebensstationen hat sie beschrieben in „Mein Weg durch die Literaturwissenschaft" (Edition Suhrkamp, Frankfurt 2003); Ihre letzte Veröffentlichung ist als Insel Taschenbuch erschienen (Frankfurt 2009) unter dem Titel „Goethes Eros".