Pony Koslowsky

Minka

Fragments of a sad story

I’m sick and tired of being sick and tired
I’d much rather be a golden ball of light
But still have sex
(Scout Niblett)

Die Tage vergehen. Ich mache meine Phasen durch. Nachdem ich nächtelang
schlecht geschlafen habe, beginne ich, meine Träume aufzuschreiben, wie den von
Stella und der Katze. Ich träume, wir träfen uns in einem Café und ich sagte unter
Tränen, ich wolle wieder mit ihr zusammen sein, es gäbe keine andere Lösung.
Meine Haare hängen mir feucht ins Gesicht. Sie faltet mit ernster Miene ein mit
rosa Glitzer bestäubtes Papier zusammen, gibt es mir und sagt: „Das ist für deine
Katze.“ „Woher weißt du, dass ich eine Katze hatte?“ frag ich sie, verwirrt, weil ich
die Katze doch, lange bevor es Stella in meinem Leben gab, hatte weggeben
müssen. Sie lächelt nur; sie weiß alles, immer.

Endlich klammere ich mich nicht mehr an die schwachsinnige Hoffnung auf eine
Liebe, die alles ändern würde. Ich habe jetzt verstanden, dass es nicht klappen
kann, ohne dass so etwas passiert wie damals mit Stella, die wieder und wieder in
meinen Träumen auftaucht. Die mich nicht in Ruhe lässt mit ihrem gnadenlosen
Blick, der über der Stadt hing, der noch jetzt über meinem Haus hängt, und den ich
so gerne einfach abknallen würde, wenn ich ne Flinte hätte, die so weit reicht.
Ich hab aber nur ein Messer, und ich habe Minka, der ich das gestern mal zum
Spaß an den Hals gehalten habe. Sie hat leise gefiept. „Wir haben’s gut, nicht wahr,
Minka?“, sagte ich und lächelte so liebenswürdig, wie ich konnte. „Du und ich, wir
passen einfach wunderbar zusammen.“ Am Abend brachte ich ihr Kartoffelsalat in
einer Plastikschüssel. Sie frisst einfach alles, was ich ihr hinstelle.

Dann beginnt die Phase des grund- und glücklosen Hochgefühls. Eine Zeit, in der
nichts mich stoppen kann, nichts mich überhaupt berührt. Ich ritze mit dem Messer
in der Tischplatte herum, als wär es meine Haut; ich lasse mir ein Fell wachsen, ich
wünschte, es wäre aus Stahl und Beton. Meine Traurigkeit hat ihre Zeit gehabt, jetzt
mach ich 50 Liegstütze auf Granit und spucke Blut in meine hohle Hand.
Nach Stella hätte es niemanden mehr geben sollen. Weil ich es offensichtlich mit
keinem Menschen aushalten konnte (inklusive mir selbst), beschloss ich, mich nicht
mehr zu verlieben. Aber es gab da einen Widerspruch zwischen der Vernunft und
mir; zwischen der Welt am frühen Morgen, die sich immer wieder anfühlte, als gäbe
es nichts Schreckliches, und den Ängsten vorm Einschlafen, Gedanken von
Entgleiten und Auflösung, als könnte sich im nächsten Moment der Raum, die
Matratze, meine Haut als eine Substanz entpuppen, die nicht wirklich ist, die keinen
vertrauten Gesetzen folgt.

Am schlimmsten war die permanente Beobachtung. Ich habe keinen Schritt tun
können, ohne mich bewertet zu fühlen. Stella schwebte über mir. Meine Mutter.
Mein Deutschlehrer. Sie alle haben mich bewertet vom ersten Atemzug an. Und ich
habe es einfach nicht fertig gebracht, mir dieses Gefühl wieder abzutrainieren.
So habe ich die Stadt verlassen. Sie war kein Ort zum Untertauchen: in allen
Straßen lauern diese Blicke. Als ich abgehauen bin, wusste ich zumindest meinen
Namen noch und ein paar Weisheiten über die Endlichkeit des Daseins und die
Unendlichkeit der kapitalistischen Vergesellschaftung. Ansonsten war mein Hirn
eine wunde Fläche.

Dann dieses Haus, der Fluss (ein anderer), die Postkarten an den kahlen Wänden.
Ein Ofen, ein Spiegel, eine Idylle, die kaum auszuhalten ist. Kaum hatte ich mich
von allen Verkabelungen gelöst, war’s gewohnt, allein zu sein, stand dann eines
Tages Minka im Hof. Mit großen Augen sah sie mich an, ließ sich von mir ins Haus
tragen und auf den Küchentisch setzen. „Willst du mein Tier sein?“ flüsterte ich und
strich ihr sanft über den knochigen Rücken. Sie zitterte. Sie war wirklich niedlich.
Ich hatte Lust, ihr weh zu tun.

Stattdessen sperrte ich sie ein und wartete, bis sie aufhörte, an der Tür zu kratzen.
Auch eine Art, den Tag rumzukriegen; am Abend rauschte der Fluss, das Radio und
der Wind in den Feldern, ich trank einen Schnaps vorm Schlafengehen. Müde stellte
ich fest, dass es mir immer besser gelang, kein Mitgefühl mehr zu empfinden; so
frei, sagte ich laut zu mir selbst, hab ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
Ich habe alle Zeiten meine Einsamkeit gelebt, als wäre es eben das, was ich vom
Leben zu erwarten hätte, als gäbe es für mich nichts, was besser passte. Mein
Verhältnis zu Dingen wie zu Menschen: ein Begehren nach glatten Oberflächen. Der
Wunsch, den schönen Schuh durch den Display hindurch zu berühren. Der Wunsch,
die Menschen, die etwas an sich haben, das ich haben will, durch alle Kleidung
hindurch und an allen Regeln der Machbarkeit vorbei anzufassen; oder gleich in sie
hinein. Ein beliebiges Mädchen auf der Schultoilette an die Wand pressen und ihr
die Hose runterziehen. Vielleicht gefällt auch ihr es ja, in jemandes Augen zu sehen,
dass er ihr gleich wehtun wird.

Ich hatte zwei in meinem Leben, zwei Lieben, wenn man das so nennen kann. Stella
war die erste und ihr verdanke ich alles, was seitdem nicht geklappt hat. Melike war
die zweite, und das mit ihr war vielleicht keine Liebe, sondern eher das Resultat
eines umherschweifenden Begehrens, das sich an irgendeine Substanz anheften
musste, um wirklich zu werden. Melikes Substanz schien dafür bestens geeignet: sie war
breitschultrig, weich und kräftig, und die riesigen Brüste quollen ihr aus dem BH wie
ein sehr, sehr frühkindliches Versprechen. Es war einer der Sommer, in denen ich auf der Alp
arbeitete, um Geld zu verdienen. Wie immer war es zu wenig, aber für Schweiß und
Schmerzen und eine Sonne, die mir die Gedanken aus dem Hirn zu brennen
versprach, nahm ich die schlechte Bezahlung in Kauf.

Die eine Nacht, in der wir endlich genug getrunken hatten, um miteinander ins Bett
zu gehen: Melike hatte sich am Abend plötzlich umgedreht zu mir und meine Hand
unter ihr T-Shirt geschoben. Ich war kurz wie gelähmt und habe dann einfach
begonnen, sie zu streicheln, was sich schön anfühlte. „Das ist wie Meditation“,
hatte sie geflüstert, „wie etwas, was mich schweben lässt. Mach weiter, ja?“ Wir
hätten es dabei belassen können, bei diesem Schweigen, das so außerhalb der Zeit
stand: war ihr Atem schneller oder langsamer, und waren das wirklich nur meine
Hände, die ihr ins warme Fleisch griffen? Alles verschwamm auf eine seltsam
schöne Weise. Aber dann rückte sie ein Stück näher und presste sich an mich: auf
einmal war ihr Köper so nah, ihre Hüften rieben sich an mir, und ich spürte, wie ich
ausstieg, wie ich mich innerlich davonmachte. Es gibt da etwas in dieser
Körperlichkeit, das zu bedrohlich ist, um es auszuhalten. Es hat auf einmal nichts
mehr mit mir zu tun. Ich spüre nichts, ich höre weit entfernt das Bimmeln der
Kuhglocken, ich höre das Ticken meines Weckers, ich höre das Knistern der Kabel,
eine Einbildung: „Hör auf“, sagte ich irgendwann, „das wird nichts“, und dann war
schon drei Uhr und wir hatten nur noch zwei Stunden übrig zum Schlafen.

Schön wär’s auch, an eine kosmische Gerechtigkeit glauben zu können: Demnach
dürfte Stella nie wieder glücklich sein. Stattdessen bin ich diejenige, der es
zusehends schlechter geht. Auf meiner Seite ist ein so fettes Minus, dass eigentlich
nur eine mittelschwere Naturkatastrophe noch für Ausgleich sorgen könnte. Einmal
rief sie an, klang abgeklärt: ja, es gäbe eine neue Liebe in ihrem Leben, und sie sei
mir dankbar für das, was mit mir habe lernen können. Manche Fehler wiederholt
man nicht. „Okay, Schlampe“, schrie ich in den Hörer, „dann hoffe ich mal, dass der
nächste tödliche Autounfall euch gehört!“ In Wirklichkeit nickte ich nur stumm. Ich
schmiss nicht mal das Telefon aus dem Fenster. Ich rammte lediglich die
Bastelschere in die weiche Haut an meinem Oberschenkel und sah zu, wie das Blut
sehr langsam in den Ritzen im Parkett verschwand.

In einer der ersten Nächte, in der Minka mit mir im Haus war, konnte ich nicht
schlafen. Ich lag auf meiner schmalen Matratze in dem Raum, den ich zu meinem
Schlafzimmer erkoren hatte (er war karg und klein und das Fenster eher ein
Schacht, durch den das Mondlicht fiel), und starrte an die Decke. Ich stellte mir vor,
wie es wäre, Minka wirklich weh zu tun, im Wissen darum, dass sie nicht weg
könnte, dass dieses kleine, pelzige Wesen jetzt mir gehörte. Sie nach meinen
Vorstellungen erziehen, wie Menschen das seit Jahrtausenden mit Tieren tun: eine
ganz alte Tradition. Das gefiel mir; in meinem Bauch breitete sich Ruhe aus.
Später jedoch zeigte sich, dass die Phantasie ihren Reiz verlor, sobald ich Anstalten
machte, sie in Realität zu übersetzen: Minka war von Anfang an so schwach und
kränklich, dass mir die Lust verging. Es war enttäuschend, wie alles. Es war genau
das, was ich eh schon wusste: dass die Welt nicht meinen Wünschen folgen würde,
dass das, was ich wollte, keine Rolle spielte, nie.

Eigentlich habe ich mir doch nur jemanden gewünscht, mit dem ich mein Fahrrad
zusammenschließen kann. Jemanden, der mir einen Kuss mit auf den Weg gibt
oder ein Schmalzbrot oder zumindest die Erinnerung eines Geruchs an meinen
Fingern. Egal, was ich glaube, ich werde diese Sehnsucht nicht los nach einer, der’s
vielleicht gelingen könnte, zu mir vorzudringen, über diese Grenze, die was weiß ich
wo verläuft. Um mein Haus, mein Herz, mein Hirn ist ein Bannkreis; und über den
Dächern Stellas schrecklicher Blick.

Am Ende des Alpsommers hat mich Melike dann nach Hause gefahren. Es war trotz
allem eine schöne Fahrt. Wir waren braungebrannt und hatten Muskeln bekommen,
wir rochen nach Stall, saurer Molke und Quellwasser, hatten Staub in den Haaren
und Löcher in den Hosen. Sie streichelte versöhnlich mein linkes Bein. Die Musik
war laut und das Fenster offen. Wir fuhren in den Abend, verbrachten die Nacht auf
einem Parkplatz an der Autobahn, ihr offener Mund, mein offenes Hemd, irgendwie
war ich verliebt in dieser Nacht. „Melike“, fragte ich am Morgen, „magst du
mich?“ „Frag mich so was nicht vorm ersten Kaffee“, grunzte sie, schlug mir dann
aber doch mit der Hand auf den Rücken und sagte, „ja doch, du Spinner.“
Als auch Minka dann irgendwann nicht mehr da war, löste sich etwas in mir; ein
seltsames Gefühl von Befriedigung. Ich brauchte eine Weile, dann verstand ich, was
es war: Erleichterung. Endlich, endlich war ich wieder alleine.