Virginia Spuhr

Formprinzip der gesellschaftlichen Totalität

Wert-Abspaltungs-Theorem und Sexismus in Zeiten der Postmoderne¹

Die Notwendigkeit einer adäquaten Kritischen Theorie des Geschlechts besteht heute wie eh und je. Roswitha Scholz hat mit ihrem Wert-Abspaltungs-Theorem einen Versuch unternommen, dieser impliziten Forderung nachzukommen. Ihre Theorie ist ein Versuch, Wesen und Erscheinung des Sexismus analytisch zu trennen und in Anlehnung an Marx’ Wertformanalyse eine Realabstraktion1 zu finden, die die Situation der Frau im Kapitalismus erklären kann. Ich finde dieses Projekt sehr spannend, bin jedoch der Meinung, dass es an einigen Punkten an seine Grenzen stößt und möchte hier laut nachdenken über eine Kritische Theorie des Geschlechts, die weitergeht.

Es gibt noch immer einen Bereich, der Frauen fast allein gehört: die gute alte Reproduktionsarbeit.

Sexismus ist sicherlich derjenige in der Reihe der drei großen Gegenstände linker Kritik – Rassismus, Antisemitismus, Sexismus –, der von der Kritischen Theorie allgemein am wenigsten beachtet wurde2. Auch gesamtgesellschaftlich wird das Problem der Diskriminierung von Frauen3 und Queers sehr stiefmütterlich behandelt (hier wird v.a. auf Deutschland Bezug genommen): Zwar werden von offizieller Seite neue Programme zur Gleichstellung der Frau erstellt, beispielsweise sogenannte Gendermainstreaming-Programme4. Doch die niedrigere Entlohnung von Frauen oder die Geringschätzung einer Meinung zum Weltgeschehen, wenn sie von einer Frauen kommt, ist noch immer Teil unseres Lebensalltags. Dies sind jedoch nur Beispiele; die Gleichstellung der Frau und des Mannes vor dem Gesetz ist weit fortgeschritten. Man könnte daher sagen die politische Emanzipation (siehe outside the box #1 – Schwerpunkt: Emanzipation) ist somit zu weiten Teilen erreicht – auch wenn Fälle wie die Diskussion um den berüchtigten Abtreibungsparagraphen (§218) zeigen, dass es noch eine Weile brauchen dürfte, bis der Körper der Frau wirklich ihr selbst gehört. Der herrschende Konsens ist: Frauen sind ja längst auf Augenhöhe mit Männern.

good old Reproduktionsarbeit

Wie aber ist die Lage der Frau tatsächlich? Jetzt ist einer der wenigen Momente, in dem ich tatsächlich eine Statistik bei der Analyse von Gesellschaft zu Hilfe nehme: Noch immer gibt es den glass-ceiling-effect5, noch immer ist Gewalt männlich, besonders sexuelle Gewalt6. Und vor allen Dingen gibt es immer noch einen Bereich, der Frauen fast allein gehört: die gute alte Reproduktionsarbeit. Diese ist hier definiert als jene Arbeit, die nicht zur wertbildenden7 gehört, diese aber grundlegend bedingt (Hausarbeit, Ernährung, Erholung, Fürsorge, Fortpflanzung sind einige Begriffe, die diesen Bereich beschreiben). Es ist augenscheinlich, dass diese einerseits strukturell nicht von kapitalistischer Arbeit erfasst wird, Lohnarbeit aber andererseits ohne sie auf die Dauer nicht funktioniert. Bezogen auf sog. Entwicklungsländer muss die Situation ein wenig anders gefasst werden: Hier ist die Schere zwischen Arm und Reich oft so weit, dass Frauen der Oberschicht den Reproduktionsbereich ausgliedern und die Reproduktionsarbeit von ärmeren Frauen für reichere Schichten in schlecht bezahlter Lohnarbeit erledigt wird (dies öffnet die Tür für viel Ausbeutung etwa durch nicht gemeldete Arbeitsverhältnisse). Frauen, die den unteren Mittelschichten angehören, stehen oft in dem Zwiespalt, dass ihre Arbeit ja besser bezahlt wird als die Reproduktionsarbeit, die ärmere Frauen leisten und dass sie also ebenso hart arbeiten gehen wie ihre männlichen Kollegen und Partner – Haushalt und Kinder müssen sie anderen Frauen überlassen. Der ärmeren Schicht ist in der doppelten Freiheit der kapitalistischen Arbeit keine Wahl gelassen: Kinder werden für die Dauer des Arbeitstages der Oma, Nachbarinnen oder der Straße überlassen, wo es geht werden sie mitgenommen zum Arbeitsplatz. Besonders prekär ist dies etwa bei Prostituierten, die selten als Mütter gedacht werden, wobei gerade bei ihnen und gerade in der sogenannten Dritten Welt der Job mit Mutterschaft – früher oder später – meist zusammengeht8. Aber auch dies ist geschichtlich durchaus keine Neuerscheinung, vergleicht man einmal die Freiheit der Großbürgerin mit jener der Arbeiterin im 19. Jahrhundert.
So wie früher in der fordistischen Ära die Bezahlung einer Anstellung plötzlich auch für freizeitlichen Konsum reichen sollte, um diesen zu stärken, war es auch lange usus, dass (außer häufig bei Arbeitern, dies muss unterstrichen werden) das Gehalt des Mannes auch für Frau und Kinder reichen sollte. Heute, wo dies zumeist nicht mehr so gerechnet wird, lohnarbeitet frau auch oder kann dies tun. Dennoch ist sie zuständig für den früher vom Mann, heute von ihr oder von beiden finanziell getragenen Bereich der Reproduktion. Roswitha Scholz entwickelte mit dem Wert-Abspaltungs-Theorem ein Modell, in dem sie den Zusammenhang von kapitalistischer Arbeit und Geschlecht erfasst, ja ein „Formprinzip der gesellschaftlichen Totalität“9 gefunden haben will.

„Nicht wertförmige Tätigkeiten und Arbeit bilden eine widersprüchliche, miteinander vermittelte Dualität und sind als solche keine überhistorischen Konstanten menschlichen Lebens, menschlicher Gesellschaften überhaupt. Die von der übergreifenden Wertabspaltungsform gesetzte wertförmige Arbeit und die Abspaltung der nicht wertförmigen Tätigkeiten sind spezifisch-kapitalistische Kategorien; sie formen ein reales gesellschaftliches Verhältnis, welches so in modernen kapitalistischen Gesellschaften – und nur in ihnen – gültig ist. Innerhalb des gesellschaftlichen Verhältnisses ist diese Realabstraktion unhintergehbar, in der Konsequenz aber zusammen mit dem gesellschaftlichen Verhältnis überwindbar.“10

R. Scholz versteht die vergesellschaftete Gesellschaft also grundsätzlich materialistisch und will der Marxschen Wertformanalyse eine neue Kategorie11 hinzufügen, die es ihrer Meinung nach braucht, da Reproduktionstätigkeiten im Wert selbst nicht manifestiert sind7, sondern diesen erst ermöglichen. Die Wertform bei Marx ist die dialektische Einheit von Geld und Ware11; in der Kapitalform bilden Finanzkapital und Produktion (Industriekapital) eine dialektische Einheit. Reproduktion ist hierin nicht enthalten; sie bildet die „Schattenseite des Werts“. So baut Scholz der Wertform noch eine Ebene der Wert-Abspaltung vor: Diese ist als „Formprinzip der gesellschaftlichen Totalität“12 zu sehen und geht als Metaverständnis von kapitalistischer Vergesellschaftung über die traditionellen Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie hinaus. Die Wertform hingegen kann ‘nur’ das warenproduzierende Patriarchat selbst beschreiben; dieser sozioökonomischen Kategorie fehlt die kulturell-symbolische sowie die sozialpsychologische Dimension, so Scholz.

Der Dekonstruktivismus erklärt das gesellschaftliche Problem des Geschlechterverhältnis zum Problem der Einzelnen.

In der Aufspaltung von Arbeit in Reproduktionsarbeit und wertschaffende Arbeit liegt die Dichotomie von Ökonomie oder Sozialem einerseits und Natur andererseits, von Krieg und Frieden, Konkurrenz und Fürsorge, Öffentlichem und Privatem hiernach begründet – dabei ist diese Dichotomie nur eine scheinbare. Durch den Fetisch werden diese Kategorien, die eigentlich zusammen gedacht werden müssen, da sie sich gegenseitig bedingen – also komplementär sind – aufgesprengt.13 Somit kann „reißerisch und zugespitzt formuliert werden: Der Wert ist der Mann“, während die Frau für „Hege, Pflege und ‘Liebe’“14 zuständig ist. Dieses vom Wert Abgespaltene bildet die „Rückseite der Wertform“ (s.o.). Sie stellt hier eine neue Kategorie zur Kritik der politischen Ökonomie zur Disposition und beschreibt deren Erscheinung: die Veränderung des Geschlechterverhältnisses in der Postmoderne15 – und deren Wesen: die Wert-Abspaltung.

Die Doppelbelastung der Frau als Dekonstruktion von Geschlecht?

Scholz kritisiert den dekonstruktivistischen Ansatz von Butler, da der Dekonstruktivismus nur zur Fragmentierung und Individualisierung geführt habe, nicht aber zu einer realen Veränderung: Sie meint, das grundsätzlich gesellschaftliche Problem des Geschlechterverhältnisses werde so zu einem Problem der Einzelnen, die Lösungsvorschläge – Parodierung der Heteronormativität und des dualistischen Geschlechterverhältnisses – könne die Verhältnisse nicht überwinden, sondern ‘nur’ zu einem spielerischen Umgang mit diesen verhelfen. Außerdem sei die doppelte Vergesellschaftung der Frau real dekonstruiert worden, denn Frauen haben in unserer Zeit durch die weitgehende rechtliche Gleichstellung nicht mehr von Staats wegen die ihnen zu Beginn des Kapitalismus im Bürgertum zugeschriebene ‘weibliche’ Rolle inne – ohne dass dadurch jedoch die prinzipielle Geschlechterhierarchie verschwunden wäre. Hierbei geht sie etwas lapidar über die schönen neuen Freiheiten hinweg, die tatsächlich für Einzelne heute durch eben diesen spielerischen Umgang gegeben sind: Welchen Geschlechts zwei Liebende sind, ist, solange es noch mit m/w bezeichnet werden kann (!), de jure egal geworden (d.h. auch m-m und w-w sind möglich, solange es eben eindeutig bei m-m und w-w bleibt). Auch die Möglichkeit, nicht erst dann einen Job zu bekommen, wenn er/sie auch äußerlich ganz der Norm entspricht, hat für viele einen Vorteil gebracht. Trotzdem gibt es aber diese Norm. Und trotzdem bleiben diese Freiheiten ungenügend. Um eine Emanzipation aller Menschen zu schaffen, müsste die zugrundeliegende Wert-Abspaltung überwunden werden. Das Schöne an dieser Theorie ist, dass Scholz so der Problematik, Marxistin und Feministin zu sein, also irgendwann evtl. in die Falle der Haupt- und Nebenwiderspruchs-Problematik zu tappen, entgeht.
Die doppelte Vergesellschaftung der Frau hat also zur Folge, dass Frauen immer mehr zum Teil der kapitalistischen Produktion geworden sind (und das muss zugleich hochgehalten und kritisiert werden), sie hat aber nicht die Zuständigkeit der Frau für Haushalt und Kinder abgeschafft – nicht in Schweden, nicht auf Cuba, nicht in der DDR und nicht in Japan.16

Das Schöne an dieser Theorie ist, dass Scholz so Marxistin und Feministin sein kann, ohne in die Falle der Haupt- und Nebenwiderspruchs-Problematik zu tappen.

Die Wert-Abspaltung ist also kein neues Problem, aber auch kein überwundenes. Es bliebe sogar zu diskutieren, ob nicht im Zuge der Globalisierung und der teilweisen Rücknahme der Sozialgesetzgebung die traditionell weiblichen Zuständigkeitsbereiche, die zwischenzeitlich auch als veränderbar begriffen wurden, wieder fester zementiert werden. So sieht es zumindest Scholz:

„Neuere Analysen zum Thema ‘Globalisierung und Geschlechterverhältnis’ legen die Schlußfolgerung nahe, daß nach einer Zeit, in der es so scheinen konnte (oder auch tatsächlich so war), als hätten sich Frauen systemimmanent immer mehr Freiräume und Chancen ergattert, im Zuge von Globalisierungsprozessen eine Verwilderung des warenproduzierenden Patriarchats im Weltmaßstab kommt […].“17

Die Spannung von Wesen (die Wert-Abspaltung) und Erscheinung (die Veränderun gen des Geschlechterverhältnisses in der Postmoderne) des Patriarchats heute ist jedoch schwer auszuhalten, wenn man etwa das Bild der Frau in der Moderne – etwa in den fünfziger Jahren – als Kontrastpunkt annimmt. Scholz bestätigt natürlich, dass sich das Bild der Frau in der heutigen Zeit (sie geht von der Postmoderne aus) verändert hat. Dies sei aber nur auf der Ebene der Erscheinung zu konstatieren, nicht auf der Wesens-Ebene.

Subjektform, Wertform, Wert-Abspaltungs-Form?

Wo liegen nun die Probleme mit diesem Theorem? Es kann doch, wie Scholz sagt, Arbeit und andere Tätigkeiten als zwei Seiten einer Münze, Reproduktion als den Schatten, den der Wert wirft, (wie Scholz sagt) begreifen. Betrachten wir zwei andere Kritische Theoretiker, die versucht haben, Rassismus (Joachim Bruhn in „Was deutsch ist“) und Antisemitismus (Moishe Postone in „Nationalsozialismus und Antisemitismus“)18 mithilfe ihrer Wertanalyse zu erklären. Sowohl bei Bruhn als auch bei Postone sind die Realabstraktionen Wertform und Subjektform zentral, um daraus rassistisches bzw. antisemitisches Denken und Handeln zu erklären. Scholz hingegen gibt sich mit diesen zwei uralten Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie nicht zufrieden, sondern konstruiert eine Form hinter oder über der Wertform. Marx bemüht sich im Kapital um eine empirische Rückkopplung der Kategorie des Werts. In seiner Methode, Wesen und Erscheinung des Kapitalismus getrennt und doch miteinander vermittelt in den Blick zu nehmen, begründet er materialistische Kritik (im Gegensatz zum Idealismus): Gesellschaft und ihr historisches Werden ist der Ausgangspunkt. Ich bin sehr skeptisch, ob Scholz dies mit der Wert-Abspaltung auch gelingt. Diese von ihr geschaffene Form ist mit der Wertform über den Wert vermittelt: In ihr vollzieht sich die Abspaltung dieser weiblichen Tätigkeiten analytisch vor der Aufspaltung der Einheit von Ware und Wert in ihren fetischisierten Doppelcharakter.

Reichen die Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie oder brauchen wir Scholz‘ Form vor der Form?

Aber: Die Subjektform existiert de jure. Das Subjekt ist rechtlich definiert worden durch seine Geschäftsfähigkeit – BGB § 105: Die Willenserklärung eines Geschäftsunfähigen ist nichtig – hängt also mit seiner Fähigkeit, Verträge zu schließen, die die Tausch- und Arbeitsfähigkeit betreffen, zusammen. Die Wertform ist ebenso ein analytisch und historisch herleitbares, dialektisches Verhältnis (s.o.), das im Tauschvertrag, also bei jedem Gang in den Gemüseladen ebenso wie beim Autokauf existiert. Wie jedoch ist die Wert-Abspaltung zu verstehen, die nicht analytisch hergeleitet wird, sondern ein Phänomen fassen soll, das sie beschreibt, das sich aber nicht (mehr19), bspw. vertraglich, festmachen lässt? Sie kann nicht mehr als beschreiben, dass die Reproduktion abgespalten wird von wertbildender Arbeit.
Dies verleitet mich zu einer weiteren, ebenso wichtigen Kritik: Auch wenn die Abspaltung anderer Tätigkeiten von der wertbildenden Arbeit einen sehr großen Bereich des Patriarchats ausmacht, besonders, wo diese sogar mit Sexualität und Körper zusammenhängt, nämlich in der Fortpflanzung, so bleibt doch noch einiges außen vor, was das Phänomen der Diskriminierung von Nicht-Männern ausmacht: Etwa die historische oder auch aktuell noch in einigen animistischen Ländern Afrikas stattfindende Hexenverbrennung, die Witwenverbrennung in Indien, die Ermordung von Frauen, die ihre ‘Ehre’ oder die Geduld verloren haben (besonders, wenn auch nicht nur dort, wo fundamentalistische Formen des Islam Praxis sind), die alltägliche Gewalt gegen Transleute und vieles mehr. Auch die Selbsterhöhung von Männern durch dumme Witze, Sprüche, Taten, Filme, Sexualpraxen bleibt hier außen vor, sowie die internalisierte Gewalt, die Frauen und Queers sich selbst antun, um die ihnen nahe gelegte gesellschaftliche Rolle erfüllen zu können20. Es mag sein, dass unser westlicher Sexismus sich zunehmend in der Problematik der Reproduktion erschöpft, die noch immer ausschließlich weiblich bleibt (ich getraue mich hier, über die 4% der Männer, die ‘Elternzeit’ - als wichtigen Teil der Reproduktionsarbeit – nehmen, zugunsten eines die große Mehrheit betreffenden Bildes, in dem die Tätigkeit eines Mannes im Haushalt noch immer als ‘Hilfe’ betitelt wird, hinwegzugehen). Ich sehe jedoch noch viele gegenteilige Beweise und würde vielleicht eher sagen, dass sich der Sexismus in Deutschland – bspw. im Vergleich zu Argentinien (wo de jure auch eine weitgehende Gleichstellung besteht) – weiter vom Öffentlich-Politischen ins Private zurückgezogen hat. Der Unterschied zwischen ‘privater’ häuslicher Gewalt, die strafrechtlich verfolgt werden kann, wenn die Frau den Schritt aus dem Privaten wagt, und staatlich-religiös betriebener Misogynie wie etwa im Sudan bleibt jedoch himmelweit. In weiten Teilen der Welt ist die politische Emanzipation, trotz gelingender Kapitalakkumulation, wie gesagt nicht in Sicht.
Wie aber will das Modell der Wert-Abspaltung diese verschiedensten Arten von Gewalt erklären? Zurück zu den anderen Wertkritikern: In Postones Herleitung des auf ‘die JüdInnen’21 projizierten, personalisierten Hasses auf das Abstrakte kann moderner Antisemitismus adäquat erfasst werden. Dieser setzt sich, in aller Kürze zusammengefasst, aus dem Warenfetisch, der historischen Verknüpfung der ‘Juden’ mit Geld und einem etatistischen Kapitalismus (nach dem Modell der sozialen Marktwirtschaft, das das liberale Kapitalverständnis so nicht kennt) zusammen: Seine Erscheinungsform und sein Wesen sind hierin vermittelt miteinander dargestellt. Ebenso in Bruhns Kritik an der bürgerlichen Subjektform, aus der er die strukturell entstehende Wut auf alles, was sich den modernen kapitalistischen Anforderungen an den Menschen scheinbar nicht beugen muss, erklärt. Verdrängung unserer Bedürfnisse, Verzicht, Entfremdung bestimmen maßgeblich unser Leben im Kapitalismus. Im Rassismus wird auf eine Gruppe von Menschen, die als das Fremde gesetzt werden, die Möglichkeit eines Lebens jenseits von Verzicht und Entfremdung projiziert: Die Unterteilung der Menschheit in ‘Unmenschen’, gleiche Subjekte und ‘Übermenschen’ (so eben auch die Zuschreibung der Unter- und Überwertigkeit) wird also vorgenommen. Bei Roswitha Scholz’ Wert-Abspaltung jedoch wird zwar beschrieben, wie Reproduktions- und wertbildende Arbeit zusammengehören, jedoch nicht Sexismus analytisch begriffen. Wenn das Abgespaltene und der Wert als Form das Wesen des Sexismus sein sollen, so sind doch zudem (zu) viele Erscheinungsformen des Sexismus nicht mit eingeschlossen.

Ansätze für eine Kritische Theorie des Geschlechts

Eine Kritische Theorie, die durch materialistische und psychoanalytische Kategorien Sexismus angemessen erfasst, muss mehr als die den Frauen zugeschriebenen Tätigkeiten als mit Lohnarbeit vermittelte denken. Hier könnte angesetzt werden bei der Subjektform selbst: Hatten Frauen nicht, wie schon zuvor dargelegt, lange Zeit keinen Teil am Prozess der Subjektwerdung des Menschen? Ist dies nicht in einigen Ländern, deren Wirtschaftsform auch die kapitalistische ist, dennoch weiterhin der Fall, wie bspw. überall dort, wo Sittenwächterinnen darauf achten, dass keine Frau aus der islamfaschistischen Reihe tanzt? Ist die Subjektform selbst, als die mit Geschäftsfähigkeit, also mit dem Wert vermittelte Form, eine, welche Frauen als nicht-wertbildende Menschen ursprünglich ausschließt? Werden Frauen durch die Zuschreibung der größeren Naturverbundenheit und Fürsorglichkeit, Intuition und Wärme Eigenschaften zugesprochen, die klassischerweise auch in rassistischen Denkweisen vorkommen, wo Triebauslebung und Ursprünglichkeit in Menschen hinein halluziniert werden? Andererseits wird Frauen über ihr im Sexismus konstruiertes ‘konkretes Wesen’ auch manchmal eine geheime, esoterische Macht zugesprochen, die Männern nicht zugänglich sei und – obwohl doch Zahlen über die Situation des ‘schwachen Geschlechts’ das Gegenteil besagen – die angeblich hinter den Dingen stehe.Es gibt also mitunter auch sexistische Verschwörungstheorien (besonders gutes Beispiel: Hexen) – Phantasien um Macht, die leise an antisemitische Verschwörungstheorien erinnern?22 Hiermit wird häufig der patriarchale Charakter von Gesellschaften entschuldigt – mittels der Behauptung, dass die Frau doch eigentlich die sei, die zuhause die Hosen anhabe und somit durch ‘weibliche Stärke’ das Geschick der Dinge lenke. Wie können diese verschiedenen Vorurteile, diese unterschiedlichen Erscheinungsformen des Sexismus, zusammen begriffen werden? Wie kann das Wesen des Sexismus, das noch adäquat bestimmt werden muss, wiederum zu dieser Empirie in Bezug gesetzt werden?
Kann nicht Gewalt gegen Frauen, die so alltäglich ist, dass selbst die betroffenen Frauen sie häufig nicht mehr als solche wahrnehmen, als Machtausdruck des männlichen Subjekts verstanden werden, welches auf der Suche nach Identität auf jene einschlägt, die sich oft noch immer nur über seine Subjekthaftigkeit profilieren können und dürfen? Vielleicht wäre dies ein Schritt in die richtige Richtung – auf der Suche nach dem Wesen des Sexismus nicht das Problem in den Frauen zu suchen, sondern in der gewaltförmigen Subjektform, in die der Mann gepresst ist.23
Die Wert-Abspaltung bleibt somit ein Theorem, welches den Zusammenhang von Reproduktion und kapitalistischer Arbeit beschreibt aber leider nicht ausreicht, um Sexismus oder das Patriarchat zu verstehen. Dessen Erforschung durch die Kritische Theorie bleibt ein weites Feld, das leider zum großen Teil noch immer brach liegt.

  1. Der Begriff der Realabstraktion ist ein an Marx angelehnter, von Alfred Sohn-Rethel geschaffener Begriff zur Beschreibung einer abstrakten Form (das ‘Wesen’ einer Sache), die jedoch real existiert und sich verschiedentlich manifestiert (die ‘Erscheinung’ einer Sache).

  2. Der Antiziganismus soll nicht vergessen werden und könnte hier auch als Viertes aufgenommen werden.

  3. Ich will in meinen Überlegungen nicht ignorieren, dass die Bezeichnung ‘Frau’ auch schon eine Zuschreibung ist, die normierend wirkt. Dennoch ist sie gesellschaftlich so präsent, dass ich sie als real behandeln werde, wo mir dies nötig erscheint, um Gesellschaft zu beschreiben und solange sie (gemachte) Realität ist,.

  4. Auch wenn ich keine Befürworterin eines starken Staates bin, ist die Maßnahme, die der Bürgermeister einer spanischen Kleinstadt 2003 ergriff, um die Gleichstellung von Mann und Frau auch im Privaten durchzusetzen, zumindest überraschend: In Torredonjimeno (Spanien) erhielten Männer an einem Tag der Woche Ausgehverbot, um sich an der Hausarbeit zumindest an einem von sieben Abenden der Woche zu beteiligen. Vgl. Link

  5. Gemeint ist hier das gesellschaftliche Phänomen, dass Frauen der berufliche Aufstieg nur bis zu einem bestimmten Punkt zugänglich ist – dann greift eine ‘unsichtbare Grenze’, die als ‘gläserne Decke’ bezeichnet wird.

  6. Man schaue sich bspw. die polizeiliche Statistik von 2001 an - unter „3.18 Gewaltkriminalität“ auf S. 234, siehe Link steht: 88,2% der Gewaltdelikte wurden von Männern ausgeübt, 11,2% von Frauen.

  7. Stark verkürzt: Wenn eine angestellte Bäckerin aus Mehl, Wasser, Hefe, Salz u.a. ein Brötchen backt und dieses dann verkauft, so berechnet sich der Wert des Brötchens aus dem Kaufpreis der Zutaten + anteilig der Lohn der Bäckerin + anteilig die Wartungsarbeiten am Backofen u.Ä. + X. Dieses X ist der Mehrwert, den der Kapitalist (der Besitzer der Produktionsmittel) aus dem Verkauf des Brötchens zieht. Dieser Mehrwert kommt aus der Arbeit, die die Bäckerin in das Brötchen gesteckt hat; es ist dies die besondere Eigenschaft der Ware Arbeitskraft, nämlich Mehrwert bilden zu können. Wertbildend wird hier also jene Arbeit genannt, die Mehrwert schafft, also jede Form von Lohnarbeit. 2

  8. Wie sich bei ihnen die (Un-)Vereinbarkeit von produktivem und reproduktivem Tätigsein gestaltet, kann die/der interessierte LeserIn auf den Seiten von Mujeres Creando und Ammar Capital (spanisch) erfahren: http://www.yosoymadresoltera.com/ninguna-mujer-nace-para-puta-prostitucion-y-madres-solteras/, http://www.ammar-capital.org.ar/article.php3?id_article=7, http://www.mujerescreando.org/pag/articulos/2007/quemalocales/prostitucionquema.htm

  9. Scholz, Roswitha: Wert und Geschlechterverhältnis. In: Streifzüge, 2/1999, Absatz 2

  10. Willms, Malte: Weibliche Tätigkeiten und Männliche Arbeit. Hinweise zur Wertabspaltungskritik. Siehe: Link

  11. Wichtig ist hierbei: Die Wertform als grundlegende gesellschaftliche (nicht nur ökonomische) Kategorie bei Marx. Hierzu in aller Kürze: Produkte menschlicher Arbeit werden zu Waren, wenn sie produziert werden, um auf Märkten verkauft zu werden und also vergleichbar gemacht werden im Tausch (x Ware a = y Ware b). Waren besitzen Tausch- und Gebrauchswert: Der Gebrauchswert ist, wodurch die Ware uns nützlich ist (ein Brötchen hat den Gebrauchswert, gegessen werden zu können). Der Tauschwert hingegen ist der Wert, den die Ware auf dem Markt besitzt (ein Rosinenbrötchen besitzt den Tauschwert 0,55 Cent bei diesem oder jenem Bäcker). Die Wertform, in der Gebrauchswert und Tauschwert noch dialektisch miteinander zusammenstehen, ist eine Einheit (d.h. ihr Wesen ist eine Form, eine Entität). Doch diese Einheit erscheint als Geld (die Erscheinungsform des Werts) und als Ware (die Erscheinungsform des Gebrauchswerts). Das Wesen ist also eine Entität (eine Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert), zerfällt in der Erscheinung jedoch zu einem Doppelcharakter. 2

  12. Die Bezeichnung nimmt Bezug auf die Analyse eines Gegenstandes nach Wesen und Erscheinung. Roswitha Scholz unternimmt hier einen Versuch, nicht die verschiedenen Ausprägungen der kapitalistischen Gesellschaften empirisch aufzuarbeiten, sondern eben das sie ausmachende Wesen in seiner Form zu fassen.

  13. Scholz, Roswitha: Wert und Geschlechterverhältnis, In: Streifzüge, 2/1999, Absatz 3

  14. Ebd., Absatz 5

  15. „[Die Frauen] werden zunehmend in den (Welt-)markt integriert, ohne eine Chance zur eigenen Existenzsicherung zu bekommen. Sie ziehen die Kinder unter Heranziehung von weiblichen Verwandten und Nachbarinnen auf. Die Männer kommen und gehen, hangeln sich von Job zu Job und von Frau zu Frau, die sie womöglich noch miternährt. Der Mann hat nicht mehr die Rolle des Familienernährers.[…] Die Wert-Abspaltung löst sich gewissermaßen bloß aus den starren institutionellen Halterungen der Moderne. Gerade insofern ‚verwildert‘ das warenproduzierende Patriarchat unter prinzipieller Beibehaltung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses.“ Ebd.

  16. Allerdings wäre es geschichtsvergessen, zu behaupten, Frauen hätten irgendwann einmal keinen Teil der wertschaffenden Arbeit geleistet. Betrachtet man das Leben einer Arbeiterin in prekärsten Lohnverhältnissen, so steht der Fall der jungen Mary Anne Walkley, die Mitte des 19. Jahrhunderts gerade einmal zwanzigjährig, „beschäftigt in einer sehr respektablen Hofputzmanufaktur“ Londons (MEW 23: 269) „an langen Arbeitsstunden in einem überfüllten Arbeitszimmer und überengem, schlechtventiliertem Schlafgemach“ starb, nur stellvertretend für die Situation jeder Arbeiterin aus ärmsten Verhältnissen, die es auch heute noch gibt. Dies wird deutlich, wenn ich ihren Fall mit einem beliebigen, sagen wir, in einem Sweatshop im Süden Chinas vergleiche, wo die sogenannten Dagongmei (junge Frauen bis 25) eben nicht, wie Assistant Professor Pun Ngai von der Universität Hong Kong vorschlägt, eine „neue Arbeiterinnenklasse“ bilden, sondern es ist einfach das Kapital, das sich seinen Weg bahnt wie eh und je.

  17. Scholz, Roswitha: Wert und Geschlechterverhältnis, In: Streifzüge, 2/1999, Absatz 8.

  18. Bruhn, Joachim: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg 1994, Kapitel 2; Postone, Moishe: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Zuerst auf Deutsch erschienen in: Diskus. Frankfurter Studentenzeitung. H. 3/4 (1979), .37-47.

  19. Wenn ich jedoch an in Deutschland zumindest historisch wirksame Eheverträge denke, bei denen der Mann das Recht auf Sex ebenso wie auf die Produktionskraft der Frau und auf die Frucht ihres Leibes erhielt, so ist auch hier die vertragliche Ebene existent. Die Wert-Abspaltung ist jedoch innerhalb des Kapitalismus nach Scholz nicht überwindbar, sondern konstitutiv für diesen. Was ist also mit der heutigen Situation, wo zwar Sitten und Normen, aber kein Gesetz mehr die Frau an den Herd bindet? Allerdings stellt sich diese Frage auch, wenn man sich fragt, was den kurdischen Ingenieur in Chemnitz in den Dönerladen zwingt.

  20. Interessant sind an dieser Stelle die Biographien auf der Seite fembio (siehe z.B. Romy Schneider).

  21. Den Begriff setze ich hier in Anführungszeichen, da er hier eine nur in der Wahnwelt der AntisemitInnen existierende sog. Blutsgemeinschaft bezeichnet.

  22. Hiermit soll keine Gleichsetzung von Rassismus und Sexismus oder Antisemitismus und Sexismus vorgenommen, sondern nur Elemente des Sexismus betrachtet werden, die die Schwierigkeit der Einordnung dieser Ideologie in das Schema der Konstruktion ‘überwertiger’ oder ‘unterwertiger’ Menschen aufzeigt. Scholz geht demnach meines Erachtens schon der richtigen Spur nach, wenn sie den Versuch unternimmt, eine neue Kategorie zu erschließen.

  23. So sagt doch auch der Rassismus und der Antisemitismus vielmehr etwas über die Rassistin und den Antisemiten aus, als über deren Hassobjekt.

Virginia Spuhr lebt in Leipzig und ist Teil der outside the box Redaktion.