Karolin Reinhold

MEX – I – CAN!

Das Medium Comic als Raum des Neudenkens. Rezension

Chucho: „A women should always wear a skirt or a dress. You won’t find a husband by wearing men’s clothes. See? Look at you. Lonely and rejected because…“

Hopey: „Sorry, chucho man! I don’t listen to old shit eating drunks!“

Lange Zeit als triviales Unterhaltungsmedium abgestempelt und primär auf Nicht-Erwachsene ausgerichtet, wird dem Genre Comic oft Seriosität abgesprochen. Wer liest denn schon Comics? Sind das nicht diese pickligen Nerds, die auch gerne so komische Computerspiele spielen und mit der Realität nicht mehr klarkommen? Doch dass der Bildergeschichte ein grenzsprengendes Potential innewohnen kann, ist seit Art Spiegelmans Maus, in dem dieser die Geschichte seiner Eltern während der Shoah erzählt, zumindest den FeuilletonistInnen klar. Allein von ihrer Grundform her begünstigen Comics die Dekonstruktion von Diskursen - durch die Kombination von textuellen und piktorialen Elementen weisen sie schon per se über sich hinaus.

Die inhaltliche Grenzüberschreitung kann man seit den sechziger Jahren in den USA mit der Entstehung des Unterground Comix beobachten, beeinflusst durch die verschiedenen Gegenkulturbewegungen dieser Jahre sowie billigeren Druckmethoden. Die Geschichten individuellerer Natur und bewegen sich weg von der Ideologisierung durch den Zweiten Weltkrieg und Kalten Krieg. Erst in dieser Dekade gewann der Comic neue Leserschaften. Bisher zumeist von Jungen oder jungen Männern gelesen, erschienen ab Ende der sechziger Jahre auch feministische Comics, die sich mit Themen wie patriarchaler Unterdrückung, Schwangerschaftsabbruch oder Vergewaltigung auseinandersetzten und somit, im Gegensatz zum Mainstream-Comic, den Blick auf diese Themen lenken konnten.

Ein Underground Comic, das auch Vorbild für Art Spiegelmans Schaffen war, ist die Serie Love and Rockets von Jaime und Gilbert Hernández. Seit den frühen achtziger Jahren beschreiben die Hernández Brüder das Leben der queeren Punks Maggie und Hopey.

Magarita „Maggie“ Luisa Chascarillo und Esperanza „Hopey“ Glass sind hispanischer Abstammung und leben in Hoppers, einem Vorort von Los Angeles. Im ersten Storyzyklus Maggie the Mechanic , beginnt Maggie als Assistentin von Rand Race, einem Pro-Solar-Mechanic , zu arbeiten. Sie lebt zusammen mit ihrer besten Freundin - manchmal Loverin - Hopey (- „Hey! Which ones are the guys an’ which ones are the girls?“„Look who´s talking asshole!“ ) und verbringt ihre Zeit damit zu trinken, rumzuhängen und zu Konzerten zu gehen. Abseits dieses Mikrokosmos besteht die Welt aus Robotern, Raumschiffen und SuperheldInnen, die jedoch im Kontrast zu anderen Comics nicht im Vordergrund stehen. So muss Maggie zum Beispiel für einen „big government job“ in dem fiktiven Kleinstaat Zhato ein abgestürztes Raumschiff im Dschungel reparieren, das auf einem Dinosaurier notgelandet ist, doch das beschreibt sie nur lakonisch in Briefen an Zuhause ( „…that had this little juke box in the airport café and on it was the theme song to that hillbilly program you like. I played it eight times.“ und „I mean this jungle is soooooo deep that next to this big, big rocket ship we have to fix that is stuck in the slimey muck, is a big, big, big, old, fat, smelly, fat, old, black dinosaur! No kidding.“ ). Nach einigen Verwicklungen beginnt in Zhato der Bürgerkrieg gegen den bösen Diktator, angezettelt von Rena Titañon, Pro Wrestlerin, und Vorbild Maggies. ( “And did you know that when she wasn’t in the ring she was trotting the globe fighting monsters and crooks, starting revolutions and all other types of heroics?[…] This women I’ve got to meet.“ ). Doch nachdem Maggie zurückgekehrt ist und den Ausgang des verrückten Abenteuers erzählt hat, geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Trotz dieser und anderer aberwitziger Geschehnisse, die sich in das Leben der Protagonistinnen schleichen, hat man das Gefühl, dass dies eben alles so geschehen könnte. Die über 180 Charaktere, die im Laufe der Serie sind ihre Auftritte haben, sind nie klischeehaft oder stereotyp: Sie reden, agieren und lieben, entwickeln sich, versuchen ihr Leben zu leben und irgendwie mit sich und der Welt klarzukommen.

Die verschiedenen Storyzyklen, die die Entwicklung der beiden Punkettes in einem Zeitraum von fast 25 Jahren nachzeichnen, versuchen in vielerlei Hinsicht existierende Grenzen aufzubrechen. Neben der Verwicklung Maggies in sciencefictionartige Abenteuer, thematisiert Jaime auch die soziale Realität in jenen Vierteln von Los Angeles, in denen viele verschiedene Menschen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Backgrounds leben. Chicanobandenverhalten und Machotum verwickeln im Band The Death of Speedy Ortiz alle ProtagonistInnen in tragische Geschehnisse, die mit dem Tod eines Freundes von Maggie enden.

In Love and Rockets präsentiert sich den LeserInnen, abseits der formalen Sprengkraft eines Comics, auch die inhaltliche Ebene als eine einzige Grenzüberschreitung. Hierzu zählen postmoderne Genreverquickung und die Neukombination verschiedener Themen, wie die der Konzertkultur in Los Angeles der achtziger Jahre mit dem Wrestling Universum, das ganz in der mexikanischen Tradition des Lucha Libre interpretiert wird. Die WrestlingkämpferInnen sind wirklich übermenschliche HeldInnen. So ist Rena Titañon Wrestling Titanin und in geheimen Missionen unterwegs. ( „And Rena, whom they call „La Toña“, was behind the whole thing. What a woman. She shows the people how to think free then moves on. Wild.“ )

In Love and Rockets werden Lebenswelten abseits des Mainstream thematisiert, es werden nicht-heteronormative Personen dargestellt, traditionelle Frauenrollen aufgebrochen und tradierte Bilder der Hispanics negiert und neu entworfen. Frauen werden in allen möglichen Facetten gezeigt und Klischees sucht man vergebens. So stellen Jaime und Gilbert Hernández alle gängigen Wahrnehmungen in Frage und handeln in den Geschichten Phänomene der Fremdheit und Andersheit immer neu aus. Das Medium Comic nutzend, bricht Love and Rockets mit Kontrastpaaren wie Drinnen/Draußen, Mann/Frau, Hochkultur/Massenkultur und schafft so einen Raum des Neudenkens. Jaime Hernández: Love & Rockets. Fantagraphics Books. (Die deutsche Übersetzung ist bei Reprodukt erschienen.)

Zum Weiterlesen:

Trina Robbins (feministische Comic Aktivistin der ersten Stunde): From Girls to Grrrlz. A History of [women] Comics from Teens to Zines. Chronicle Books.

Karolin Reinhold studiert Hispanistik, allg. u. vergl. Literaturwissenschaften und Kommunikations- u. Medienwissenschaften in Leipzig.